Wie die Fernsehsendung „Die Notenbank“ die DDR-Jugend aufmischte

Die ZAPP-Redaktion berichtet über eine Fernsehsendung, die die Geschichte des DDR-Fernsehens maßgeblich prägte: „Die Notenbank“. Was 1969 als scheinbar harmloses Projekt begann und bis 1972 lief, entwickelte sich in insgesamt acht Folgen zu einem Meilenstein für die Rockmusik im Osten und lieferte einen direkten Konflikt mit den damaligen Machthabern. Die Rock-Sendung war eine der ersten ihrer Art, die bewusst auf deutschsprachige Rockmusik setzte, auch wenn spätere Auftritte, wie der der Puhdys, zeigten, dass dies nicht immer ausschließlich der Fall war und die Bands teils erst für die Sendung deutsche Titel entwickeln mussten.

Die Geburt einer Revolution aus Versehen
Alles begann fast zufällig: Nach dem Erfolg eines 8mm-Films über eine Band schlug der junge Regieassistent Bernt Maywald 1969 seinem Chef vor, etwas Ähnliches für das DDR-Fernsehen zu machen. Maywald, selbst ein Fan der damals so genannten „Beatgruppen“, wollte diesen endlich eine Plattform im TV bieten. Dies klang harmlos, war aber eine Revolution: Gerade mal vier Jahre zuvor hatte Walter Ulbricht Rockmusik noch als „imperialistisches Teufelszeug“ und „Monotonie“ verdammt. Das Ziel war eine Sendung für junge Leute, deren Kinder und Eltern.

Haarige Probleme und „Kellerkinder“
Schon die Pilotsendung, die im Studio Rauchfangswerder mit zusammengetrommeltem jugendlichem Publikum gedreht wurde, stieß auf Widerstand. Die Frage, ob die Haare des Publikums der sozialistischen Norm entsprachen – sprich: kurz und brav genug waren – führte zu einer Neuproduktion im Studio Adlershof, bei der die Haare der Jugendlichen bereits kürzer waren.

Doch auch bei der zweiten Sendung im Februar 1970 gab es Probleme. Sie wurde im Keller des Fernsehtheaters aufgezeichnet, unter anderem mit Jungschauspieler Henry Hübchen, der ein Liebeslied zu zarter Gitarrenmusik sang. Der neue Chef des DDR-Fernsehens beschloss jedoch: „Wir zeigen keine Kellerkinder“ und setzte die Sendung ab. Bernt Maywald, parteilos, versuchte noch am Sendetag, die Ausstrahlung zu retten. Mit der Filmspule unterm Arm fuhr er zum Zentralkomitee der SED, um die Abteilung Agitation und Propaganda zu überzeugen. Doch seine Bemühungen waren vergeblich; die Sendung durfte abends nicht kommen.

Der Triumph der Zuschauer
Trotz der Absetzung regte sich Widerstand – und das von unerwarteter Seite: Enttäuschte Zuschauer schrieben Leserbriefe ans DDR-Fernsehen. Und tatsächlich: Am 5. Dezember 1970 wurde die Sendung aus dem Keller unverändert ausgestrahlt.

Die Ästhetik der „Notenbank“ war bewusst simpel gehalten. Mit einfachen Handkameras wurden Bands, Künstler und Publikum in Szene gesetzt. Es gab keinen Starkult; die Kulisse bestand aus einfachen Pappschildern, die schnell überall aufgestellt werden konnten, um eine provisorische, clubähnliche Atmosphäre zu schaffen, ähnlich der, in der die Bands sonst spielten.

Die Puhdys und das Problem der „Westtüren“
Am 5. Dezember 1971 hatten die Puhdys, die später bekannteste Band der DDR, ihre TV-Premiere in der sechsten Folge der „Notenbank“. Damals waren sie noch eine von vielen Coverbands mit ausschließlich englischen Songs. Ihren Auftritt hatten sie ihren Fans zu verdanken: Über 100 Lehrlinge aus Gardelegen hatten ans Fernsehen geschrieben, dass sie die Puhdys sehen wollten. Das Fernsehen stellte daraufhin die Bedingung, dass sie eigene deutsche Titel spielen sollten. Daraufhin entstand ihr erster eigener Titel: „Türen öffnen sich zur Stadt“. Rückblickend erstaunte die Bandmitglieder, dass der Titel durchging, da er als Anspielung auf Türen in den Westen verstanden werden konnte – eine Ironie, die damals offenbar niemand bei den Verantwortlichen bemerkte.

Das Ende einer Ära
Insgesamt brachte es „Die Notenbank“ auf acht Ausgaben im DDR-Fernsehen. Die Bands spielten anspruchsvolle Rockmusik, die Haare des Publikums wurden länger, der Tanzstil ungezähmter und wilder. Doch genau das wurde der Sendung 1972 zum Verhängnis. Die Genossen versuchten, Bernt Maywald die Sendung zu entziehen. Als dies nicht gelang, wurde „Die Notenbank“ ganz eingestellt.

Trotz ihres kurzen Bestehens bleibt „Die Notenbank“ als erste deutsche Rock-Sendung im Fernsehen ein wichtiges Kapitel der Musik- und Fernsehgeschichte der DDR. Sie war ein mutiges Experiment, das bewies, wie schwer es war, die kreative Energie der Jugend unter staatlicher Kontrolle zu halten.

Die Biermann-Ausbürgerung und der Beginn des offenen Widerstands in Jena

1. Teaser Profil Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Es war jener graue Novemberabend, an dem die Tagesschau in Schwarz-Weiß flimmerte und eine Nachricht in die Wohnzimmer trug, die wie ein physischer Schlag wirkte. In einer Jenaer Privatwohnung saßen zwei Dutzend junge Menschen, umgeben von Zigarettenrauch und klirrenden Teegläsern, und starrten ungläubig auf den Bildschirm. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war nicht nur ein Verwaltungsakt gegen einen Liedermacher; sie war für diese Generation in der DDR das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Die Reaktion ließ in der Universitätsstadt nicht lange auf sich warten. Einen Tag später, im „Klub der Intelligenz“, suchten viele nach Antworten. Der Saal war überfüllt mit jungen Gesichtern, die eigentlich wegen einer Lesung von Jurek Becker gekommen waren. Als dieser die Protestnote der Berliner Künstler verlas, brach sich das Unausgesprochene Bahn. Ein Raunen schwoll zu einer offenen Debatte an, die den Rahmen des Erlaubten sprengte. Doch der Geist war aus der Flasche. In der Evangelischen Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte gärte es weiter. Hier wurde nicht nur diskutiert, hier wurde gehandelt. Man schrieb den Offenen Brief der Künstler ab und sammelte Unterschriften. Die Antwort des Repressionsapparates folgte prompt und brutal in der Nacht zum 19. November. Doch statt Rückzug erzeugte die staatliche Härte eine Solidarisierungswelle, die quer durch die sozialen Schichten Jenas ging. 2. Teaser Seite Arne Petrich Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war für viele junge Menschen in Jena das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Im „Klub der Intelligenz“ eskalierte die Situation, als Jurek Becker statt nur aus seinen Büchern zu lesen, die politische Realität thematisierte. Die daraufhin einsetzende Repression der Stasi, verraten durch Spitzel in den eigenen Reihen, führte zu Verhaftungen in der Jungen Gemeinde. Doch das Kalkül der Macht ging nicht auf: Statt Angst herrschte plötzlich eine neue, praktische Solidarität. Matthias Domaschk und andere organisierten Hilfe, sammelten Geld und vernetzten sich über soziale Grenzen hinweg. Es entstand ein Riss zwischen Staat und Jugend, der sich bis 1989 nicht mehr schließen sollte. 3. Teaser Jenapolis Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich. Die Nachricht von der Ausbürgerung Wolf Biermanns löste in Jena eine Kettenreaktion aus, die vom „Klub der Intelligenz“ bis in die Junge Gemeinde reichte. Wo der Staat mit Härte und Verhaftungen reagierte, entstand unerwartet eine breite Solidaritätsbewegung. Historisch betrachtet markiert dieser November den Moment, in dem sich ein Riss auftat, der das Ende der DDR einläutete – der Beginn eines offenen Widerstands, der sich nicht mehr einschüchtern ließ.

Eigeninitiative statt Jugendgesetz: Freizeitgestaltung in Milkel 1986

A) PROFIL AP: Hook: Im März 1986 reiste eine Delegation der Volkskammer in den Landkreis Bautzen, um die Umsetzung des Jugendgesetzes in der ländlichen Peripherie zu überprüfen. Teaser: Was die Abgeordneten in Milkel vorfanden, war keine Szenerie des offenen Widerstands, sondern ein funktionierendes System der Improvisation. Die gesetzlich garantierte Freizeitgestaltung stieß in dem 1.000-Seelen-Dorf auf harte infrastrukturelle Grenzen. Es fehlte an Busverbindungen in die Kreisstadt, an einer winterfesten Spielstätte für Filme und vor allem an Personal in der Gastronomie. Die Jugendlichen des Ortes hatten sich in dieser Situation eingerichtet, indem sie staatliche Aufgaben in Eigenregie übernahmen. Der Bericht über diesen Besuch legt die Mechanismen der späten DDR-Gesellschaft offen. Um die Frequenz der Tanzveranstaltungen zu erhöhen, gingen die Jugendlichen einen pragmatischen Deal mit der örtlichen Gastronomie ein. Da Personal fehlte, wurde das Kellnern zur Voraussetzung für das Tanzen. Die Freizeit wurde zur Arbeitsschicht, um überhaupt stattfinden zu können. Diese Bereitschaft zur Selbstorganisation zog sich durch alle Bereiche, vom eigenhändigen Ausbau des Jugendklubs bis zur Schlichtung von Lärmkonflikten mit der Nachbarschaft. Es zeigt sich ein Bild einer Jugend, die nicht auf Zuteilung wartete, sondern den Mangel verwaltete. B) SEITE AP: Hook: Der Paragraf 30 des Jugendgesetzes der DDR garantierte jedem jungen Bürger das Recht auf Geselligkeit und kulturelle Angebote, doch die Realität sah in kleinen Gemeinden oft anders aus. Teaser: Eine Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1986 im Dorf Milkel bei Bautzen verdeutlicht die Diskrepanz zwischen gesetzlichem Anspruch und der ökonomischen Machbarkeit. Infrastrukturelle Engpässe prägten den Alltag der rund 200 Jugendlichen vor Ort. Kinos blieben im Winter geschlossen, Turnhallen existierten nur auf dem Papier, und der öffentliche Nahverkehr bot kaum Mobilität. Die staatliche Lenkung stieß hier an ihre Grenzen, was eine Verlagerung der Verantwortung auf die Betroffenen zur Folge hatte. Die Reaktion der Jugendlichen in Milkel ist ein historisches Beispiel für die Kompensationsstrategien innerhalb der DDR-Mangelwirtschaft. Statt auf staatliche Abhilfe zu warten, wurden Tauschgeschäfte zur Basis des kulturellen Lebens. Die Erhöhung der Tanzabende wurde durch den Arbeitseinsatz der Gäste als Kellner erkauft. Der Jugendklub entstand durch materielle Eigenleistung und bürokratischen Druck von unten. Die Umsetzung des Jugendgesetzes erfolgte somit nicht durch die Institutionen, sondern paradoxerweise durch die Selbstausbeutung derer, die das Gesetz eigentlich schützen sollte. C) SEITE JP: Hook: Wenn im Winter 1986 in Milkel die Leinwände dunkel blieben und die Busse nach Bautzen selten fuhren, war die Jugend auf sich selbst zurückgeworfen. Teaser: Ein Bericht über einen Besuch der Volkskammer in der Lausitz zeichnet das Bild einer Generation, die den Mangel an Infrastruktur durch pragmatische Lösungen ausglich. Wo der Staat keine Turnhalle baute und kein Servicepersonal stellen konnte, griffen die Jugendlichen selbst ein. Der Erhalt von Freizeitangeboten war in der ländlichen DDR oft direkt an Gegenleistungen geknüpft. Die Lösung in Milkel war bezeichnend: Wer tanzen wollte, musste arbeiten. Um mehr Veranstaltungen im einzigen verfügbaren Saal durchzusetzen, übernahmen die Jugendlichen den Service. Das Jugendgesetz wurde hier nicht als staatliche Vollversorgung interpretiert, sondern als Rahmen für genehmigte Eigeninitiative. Es entstand eine Kultur, in der Freizeitgestaltung untrennbar mit Organisationstalent und Arbeitsbereitschaft verbunden war.