Tino Eisbrenner über die ungenutzten Chancen der Wiedervereinigung

Im Gespräch mit Tino Eisbrenner, einem Musiker und Texter, der in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, wurden tiefgreifende Einblicke in die ostdeutsche Mentalität, die Erfahrungen nach der Wende und die aktuellen Herausforderungen der Gesellschaft gewährt. Das Interview, geführt von Alexander von Bismarck, beleuchtet dabei zentrale Aspekte, die oft in der gesamtdeutschen Diskussion untergehen.

Die Kraft der Gemeinschaft und die „innere Heimat“
Ein wiederkehrendes Thema ist die Bodenständigkeit und der starke Gemeinschaftssinn auf den Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern, wo Eisbrenner lebt. Im Gegensatz zur Anonymität der Stadt, wo Menschen oft in Schubladen gesteckt werden, kennen sich die Dorfbewohner von Kindheit an und entwickeln dadurch eine höhere Toleranz für unterschiedliche Entwicklungen und Meinungen. Es gibt keine „Kontaktschuld“ und weniger „Fremde“.

Die DDR prägte laut Eisbrenner ein großes Bewusstsein dafür, dass Menschsein nicht primär eine Frage des Geldverdienens ist, sondern eine Frage der inneren Kultur und Heimat. Es ging darum, wie man mit seiner Persönlichkeit die Gemeinschaft stärkt und etwas gibt, um dann auch von der Gemeinschaft Anerkennung zu erfahren. Diese Anerkennung war nicht das Honorar, sondern die Wertschätzung der Gemeinschaft selbst. Alexander von Bismarck, der selbst vor über 30 Jahren vom Westen in den Osten zog, bestätigt, dass er diese Sensibilität und den gesunden Menschenverstand besonders im Umgang mit hart arbeitenden Menschen im Osten gelernt hat.

Bildung als Fundament: Ein verlorener Schatz?
Ein wesentlicher Punkt der Diskussion ist das Bildungssystem. In der DDR und der Sowjetunion war man laut Eisbrenner sehr weit darin, den Menschen zu vermitteln, dass Bildung und die Stärkung der Gemeinschaft wichtiger sind als das Verdienen von Geld. Das funktionierende und international beispielhafte Bildungssystem der DDR wurde nach der Wende abgeschafft, was von Eisbrenner als großer Fehler betrachtet wird. Er kritisiert, dass es heute in Deutschland ein „großes Chaos“ in der Bildung gebe, wie seine eigene Erfahrung als Musiklehrer zeigte, wo es keinen klaren Lehrplan gab und Lehrer zwischen mehreren Schulen pendeln müssen. Die Pisa-Studien und der Vergleich mit osteuropäischen Staaten zeigten den Verfall des Bildungsniveaus in Deutschland.

Die Gesprächspartner bedauern, dass die Wendezeit nicht genutzt wurde, um die positiven Aspekte und Erfahrungen des Ostens in eine geeinte deutsche Gesellschaft einzubringen. Stattdessen wurde vieles, nur weil es „DDR“ war, abgeschafft.

Friedenssehnsucht und Medienskepsis
Die Menschen auf den Dörfern wünschen sich einfach Frieden und Ruhe. Dieser Wunsch steht im krassen Gegensatz zur aktuellen politischen Rhetorik, die eine „Kriegstüchtigkeit“ fordert und eine starke Aufrüstung propagiert. Eisbrenner und von Bismarck äußern sich kritisch über die permanente Dämonisierung Russlands in den Mainstream-Medien, die sie als „Volksverhetzung“ empfinden. Sie beobachten eine gefährliche Doppelmoral, bei der ähnliche Handlungen je nach Akteur unterschiedlich bewertet werden, wie beispielsweise völkerrechtswidrige Angriffe der Amerikaner im Gegensatz zu Russlands Handlungen, oder die Rolle Deutschlands im Jugoslawienkrieg.

Die Diskussion zeigt auch eine wachsende Ermattung und Desillusionierung innerhalb der Friedensbewegung. Obwohl viele Menschen die Politik durchschauen, bleiben sie oft zu Hause bei Demonstrationen, weil sie ein zu großes Vertrauen haben, dass Russland nicht „durchdrehen“ wird. Diese Passivität änderte sich nur, wenn die Menschen merkten, dass es „an die eigenen Schlüpper geht“, wie bei den Bauernprotesten oder dem Irakkrieg.

Die Gesprächspartner kritisieren die Mainstream-Medien, die ihrer Meinung nach nicht mehr die Rolle der Regierungskontrolleure wahrnehmen, sondern stattdessen Regierungspositionen unterstützen und Friedensdemonstrationen kleinreden. Die Rolle der öffentlich-rechtlichen Sender und die GEZ-Gebühren werden infrage gestellt, da sie das Gefühl haben, diese Medien „hetzen die Menschen gegeneinander“.

Die Bedeutung der Kultur in Krisenzeiten
Ein zentrales Plädoyer der Sendung ist die dringende Notwendigkeit von Kultur in Krisenzeiten. Während der Corona-Pandemie wurde Kultur als „nicht systemrelevant“ eingestuft und unter Lockdowns gelitten, während beispielsweise Fußball weiterging. Dies wird als ein großer Unterschied zum ehemaligen DDR-Verständnis der Kultur gesehen, wo man wusste, dass Kultur den Menschen zum Menschen macht und eine heilende Wirkung hat.

Musik wird als die „direkte Sprache ins Herz“ und die „Weltsprache Nummer eins“ bezeichnet, die eine heilende und verbindende Wirkung hat. Tino Eisbrenner, der selbst seine Karriere mit Rock-Pop begann und später auch indianische Musik machte, unterstreicht die Kraft der Musik, Inhalte zu transportieren und Kraft zu spenden. Er schließt das Gespräch mit einem Friedenslied von Hartmut König, einem DDR-Liedermacher, dessen Text: „Schön ist die Welt, wenn sie friedlich ist, schön ist der Frieden, wenn du seiner sicher bist“ die tiefe Sehnsucht nach Frieden und menschlichem Miteinander in einer zunehmend komplexen Welt widerspiegelt.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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