Als die Mauer fiel – Herleshausen im November ’89

Herleshausen, November 1989 – Die kleine Grenzgemeinde, die sich in diesen historischen Tagen „wie eine Stadt gebärdet“, wurde nach einer bewegenden ökumenischen Kundgebung in Fulda zum emotionalen Epizentrum des wiedervereinigten Deutschlands. Hunderte von Trabanten und Wartburgs quälten sich mühsam durch die engen Gassen, gefüllt mit DDR-Bürgern, die zwischen ungläubigem Staunen über eine Welt voller Waren und der überwältigenden Freude langerwarteter Wiedersehen pendelten.

Das Bild, das sich den Bundesbürgern in Herleshausen bot, war in seiner Form paradox: Lange Warteschlangen vor den Geschäften – ein Anblick, den Westdeutsche bislang nur aus der DDR kannten, dort allerdings als Zeichen der Mangelwirtschaft. Hier jedoch standen die Menschen Schlange, um Einlass in die kleinen Verkaufsräume zu erhalten, die dem riesigen Ansturm kaum gewachsen waren. Die lokalen Händler, die sich auf den großen Zustrom vorbereitet hatten, erlebten einen wahren Hochkonjunktur und freuten sich über die zahlreichen Besucher aus dem Osten.

Das „Warenwunder“ – Eine Flut der Sinne
Für viele DDR-Bürger war die Konfrontation mit dem Warenangebot eine überwältigende Erfahrung. Eine Besucherin aus Dresden beschrieb es als „etwas ohne Worte“. Besonders Obstlieferungen wie Weintrauben, die 40 Jahre lang im Osten nicht zu sehen waren, lösten Staunen aus. „Dies haben wir nicht eine Weintraue zu sehen gekriegt. Keine keine fürs nichts. Es ist ja traurig 40 Jahre nach dem Quiek“, klagte ein anderer Besucher, dessen Worte die tiefe Verbitterung über die wirtschaftliche Situation in der DDR spürbar machten. Er kritisierte, dass die Mächtigen alles beiseite geschafft hätten, während die Bevölkerung „nur gearbeitet für die DDR“ habe, ohne dass der Staat etwas für sie getan habe.

In den Geschäften selbst herrschte nach dem Staunen oft Verwirrung. „Im Moment geht alles so durcheinander. Wir wissen ja gar nicht, was wir kaufen sollen“, gestand die Besucherin aus Dresden. Trotz der lang ersehnten Möglichkeit, Waren aus nächster Nähe zu sehen und anzufassen, von denen viele bisher nur aus dem Westfernsehen wussten, verließ so mancher Besucher die Geschäfte in Herleshausen ohne etwas gekauft zu haben. Dennoch stimmte die Kasse für den örtlichen Einzelhandel, der angesichts der bisherigen Randlage des Ortes nicht gerade auf Rosen gebettet war.

Tränen der Freude: Das Ende einer erzwungenen Trennung
Doch Herleshausen war mehr als nur ein Shopping-Erlebnis. Auf den Straßen spielten sich unzählige Szenen der Wiedersehensfreude ab. Umarmungen waren allgegenwärtig, wenn sich Freunde und Verwandte aus Ost und West nach langer Zeit wieder in die Arme schließen konnten. Eine Mutter aus Eisenach traf zufällig ihren Sohn, den sie über ein Jahr nicht gesehen hatte, auf der Straße wieder. „Ich freue mich sehr, dass ich wiedersehe heute“, sagte sie sichtlich bewegt. Das Gefühl sei „gar nicht zu beschreiben“, betonten beide. „Wir haben so lange auf den Tag gewartet“, fügte der Sohn hinzu.

Die Freundlichkeit der Westdeutschen wurde von den Besuchern aus der DDR besonders hervorgehoben. „Die Menschen sind Freunde. Alles hat uns begrüßt trotz Nebel heute früh. Alles hat gewinkt. Keiner kannte uns und war freundlich zu uns“, erzählte die Dresdnerin.

Das „Begrüßungsgeld“: Ein erster Schritt zur Freiheit
Ein zentraler Anlaufpunkt waren die langen Warteschlangen vor der Gemeindeverwaltung, der Sparkasse und der Post. Hier erhielten die Besucher das sogenannte Begrüßungsgeld – 100 D-Mark aus Bundesmitteln, die jedem DDR-Bürger zustanden. Auch wenn das Geld zeitweise nicht ausreichte, wartete die Menge geduldig auf Nachschub. Für viele war dies die erste Möglichkeit, Dinge zu kaufen, die lange Zeit unerreichbar waren.

Das Geschenk des Weststaates war zwar bescheiden, doch es symbolisierte einen Neuanfang. Viele äußerten den Wunsch, beim nächsten Besuch am liebsten mit „eigenem Geld“ wiederzukommen. Herleshausen wurde so zu einem Mikrokosmos des Wandels – einem Ort, an dem sich die Sehnsüchte nach Konsum und Freiheit, die Wut über das Vergangene und die überwältigende Freude über die wiedergewonnene menschliche Nähe auf eindringliche Weise mischten.

Der Entwurf für ein freies Mediengesetz im Dezember 1989

Journalistischer Text - Profil Zehn Thesen für eine neue Medienordnung der DDR Am 21. Dezember 1989 wird ein Text öffentlich, in dem Journalisten und Künstler gemeinsam formulieren, wie eine freie Presse in Zukunft rechtlich abgesichert werden soll. Wenn ich heute diesen Entwurf lese, sehe ich darin den Versuch jener Generation, die Deutungshoheit über die eigene Wirklichkeit zurückzugewinnen. Man spürt beim Betrachten der Punkte, dass es einigen Akteuren nicht nur um Reformen ging, sondern um eine fundamentale Neudefinition des Verhältnisses zwischen Staat und Öffentlichkeit, getragen von der Erfahrung jahrelanger Gängelung. Es scheint, als hätten viele Beteiligte in diesen Wochen die seltene historische Lücke erkannt, in der man Strukturen schaffen wollte, die immun gegen Machtmissbrauch sind. Für den heutigen Betrachter wirkt der Text wie ein Dokument des Übergangs, in dem die Hoffnung auf eine selbstbestimmte, demokratische DDR-Gesellschaft noch greifbar ist. Journalistischer Text - Seite 1 Das Ende der staatlichen Informationskontrolle Der Gesetzentwurf postuliert eine gerichtliche Einklagbarkeit von behördlichen Informationen und verbietet jegliche staatliche Einmischung in die redaktionelle Arbeit der Medien. Ich stelle mir vor, wie befreiend diese Forderung für jene gewirkt haben muss, die jahrelang gegen Wände aus Schweigen und Propaganda angelaufen sind. Es wirkt in der Rückschau so, als wollte man mit diesen Paragrafen ein für alle Mal verhindern, dass Informationen jemals wieder als Herrschaftswissen missbraucht werden können. Journalistischer Text - Seite 2 Mitbestimmung in den Redaktionen Die Thesen verlangen, dass Chefredakteure und Intendanten nur durch eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Mitarbeiter und nur auf Zeit in ihr Amt berufen werden dürfen. Beim Lesen dieses Abschnitts denke ich an die tiefgreifende Skepsis gegenüber Autoritäten, die viele Medienschaffende in jener Zeit geprägt haben muss. Dieser Passus zeugt von dem Wunsch einiger, die Demokratisierung nicht an der Pforte des Betriebes enden zu lassen, sondern sie direkt in die Hierarchien der Redaktionen hineinzutragen. Weitere Überschriften Verfassungsrang für die Informationsfreiheit Quellenschutz und Gewissensfreiheit für Autoren Öffentliche Kontrolle statt staatlicher Zensur Der Weg zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk Medienvielfalt als Spiegel der Gesellschaft Unabhängiger Medienrat als Kontrollinstanz