Jena und Oberkochen – Die Saga von Carl Zeiss

Im Februar 1995, kurz vor dem 150-jährigen Firmenjubiläum, hing das Schicksal der traditionsreichen Weltfirma Carl Zeiss Jena am seidenen Faden. Aus den Werkslautsprechern hallte „Spiel mir das Lied vom Tod“. Fünf Jahre nach der Wende stand das Unternehmen, einst ein leuchtendes Beispiel deutscher Ingenieurskunst, kurz vor dem Aus. Tausende Mitarbeiter gingen auf die Straße, beschworen den „Zeissianer-Geist“ – eine Mischung aus Chorgeist, Familienverbundenheit und außergewöhnlicher Präzision. Dieser Geist, vor 150 Jahren von Carl Zeiss und Ernst Abbe in Jena verankert, hatte das Unternehmen durch Krisen getragen.

Der Mythos „Zeissianer“ Was machte einen „echten Zeissianer“ aus? Es war die akkurate und genaue Arbeitsweise, die Kollektivität und ein einzigartiges Fingerspitzengefühl, um Werte bis auf zehntausendstel Millimeter genau zu erreichen. Hingabe und Begeisterung für den Beruf über Jahrzehnte waren gefordert. Die Ansprüche an handwerkliche Fähigkeiten waren in Jena höher als anderswo; erst nach drei Jahren Einarbeitung galt ein auswärtiger Arbeiter als echter Zeissianer. Es war eine „Elite-Schmiede“, eine „Insel des sozialen Friedens“, die in ihren ersten hundert Jahren nur einen einzigen Streik erlebte. Viele fühlten sich als Miteigentümer und arbeiteten dementsprechend mit großer Hingabe. Dieser einzigartige Stamm an Fachkräften, der über ein Jahrhundert gewachsen war, galt als unersetzliche Kraftquelle des Werkes.

Vom Ein-Mann-Betrieb zum Weltkonzern Die Geschichte begann 1846 in Jena, als der 30-jährige Mechanikermeister Carl Zeiss eine Werkstatt für Feinmechanik und optische Geräte gründete. Anfangs unterschieden sich seine Lupen und Mikroskope kaum von anderen. Doch mit dem Physiker Ernst Abbe kam der Durchbruch. Abbe, der von engagierten, motivierten Mitarbeitern träumte, wandelte die Firma 1889 in ein Stiftungsunternehmen um. Seine sozialen Reformen – Acht-Stunden-Tag und Gewinnbeteiligung – waren damals revolutionär. Carl Zeiss Jena stieg zum größten Optikkonzern der Welt auf, getrieben auch durch das Militärgeschäft, das enorme Umsätze und Produktionssteigerungen brachte.
Die Zerreißprobe des Kalten Krieges Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte die wohl folgenschwerste Zäsur. Jena wurde den Sowjets zugeschlagen. Spezialtruppen des US-Geheimdienstes hatten das Zeiss-Know-how-Zentrum in Jena bereits im Visier. Unter dem Codenamen „Operation Overcast“ – später „Operation Paperclip“ – wurden führende Köpfe von Zeiss und Schott von den Amerikanern abtransportiert. Ziel war es, „die Köpfe“ der Werke zu nehmen, was Professor Bauersfeld, ein Zeiss-Senior, damals als „Abschlagen der Köpfe“ der Werke bezeichnete.

Vor der Übergabe Jenas an die Sowjets war die Aktion „Take the Brain“ abgeschlossen: Über 80.000 Werkszeichnungen und 84 Zeiss-Eliten, die gesamte „Zeiss-Spitze“, wurden abtransportiert. Viele verließen Jena mit dem Bewusstsein, dass es für Zeiss und für sie persönlich verloren war.

Doch das war nur der Anfang. Am 22. Oktober 1946 starteten die Sowjets die „Aktion Ossawakim“. Fast 300 Wissenschaftler und Ingenieure, darunter führende Zeissianer, wurden deportiert, parallel dazu wurden 94 Prozent der Anlagen demontiert und ebenfalls in die Sowjetunion geschickt. Viele dieser Maschinen kamen nie wieder zum Einsatz.

Zeiss West: Der Aufstieg in Oberkochen Das von den Amerikanern nach Süddeutschland deportierte Zeiss-Management begann in Oberkochen, einem kleinen Dorf, ein neues Unternehmen aufzubauen. Man wollte als Gruppe zusammenbleiben, um zu verhindern, dass das wissenschaftliche Potenzial sich in alle Winde zerstreute. Obwohl es Herausforderungen gab, geeignete Mitarbeiter zu finden – der Zustrom aus Jena reichte nicht aus – und die „pingeligen“ Zeissianer aus Jena bei den Einheimischen in Oberkochen nicht immer beliebt waren, stieg Zeiss West allmählich zu einem „Paradebeispiel deutschen Wirtschaftswunders“ auf.

Zeiss Ost: Trotz Demontage und Isolation In der sowjetisch besetzten Zone war die Lage wesentlich komplizierter: Deportation, Demontage, zunehmende Isolation von den Westmärkten und Abwanderung. Doch trotz aller Tiefschläge blieb das „Wir-Gefühl“ intakt. Die Produktion lief wieder an, und die Auftragsbücher füllten sich, da die Sowjets zum besten Kunden der Fabrik avancierten. Der Wiederaufbau aus dem Schutt des Krieges gelang durch den Mut und Fleiß der Arbeiter und der technischen Intelligenz. Bereits vier Jahre nach dem Zusammenbruch waren die Weichen wieder auf Erfolg gestellt, und Zeiss Jena exportierte in alle Teile Deutschlands und ins Ausland.

Unter Generaldirektor Wolfgang Biermann, der Mitte der 1970er Jahre einen neuen Arbeitsstil einführte, blieb das Kombinat Carl Zeiss ein gigantisches Unternehmen mit internationalem Renommee. Es produzierte Optik und Präzision für den Aufbau des Sozialismus. Mit der Multi-Spezialkamera MKF 6, die 1976 an Bord von Sojus 22 in den Kosmos startete, beteiligte sich die DDR erstmals am bemannten Weltraumflug der UdSSR – ein Paradebeispiel für die Leistungskraft des optischen Riesen. Auch das ehrgeizige Mega-Chip-Projekt, das Zeiss Jena von westlichen Zulieferern unabhängig machen sollte, war ein Erfolg, wenn auch ökonomisch fragwürdig und hochpolitisch wegen des Embargos.

Der Markenstreit: Ein gnadenloser Kampf Die Trennung war programmiert. Aus Kollegen wurden allmählich Konkurrenten. Zeiss Oberkochen begann, Carl Zeiss Jena von den angestammten Märkten zu verdrängen. Ab 1954 begann eine beispiellose Prozesslawine um den guten Namen Zeiss. Hunderte von Prozessen in über 60 Ländern entbrannten, die erst 1971 mit dem Londoner Kompromiss endeten: Die Jenenser durften ihre Produkte fortan nur noch im Osten unter dem Namen Zeiss vertreiben, während die Oberkochener sich den Namen Zeiss für die westlichen Märkte sicherten.

Die Wiedervereinigung: Hoffnung, Schock und Neubeginn Mit dem Ende der DDR 1989/90 war auch das Schicksal des VEB Carl Zeiss Jena besiegelt. Die einstigen „Klassenfeinde“ aus Jena und Oberkochen sollten zusammenwachsen. In Jena kursierte der Slogan „Wächst zusammen, was zusammengehört“. Doch die Euphorie wich schnell der Ernüchterung. Zeiss Jena rutschte ins Nichts; die Ostmärkte, die 80 Prozent des Umsatzes ausmachten, brachen über Nacht weg. Die Belegschaft schmolz innerhalb von sechs Monaten auf 15.000 Mitarbeiter zusammen. Es herrschte Angst, die Mitarbeiter fühlten sich als „Spielball“.

Das Management in Oberkochen wurde kritisiert, weil es „niemals die Absicht hatte, diesem Standort […] eine Perspektive zu geben“. Der gesamte Zeiss-Konzern schrieb rote Zahlen. Peter Grassmann, von Siemens geholt, wurde neuer Vorstandschef in Oberkochen. Er sollte frischen Wind bringen und verstand, dass im Westen oft das Verständnis für den Stolz des Ost-VEB und im Osten das Gefühl für eine effiziente Wirtschaftsstruktur fehlten. 1995 wurde die entscheidende Weichenstellung getroffen: Ganze Geschäftsfelder sollten von Oberkochen nach Jena verlagert werden – eine neue Chance für den alten Standort.

Lothar Späth, der 1991 von der Treuhand nach Jena gerufen wurde, krempelte die Stadt um. Aus dem VEB-Nachfolger wurden zwei große Firmen: die Carl Zeiss Jena GmbH als Tochterfirma von Zeiss Oberkochen und die Jenoptik GmbH mit Späth an der Spitze. Späth setzte auf radikale Lösungen, was auch den Abriss des historischen Hauptwerkes im Stadtzentrum bedeutete – ein Schock für viele alte Zeissianer. Trotz des Schmerzes und Unverständnisses für den Abriss alter Wurzeln, die für viele eine „Zerschlagung des Werkes“ bedeuteten, wurde in Jena mehr erhalten als anderswo in der ehemaligen DDR.

