Alt-Oberbürgermeister Reiner Eichhorn zu 35 Jahre Deutsche Einheit

Zwickau. Reiner Eichhorn, der ehemalige Oberbürgermeister von Zwickau, blickt auf ein bewegtes Leben zurück und engagiert sich aktiv dafür, dass die Erinnerung an die Deutsche Einheit und die damit verbundenen Umwälzungen nicht in Vergessenheit gerät. Anlässlich des 35. Jahrestages der Deutschen Einheit in diesem Jahr ist es ihm ein Herzensanliegen, besonders die junge Generation für diese prägende Phase der deutschen Geschichte zu sensibilisieren.

Zwickaus erster frei gewählter Oberbürgermeister
Reiner Eichhorn war der erste frei gewählte Oberbürgermeister von Zwickau im Jahr 1990. Er und sein Team traten ihr Amt bereits im Juni 1990 an und waren damit die ersten, die nach den Wahlen auf der Basis von Wahlen in Verantwortung gerufen wurden, noch vor dem offiziellen Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Angesichts der vielen schwierigen Entscheidungen, die anstanden, gelang es ihm, eine große Koalition aus FDP, CDU und SPD zu bilden, um schnell Mehrheiten zu erzielen.

Ein besonderes persönliches Erlebnis war für Eichhorn die Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 3. Oktober 1990 in Berlin. Er war nach eigenen Angaben der einzige ostdeutsche Bürgermeister, der vom damaligen Bundespräsidenten, Bundeskanzler Helmut Kohl und dem Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, eingeladen wurde, dabei zu sein. Ein Foto, das ihn auf den Stufen des Deutschen Reichstags hinter Helmut Kohl zeigt, konnte er erst Jahre später durch Zufall im Internet finden, nachdem er lange erfolglos in Sammlungen der Bundesrepublik danach gesucht hatte.

Die Erinnerung bewahren: Junge Menschen erreichen
Reiner Eichhorn hat sich zur Aufgabe gemacht, dass die Ereignisse vor 35 Jahren nicht in Vergessenheit geraten. Er stellt fest, dass die Gefahr besteht, dass nach 35 Jahren die Verbindung zu den damaligen Ereignissen schwindet. Aus diesem Grund hat er sich bewusst entschieden, in diesem Jahr Zwickauer Gymnasien – das Larawiegy Gymnasium, das Kette Kolbits Gymnasium und das Peter Breuer Gymnasium – zu besuchen, um jungen Menschen zu erzählen, wie der Übergang von der DDR zur Bundesrepublik verlief und wie Zwickau in dieser Zeit umgestaltet wurde.

Er berichtet, dass die Schüler trotz einer gewissen Vorinformation aus dem Geschichtsunterricht oft nur wenig Detailwissen aus den Elternhäusern mitbrachten. Die Reaktionen der jungen Menschen waren jedoch durchweg positiv: Sie zeigten großes Interesse und stellten konkrete Fragen zu den Problemen der damaligen Zeit und den Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Dies zeigte Eichhorn, dass sich die jungen Menschen sehr wohl für ihre Stadt interessieren.

Künftige Veranstaltungen und die Bedeutung der Erinnerungskultur
Das Engagement von Reiner Eichhorn geht weiter. Gemeinsam mit dem Verein aktiv ab 50 und der Seniorenvertretung der Stadt Zwickau wird am 24. September um 15 Uhr in der Kopernikusstraße eine Veranstaltung zum Thema „35 Jahre Deutsche Einheit“ stattfinden. Als Redner sind die Stadträtin Ute Brückner und Reiner Eichhorn selbst geplant, moderiert wird die Veranstaltung von der ehemaligen Oberbürgermeisterin Dr. Pia Findeiß. Interessierte werden gebeten, sich bei der Seniorenvertretung oder dem Verein aktiv ab 50 anzumelden.

Zudem wird am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, zusammen mit dem Bündnis für Demokratie und Toleranz eine kleine Erinnerungsveranstaltung am Einheitsdenkmal stattfinden, um diesen wichtigen Tag nicht unbeachtet vorüberziehen zu lassen. Eichhorn betont die Wichtigkeit einer Erinnerungskultur, insbesondere im Hinblick auf 80 Jahre Frieden in Deutschland und die 35 Jahre des gemeinsamen Aufbaus eines neuen Deutschlands mit den alten Bundesländern. Er unterstreicht dies mit dem Verweis auf jüngste Erfahrungen bei Gedenkstätten für Opfer des Zweiten Weltkriegs, jüdische Opfer und aktuelle Kriegsopfer, wo die Erkenntnis „dass es Opfer gibt und dass man die nicht vergessen darf“, für ihn eine zentrale Motivation ist.

Das Wismut-Erbe: Eine Bundesaufgabe
Ein weiteres wichtiges Kapitel, das untrennbar mit der Nachwendezeit verbunden ist, ist das Erbe des Uranbergbaus der Wismut. Schon wenige Tage nach Amtsantritt erhielt Eichhorn im Juni 1990 Besuch vom damaligen Bundesumweltminister Töpfer aus Bonn, der sich über den Umgang mit dem Wismut-Erbe informierte. Töpfer sicherte zu, dass dieses gewaltige Erbe, das kein Bundesland oder gar eine Kommune stemmen könnte, von der Bundesrepublik übernommen würde. Diese Zusage wurde im Einigungsvertrag festgeschrieben, und die Sanierungen in Sachsen und Thüringen sind heute weitestgehend abgeschlossen. Eichhorn freut sich, dass dieses Thema auch in der aktuellen Wismut-Kunstausstellung als Zwickauer Beitrag zur Kulturhauptstadt Europas aufgegriffen wird, um zu zeigen, was die Bundesrepublik hier geleistet hat.

Reiner Eichhorn ist auch im Rentenalter weiterhin agil und appelliert an andere Zwickauer, sich ebenfalls aktiv einzubringen, um die vielen Aufgaben zu lösen, die noch vor uns liegen.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl