Im Frühjahr 1990 suchte die Nachfolgepartei der SED in einer radikal veränderten politischen Landschaft nach einer neuen Rolle, die zwischen totaler Ablehnung und der Hoffnung auf Stabilität schwankte.
Wenige Wochen vor der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 befand sich die Deutsche Demokratische Republik in einem Zustand der politischen und gesellschaftlichen Auflösung. In diesem Vakuum vollzog sich der Versuch einer Transformation, der für viele Beobachter kaum vorstellbar schien. Die einstige Staatspartei SED, die über vier Jahrzehnte den Machtanspruch monopolisiert hatte, versuchte unter dem neuen Namen PDS den Weg in den parlamentarischen Wettbewerb.
Die Ausgangslage für diesen Wahlkampf war von einem dramatischen Aderlass geprägt. Von den einst 2,3 Millionen Mitgliedern, die die Partei noch im Herbst 1989 zählte, waren im Frühjahr 1990 nur noch rund 500.000 verblieben. Dieser massive Mitgliederschwund erzwang eine radikale Schrumpfung des Apparates. Die Strukturen, die einst jeden Winkel der Gesellschaft durchdrungen hatten, wurden auf etwa zwölf bis 15 Prozent ihres ursprünglichen Umfangs reduziert.
In dieser Phase des strukturellen Rückbaus setzte die Partei auf einen personellen und inhaltlichen Neuanfang, der sich vor allem in einer Person manifestierte: Gregor Gysi. Der Rechtsanwalt, der in der Vergangenheit auch Oppositionelle verteidigt hatte, diente als unbelastetes Aushängeschild. Er stand im scharfen Kontrast zur greisen Führungsriege um Erich Honecker und Erich Mielke, die in Wandlitz isoliert gelebt hatten. Gysi inszenierte sich als nahbarer Politiker, der Autogramme schrieb und den direkten Kontakt suchte.
Die Strategie zielte darauf ab, die PDS als eine moderne, demokratisch-sozialistische Kraft zu etablieren, die sich glaubhaft von den stalinistischen Mechanismen der Vergangenheit distanzierte. Doch die Realität des Wahlkampfes im März 1990 zeigte ein tief gespaltenes Land. Die Partei operierte in einem Umfeld extremer Polarisierung. Während die PDS versuchte, mit neuer Programmatik zu werben, schlug ihr auf offenen Plätzen oft blanker Hass entgegen.
Für einen großen Teil der Bevölkerung war die Umbenennung lediglich Kosmetik. Die Erinnerung an Misswirtschaft, Bevormundung und Repression war zu frisch, als dass ein neues Logo das Vertrauen hätte wiederherstellen können. In den Industriezentren, wie etwa in Karl-Marx-Stadt, das sich bereits auf die Rückbenennung in Chemnitz vorbereitete, dominierten Wut und der Wunsch nach einem schnellen Anschluss an die Bundesrepublik. Plakate der PDS wurden vielerorts abgerissen oder überklebt.
Dennoch gab es ein Milieu, das für die Botschaften der neu formierten Partei empfänglich war. In der Unsicherheit des Umbruchs positionierte sich die PDS als Anwalt jener, die eine überstürzte Vereinigung fürchteten. Sie sprach gezielt jene an, die die Errungenschaften der DDR-Biografie gewahrt sehen wollten und sich vor einem sozialen Absturz ängstigten. Für diese Wählergruppe bot die Partei eine Form von politischer Heimat und versprach Stabilität in unübersichtlichen Zeiten.
Der Wahlkampf der PDS fand daher oft in einer Art Wagenburg-Mentalität statt. Veranstaltungen wurden häufig in geschlossene Räume verlegt, um Konfrontationen zu vermeiden. In Städten wie Gera zeigte sich, dass die Partei zwar ihre verbliebene Basis mobilisieren konnte, der Schritt in die breite Öffentlichkeit jedoch riskant blieb. Die Stimmung in den Betrieben, etwa im Fritz-Heckert-Kombinat, spiegelte die Skepsis der Arbeiterschaft wider, die sich von den alten Kadern betrogen fühlte.
Historisch betrachtet markiert dieser Zeitraum im März 1990 einen Wendepunkt. Es war der Moment, in dem die einstige Staatspartei lernen musste, als eine von vielen politischen Kräften um Zustimmung zu werben, ohne auf den Sicherheitsapparat zurückgreifen zu können. Der Wahlkampf legte offen, dass der organisatorische Umbau der Partei zwar schnell vollzogen werden konnte, die gesellschaftliche Aufarbeitung der SED-Herrschaft jedoch gerade erst begonnen hatte.