Willy Brandt und die DDR: Warnung vor der schnellen Übernahme

Wer an Willy Brandt und den Herbst 1989 denkt, hat meist sofort einen Satz im Ohr: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Dieser am 10. November vor dem Schöneberger Rathaus ausgesprochene Satz wurde zum emotionalen Leitmotiv der deutschen Einheit. Doch ein fast vergessenes Interview, das Brandt nur drei Wochen später gab, zeichnet ein differenzierteres Bild des SPD-Ehrenvorsitzenden. Es zeigt einen Politiker, der nicht die schnelle Übernahme, sondern einen neuen Weg suchte.

Warnung vor dem „Export“ des Westens
In einem Gespräch mit dem Schweizer Rundfunk, abgedruckt in der „Berliner Zeitung“ vom 29. November 1989, äußerte sich Brandt überraschend skeptisch gegenüber einer schnellen Wiedervereinigung nach westdeutschem Muster. Seine Sorge: Die DDR könnte zu einer bloßen „Kopie der Bundesrepublik“ verkommen.

In jenen Tagen Ende November, als auf den Leipziger Montagsdemonstrationen der Ruf „Wir sind ein Volk“ immer lauter wurde, trat Brandt auf die Bremse. Er stellte sich explizit an die Seite derer, „die nicht einfach das, was wir in Westdeutschland haben, exportieren wollen“.

Hoffnung auf ein „sozialistisches Experiment“
Aus heutiger Sicht wirkt Brandts Offenheit für Alternativen bemerkenswert. Auf die Frage, ob in der DDR nun ein „neues sozialistisches Experiment“ anstehe, antwortete er nicht mit Ablehnung, sondern mit dem Satz: Er „wünschte dies sehr“.

Damit lag Brandt auf einer Linie mit vielen DDR-Bürgerrechtlern jener Zeit – Frauen und Männern aus dem „Neuen Forum“ oder der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“, die den SED-Staat zwar abschaffen, aber nicht den Kapitalismus pur einführen wollten. Sie träumten vom „Dritten Weg“, einer demokratischen, sozialgerechten Gesellschaft. Brandt, der Präsident der Sozialistischen Internationale, sah hier offenbar eine historische Chance, die über das bloße Ende der Teilung hinausging.

Absage an den Triumph des Kapitalismus
Besonders deutlich wird Brandts Haltung in seiner Zurückweisung des westlichen Triumphalismus. Während konservative Kreise, insbesondere in den USA, das Ende des Ostblocks bereits als den endgültigen „historischen Sieg des Kapitalismus“ feierten, widersprach Brandt vehement.

Zwar sei der „verknöcherste Stalinismus“ und die bürokratische Planwirtschaft gescheitert – das gab er unumwunden zu. Doch den Umkehrschluss, dass der Markt alles regeln könne, lehnte er ab. Mit fast prophetischem Weitblick verwies er auf globale Herausforderungen: Umweltfragen und der Nord-Süd-Konflikt ließen sich nicht „allein mit den Mitteln der Marktwirtschaft lösen“.

Ein Fenster der Möglichkeiten
Das Interview ist ein fasziniertes Zeitdokument. Es stammt aus einem kurzen historischen Zeitfenster – zwischen dem Mauerfall am 9. November und den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990. In diesen wenigen Monaten schien alles möglich, auch eine DDR, die sich demokratisiert, aber ihre Eigenständigkeit bewahrt.

Die Geschichte entschied sich bekanntlich anders. Der Ruf nach der D-Mark und der schnellen Einheit übertönte die Debatten um Experimente. Die DDR trat dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei; Institutionen wurden übernommen, Strukturen oft kopiert – genau das Szenario, vor dem Brandt gewarnt hatte.

Ob ein „sozialistisches Experiment“ unter demokratischen Vorzeichen funktioniert hätte, bleibt eine unbeantwortete Frage der Geschichte. Willy Brandts Einlassungen vom November 1989 erinnern uns jedoch daran, dass der Weg zur Einheit keineswegs so alternativlos war, wie er im Rückblick oft erscheint.

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