Der Physiker Manfred von Ardenne gilt als eine der schillerndsten Figuren der deutschen Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Weg führte von der privaten Forschungsvilla im Berlin der Weimarer Republik über die sowjetische Atomforschung am Schwarzen Meer bis hin zum Status eines staatlich geförderten Großunternehmers in der DDR.
Die Villa auf dem Weißen Hirsch in Dresden wirkt bis heute wie ein steingewordenes Symbol für Beständigkeit in unruhigen Zeiten. Manfred von Ardenne, der hier einen Großteil seines Lebens verbrachte, verkörperte diese Beständigkeit wie kaum ein anderer deutscher Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Seine Biografie liest sich nicht als Bruchlinie politischer Systeme, sondern als fortlaufende Erzählung technischer Innovation, die sich den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen anpasste. Bereits in den 1920er Jahren etablierte er sich als junges Phänomen der Physik, das ohne universitäre Laufbahn, finanziert durch eigene Patente, in Berlin-Lichterfelde ein privates Forschungsinstitut betrieb. Diese Unabhängigkeit war der Kern seines Selbstverständnisses, das ihn durch drei Diktaturen tragen sollte.
Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus veränderte sich die Auftragslage für deutsche Techniker grundlegend. Ardennes Labor, das zuvor durch Durchbrüche in der Rundfunktechnik und der Entwicklung des elektronischen Fernsehens bekannt geworden war, integrierte sich in die Rüstungsforschung des Regimes. Die Arbeit an Radartechnik und Funkgeräten für das Heereswaffenamt und das Reichsluftfahrtministerium sicherte dem Institut nicht nur den Fortbestand, sondern auch den Zugriff auf seltene Materialien und Personal. Ardenne vertrat dabei die Haltung, dass wissenschaftliche Erkenntnis an sich neutral sei und physikalische Gesetze keine Ideologie kennen würden. Diese Sichtweise ermöglichte es ihm, die militärische Nutzung seiner Grundlagenforschung als externen Faktor zu betrachten, der seine eigentliche wissenschaftliche Arbeit nicht tangierte.
Das Kriegsende 1945 markierte für viele Deutsche einen absoluten Nullpunkt, für Ardenne jedoch den Beginn einer neuen, komplexen Phase der Kooperation. Die sowjetische Führung hatte frühzeitig das Potenzial der deutschen Spezialisten erkannt. Im Rahmen gezielter Zugriffe, die später als „Operation Osoaviakhim“ bekannt wurden, sicherte sich die UdSSR das Know-how des Physikers. Die Verbringung nach Suchumi am Schwarzen Meer geschah nicht als Gefangennahme im klassischen Sinne, sondern als Rekrutierung unter Zwang, die jedoch mit erheblichen Privilegien einherging. Im sogenannten Institut A arbeitete Ardenne zehn Jahre lang an der elektromagnetischen Isotopentrennung, einem Verfahren, das für die Gewinnung von angereichertem Uran essenziell war.
Die Zeit in der Sowjetunion wird in der historischen Betrachtung oft als Leben im goldenen Käfig beschrieben. Während in der Heimat der Wiederaufbau aus Ruinen begann, lebten die deutschen Wissenschaftler in Abchasien in relativer Abgeschiedenheit, aber ausgestattet mit modernen Laboren und materieller Sicherheit. Ardennes Beitrag zur sowjetischen Atombombe wurde mit dem Stalinpreis gewürdigt, eine Auszeichnung, die seinen Status in der Hierarchie der nützlichen Spezialisten festigte. Diese Dekade prägte nicht nur seinen wissenschaftlichen Ruf, sondern auch seinen pragmatischen Umgang mit politischer Macht. Die Kooperation sicherte das Überleben und die Möglichkeit, auf höchstem Niveau weiterzuforschen, forderte jedoch den Preis der Isolation und der direkten Einbindung in die militärische Strategie einer Supermacht.
Bei seiner Rückkehr in die DDR im Jahr 1955 brachte Ardenne nicht nur seine Expertise, sondern auch sein sowjetisches Prestige mit. Dies ermöglichte ihm eine in der sozialistischen Planwirtschaft singuläre Stellung: Er durfte sein privates Forschungsinstitut in Dresden wiederbegründen und zu einer Großeinrichtung mit zeitweise rund 500 Mitarbeitern ausbauen. Die DDR-Führung nutzte den prominenten Heimkehrer als Aushängeschild für die Leistungsfähigkeit der sozialistischen Wissenschaft. Ardenne, der sich stets als unpolitischer Technokrat inszenierte, wurde zum „Roten Baron“ der Wissenschaft, geehrt mit dem Nationalpreis und dem Titel „Held der Arbeit“.
Das Verhältnis zwischen dem Staat und dem Privatgelehrten blieb dabei stets ein Geben und Nehmen. Der Staat gewährte ihm Freiheiten, die dem Durchschnittsbürger verwehrt blieben, darunter Westreisen und der Zugang zu internationaler Fachliteratur. Im Gegenzug lieferte Ardennes Institut technologische Innovationen und repräsentativen Glanz. Die Staatssicherheit beobachtete das Treiben auf dem Weißen Hirsch genau, griff jedoch selten ein, solange der Nutzen für das Ansehen der Republik überwog. In den späten Jahren seines Schaffens wandte sich Ardenne verstärkt der medizinischen Forschung zu, insbesondere der Krebsbekämpfung. Diese Hinwendung zur Erhaltung des Lebens wird von Biografen gelegentlich als Versuch einer späten Sühne für die jahrelange Arbeit in militärischen Kontexten gedeutet, bleibt aber in der Gesamtbetrachtung spekulativ.
Manfred von Ardennes Lebensweg verdeutlicht die Mechanismen der deutschen Elitekontinuität über die Zäsuren von 1933, 1945 und 1989 hinweg. Er verstand es, sein Wissen als Währung einzusetzen, die in jedem politischen System konvertierbar war. Seine Biografie steht exemplarisch für den Typus des Funktionseliten, der durch fachliche Exzellenz unverzichtbar wird und sich dadurch Handlungsspielräume sichert, die moralische Fragen oft in den Hintergrund drängen. Die Bewertung seines Wirkens schwankt daher bis heute zwischen Bewunderung für die technische Leistung und Kritik an der opportunistischen Anpassungsfähigkeit. Sein Erbe bleibt, besonders in Dresden, untrennbar mit der Geschichte der Stadt und den Widersprüchen des 20. Jahrhunderts verbunden.