Es gibt Sätze, die sind größer als der Moment, in dem sie ausgesprochen wurden. Esther Bejarano, die Überlebende des Mädchenorchesters von Auschwitz, hat uns einen solchen Satz hinterlassen. Er war ihr Vermächtnis an die Jugend, gerichtet auf die dunkelste Stunde der Menschheit. Doch Wahrheiten haben die Eigenschaft, dass sie sich nicht eingrenzen lassen.
Wenn wir Bejaranos Satz heute lesen, und wir trauen uns, ihn auf unsere jüngere deutsche Geschichte zu legen – auf die 40 Jahre der DDR – dann entfaltet er eine Wucht, die uns gerade im Osten Deutschlands immer noch, oder wieder, unangenehm sein dürfte.
„Ihr seid nicht schuldig für das, was damals geschehen ist.“
Das ist der erste Teil. Er ist eine Absolution. Und wie dringend wird diese gehört! Er richtet sich an die Enkelgeneration, die die DDR nur aus Erzählungen kennt. Er richtet sich an diejenigen, die damals Kinder waren, behütet in der Nische. Er sagt: Du musst dich nicht entschuldigen. Nicht für die Mauer, nicht für den Schießbefehl, nicht dafür, dass deine Eltern vielleicht in der Partei waren, um dir das Abitur zu ermöglichen. Es gibt keine „Erbschuld“ für das Leben in einer Diktatur. Niemand muss sich schämen, eine glückliche Kindheit im Plattenbau gehabt zu haben. Das System DDR war euer Startpunkt, nicht euer Verbrechen.
Doch dann kommt das Aber. Und dieses Aber wiegt schwer.
„Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts von dieser Geschichte wissen wollt.“
Hier endet die Absolution und die Verantwortung beginnt. Und genau hier sind wir an einem wunden Punkt unserer heutigen Debattenkultur angekommen. Denn „nichts wissen wollen“ hat viele Gesichter.
In Bezug auf die DDR heißt „nichts wissen wollen“ oft: Wir machen es uns gemütlich in der Erinnerung. Es ist der Rückzug auf die Spreewaldgurke, das Ampelmännchen und den solidarischen Zusammenhalt im Kollektiv. Das ist menschlich verständlich, denn wer will schon, dass die eigene Biografie nur aus Grau in Grau besteht?
Aber wer an diesem Punkt stehen bleibt, wer beim Satz „Es war ja nicht alles schlecht“ das Gespräch beendet, der macht sich schuldig im Sinne Bejaranos.
Schuldig woran? An der Ignoranz gegenüber denjenigen, für die dieses System die Hölle war.
„Wissen wollen“ bedeutet Schmerz. Es bedeutet, anzuerkennen, dass der nette Nachbar von nebenan vielleicht als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) Berichte schrieb, die eine andere Familie zerstörten. Es heißt, sich den Biografien derer zu stellen, die in Bautzen oder Hoheneck saßen, nur weil sie anders dachten oder das Land verlassen wollten. Es bedeutet, nicht wegzuschauen, wenn es um Zwangsadoptionen geht, um staatlich verordnetes Doping an Minderjährigen oder um Menschen, die von der Bundesrepublik freigekauft werden mussten wie Ware.
Wer heute sagt: „Lass mich damit in Ruhe, das ist lange her“, der verhöhnt die Opfer ein zweites Mal. Er verweigert ihnen die Anerkennung ihres Leids.
Wir leben in Zeiten, in denen Diktaturen wieder attraktiv erscheinen und der Ruf nach dem „starken Staat“ lauter wird. Gerade deshalb ist Bejaranos Satz so brennend aktuell für die Aufarbeitung der DDR. Wer nicht wissen will, wie ein Staat funktioniert, der seine Bürger überwacht und einsperrt, der läuft Gefahr, die Freiheit für selbstverständlich zu halten.
Die DDR war kein Konzentrationslager. Der Vergleich verbietet sich historisch. Aber die Mechanik des Vergessens, vor der Bejarano warnte, die ist dieselbe.
Wir tragen keine Schuld an der Vergangenheit. Aber wir tragen die volle Verantwortung dafür, wie wir uns an sie erinnern. Wir haben die Wahl: Wollen wir die Geschichte weichzeichnen, bis sie zur harmlosen Anekdote verblasst? Oder haben wir den Mut, genau hinzusehen? Nur Letzteres schützt uns davor, Fehler zu wiederholen.
Wir müssen wissen wollen. Auch wenn es wehtut.