Der West-Joker: Warum wir uns im Osten selbst die Diagnose verbieten

Es gibt diesen einen Moment, den ich mittlerweile fürchte, bevor er überhaupt passiert ist. Ich sitze an einem Text. Es geht um uns. Um den Osten. Um das, was schiefgelaufen ist in unserer Vergangenheit, um verkrustete Strukturen, um das Erbe der Diktatur oder auch nur um ganz alltägliche Ost-Macken. Ich schreibe nicht über Bonn, nicht über Hamburg, nicht über das Rheinland. Ich schreibe über uns im Osten. Nach dem veröffentlichen des Beitrages dauert es dann keine fünf Minuten, bis der Einwand kommt:

„Na ja, aber Vetternwirtschaft gab es im Westen doch auch!“

Zack. Da ist er. Der West-Joker.

Es ist eine fast schon allergische Reaktion. Sobald man den Finger in eine ostdeutsche Wunde legt, wird sofort nach einem westdeutschen Pflaster gesucht, um zu beweisen, dass die Wunde gar nichts Besonderes ist. Es ist ein Reflex, so schnell und unkontrollierbar wie das Zucken, wenn der Arzt mit dem Hämmerchen aufs Knie haut.

Ich nenne es das „Trotzdem-Normal-Syndrom“.

Und ehrlich gesagt: Es macht mich wahnsinnig. Denn was passiert da eigentlich? Es ist der verzweifelte Versuch, Normalität herzustellen. Seit über 30 Jahren hören wir Ostdeutsche, dass wir „anders“ sind, dass wir „aufholen“ müssen, dass unsere Biografien Bruchstellen haben. Das tut weh. Und aus diesem Schmerz heraus hat sich eine Wagenburg-Mentalität entwickelt: Wir lassen keine Kritik an uns zu, schon gar nicht aus den eigenen Reihen, weil wir fürchten, dass das wieder nur Wasser auf die Mühlen derer ist, die uns eh für das Problemkind der Nation halten.

Das Argument „Die anderen waren auch nicht besser“ ist kein historischer Faktencheck. Es ist ein emotionaler Schutzschild. Es heißt übersetzt: „Bitte sag mir nicht, dass mein Leben im Falschen stattgefunden hat. Bitte sag mir, dass ich genauso okay bin wie die anderen.“ Das ist menschlich verständlich. Aber intellektuell ist es eine Bankrotterklärung. Und schlimmer noch: Es ist eine Form der Selbstauslöschung.

Wenn ich sage: „Ich analysiere die autoritären Strukturen in der DDR“, und die Antwort lautet: „Im Westen gab es aber auch autoritäre Strukturen“, dann beenden wir jede Analyse, bevor sie begonnen hat. Wir bügeln unsere eigene Geschichte platt, nur um nicht negativ aufzufallen.

Wer behauptet, im Osten sei es „auch nicht anders“ gewesen als im Westen, der beraubt uns unserer spezifischen Erfahrung. Der behauptet implizit, die DDR sei eigentlich nur eine Bundesrepublik mit weniger Bananen gewesen. Aber das stimmt nicht. Unsere Fehler waren unsere Fehler. Unsere Traumata sind unsere Traumata. Sie haben eine andere Farbe, einen anderen Geruch und eine andere Herkunft als die Probleme in Duisburg oder München.

Indem wir bei jeder Kritik reflexartig auf den Westen zeigen, machen wir uns kleiner, als wir sind. Wir verhalten uns wie das Kind, das beim Ertappen auf den Bruder zeigt und schreit: „Aber der hat auch Kekse geklaut!“ Das mag stimmen. Aber es ändert nichts daran, dass wir gerade Krümel im Mund haben.

Diese Haltung ist, um es drastisch zu sagen, pathologisch. Sie verhindert, dass wir erwachsen mit unserer Vergangenheit umgehen. Wir können nicht unsere eigene Geschichte aufarbeiten, wenn wir ständig über den Zaun schielen.

Ich schreibe nicht über den Westen. Ich schreibe über den Osten. Weil wir es wert sind, genau betrachtet zu werden – mit allen Narben, Fehlern und Eigenheiten. Wer den Osten liebt, der muss ihn auch kritisieren dürfen, ohne dass sofort der West-Joker gezogen wird. Wir sind alt genug, unsere eigenen Probleme zu haben. Exklusiv.

Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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