Ein neues Kapitel: Der Geist von Jena lebt weiter 150 Jahre nach der Firmengründung ist Jena nicht mehr der einzige Zeiss-Standort, aber wieder ein wichtiger. Im umgebauten ehemaligen Südwerk haben die verbliebenen Zeissianer ein neues Zuhause gefunden. Im Jubiläumsjahr kehrte sogar die Mikroskopie, der Geschäftsbereich der Gründerzeit, zurück. Die „große Zeiss-Familie“ ist wieder enger zusammengerückt. Trotz aller Querelen zwischen den Standorten ist die Kontinuität des Namens Carl Zeiss in aller Welt registriert. Es gilt nun, jeden Tag neu zu beweisen, dass die Produkte konkurrenzfähig sind und jeder sein Bestes gibt. Der Traum von einem Optik-Mekka an der Saale, einem neuen High-Tech-Zentrum, lebt in Jena weiter.

Die Biermann-Ausbürgerung und der Beginn des offenen Widerstands in Jena

1. Teaser Profil Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Es war jener graue Novemberabend, an dem die Tagesschau in Schwarz-Weiß flimmerte und eine Nachricht in die Wohnzimmer trug, die wie ein physischer Schlag wirkte. In einer Jenaer Privatwohnung saßen zwei Dutzend junge Menschen, umgeben von Zigarettenrauch und klirrenden Teegläsern, und starrten ungläubig auf den Bildschirm. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war nicht nur ein Verwaltungsakt gegen einen Liedermacher; sie war für diese Generation in der DDR das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Die Reaktion ließ in der Universitätsstadt nicht lange auf sich warten. Einen Tag später, im „Klub der Intelligenz“, suchten viele nach Antworten. Der Saal war überfüllt mit jungen Gesichtern, die eigentlich wegen einer Lesung von Jurek Becker gekommen waren. Als dieser die Protestnote der Berliner Künstler verlas, brach sich das Unausgesprochene Bahn. Ein Raunen schwoll zu einer offenen Debatte an, die den Rahmen des Erlaubten sprengte. Doch der Geist war aus der Flasche. In der Evangelischen Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte gärte es weiter. Hier wurde nicht nur diskutiert, hier wurde gehandelt. Man schrieb den Offenen Brief der Künstler ab und sammelte Unterschriften. Die Antwort des Repressionsapparates folgte prompt und brutal in der Nacht zum 19. November. Doch statt Rückzug erzeugte die staatliche Härte eine Solidarisierungswelle, die quer durch die sozialen Schichten Jenas ging. 2. Teaser Seite Arne Petrich Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war für viele junge Menschen in Jena das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Im „Klub der Intelligenz“ eskalierte die Situation, als Jurek Becker statt nur aus seinen Büchern zu lesen, die politische Realität thematisierte. Die daraufhin einsetzende Repression der Stasi, verraten durch Spitzel in den eigenen Reihen, führte zu Verhaftungen in der Jungen Gemeinde. Doch das Kalkül der Macht ging nicht auf: Statt Angst herrschte plötzlich eine neue, praktische Solidarität. Matthias Domaschk und andere organisierten Hilfe, sammelten Geld und vernetzten sich über soziale Grenzen hinweg. Es entstand ein Riss zwischen Staat und Jugend, der sich bis 1989 nicht mehr schließen sollte. 3. Teaser Jenapolis Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich. Die Nachricht von der Ausbürgerung Wolf Biermanns löste in Jena eine Kettenreaktion aus, die vom „Klub der Intelligenz“ bis in die Junge Gemeinde reichte. Wo der Staat mit Härte und Verhaftungen reagierte, entstand unerwartet eine breite Solidaritätsbewegung. Historisch betrachtet markiert dieser November den Moment, in dem sich ein Riss auftat, der das Ende der DDR einläutete – der Beginn eines offenen Widerstands, der sich nicht mehr einschüchtern ließ.

Dramatischer INSA-Trend: AfD bundesweit vorn – Bürger zweifeln am Staat

Teaser (mit Ost-Bezug) Deutschland im Dezember 2025: Die politische Landkarte färbt sich neu. Während die Union im Westen nur noch knapp die Führung behält, dominiert die AfD den Osten mit einer erdrückenden Mehrheit von über 25 Punkten Vorsprung. Gleichzeitig offenbart der neueste INSA-Meinungstrend eine tiefe Vertrauenskrise: Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen glaubt nicht mehr daran, dass die Politik für Sicherheit sorgen kann.