Antisemitismus in Deutschland: Dr. Sina Arnold warnt vor einer alarmierenden Zunahme

Dr. Sina Arnold, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung, skizziert in ihrem aktuellen Beitrag ein beunruhigendes Bild der Lage in Deutschland. Sie weist darauf hin, dass Antisemitismus – in seinen vielfältigen Erscheinungsformen – zunehmend sichtbar wird und nicht nur als historisches Relikt, sondern als akute Bedrohung im Alltag jüdischer Menschen präsent ist.

Zunehmende Gewalt und vielfältige Erscheinungsformen
Dr. Arnold betont, dass die Anzahl antisemitischer Straftaten im Jahr 2023 gegenüber dem Vorjahr auf das Doppelte gestiegen ist – mit rund 5000 gemeldeten Vorfällen, wobei der Großteil nach dem 7. Oktober verübt wurde. Diese Straftaten umfassen von körperlichen Angriffen über Schmierereien bis hin zu verbalen Beleidigungen ein breites Spektrum. Besonders alarmierend sei, dass sowohl in islamistisch geprägten Milieus als auch in linken Kreisen antisemitische Aktionen zutage traten. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass die extreme Rechte nach wie vor eine besonders gefährliche Quelle antisemitischer Hetze darstellt.

Mythen um „importierten Antisemitismus“ widerlegt
In der öffentlichen Debatte werde häufig der Begriff des „importierten Antisemitismus“ diskutiert. Dr. Arnold stellt klar: Antisemitismus ist kein Importprodukt. Er existiert in Deutschland seit jeher und findet sich in allen gesellschaftlichen Milieus, auch unter Menschen mit Migrationshintergrund oder aus muslimischen Gemeinschaften. Diese pauschale Zuschreibung entwerte zudem die historischen und strukturellen Dimensionen des Phänomens.

Auswirkungen auf jüdische Lebenswirklichkeiten
Die Zunahme antisemitischer Vorfälle hat spürbare Konsequenzen: Viele jüdische Bürgerinnen und Bürger berichten von einem tiefgreifenden Gefühl der Bedrohung und überlegen, Deutschland zu verlassen. Diese Angst erstrecke sich nicht nur auf öffentliche Räume, sondern wirke sich auch im Berufsleben, in Bildungseinrichtungen und an Hochschulen aus. Unterstützungsanfragen bei Beratungsstellen wie der OFEG haben sich nach den jüngsten Vorfällen sogar verzwölfacht.

Handlungsbedarf: Schutz und Bildung
Dr. Arnold unterstreicht den dringenden Bedarf an verstärktem Schutz jüdischer Einrichtungen. Rückblicke auf Vorfälle wie den fehlgeschützten Anschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019 zeigen, dass bestehende Sicherheitskonzepte oft unzureichend sind. Langfristig müsse jedoch vor allem an der gesellschaftlichen und institutionellen Normalisierung antisemitischer Einstellungen gearbeitet werden. Dies gelinge durch umfassende Bildungsarbeit – von der Lehrerinnenausbildung über schulische Programme bis hin zu Maßnahmen in der außerschulischen Bildung.

Die Aussagen Dr. Sina Arnolds machen deutlich: Antisemitismus in Deutschland ist ein vielschichtiges und ernstzunehmendes Problem, das sowohl akut gewalttätige als auch latente Formen annimmt. Es bedarf eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes, der sowohl den Schutz jüdischer Bürgerinnen und Bürger verbessert als auch langfristig durch Bildung und Aufklärung gegen die tief verwurzelten Vorurteile und Stereotypen ankämpft.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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