Neun Jahre Bauzeit – Das Bollwerk Niederpöbel schützt das Osterzgebirge

Im Landkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge entstand nach verheerenden Hochwasserereignissen ein beeindruckendes Schutzprojekt: Das Hochwasserrückhaltebecken Niederpöbel. Neun Jahre Bauzeit und rund 50 Millionen Euro Investition von Freistaat Sachsen und Bund haben nun zu einem zuverlässigen Bollwerk geführt, das das Osterzgebirge – von Schmiedeberg bis Dippoldiswalde – vor den zerstörerischen Kräften der Natur schützt.

„Am 30. April 2020 wurde der Straßendurchlass freigegeben – die Staatsstraße S183 ist wieder durchgängig befahrbar“, berichtet ein Sprecher der Verantwortlichen. Dieser Durchbruch markiert nicht nur die Wiederherstellung des Verkehrs, sondern auch den erfolgreichen Abschluss eines Projekts, das mit höchster Präzision und modernster Technik umgesetzt wurde.

Ein Projekt mit Weitblick
Das Rückhaltebecken verfügt über eine Speicherkapazität von mehr als einer Million Kubikmeter Wasser. Diese beeindruckende Kapazität wirkt bis zur Talsperre Malter und bietet Schutz bis nach Freital und Dresden. Die Standortwahl fiel bewusst auf das Pöbeltal, wo bei einem 100-jährigen Hochwasser bis zu 70 Prozent der Wassermassen zurückgehalten werden können. „Die Wahl dieses Standorts war essenziell, um die größtmögliche Schutzwirkung zu erzielen“, so ein Projektleiter.

Technik trifft Natur
Das als „grünes Becken“ bezeichnete Bauwerk bleibt im Normalbetrieb trocken. Der Steinschüttdamm, der hier errichtet wurde, erreicht eine Höhe von 28 Metern und weist eine Kronbreite von fünf Metern auf. Besonders bemerkenswert sind die zwei integrierten Durchlässe: ein Straßendurchlass, der durch den Damm führt, und ein Ökodurchlass, der auch den natürlichen Wasserhaushalt berücksichtigt. Die Installation der schweren Verschlüsse – einzelne Bauteile, die bis zu 40 Tonnen wiegen – erforderte den Einsatz eines 400-Tonnen-Krans und sorgte für beeindruckende logistische Herausforderungen.

Erprobung unter Extrembedingungen
Bereits im Februar 2020 wurden höhere Zuflüsse genutzt, um unter realen Wasserlastbedingungen die Funktion der Betriebseinrichtungen zu testen. Unter Einsatz modernster Prozessleitsysteme können die Betreiber aus der Ferne – von der Talsperre Malter aus – alle relevanten Messdaten überwachen und so jederzeit den Überblick behalten. Dennoch betonten die Verantwortlichen, dass im Ernstfall auch vor Ort entschieden eingegriffen werden müsse.

Ein Schutz, der Erinnerungen wachruft
Die Erfahrungen aus dem verheerenden Hochwasser im August 2002 prägen das Handeln der Verantwortlichen bis heute. „Man hat in den verheerenden Zeiten oft zu lange gezögert – das möchte ich nie wieder erleben“, betont Birgit Lange, die den Betrieb Oberes Elbtal leitet. Auch Oberbürgermeisterin Kerstin Körner und weitere Experten weisen darauf hin, dass der Bau des Rückhaltebeckens ein zukunftsweisendes und lebenswichtiges Projekt sei, das die regionale Infrastruktur nachhaltig stärkt.

Mit seiner innovativen Technik und der strategischen Lage im Pöbeltal setzt das Hochwasserrückhaltebecken Niederpöbel ein deutliches Zeichen: In Zeiten des Klimawandels und immer extremer werdender Wetterlagen ist die Investition in moderne Hochwasserschutzanlagen ein entscheidender Schritt zum Schutz von Mensch und Natur.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl