Warum „Marie“ von Karussell das ehrlichste Lied der Wende ist

Während David Hasselhoff blinkend an der Mauer stand und die Scorpions den „Wind of Change“ herbeipfiffen, schrieb Dirk Michaelis mit der Band Karussell ein ganz anderes Stück Musikgeschichte. „Marie – die Mauer fällt“ ist keine bloße Jubelhymne. Es ist eine melancholische Warnung, die den Kater der Wiedervereinigung vorhersah, noch bevor die Sektflaschen leer waren.

Es ist der „traurige Monat November“, wie es im Lied heißt. Ein Zitat, geliehen von Heinrich Heine, dem großen deutschen Melancholiker im Exil. Schon die erste Zeile des Songs „Marie – die Mauer fällt“ macht klar: Hier wird nicht einfach nur gefeiert. Hier wird nachgedacht.

Wer sich heute das Video von 1989 ansieht, blickt in ein faszinierendes Zeitfenster. Die Bilder sind körnig, die Frisuren der Zeit geschuldet, doch der Text schneidet schärfer in die deutsche Seele als die meisten politischen Analysen jener Tage. Dirk Michaelis, die Stimme von Karussell, liefert mit diesem Song den emotionalen Soundtrack für den Moment, als die Welt den Atem anhielt – und atmet im selben Zug schon wieder skeptisch aus.

Der Rausch und der Kater
Das Video fängt die unfassbare Euphorie der Nacht vom 9. November ein. Es singt vom „Fest der großen Gefühle“, für das sich die sonst so kühlen Deutschen eigentlich schämen. Man sieht vor dem inneren Auge die Trabis, die sich durch die Bornholmer Straße schieben, wildfremde Menschen, die sich weinend in den Armen liegen. Sektkorken knallen, die „Pferde der Fantasie“ gehen durch.

Doch Michaelis bleibt nicht im Rausch stehen. Das Lied wagt den unvermeidlichen Schritt in den nächsten Morgen. Der Protagonist erwacht „mit Blick auf die Mauer“, im Hintergrund hämmern die Mauerspechte den Takt. Die Frage „Ist das nur der Katzenjammer?“ schwebt über der Szenerie. Es ist die erste Ahnung, dass auf die Party die Arbeit folgt – und auf die Umarmung die Ernüchterung.

Die mit den Träumen, die mit dem Geld
Die prophetische Kraft des Songs liegt in einer einzigen, genialen Zeile, die den Kernkonflikt der kommenden Jahrzehnte vorwegnimmt:

„Wir kommen uns näher / Die mit den Träumen / Und die mit dem Geld.“

Präziser wurde das deutsch-deutsche Dilemma selten formuliert. Auf der einen Seite die DDR-Bürger, reich an Utopien, Sehnsüchten und dem Wunsch nach Freiheit („Die Träume“). Auf der anderen Seite die Bundesrepublik, definiert durch Wirtschaftswunder, D-Mark und materielle Absicherung („Das Geld“).

Während die Politiker 1989 von „blühenden Landschaften“ sprachen, erkannte Karussell die Asymmetrie dieser Begegnung. Es war kein Treffen unter Gleichen, sondern eine Fusion von Idealismus und Kapitalismus. Die leise Sorge, dass die Träume unter der Wucht des Geldes ersticken könnten, schwingt in jedem Takt mit.

Ein Appell an die Wärme
Die Figur der „Marie“ bleibt im Video schemenhaft – eine Geliebte? Die personifizierte Freiheit? Oder gar die junge Demokratie selbst? Wenn Michaelis singt „Marie, deck dich gut zu, sonst verfliegt unsre Wärme“, dann ist das ein fast verzweifelter Appell. Er fordert dazu auf, die menschliche Solidarität jener Novembernacht zu konservieren, bevor die Kälte der Ellenbogengesellschaft Einzug hält.

Rückblickend ist „Marie – die Mauer fällt“ das wohl reifste Lied der Wendezeit. Es verweigert sich dem simplen Kitsch. Es feiert die Freiheit, ohne die Augen vor den Kosten zu verschließen. Es ist ein Stück, das uns daran erinnert, dass die Mauer zwar aus Stein gefallen sein mag, aber die Arbeit an dem, was danach kommt, gerade erst begonnen hatte.

Wer heute verstehen will, warum der Osten und der Westen auch Jahrzehnte später noch manchmal fremdeln, der muss nicht hunderte Soziologie-Bücher wälzen. Es reicht, Dirk Michaelis drei Minuten lang zuzuhören.

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