
Leistung begann in der DDR oft nicht erst auf der Laufbahn, in der Turnhalle oder im Schwimmbecken – sondern bereits im Klassenzimmer. Lehrer, Trainer und Talentsucher hielten Ausschau nach Kindern, die schneller liefen, höher sprangen oder ausdauernder waren als andere. Wer auffiel, wurde zu Sichtungen eingeladen. Für manche öffnete sich damit die Tür zu den Kinder- und Jugendsportschulen, den KJS.
Mit der Aufnahme änderte sich der Alltag vieler Kinder grundlegend. Statt nachmittags mit Freunden unterwegs zu sein, bestimmten Trainingspläne den Tagesablauf. Viele lebten im Internat, oft weit entfernt von ihren Familien. Der Wecker klingelte früh, zwischen Unterricht und Training blieb wenig Zeit für anderes. Schule und Sport waren eng miteinander verzahnt, die Anforderungen hoch.
Nicht jedes Talent schaffte den Sprung an eine KJS, und nicht jeder durfte bleiben. Regelmäßige Leistungsüberprüfungen entschieden darüber, wer weiter gefördert wurde. Neben sportlichen Ergebnissen spielten auch gesundheitliche Voraussetzungen eine Rolle. In einzelnen Fällen konnten später sogar familiäre Verbindungen in den Westen Auswirkungen auf die sportliche Laufbahn haben.
Für viele ehemalige KJS-Schüler sind die Erinnerungen bis heute widersprüchlich. Einige erzählen von guter Förderung, engen Freundschaften und Erlebnissen, die sie ohne den Sport nie gehabt hätten. Andere erinnern sich an Leistungsdruck, Heimweh und das Gefühl, schon als Jugendliche ständig bewertet zu werden.
Die Bilanz des Systems lässt sich bis heute an den Medaillenspiegeln vergangener Olympischer Spiele ablesen. Gemessen an ihrer Einwohnerzahl gehörte die DDR über Jahre zu den erfolgreichsten Sportnationen der Welt. Hinter den Zahlen standen jedoch Tausende Kinder und Jugendliche, deren Alltag sich früh dem Leistungssport unterordnete.
Auch nach dem Ende der DDR blieb die Idee erhalten, Schule und Spitzensport eng miteinander zu verbinden. Sportgymnasien und Eliteschulen des Sports knüpfen bis heute an dieses Prinzip an – wenn auch unter anderen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen.