Verloren und wiederentdeckt – Die S-Bahn im geteilten Berlin

Berlin, 1982. Die geteilte Stadt zeigt sich nicht nur in Mauer und Politik, sondern auch im Verkehr. Die S-Bahn, einst ein Symbol für städtische Mobilität, ist zum geteilten Sinnbild zweier Welten geworden. Während Ost-Berlin die Schnellbahn weiterentwickelt und ins Zentrum seiner Nahverkehrsstrategie rückt, droht sie im Westen in Vergessenheit zu geraten.

Ein Abendschau-Bericht des Senders Freies Berlin aus dem Jahr 1982 beleuchtet eindrücklich diese Gegensätze. In Ost-Berlin ist die S-Bahn Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs. Im Berufsverkehr fahren die Züge am Alexanderplatz im 90-Sekunden-Takt. 600.000 Menschen nutzen werktags das dichte Netz, das mit Straßenbahn und Bus eng verzahnt ist. Trotz maroder Technik wirkt der Betrieb effizient, geordnet – eine stille Erfolgsgeschichte der DDR-Stadtplanung.

Ganz anders im Westen. Hier ist die S-Bahn „Schrottbahn“, „Ulbrichts Klapperkisten“ oder schlicht „Geisterbahn“. Nach dem Boykottaufruf im Zuge des Mauerbaus und dem allgemeinen Misstrauen gegenüber der von der DDR betriebenen Reichsbahn, ist die West-Berliner S-Bahn ein Schatten ihrer selbst. Der Fahrgastschwund ist dramatisch – von 150.000 auf 70.000 täglich innerhalb von zwei Jahrzehnten.

Am Bahnhof Westkreuz steht die Zeit still. Eine junge Reichsbahnerin sitzt allein im Stellwerk, während unten in der leeren Halle der nächste Zug vorbeirattert – alle 20 Minuten, wenn überhaupt. Die Nachwirkungen des zweiten Eisenbahnerstreiks von 1980 sind spürbar. Ein ganzer Verkehrszweig scheint abgeschrieben.

Dabei hätte es auch anders kommen können. Schon 1974 empfahlen Experten dem Berliner Abgeordnetenhaus, die S-Bahn in ein modernes Verbundsystem mit U-Bahn und Bus einzubeziehen. Ihre Vision: ein 300 Kilometer langes Schnellbahnsystem für Berlin-West. Doch politische Blockaden, Misstrauen gegenüber der DDR und das starre Vier-Mächte-Abkommen verhinderten den Aufbruch. Die DDR bot sogar eine Pachtlösung an – West-Berlin lehnte ab. Es sei rechtlich nicht möglich.

In Ost-Berlin dagegen wurde kontinuierlich geplant und gebaut. Neue Bahnhöfe, verlegte Strecken, dichterer Takt. Vor allem aber eine Idee: Verkehr als Teil eines sozialistischen Gesamtkonzepts. Die S-Bahn wurde zum Rückgrat der Erschließung neuer Wohngebiete wie Marzahn. Ihre Rolle: Zubringer, Verteiler, Rückgrat – keine Schattentouren, sondern Teil der Alltagsmobilität.

Die politische Differenz wird auch zur infrastrukturellen. Während die West-S-Bahn auf das Abstellgleis rollt, rüstet Ost-Berlin für die Zukunft. Und doch bleibt auch im Westen Hoffnung. Studien an der TU Berlin, Vorschläge von Verkehrsplanern, neue Kommissionen – die Debatte ist neu entfacht. Noch liegt die Zukunft der S-Bahn in West-Berlin im Nebel. Aber vielleicht, so der Tenor des Beitrags, ist sie nicht verloren. Noch nicht.

Hintergrund
Die Berliner S-Bahn war nach 1945 im gesamten Stadtgebiet Eigentum und Betrieb der Deutschen Reichsbahn der DDR – auch in West-Berlin. Das führte nach dem Mauerbau 1961 zu einem massiven Boykott durch die West-Berliner Bevölkerung, da durch ihre Tickets die Staatskasse der DDR gestärkt wurde. Erst nach dem Mauerfall wurde der Betrieb durch die neu gegründete S-Bahn Berlin GmbH wieder vereinheitlicht. Doch die Zerrissenheit von 1982 bleibt ein Zeitdokument der geteilten Stadt – im Großen wie im Kleinen, im Fahrplan wie im politischen Takt.

Der Entwurf für ein freies Mediengesetz im Dezember 1989

Journalistischer Text - Profil Zehn Thesen für eine neue Medienordnung der DDR Am 21. Dezember 1989 wird ein Text öffentlich, in dem Journalisten und Künstler gemeinsam formulieren, wie eine freie Presse in Zukunft rechtlich abgesichert werden soll. Wenn ich heute diesen Entwurf lese, sehe ich darin den Versuch jener Generation, die Deutungshoheit über die eigene Wirklichkeit zurückzugewinnen. Man spürt beim Betrachten der Punkte, dass es einigen Akteuren nicht nur um Reformen ging, sondern um eine fundamentale Neudefinition des Verhältnisses zwischen Staat und Öffentlichkeit, getragen von der Erfahrung jahrelanger Gängelung. Es scheint, als hätten viele Beteiligte in diesen Wochen die seltene historische Lücke erkannt, in der man Strukturen schaffen wollte, die immun gegen Machtmissbrauch sind. Für den heutigen Betrachter wirkt der Text wie ein Dokument des Übergangs, in dem die Hoffnung auf eine selbstbestimmte, demokratische DDR-Gesellschaft noch greifbar ist. Journalistischer Text - Seite 1 Das Ende der staatlichen Informationskontrolle Der Gesetzentwurf postuliert eine gerichtliche Einklagbarkeit von behördlichen Informationen und verbietet jegliche staatliche Einmischung in die redaktionelle Arbeit der Medien. Ich stelle mir vor, wie befreiend diese Forderung für jene gewirkt haben muss, die jahrelang gegen Wände aus Schweigen und Propaganda angelaufen sind. Es wirkt in der Rückschau so, als wollte man mit diesen Paragrafen ein für alle Mal verhindern, dass Informationen jemals wieder als Herrschaftswissen missbraucht werden können. Journalistischer Text - Seite 2 Mitbestimmung in den Redaktionen Die Thesen verlangen, dass Chefredakteure und Intendanten nur durch eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Mitarbeiter und nur auf Zeit in ihr Amt berufen werden dürfen. Beim Lesen dieses Abschnitts denke ich an die tiefgreifende Skepsis gegenüber Autoritäten, die viele Medienschaffende in jener Zeit geprägt haben muss. Dieser Passus zeugt von dem Wunsch einiger, die Demokratisierung nicht an der Pforte des Betriebes enden zu lassen, sondern sie direkt in die Hierarchien der Redaktionen hineinzutragen. Weitere Überschriften Verfassungsrang für die Informationsfreiheit Quellenschutz und Gewissensfreiheit für Autoren Öffentliche Kontrolle statt staatlicher Zensur Der Weg zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk Medienvielfalt als Spiegel der Gesellschaft Unabhängiger Medienrat als Kontrollinstanz