Wie die SED in der sowjetischen Besatzungszone entstand

Berlin, 21. April 1946 – Dreißig Jahre „Bruderkampf“ zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten finden heute ihr Ende. Mit der feierlichen Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im ehemaligen Admiralspalast in Berlin wird ein neues Kapitel in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung aufgeschlagen. Dieser Tag markiert den Höhepunkt einer Bewegung, die ihren Ursprung in den Wirren der Nachkriegszeit hat.

Nach dem Sieg der Sowjetunion und ihrer Verbündeten im Mai 1945 wurde Deutschland vom Faschismus befreit. Die Sowjetische Militäradministration ließ antifaschistisch-demokratische Parteien und Gewerkschaften zu, was zur raschen Entfaltung des politischen Lebens in der sowjetischen Besatzungszone führte. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wandte sich bereits am 11. Juni 1945 mit einem Aufruf an das deutsche Volk und erklärte: „Feste Einheit, entschlossener Kampf und beharrlicher Arbeit bilden die Garantie des Erfolges unserer gerechten Sache“. Auch der Zentralausschuss der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) stimmte in seinem Aufruf vom 15. Juni 1945 im Wesentlichen überein, wenn auch nicht mit derselben „marxistischen Reife“.

Schon wenige Tage später, am 19. Juni 1945, beschlossen beide Parteien ein gemeinsames Aktionsprogramm und verpflichteten sich zur Zusammenarbeit. Diese Aktionseinheit wurde durch die Bildung freier Gewerkschaften, zusammengeschlossen im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), sowie durch die Entstehung des Blocks der antifaschistisch-demokratischen Parteien verstärkt. Kommunisten und Sozialdemokraten bildeten Aktionausschüsse in der sowjetischen Besatzungszone und Teilen der Westzonen.

Gemeinsame Aktionen führten zu ersten Erfolgen, wie der Wiederaufnahme der Stahlproduktion oder der ersten Friedensernte, auch wenn diese den Hunger noch nicht stillen konnte. Unterstützt von klassenbewussten Sozialdemokraten forderten die Kommunisten eine Bodenreform, wodurch wichtige Bündnispartner der Arbeiterklasse für die Liquidierung des Faschismus und Militarismus und die Errichtung einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung gewonnen wurden. Auch in der Bildung gab es gemeinsame Umwälzungen: KPD und SPD legten Grundsätze für eine Schulreform dar, was zur Ausbildung von 20.000 Neulehrern und der Öffnung von Universitäten für Arbeiter- und Bauernkinder führte. Diese demokratischen Umwälzungen wurden im Kampf gegen „erbitterten Widerstand reaktionärer Kräfte“ errungen.

Der Wunsch nach Einheit zeigte sich auch in den westlichen Besatzungszonen, wo Mitglieder von KPD und SPD die Vereinigung forderten. Einheitsvereinbarungen wurden unter anderem in Hamburg (24. Juli 1945) und München (8. August 1945) geschlossen. Doch die Reaktion in den Westzonen, angeführt vom Monopolkapital und rechten SPD-Führern wie Kurt Schumacher, versuchte, die Einheit zu verhindern. Das Büro Schumacher in Hannover wurde zum Zentrum dieser Kräfte, und Schumacher selbst zum „ärgsten Gegner der Einheitsbewegung“ und „brauchbaren Werkzeug der Reaktion“. Auch die Besatzungsmächte griffen ein und verboten, geleitet vom Antikommunismus, weitere Einheitsbewegungen in ihren Zonen, da eine Verschmelzung von SPD und KPD nicht in ihrer Linie lag.

Der „fortschreitende revolutionäre Umwälzungsprozess“ in der sowjetischen Besatzungszone und die „restaurative Entwicklung“ in den Westzonen verschärften den Klassenkampf und machten die Vereinigung von KPD und SPD auf „marxistischer Grundlage“ zu einem „dringenden Gebot“. Auf Initiative der KPD wurde im Dezember 1945 mit einem Flugblatt die Einheitspartei ideologisch vorbereitet, um die demokratischen Rechte und Freiheiten für Arbeiter und Werktätige zu sichern.

