Jahrelang galt die ostdeutsche Biografie als Defizitgeschichte. Dabei übersieht man eine Kernkompetenz, die das Leben in der DDR hervorbrachte: Die Fähigkeit, aus Mangel Lösungen zu schaffen. Diese Improvisationskunst ist heute aktueller denn je.
Wenn über ostdeutsche Identität gesprochen wird, fallen oft Begriffe wie „gebrochene Biografien“ oder „Transformationsschmerz“. Der Fokus liegt meist auf dem, was verloren ging oder was nach der Wende mühsam erlernt werden musste. Seltener wird gefragt, welche spezifischen Stärken die Sozialisation in der DDR hervorgebracht hat. Eine der markantesten Eigenschaften ist die Fähigkeit zur Improvisation – eine Kompetenz, die aus der Notwendigkeit geboren wurde, den Alltag trotz widriger Umstände am Laufen zu halten.
In einer Gesellschaft, in der Plan und Realität oft weit auseinanderklafften, war Kreativität überlebenswichtig. Ob im Betrieb, wo Maschinen trotz fehlender Ersatzteile laufen mussten, oder im Privaten, wo man aus wenigen Zutaten ein Festessen zauberte: Der Standardspruch „Haben wir nicht“ wurde selten als Endpunkt akzeptiert, sondern als Herausforderung. Man lernte, Dinge zweckzuentfremden, zu reparieren und Lösungen jenseits der offiziellen Wege zu finden.
Diese Haltung erzeugte eine spezifische Form der Resilienz. Ostdeutsche sind es gewohnt, dass Systeme nicht perfekt funktionieren und dass man sich auf die eigene Handlungsfähigkeit verlassen muss. Während in westlichen Gesellschaften oft der Anspruch auf reibungslose Dienstleistung dominiert, ist die Schwelle zur Frustration im Osten historisch bedingt oft höher. Man wartet nicht darauf, dass jemand das Problem löst, man „macht erst mal“.
Auch der Umgang mit Brüchen gehört zu dieser Erfahrung. Die Generation der heute über 50-Jährigen hat den kompletten Zusammenbruch ihres vertrauten Lebensumfeldes erlebt und musste sich neu erfinden. Diese Erfahrung von Diskontinuität ist schmerzhaft, aber sie schult auch den Umgang mit Krisen. Die Angst vor Veränderung ist oft gepaart mit dem Wissen: „Wir haben schon ganz andere Dinge überstanden.“
Interessanterweise wird diese Kompetenz im modernen Arbeitsmarkt oft übersehen. In einer Welt, die zunehmend von Unsicherheit und komplexen Problemlagen geprägt ist, wäre der pragmatische „Machen-Modus“ eigentlich Gold wert. Stattdessen werden ostdeutsche Biografien oft an formalen Karrierekriterien gemessen, die westdeutsch geprägt sind. Die Fähigkeit, „aus Scheiße Bonbons zu machen“, wie es der Volksmund derb aber treffend formuliert, taucht in keinem Lebenslauf auf.
Es lohnt sich, diesen Aspekt der ostdeutschen Mentalität neu zu bewerten – nicht als nostalgische Anekdote, sondern als kulturelle Ressource. In Zeiten von Lieferkettenproblemen und notwendiger gesellschaftlicher Transformation könnte die ostdeutsche Erfahrung, dass Mangel nicht das Ende, sondern der Anfang von Kreativität ist, eine überraschend moderne Relevanz entfalten. Es ist die Geschichte eines Trotzes, der produktiv werden kann.