Das Stasi-Unterlagen-Archiv Gera – Vom Überwachungszentrum zum Erinnerungsort


Als die Mitarbeiter der Staatssicherheit im Oktober 1989 ihren neuen Dienstsitz in der Hermann-Drechsler-Straße in Gera bezogen, ahnte kaum jemand, wie kurz die Zukunft dieses Gebäudes als Machtzentrale noch sein würde. Nur wenige Wochen später geriet die DDR ins Wanken, Bürger gingen auf die Straße, und auch die Arbeit der Stasi näherte sich ihrem Ende.

Heute befindet sich in dem Gebäudekomplex „Untermhäuser Karree“ das Stasi-Unterlagen-Archiv Gera. Hinter den Türen lagern auf rund 4.200 Regalmetern die Akten der ehemaligen Bezirksverwaltung und ihrer elf Kreisdienststellen. Dazu kommen etwa 1,6 Millionen Karteikarten, mehr als 27.500 Fotografien und rund 13.700 Tonaufzeichnungen. Viele dieser Bänder dokumentieren Gespräche, die einst heimlich über Telefonleitungen mitgeschnitten wurden.

Zwischen den geordneten Aktenbeständen finden sich auch Zeugnisse der letzten Tage des Apparates. In 430 Säcken lagern zerrissene Dokumente, die Mitarbeiter der Staatssicherheit im Winter 1989/90 hastig vernichteten. Die Papierschnipsel erzählen von einer Zeit, in der viele versuchten, Spuren zu beseitigen, während draußen bereits über die Zukunft des Landes diskutiert wurde.

Für manche Besucher beginnt im Archiv eine sehr persönliche Reise. Wer heute Einsicht in seine Unterlagen beantragt, hält oft zum ersten Mal Schwarz auf Weiß in den Händen, wer Berichte schrieb, welche Beobachtungen notiert wurden oder welche Gespräche Interesse der Staatssicherheit geweckt hatten.

Nur wenige Gehminuten entfernt erinnert das Torhaus der ehemaligen politischen Haftanstalt am Amthordurchgang an die Folgen dieser Überwachung. Mehr als 2.800 Menschen waren hier aus politischen Gründen inhaftiert. Der Zellentrakt wurde 1999 abgerissen. Seit 2005 hält eine Gedenk- und Begegnungsstätte die Erinnerung an die Schicksale der Betroffenen wach.

Der Umgang mit dieser Vergangenheit fällt bis heute unterschiedlich aus. Viele ehemalige Stasi-Mitarbeiter sprechen nur selten öffentlich über ihre damalige Tätigkeit. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte der frühere Geraer Stasi-Major Bernd Roth, der sich in persönlichen Gesprächen mit Betroffenen seiner eigenen Geschichte stellte.

So stehen die Gebäude heute für zwei Seiten derselben Vergangenheit: Hier wurden einst Informationen gesammelt und Menschen überwacht. Heute suchen Besucher nach Antworten auf Fragen, die oft Jahrzehnte offen geblieben sind.