Der blinde Fleck des Gewissens: Warum wir sehen, aber nicht erkennen

Es ist ein Satz, der in der deutschen Nachkriegsgeschichte tausendfach gefallen ist, und er fällt auch in diesem verstörenden Filmdokument der ARD: „Wir konnten uns nicht vorstellen, was da im Lager passiert.“ Die Frau, die das sagt, ist keine unbeteiligte Zivilistin aus der nächsten Stadt. Es ist Hilde Lisewitz, eine ehemalige Aufseherin im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Das Interview mit ihr ist mehr als nur ein historisches Zeugnis. Es ist eine Lehrstunde über die dunkelsten Ecken der menschlichen Psychologie – eine Studie darüber, wie menschliche Wahrnehmung funktioniert, wenn die Realität zu grausam ist, um sie zu ertragen.

Die Geografie der Verleugnung
Die Faktenlage, die im Beitrag präsentiert wird, ist erdrückend physisch. Lisewitz arbeitete in einer Küche, die sich mitten im Lager befand. „Direkt neben den Baracken“, wie der Bericht feststellt. Sie gibt zu: „Wir konnten da hineinsehen.“ Sie sah die Häftlinge. Sie sah den Hunger. Später, nach der Befreiung, sah sie die Leichenberge, die sie selbst mit bestatten musste.

Und doch besteht sie darauf: „Wir haben nichts gewusst.“
Wie passt das zusammen? Wie kann ein Mensch direkt neben der Hölle arbeiten, hineinsehen und dennoch behaupten, nichts davon gewusst zu haben? Die Antwort liegt nicht (nur) in der Lüge, sondern in der Architektur unserer Wahrnehmung.

Sehen vs. Erkennen
Neurologisch betrachtet ist Sehen ein physikalischer Vorgang, Wahrnehmung jedoch ein konstruktiver Akt des Gehirns. Wir filtern Informationen. Was nicht in unser Selbstbild passt, wird oft ausgeblendet oder uminterpretiert. Psychologen nennen dies „kognitive Dissonanzreduktion“.

Im Fall der Aufseherin zeigt sich ein extremer Schutzmechanismus. Um als „normaler“ Mensch weiterzufunktionieren, musste sie die Häftlinge entmenschlichen. Wenn sie sagt, sie habe „aufpassen müssen, dass sie arbeiten“, dann reduziert sie die hungernden Menschen auf bloße Arbeitskraft. Die Gewalt – wie das Verteilen von Ohrfeigen oder Tritten – wird bagatellisiert („Ich hätte eine Backpfeife gegeben“), während das monströse Ganze, die Vernichtung, abgespalten wird.

Der Selbstschutz der Psyche
Das Interview offenbart eine fast kindliche Abwehrhaltung. Als sie sich selbst auf alten Aufnahmen der Briten sieht, reagiert sie nicht mit Reue über ihre Taten, sondern mit Angst um sich selbst: „Wenn dich hier jemand erkennt…“

Dies ist der Kern des Wahrnehmungsproblems: Der Mensch neigt dazu, sich selbst immer als Protagonisten einer moralisch vertretbaren Geschichte zu sehen. Um die Rolle der „anständigen Frau“ aufrechtzuerhalten, muss die Realität umgeschrieben werden. Die Zäune des Lagers wurden in ihrem Kopf zu Mauern, die nicht nur die Häftlinge einsperrten, sondern auch ihr eigenes Bewusstsein aussperrten.

Eine Warnung für die Gegenwart
Der Fall Hilde Lisewitz ist historisch spezifisch, aber das psychologische Muster ist universell. Es zeigt uns, dass „Wahrnehmung“ keine objektive Kamera ist. Sie ist ein hochgradig selektiver Prozess, gesteuert von Angst, Konformitätsdruck und dem Bedürfnis nach psychischer Stabilität.

Die wichtigste Lektion dieses Beitrags ist daher nicht nur historischer Natur. Sie ist eine Warnung an die Gegenwart: Wir müssen uns ständig fragen, wo unsere eigenen blinden Flecken liegen. Was sehen wir heute nicht, obwohl es direkt vor unseren Augen geschieht? Die Fähigkeit, das Offensichtliche zu leugnen, ist keine Eigenschaft, die 1945 verschwand – sie ist Teil der menschlichen Natur.