Erinnerungen an das Militärgefängnis Schwedt

Das Militärgefängnis in Schwedt war das einzige seiner Art in der DDR und ist bis heute ein Ort, der für viele ehemalige Insassen schmerzhafte Erinnerungen weckt. Anders als in der Bundesrepublik gab es in der DDR keine vergleichbaren Einrichtungen, in denen straffällig gewordene Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA) bestraft wurden. Die Insassen des Schwedter Militärgefängnisses hatten entweder eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Arreststrafe von bis zu sechs Monaten zu verbüßen.

Ab 1982 kam eine neue Form der Bestrafung hinzu: der Dienst in einer Disziplinareinheit. Diese Strafe konnte bis zu drei Monate dauern und wurde ohne Gerichtsverfahren verhängt. Delikte wie Diebstahl, Verkehrsunfälle oder Schlägereien, die auch im zivilen Leben vorkommen, konnten zu einer Anklage vor einem Militärgericht führen. Aber auch militärische Vergehen wie Befehlsverweigerung, Angriff auf Vorgesetzte oder Verunglimpfung der Armee wurden streng geahndet. Besonders der Paragraph 307, der den Genuss von Alkohol innerhalb der Kaserne verbot, war für viele Soldaten von Bedeutung.

Der „Verein DDR-Militärgefängnis Schwedt e.V.“ wurde 2013 gegründet, um an das Militärgefängnis in Schwedt zu erinnern und die Geschichten der dort Inhaftierten zu bewahren. Die Idee zur Gründung entstand aus einem Internetforum, in dem ehemalige Gefangene ihre Schicksale teilten. Der Verein hat sich seitdem der Aufgabe verschrieben, den historischen Ort lebendig zu halten und Anlaufstellen für ehemalige Gefangene und ihre Angehörigen zu schaffen. Trotz der Bedeutung dieses Ortes gab es lange Zeit weder ein Museum noch eine Gedenkstätte, die an die dort geschehenen Ereignisse erinnerte.

Der Vorsitzende des Vereins, Detlef Fahle, schildert seine persönlichen Erlebnisse im Militärgefängnis Schwedt. Nach seinem Abitur im Jahr 1982 wurde er zur NVA eingezogen. Obwohl er von der Armee gedrängt wurde, sich für drei Jahre zu verpflichten, weigerte er sich und leistete stattdessen nur den vorgeschriebenen Grundwehrdienst von 18 Monaten ab. Während seiner Zeit in der Armee war Fahle jedoch ständigen Schikanen und Diskriminierungen wegen seiner Homosexualität ausgesetzt. Diese Schikanen gipfelten in einer nächtlichen Morddrohung durch einen betrunkenen Offizier, der mit einer Waffe vor Fahle herumfuchtelte. In einem verzweifelten Moment beschloss Fahle zu fliehen und stahl ein Armeefahrzeug, mit dem er versuchte, in die Freiheit zu entkommen. Doch nach einer Verfolgung durch die Volkspolizei wurde er schließlich festgenommen.

Nach seiner Festnahme verbrachte Fahle mehrere Tage in einer Arrestzelle und wurde wiederholt von Militärstaatsanwälten verhört. Schließlich wurde er zu drei Monaten Dienst in einer Disziplinareinheit im Militärgefängnis Schwedt verurteilt. Der Alltag im Gefängnis war von strenger Disziplin und harter Arbeit geprägt. Der Tagesablauf begann um 4 Uhr morgens mit Frühsport, gefolgt von Reinigungsarbeiten und der Zuweisung zu verschiedenen Arbeitskommandos. Während einige Insassen in Schwedter Betrieben wie der Papier- oder Betonfabrik arbeiteten, war Fahle in der Leuchtenbau-Abteilung tätig, wo er Handlampen montierte.

Die größte Belastung für die Gefangenen war jedoch nicht die körperliche Arbeit, sondern die seelische Qual. Nach der Entlassung mussten sie eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben, die sie dazu verpflichtete, über ihre Erlebnisse im Militärgefängnis zu schweigen. Diese Drohung, bei Verstoß erneut inhaftiert zu werden, führte dazu, dass viele der ehemaligen Insassen auch nach der Wende Schwierigkeiten hatten, über ihre Zeit in Schwedt zu sprechen. Für Fahle und andere Betroffene war dies ein traumatisches Erlebnis, das sie lange Zeit nicht verarbeiten konnten.

Der Verein DDR-Militärgefängnis Schwedt hat es sich zur Aufgabe gemacht, den ehemaligen Insassen und ihren Angehörigen eine Plattform zu bieten, um ihre Geschichten zu erzählen und Unterstützung bei der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zu erhalten. Häufig kommen Angehörige von ehemaligen Gefangenen zum Verein, die sich fragen, warum ihre Ehemänner oder Väter nie über ihre Zeit in Schwedt gesprochen haben. Der Verein bietet diesen Menschen die Möglichkeit, sich mit der Geschichte des Militärgefängnisses auseinanderzusetzen und gegebenenfalls Hilfe bei der Rehabilitierung oder Entschädigung zu erhalten.

Eine Frau, die den Verein kontaktierte, berichtete, dass ihr Mann, der in Schwedt inhaftiert war, sich nie dazu durchringen konnte, über diese Zeit zu sprechen. Mit Hilfe von Zeitzeugenberichten und dem Austausch mit dem Verein gelang es ihr jedoch, einen Zugang zu ihrem Mann und seinen Erlebnissen zu finden. Solche Geschichten zeigen, wie wichtig die Arbeit des Vereins ist, nicht nur für die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch für die Heilung der Wunden, die diese Zeit hinterlassen hat.

Der Verein hilft auch ehemaligen Gefangenen, die kurz vor der Rente stehen und feststellen, dass ihre Rentenansprüche nicht ausreichen. Einige von ihnen haben in der Vergangenheit den Mut gefunden, über ihre Inhaftierung zu sprechen und eine Rehabilitierung zu beantragen. Wenn diese Anträge erfolgreich sind, erhalten die Betroffenen oft eine kleine Rente oder eine Entschädigung, die ihnen hilft, ihren Lebensabend finanziell abzusichern. Für den Verein ist dies eine Bestätigung der wichtigen Arbeit, die sie leisten, um den ehemaligen Gefangenen und ihren Familien zu helfen.

Das Militärgefängnis in Schwedt bleibt ein düsteres Kapitel der DDR-Geschichte, das vielen ehemaligen Insassen auch heute noch schwer auf der Seele liegt. Doch durch die Arbeit des Vereins und den Austausch mit anderen Betroffenen haben viele Menschen die Möglichkeit, ihre Erlebnisse aufzuarbeiten und mit der Vergangenheit Frieden zu schließen. Die Geschichte von Schwedt zeigt, wie tiefgreifend die seelischen Wunden sind, die durch das Schweigen und die Isolation der Gefangenen entstanden sind – und wie wichtig es ist, diese Wunden zu heilen.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl