Ein virtueller Streifzug durch Erfurt Süd: Historische Spuren und moderne Perspektiven

Annika Taute stellt das neue Kooperationsprojekt Erfurt Süd – heute und damals vor, das Stadtarchiv Erfurt und Lokalhistoriker Lothar Semlin gemeinsam realisieren. In der ersten Folge laden sie zu einem digitalen Spaziergang entlang der Bahnlinie vom Willy-Brandt-Platz bis zur Puschkinstraße ein. Historische Fotografien, Gemälde und Luftaufnahmen werden dabei nahtlos mit aktuellen Aufnahmen kombiniert.

Empfangsgebäude und Bahnhofsentwicklung
Taute erklärt, dass das markante Empfangsgebäude des heutigen Hauptbahnhofs bereits 1893 im Stil des Historismus fertiggestellt wurde. Bis dahin hatte der Vorgängerbahnhof von 1847 auf dem Areal des heutigen Willy-Brandt-Platzes gestanden. Ein Gemälde des Erfurter Malers Walter Korsepp (1862–1944) dokumentiert die frühe Strecke am Fuß des Stadtwalls und gibt einen Eindruck von der ursprünglichen Gestaltung der Bahnhofsumgebung.

Vom Stadtwall zum Bahndamm
Ein zentrales Thema des Beitrags ist die Umwandlung des alten Stadtwalls in die erhöhte Trasse der Bahnstrecke. Taute beschreibt, wie der mittelalterliche Wall samt „hoher Batterie“ seine militärische Bedeutung mit der Aufhebung der Festungsrechte 1873 verlor und wenig später als Grundlage für die neue Bahnlinie diente. Wo ehemals der Wallgraben floss – heute der Flutgraben –, verläuft seit den 1890er-Jahren der Bahndamm mit mehreren Brückenbauwerken.

Flutgraben und Brückenbau
Die Reporterin hebt hervor, dass der Wallgraben zwischen 1890 und 1898 zum Hochwasserschutz ausgebaut wurde. Die Aufnahme von 1900, aufgenommen an der Krämpfertorbrücke, zeigt schwere Arbeitsszenen beim Grabenbau – ein Tageslohn betrug damals nur 1,50 Mark. Die älteste Eisenbahn­brücke unter dem Willy-Brandt-Platz wurde bereits 1892 errichtet und nun im Rahmen der Modernisierung von 2002 bis 2008 durch eine großzügige Bahnhofshalle mit Stahlbrücken über dem Flutgraben ersetzt.

Tunnel und Löbertor
Im historischen Bildmaterial erkennt Taute zudem den einstigen Tunnel durch die Stadtmauer beim äußeren Löbertor. Bis 1893 führte die Strecke hier ebenerdig mitten durch die Befestigungsanlage, bevor die neue Führung auf den Wall­damm verlegt wurde. Die Buschgenstraße, die um 1900 angelegt wurde, erinnert noch heute an diesen vielfachen Wandel der städtischen Infrastruktur.

Ausblick auf kommende Episoden
Am Ende ihrer Reportage verweist Taute auf weitere virtuelle Spaziergänge, die in den kommenden Monaten folgen. In jeweils kurzen Diaschau-Beiträgen werden weitere Teilabschnitte von Erfurt Süd erkundet, stets begleitet von historischen Aufnahmen und aktuellen Fotos. Die Termine werden auf Facebook und per E-Mail angekündigt, Interessierte sind herzlich eingeladen, Freunde mitzubringen und gemeinsam auf Entdeckungstour zu gehen.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl