Die Debatte zwischen General Engelhardt und Hans Modrow

In der historischen Betrachtung der friedlichen Revolution und des Übergangs in der DDR markiert der 15. Januar 1990 einen entscheidenden Moment. An diesem Tag drangen Tausende Bürger auf das Gelände der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg vor. Die Bilder der besetzten Normannenstraße gingen um die Welt und symbolisierten den endgültigen Machtverlust des Sicherheitsapparates. Weniger bekannt ist die interne Auseinandersetzung über die Verantwortung an jenem Tag, die in einem späteren Streitgespräch zwischen Heinz Engelhardt und Hans Modrow dokumentiert ist.

Heinz Engelhardt, zu diesem Zeitpunkt als Generalmajor Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit und damit Nachfolger Erich Mielkes, vertritt in der Rückschau eine strikt hierarchische Sichtweise. Er beruft sich auf die formale Befehlskette, in der Hans Modrow als Ministerpräsident sein De-facto-Vorgesetzter war. Engelhardts Vorwurf wiegt schwer: Er argumentiert, Modrow sei im Vorfeld, unter anderem durch den Aufklärungsdienst, über die angespannte Lage und mögliche Risiken informiert gewesen. Dennoch seien keine Weisungen erfolgt, das Gelände weiträumig abzusichern oder militärische Vorkehrungen zu treffen.

Aus der Perspektive des Generals fühlte sich der Apparat im Stich gelassen. Engelhardt beschreibt eine Situation, in der er und seine Mitarbeiter auf klare Befehle warteten, die jedoch ausblieben. Er geht so weit zu behaupten, dass bei einer Eskalation mit körperlichen Übergriffen die Schuld allein bei der politischen Führung gelegen hätte, da diese präventive Schutzmaßnahmen unterlassen habe. Diese Haltung spiegelt das Denken vieler damaliger Funktionsträger wider, die in den gewohnten Bahnen von Befehl und Gehorsam verharrten, während die politische Realität um sie herum zusammenbrach.

Hans Modrow hingegen lehnt diese Interpretation kategorisch ab und verteidigt sein damaliges Handeln mit einer politischen Logik. Er widerspricht der Darstellung, er habe Warnungen ignoriert, und bewertet die Dynamik des 15. Januar anders. Für ihn war der Druck der Straße nicht primär eine Sicherheitsfrage, sondern eine politische Manifestation, der man nicht mit militärischen Mitteln begegnen konnte. Modrow betont, dass sein persönliches Erscheinen und sein Dialogversuch vor Ort entscheidend zur Deeskalation beigetragen hätten.

In seinen Augen verhinderte gerade der Verzicht auf harte Sicherheitsmaßnahmen und das Zulassen des Protests, dass die Situation in Gewalt umschlug. Er sieht sich nicht als Verräter an den Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes, sondern als Akteur, der in einer unübersichtlichen Lage Schlimmeres verhütete, indem er dem „Druck das Ventil öffnete“. Modrows Argumentation verdeutlicht den Versuch der damaligen Übergangsregierung, den revolutionären Prozess politisch zu moderieren, statt ihn mit repressiven Mitteln der Vergangenheit zu bekämpfen.

Dieser Disput ist weit mehr als eine persönliche Schuldzuweisung zwischen zwei ehemaligen Kadern. Er illustriert das Aufeinanderprallen zweier völlig unterschiedlicher Systemlogiken in der Phase des Umbruchs. Auf der einen Seite steht das militärisch-administrative Denken, das Sicherheit durch Abschottung und klare Weisungen definiert. Auf der anderen Seite steht das taktische politische Handeln, das die Legitimität der alten Machtmittel bereits als verloren ansieht und versucht, durch Nachgeben Stabilität zu wahren.

Die Auseinandersetzung wirft zudem ein Licht auf die ostdeutsche Transformationsgeschichte. Sie zeigt, wie tief der Riss zwischen dem Sicherheitsapparat und der politischen Führung der SED/PDS bereits im Januar 1990 war. Während die Mitarbeiter der Normannenstraße noch auf den Schutz des Staates hofften, hatte sich der Staat in seiner bisherigen Form faktisch bereits aufgelöst. Die Ereignisse am 15. Januar erscheinen so nicht nur als Sieg der Bürgerbewegung, sondern auch als Ergebnis eines internen Machtvakuums, in dem die alten Verantwortlichkeiten nicht mehr griffen.

Generation Gleichschritt: Ein Ostdeutscher rechnet mit der westlichen Moral-Elite ab

Teaser (Social Media / Newsletter) Ralf Schuler wollte eigentlich Regisseur werden, doch die DDR schickte ihn ins Glühlampenwerk. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker des westdeutschen Medien-Mainstreams. Im Interview rechnet der NIUS-Politikchef mit der „Generation Gleichschritt“ ab, zieht Parallelen zwischen Woke-Kultur und SED-Propaganda und erklärt, warum er sich noch nie in einem Politiker so getäuscht hat wie in Friedrich Merz. Ein Gespräch über Herkunft, Haltung und den unbestechlichen Blick des Ostens.
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