Ein rollendes Denkmal der DDR – Der Ikarus 55 der Jürgensdorfer Oldtimerfreunde

Stavenhagen – Am malerischen Schloss in Stavenhagen präsentieren die Jürgensdorfer Oldtimerfreunde stolz ihr jüngstes Meisterwerk: einen aufwendig restaurierten Ikarus 55 Reisebus. Jörg Steingraf, Vorsitzender des Vereins, gewährte Einblicke in die Geschichte und die mühevolle Wiederbelebung dieses beeindruckenden Fahrzeugs.

Der Wunsch, einen Ikarus Bus zu besitzen, entstand im Verein spontan, da einige Mitglieder den Busführerschein besitzen. Obwohl der Verein sich ursprünglich auf Zweiräder und PKWs aus DDR-Zeiten konzentrierte, reifte die Idee, die motorisierte Palette zu erweitern. Die Wahl fiel schließlich auf einen Ikarus 55, ein Modell, das in diesem Umfang nicht so häufig in die DDR exportiert wurde wie der bekanntere Ikarus 66.
Im Jahr 2013 gelang den Oldtimerfreunden der Erwerb eines Ikarus 55 von einem privaten Busunternehmer in Kloster Lehnin. Der Bus war keinesfalls fahrbereit und wies zahlreiche Fehlteile auf, darunter fehlende Scheinwerfer und der Kompressor am Motor, der für die Drucklufterzeugung nötig ist. Der erste Eindruck war schlecht, und ein Fahrversuch wurde gar nicht erst unternommen, um potenzielle Motorschäden zu vermeiden.

Die eigentliche Restaurierung begann 2015. Der reparaturbedürftige Bus wurde per Tieflader in die ungarische Stadt Polka überführt. Dort wurde der Sechszylinder Scheppel Motor vom Typ D614 mit 8,3 Litern Hubraum komplett zerlegt und restauriert. Der Motor, eine Steyr-Lizenz aus Österreich, erhielt sogar eine neue Kurbelwelle. Interessant ist der Leistungsunterschied je nach Einspritzpumpe: Mit der originalen ungarischen Omega Pumpe leistet der Motor ca. 125 PS, während die DDR-Pumpe aus Karl-Marx-Stadt eine Leistungssteigerung auf etwa 145 PS ermöglicht.

Der Bus ist Baujahr 1962, was ihn zu einem sehr frühen Modell macht. Charakteristisch für diese erste Serie sind unter anderem die integrierten Blinkleuchten in der hier gezeigten Form sowie besonders schick geformte Umrissleuchten an den Seiten und hinten. Eine absolute Seltenheit sind die eckigen Instrumente auf dem Armaturenbrett, die nur bei sehr frühen Baujahren vorhanden waren. Die runden Heckleuchten am restaurierten Bus sind übrigens nicht original für das Baujahr 1962, wo längliche Leuchten verbaut waren, die heute schwer zu beschaffen sind. Man entschied sich für die neuere runde Variante.

Die Ersatzteilversorgung für den Ikarus 55 und 66 ist schwierig; Teile sind auf dem freien Markt kaum erhältlich. Gute Beziehungen, auch nach Ungarn, sind unerlässlich. Teile von Schäpe-Lkws mit dem gleichen Sechszylinder-Motor, wie dem 5-Tonner, können für Motor, Getriebe und Lenkung verwendet werden.

Im Zuge der Restaurierung erhielt der Bus rundherum neue Scheiben, da die alten – im oberen Teil ursprünglich zum Klappen – großteils durch Vollglasscheiben ohne Kippfunktion ersetzt worden waren, vermutlich wegen schwieriger Instandsetzung in der DDR. Die neuen Scheiben sind nun im oberen Teil zum Schieben ausgeführt, mit Ikarus-Logo und ECE-Prüfzeichen.

Eine Besonderheit ist der große Dachträger, der auf Wunsch des Vereins nachgebaut wurde, da er ursprünglich nicht vorhanden war. Früher wurden darauf tatsächlich Koffer transportiert, abgedeckt mit einer großen Plane.

Im Innenraum bietet der Bus 45 Sitzplätze. Alle Sitzflächen und -lehnen wurden neu gepolstert und aufgepolstert, was für ein angenehmes Fahrgefühl sorgt. Besonders reizvoll sind die drei sich gegenüberliegenden Sitzgruppen mit kleinem Tisch und historischer Lampe. Die Lampen für die Innenbeleuchtung an der Decke sind noch originale aus Glas. Auch die Gepäcknetze sind weitgehend original, lediglich das Stoffgitter wurde nachgefertigt. Die Decken- und Seitenverkleidungen mussten jedoch erneuert werden, da das Dach erheblich undicht war und die alten Verkleidungen zu sehr gelitten hatten.

Für Komfort im Fahrgastraum sorgt eine große Heizung, während eine kleinere Scirocco-Heizung den Fahrerbereich, den Beifahrer und die Frontscheibe beheizt. Beide Heizungen sind originale Scirocco-Heizungen aus DDR-Produktion (Neubrandenburg).

Das Fahren des Ikarus 55 erfordert Kraft: Der Bus besitzt ab Werk keine Lenkhilfe, was das Lenken, besonders im Stand, sehr anstrengend macht. Hier ist noch ein richtiger Kraftfahrer gefragt.

Nach der umfangreichen Restaurierung erstrahlt der Ikarus 55 nun in neuem Glanz und ist ein beeindruckendes Zeugnis deutscher und ungarischer Fahrzeuggeschichte.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl