Einen Tag vor der Grenzöffnung forderte die Bürgerrechtlerin im Westfernsehen grundlegende Reformen, ohne das nahe Ende der staatlichen Ordnung zu ahnen.
Es ist der 8. November 1989, ein Mittwochabend, an dem die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik eine letzte, kaum noch wahrnehmbare Atempause einlegt. Im ZDF-Politikmagazin „Kennzeichen D“ geschieht zu diesem Zeitpunkt etwas, das bis vor wenigen Wochen noch undenkbar gewesen wäre. Bärbel Bohley, Mitbegründerin des Neuen Forums und jahrelang vom Staatssicherheitsdienst überwachte Dissidentin, gibt ein Interview im Westfernsehen. Ihr Gesprächspartner ist der Journalist Dirk Sager. Wer dieses Dokument heute betrachtet, blickt in ein historisches Vakuum: Die massenhaften Ausreisen prägen das Bild, das Politbüro der SED versucht sich in Schadensbegrenzung, doch die Mauer steht noch. In diesem Kontext entfaltet das Gespräch seine besondere Dichte. Es zeigt den analytischen Blick einer Opposition, die nicht den sofortigen Umsturz, sondern die fundamentale Erneuerung von innen suchte.
Bärbel Bohley wirkt in diesem Gespräch konzentriert und ohne jede Euphorie. Auf die Frage nach den jüngsten personellen Rochaden innerhalb der SED-Führung findet sie eine Metapher, die ihre Skepsis prägnant zusammenfasst. Die Entscheidung allein helfe nicht, der „Sud“ sei vielleicht nur verdünnt worden und habe ein „Feigenblatt“ erhalten. Es ist eine klare Absage an den Versuch der Parteiführung, durch den Austausch von Köpfen den Machterhalt zu sichern. Für Bohley steht fest, dass kosmetische Korrekturen an der Oberfläche den massiven Reformstau nicht mehr lösen können. Sie fordert stattdessen ein „Aktionsprogramm“. Dieser Begriff ist zentral für das Verständnis der damaligen Oppositionsbewegung. Es ging nicht um bloße Rhetorik, sondern um handlungsleitende Veränderungen, die überprüfbar sein sollten.
Einen wesentlichen Punkt markiert ihre Auseinandersetzung mit dem Führungsanspruch der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Dieser in der Verfassung verankerte Anspruch war das fundamentale Dogma des Staates. Bohley bricht dieses Tabu vor einem Millionenpublikum, indem sie eine innerparteiliche Diskussion fordert, ob dieser Anspruch überhaupt noch aufrechtzuerhalten sei. Interessant ist hierbei ihre Differenzierung zwischen der Parteibasis und der Führungsebene. Sie beobachtet, dass selbst viele Genossen an der Basis nicht mehr von der Legitimation der eigenen Partei überzeugt sind. Demgegenüber beschreibt sie den Apparat als „sehr gefestigt“ und das Politbüro als ein Gremium, das fast ausschließlich aus den alten Kadern besteht. Diese Analyse zeigt, wie tief der Riss zu diesem Zeitpunkt bereits durch die staatstragende Partei selbst ging.
Besonders eindrücklich ist aus heutiger Sicht Bohleys Warnung vor einem Zusammenbruch. Die Angst davor sei real, konstatiert sie. Ihre Sorge gilt einem unkontrollierten Kollaps, der das Land ins Chaos stürzen könnte. Daraus leitet sie eine Forderung ab, die angesichts der Ereignisse des nächsten Tages fast tragisch anmutet: Sie wünscht sich Zeit. Sie plädiert dafür, dass man sich selbst so viel Zeit lassen möge, um einen „politischen Bildungsprozess“ überhaupt erst zu ermöglichen. Die Bürgerrechtlerin sieht die Notwendigkeit, das politische Bewusstsein, das über vierzig Jahre lang unterdrückt wurde, langsam wachsen zu lassen. Die Forderungen der Bevölkerung seien zwar schon lange im Bewusstsein vorhanden gewesen, aber nie öffentlich ausgesprochen worden.
Diese Passage verdeutlicht das Dilemma der Bürgerbewegung im Herbst 1989. Man strebte nach einem geordneten Dialog und einer Demokratisierung der DDR, die den Menschen mündige Entscheidungen ermöglichen sollte. Die Dynamik der Straße und die geopolitischen Verschiebungen hatten diesen Ansatz jedoch bereits überholt, noch während Bohley sprach. Ihr Appell zielte auf Nachhaltigkeit und tiefergehende gesellschaftliche Reflexion, nicht auf schnelle Wiedervereinigung oder sofortige Grenzöffnung. Sie sprach von Verantwortung und dem Arbeitsplatz, von Handlungsräumen für den „kleinen Staatsfunktionär“. Es war der Versuch, eine Gesellschaft, die das Sprechen verlernt hatte, wieder in einen Diskurs zu bringen.
Das Interview bleibt somit ein Zeugnis einer politischen Vision, die nur 24 Stunden später von der Realität einer offenen Grenze überschrieben wurde. Es dokumentiert die Ernsthaftigkeit, mit der das Neue Forum versuchte, eine dritte Position zwischen staatlichem Sozialismus und dem Anschluss an die Bundesrepublik zu formulieren. Bohleys nüchterne Analyse der Machtstrukturen und ihre Hoffnung auf einen selbstbestimmten Lernprozess der DDR-Bürger zeigen, welche Alternativen an diesem Abend noch im Raum standen. Die Geschichte entschied sich am 9. November für einen anderen Weg, doch die Diagnose der gesellschaftlichen Sprachlosigkeit, die Bohley an diesem Abend stellte, behielt ihre Gültigkeit weit über das Ende der DDR hinaus.