Ab Anfang 1946 wurde die Einheit zur Wirklichkeit. Im Februar vereinigten sich Parteigruppen von KPD und SPD in der Maxhütte. Der erste FDGB-Kongress forderte ebenfalls die politische Einheit der Arbeiterklasse. Im März 1946 wurde die Freie Deutsche Jugend (FDJ) als einheitliche antifaschistisch-demokratische Jugendorganisation gegründet, deren erster Sekretär Erich Honecker wurde.

Ende März/Anfang April 1946 wurde die Einheitspartei in allen Kreisen und Ländern der sowjetischen Besatzungszone zur Wirklichkeit, typisch dafür wurde das „kameradschaftliche Zusammenwirken“ von Hermann Matern und Otto Buchwitz in Sachsen. Heftige Auseinandersetzungen gab es insbesondere in Berlin, doch machtvolle Kundgebungen, etwa im Straßenbahnhof Charlottenburg mit Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, zeigten den Willen zur Einheit. Otto Buchwitz überbrachte auf einem Berliner SPD-Parteitag Grüße von den bereits vereinigten Parteien in Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg und erklärte: „Wir haben das Werk vollbracht. Wir haben die Einheit geschlossen und wir blicken nun mehr auf euch Genossenen und Genossen in Berlin“. Auch die Berliner Parteiorganisationen von KPD und SPD fassten den entscheidenden Schritt.
Der Höhepunkt war der heutige Tag. Nach Beschlüssen des 15. KPD-Parteitages und des 40. SPD-Parteitages wurde die Einheitspartei gegründet. Tausende warteten vor dem Admiralspalast. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, die zu Vorsitzenden der SED gewählt wurden, gaben sich die Hand. Wilhelm Pieck hatte zuvor erklärt, dass mit dem Aufmarsch der Berliner Arbeiterschaft unter den Fahnen der SED und der einheitlichen Gewerkschaften am 1. Mai hoffentlich auch die Zweifler „ihre Besorgnisse aufgeben und sich einreihen“ werden. Otto Grotewohl äußerte den Wunsch: „Ich wünschte den Tag herbei an dem sich unsere Hände nicht mehr trennen brauchten Dieser Tag ist heute da“.

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ist entstanden, die Partei der „geeinten Arbeiterklasse“. Laut den Gründern hat der Marxismus-Leninismus über den Opportunismus gesiegt. Die Arbeiterklasse tritt nun als „einheitliche Kraft“ auf und hat eine „einheitliche Führung“ geschaffen, um ihre „historische Mission erfüllen zu können“. Vor den Vorsitzenden liegt die „besondere Verantwortung“, das Vertrauen der „werkätigen Massen“ zu rechtfertigen und ein neues antifaschistisches demokratisches Deutschland zu schaffen, das Volk aus der Not zu helfen und Frieden und Demokratie zu sichern.

33.000 Freigekaufte: Die Bilanz des deutsch-deutschen Häftlingshandels

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn sich die Tore des Gefängnisses auf dem Kaßberg öffneten, wussten die Insassen im Bus oft nicht, ob sie verlegt oder verkauft wurden. Teaser: Über Jahrzehnte hinweg war dieser Moment der Ungewissheit für tausende politische Häftlinge in der DDR der erste Schritt in ein neues Leben. Der Weg führte von Chemnitz über den Grenzübergang Herleshausen in den Westen. Doch die Ankunft in der Bundesrepublik war selten der unbeschwerte Triumph, den man sich vorstellen mag. Wer aus dem Bus stieg, trug nicht nur die physischen Narben der Haft in Bautzen oder Hoheneck, sondern oft auch eine unsichtbare Last. Das Wissen, dass die eigene Freiheit einen exakten Preis hatte, wog schwer. Rund 96.000 D-Mark „kostete“ ein Mensch in den späteren Jahren, verrechnet in Warenlieferungen wie Kaffee, Obst oder Erdöl. Man war zur Handelsware geworden, verschoben zwischen zwei ideologischen Blöcken. Für viele kam hinzu, dass Familien zerrissen wurden; Kinder blieben oft als Pfand im Osten zurück, während die Eltern im Westen neu beginnen mussten. Die psychische Architektur dieses Handels war darauf ausgelegt, maximale Devisen zu generieren und gleichzeitig Kontrolle auszuüben. Es ist eine Geschichte von 33.755 Menschenleben. Hinter jeder Zahl in den Bilanzen der Kommerziellen Koordinierung stand ein Schicksal, eine unterbrochene Biografie. Der Häftlingsfreikauf war für die Bundesrepublik ein humanitärer Akt der Notwendigkeit, für die DDR eine ökonomische Überlebensstrategie. Die Busse fuhren jahrelang, Woche für Woche, und transportierten Menschen, deren Wert in Listen festgehalten wurde. In den Archiven liegen heute die Quittungen einer Ära, in der ein Staat seine Kritiker nicht nur einsperrte, sondern sie am Ende als Rohstoff nutzte. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Es begann als humanitäre Geste der Kirchen und endete als fester Posten im Devisenhaushalt der DDR. Teaser: Der Häftlingsfreikauf zwischen den beiden deutschen Staaten ist ein historisches Phänomen, das in seiner Dimension oft unterschätzt wird. Zwischen 1963 und 1989 flossen rund 3,4 Milliarden D-Mark von Bonn nach Ost-Berlin, um die Freilassung von 33.755 politischen Gefangenen zu erwirken. Was als „Besondere Bemühungen“ getarnt war, folgte einer präzisen ökonomischen Mechanik. Die Preise waren dabei keineswegs willkürlich, sondern das Ergebnis kühler Kalkulationen, die oft Ausbildungskosten und den „Volkswirtschaftlichen Schaden“ durch den Weggang der Person einpreisten. Bezahlt wurde selten in bar, sondern meist in Waren, die in der DDR Mangelware waren. So stabilisierte der Westen durch den Freikauf paradoxerweise genau jenes System, das die Häftlinge erst produziert hatte. Die Abhängigkeit der DDR von diesen Einnahmen wuchs parallel zu ihrem wirtschaftlichen Niedergang. Die moralische Ambivalenz dieses Tauschgeschäfts beschäftigt Historiker bis heute. War es legitim, eine Diktatur zu finanzieren, um Menschenleben zu retten? Die Antwort der damaligen Bundesregierungen war ein klares Ja zur Humanität. Auf der anderen Seite der Mauer wurde der Mensch zur Ressource, deren Freiheitsdrang sich monetarisieren ließ. Die Aktenberge über diese Transaktionen sind heute zugänglich und zeigen das bürokratische Gesicht eines unmenschlichen Handels. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Darf ein Staat Menschenleben kaufen, um sie zu retten, wenn er damit deren Unterdrücker finanziert? Teaser: Der Häftlingsfreikauf war vielleicht das größte moralische Dilemma der deutsch-deutschen Geschichte. Auf der einen Seite standen über 30.000 Menschen, die in DDR-Gefängnissen litten und deren einzige Hoffnung der Westen war. Auf der anderen Seite stand ein Regime, das lernte, dass sich mit politischen Gefangenen stabile Deviseneinnahmen generieren ließen. Je mehr der Westen zahlte, desto lukrativer wurde das Geschäft für den Osten. Es entstand ein Markt für Freiheit, auf dem Preise steigen und Waren fließen konnten. Die Bundesrepublik entschied sich für das Leben der Einzelnen und nahm die politische Pikanterie in Kauf. Für die Betroffenen blieb oft das Gefühl, eine Ware gewesen zu sein – eingetauscht gegen Orangen oder Industriegüter. Die Frage nach der Moral verhallt in den leeren Gängen der ehemaligen Haftanstalten.