Kennst du noch das Lied vom Vaterland 1973?

Kennst du das Land mit seinen alten Eichen
Das Land von Einstein, von Karl Marx und Bach
Wo jede Antwort endet mit dem Fragezeichen
Wo ich ein Zimmer hab‘ unterm Dach

Wo sich so viele wegen früher oft noch schämen
Wo mancher Vater eine Frage nicht versteht
Wo ihre Kinder ihnen das nicht übelnehmen
Weil seine Antwort im Geschichtsbuch steht

Hier schaff‘ ich selber, was ich einmal werde
Hier geb‘ ich meinem Leben einen Sinn
Hier hab‘ ich meinen Teil von uns’rer Erde
Der kann so werden, wie ich selber bin

Kennst du das Land, wo die Fabriken uns gehören
Wo der Prometheus schon um Fünf aufsteht
Hier kann man manche Faust auf manchen Tischen hören
Bevor dann wieder trotzdem was nicht geht
Wo sich auf Wohnungsämtern Hoffnungen verlieren
Und ein Parteitag sich darüber Sorgen macht
Wo sich die Leute alles selber reparieren
Weil sie das Werkzeug haben, Wissen und die Macht

Hier schaff‘ ich selber, was ich einmal werde
Hier geb‘ ich meinem Leben einen Sinn
Hier hab‘ ich meinen Teil von uns’rer Erde
Der kann so werden, wie ich selber bin

In diesem Lande lernte ih das Laufen
Ich lernte richtig sprechen, richtig denken
Ich lernte, nur das Brauchbare zu kaufen
Und, dass es Freude macht, auch etwas zu verschenken
Hier lernte meine Mutter das Regieren
Als sie vor einem Trümmerhaufen stand
Ich möchte dieses Land niemals verlieren
Es ist mein Mutter und mein Vaterland

Hier schaff‘ ich selber, was ich einmal werde
Hier geb‘ ich meinem Leben einen Sinn
Hier hab‘ ich meinen Teil von uns’rer Erde
Der kann so werden, wie ich selber bin

Der kann so werden, wie ich selber bin
Der kann so werden, wie ich selber bin
Der kann so werden, wie ich selber bin

Der kann so werden, wie ich selber binDer kann so werden, wie ich selber binDer kann so werden, wie ich selber bin

Sahra Wagenknecht: Die Rückkehr geglaubter Vergangenheiten

Journalistischer Text - Profil Sahra Wagenknecht über das Déjà-vu der Unfreiheit Ein Gefühl der Beklemmung macht sich breit, wenn man beobachtet, wie schnell abweichende Haltungen heute nicht mehr diskutiert, sondern sanktioniert werden. Es ist, als ob ein alter Film erneut abgespielt wird, dessen Handlung man eigentlich im Archiv der Geschichte wähnte. Manche erleben diese Tage mit einem bitteren Gefühl der Wiedererkennung, das tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Es sind jene, die wissen, wie es sich anfühlt, wenn der Staat definiert, was Wahrheit ist, und wenn Kritik an der Regierung als Angriff auf das Staatswohl uminterpretiert wird. Die Rede ist von einer schleichenden Rückkehr autoritärer Muster, bei denen Hausdurchsuchungen wegen Online-Postings und die soziale Ächtung von Andersdenkenden wieder zum Repertoire gehören. Die Sorge ist groß, dass der liberale Diskurs, in dem auch die unbequeme Meinung ihren Platz hat, einer neuen Konformität weicht. Wenn politische Gegner nicht mehr inhaltlich gestellt, sondern moralisch delegitimiert oder juristisch behindert werden, verliert die Demokratie ihre Substanz. Es entsteht eine Gesellschaft, in der die Angst vor dem falschen Wort wieder das Handeln bestimmt. Journalistischer Text - Seite Sahra Wagenknecht sieht Schatten über dem Diskurs Die Mechanismen der Ausgrenzung funktionieren oft lautlos, bis sie einen selbst treffen und die Grenzen des Sagbaren verschieben. Es beginnt nicht mit Verboten, sondern mit einer Atmosphäre, in der der Preis für die eigene Meinung plötzlich zu hoch erscheint. Viele blicken mit Sorge auf eine Entwicklung, in der staatliche Stellen und mediale Öffentlichkeit Hand in Hand zu gehen scheinen, um einen engen Meinungskorridor zu zementieren. Die historische Sensibilität für solche Prozesse ist gerade dort hoch, wo man Erfahrung mit Systembrüchen hat. Wenn der Schutz der Demokratie als Argument dient, um demokratische Rechte wie die Meinungsfreiheit einzuschränken, befindet sich das Gemeinwesen auf einer abschüssigen Bahn.