Kameras von Praktica oder Mopeds von Simson waren im Westen beliebt. Doch der Exporterfolg der DDR hatte eine Kehrseite: Er verschärfte den Mangel im eigenen Land. Eine Einordnung der ökonomischen Strategien zwischen Devisenjagd und Versorgungslücke.
In den Schaufenstern und Katalogen der Bundesrepublik fanden sich über Jahrzehnte hinweg Produkte, deren Herkunft oft erst auf den zweiten Blick ersichtlich war. Ob Spiegelreflexkameras der Marke Praktica, Textilien in Versandhauskatalogen oder Kleinkrafträder: Viele dieser Konsumgüter stammten aus der Produktion der Deutschen Demokratischen Republik. Für westdeutsche Käufer waren sie vor allem eine preisgünstige und robuste Alternative zu etablierten Marken, oft ohne dass die ideologischen Gräben des Kalten Krieges beim Kauf eine entscheidende Rolle spielten.
Hinter diesem Warenfluss stand keine bloße Handelsbeziehung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit für die sozialistische Planwirtschaft. Die DDR-Führung war chronisch auf Devisen angewiesen, um auf dem Weltmarkt Rohstoffe, Technologien oder auch Nahrungsmittel zu beschaffen. Der Export von fertigen Industriewaren galt als einer der wenigen verlässlichen Wege, um an die begehrte D-Mark zu gelangen. Dafür wurden ganze Produktionszweige, etwa die optische Industrie in Dresden oder der Fahrzeugbau in Suhl, gezielt auf die Bedürfnisse des westlichen Marktes ausgerichtet.
Ein erheblicher Teil dieser Exporte lief unter dem Begriff der Gestattungsproduktion oder wurde über Zwischenhändler abgewickelt. Westliche Konzerne ließen in ostdeutschen Betrieben fertigen, wobei das Label „Made in GDR“ häufig verborgen blieb oder durch Eigenmarken der westdeutschen Handelsketten ersetzt wurde. Dies betraf insbesondere die Bekleidungs- und Schuhindustrie. Für den westdeutschen Konsumenten zählte das Preis-Leistungs-Verhältnis, während für die DDR-Wirtschaft die Auslastung der Kapazitäten und die Einnahmen in harter Währung im Vordergrund standen.
Diese rigorose Exportorientierung führte zu einer paradoxen Situation für die Bevölkerung der DDR. Während ihre Arbeitskraft Produkte von internationaler Wettbewerbsfähigkeit hervorbrachte, blieben diese Waren im eigenen Land oft Mangelware. Dass die eigene Produktion im sogenannten „Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ (NSW) verfügbar war, während man selbst Jahre auf ein Moped oder eine hochwertige Kamera warten musste, prägte die Alltagserfahrung vieler Bürger nachhaltig und führte zu einer Entfremdung von der eigenen Arbeitsleistung.
Die staatliche Plankommission priorisierte den Export, um die Zahlungsfähigkeit des Staates zu sichern. Dies ging oft zulasten der Investitionen in die heimische Infrastruktur und der Versorgungssicherheit. Die Devisenerlöse flossen selten direkt in die produzierenden Betriebe zurück, sondern wurden zentral verwaltet, unter anderem durch den Bereich Kommerzielle Koordinierung. Diese Zentralisierung entzog den Betrieben oft die Mittel für notwendige Modernisierungen, was langfristig die Substanz der ostdeutschen Industrie aushöhlte.
Für die Beschäftigten in den Betrieben ergab sich daraus eine ambivalente Gefühlslage. Einerseits existierte ein ausgeprägtes Berufsethos und der Stolz darauf, dass Produkte aus Sachsen oder Thüringen im Westen bestehen konnten. Andererseits wuchs der Unmut über die offensichtliche Ungleichverteilung. Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Propaganda, die die Überlegenheit des Sozialismus pries, und der Realität leerer Regale wurde durch den sichtbaren Abfluss hochwertiger Güter in den Westen täglich greifbar.
Nach 1989 änderte sich der Blick auf diese Erzeugnisse grundlegend. Mit der Einführung der D-Mark waren die DDR-Produkte zunächst oft nicht mehr konkurrenzfähig. Doch in der historischen Rückschau wandelten sich viele dieser Objekte von Symbolen des Mangels zu Trägern einer kulturellen Identität. Die Erinnerung an Marken wie Simson oder MZ bezieht sich heute auf eine technische Kompetenz, die unter schwierigen Bedingungen Bestand hatte, auch wenn die Früchte dieser Arbeit damals oft exportiert wurden.