Er ist einer von ihnen, und doch hassen sie ihn: Ilko-Sascha Kowalczuk. In den Kommentarspalten zu seiner Arbeit entlädt sich nicht nur Kritik an einem Buch, sondern der aufgestaute Frust über 30 Jahre Einheitsgeschichte. Eine Analyse der digitalen Wut.
Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt: Über 30 Jahre nach dem Mauerfall tobt in den sozialen Netzwerken ein erbitterter Kampf um die Deutungshoheit der DDR-Geschichte. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk dient dabei als Blitzableiter für eine Generation, die sich zwischen „Diktatur-Gedächtnis“ und „Nischen-Glück“ zerrissen fühlt.
Es ist ein Satz, der wie ein Zündfunke in einem Pulverfass wirkt: „Manche Genossen… halten es immer noch nicht aus, wenn man ihnen den Spiegel vorhält.“ So beginnt ein Facebook-Thread über den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Was folgt, ist keine nüchterne historische Debatte, sondern eine digitale Eruption, die exemplarisch für den Zustand der „Inneren Einheit“ steht. Wer durch die hunderte Kommentare scrollt, blickt direkt in das offene Nervensystem der ostdeutschen Identität.
Kowalczuk, selbst Ostdeutscher, hat sich mit seiner kompromisslosen Aufarbeitung der SED-Diktatur viele Feinde gemacht. Seine Werke stoßen verlässlich heftige Diskussionen an – sei es „Die Übernahme“ oder sein 2024 erschienenes Buch „Freiheitsschock“, das eine „andere Geschichte Ostdeutschlands“ erzählt. Dass er erst kürzlich, im Jahr 2025, mit dem Karl-Wilhelm-Fricke-Preis der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ausgezeichnet wurde, bestätigt für seine Kritiker nur das Feindbild.
In der Echokammer der Kommentarspalten wird er nicht als honoriger Wissenschaftler wahrgenommen, sondern als Verräter an der kollektiven Biografie. Die Angriffe sind persönlich und hochemotional. Er wird als „ekelhafter Wichtigtuer“ tituliert, der seine eigene Biografie vergolden will, indem er „17 Millionen andere Biografien verheizt“. Ein Kommentator nennt ihn gar den „ostdeutschen Onkel Tom“ – ein Vorwurf, der schwer wiegt: Kowalczuk wird als jemand dargestellt, der dem westdeutschen Mainstream nach dem Mund redet, um Applaus und Tantiemen zu ernten.
Hier verläuft der tiefste Graben dieser Debatte. Auf der einen Seite steht Kowalczuks These: „Wir haben mehr oder weniger Tag für Tag unter der Mauer gelitten.“ Auf der anderen Seite steht die gelebte Erinnerung an Schrebergärten, Familienfeiern und berufliche Erfolge, die diesen Leidensdruck so nicht abspeicherte. „Ich habe nicht jeden Tag unter der Mauer gelitten“, schreibt eine Nutzerin fast trotzig als direkte Replik. Ein anderer erzählt von Großeltern in Eisenach, die Haus, Auto und ein gutes Speiselokal besaßen. Diese Erzählungen dienen als Schutzschild. Die Logik dahinter ist menschlich und verständlich: Wenn der Staat ein „Drecksstaat“ war, was war dann mein Leben darin wert? Die Kritik an der Diktatur wird von vielen als direkter Angriff auf die eigene Lebensleistung empfunden. „Hatte der Typ keine Pläne? Wir haben uns ein Zuhause geschaffen“, entgegnet ein Kommentator. Das Narrativ vom „Arrangement-Gedächtnis“ dominiert: Man richtete sich in der Nische ein, ignorierte die Politik und lebte gut. Wer heute von täglichem Leid spricht, stört diesen Frieden im Rückspiegel massiv.
Interessant wird es, wenn die Emotionen auf die konkrete Biografie Kowalczuks treffen. Die Debatte entzündet sich an Details wie dem Zugang zur Erweiterten Oberschule (EOS) oder seiner beruflichen Laufbahn. Kommentatoren zweifeln seine Darstellung an: „Als Baufacharbeiter hat er sich rumgeschlagen. Aha, ja nee is klar“, ätzt ein Nutzer, während andere behaupten, für die EOS habe allein der Notendurchschnitt von 1,7 gezählt. Doch Kowalczuks Vita ist das beste Beispiel für die politische Willkür, die seine Kritiker oft ausblenden.
Als 14-jähriges Kind wollte er noch NVA-Offizier werden. Als er diesen Entschluss nur ein Jahr später widerrief, bekam er die Härte des Systems zu spüren: Ihm wurde der Zugang zur EOS verwehrt. Es folgte der Bruch mit Elternhaus, Schule und Staat. Tatsächlich schlug er sich bis zur Wende mit einer Lehre zum Baufacharbeiter und als Pförtner durch – genau jene Jobs, die ihm in den Kommentaren als Unglaubwürdigkeit ausgelegt werden. Sein Abitur holte er an der Abendschule nach, Freunde fand er in der Evangelischen Kirche, bevor er sich aktiv an der Friedlichen Revolution beteiligte und ab 1990 Geschichte studierte. Es ist ein Ringen um die Deutungshoheit: War es politische Gängelung oder einfach nur schulisches Unvermögen? Diese Detailversessenheit zeigt, wie tief die Mechanismen des Staates in die individuellen Biografien eingegriffen haben.
Die Befürworter Kowalczuks – in diesem Thread in der Minderheit – versuchen, die systemische Ebene zu retten. Sie argumentieren, dass ein „sich gemütlich Einrichten“ die Unfreiheit nicht ungeschehen macht. „Ein Staat, der seine Menschen einsperrt, ist sehr wohl eine Diktatur“, schreibt eine Nutzerin. Sie sehen in der Wut der anderen genau jenen Beweis für Kowalczuks Thesen: Die Verdrängung funktioniert nur so lange, bis jemand den Finger in die Wunde legt. Doch oft endet die Diskussion im „Whataboutism“. Die Unzulänglichkeiten der DDR werden mit der Unzufriedenheit in der heutigen Bundesrepublik verrechnet. „Unser jetziges Ordnungssystem ist auch nur eine Fassade“, heißt es dann. Die DDR wird im Nachhinein rehabilitiert, indem die Gegenwart abgewertet wird.
Die Analyse dieser Facebook-Diskussion offenbart ein Dilemma: Es gibt im Osten Deutschlands keine einheitliche Erinnerung. Es gibt das Diktatur-Gedächtnis, das Repression und Unfreiheit betont, und das Arrangement-Gedächtnis, das Normalität und sozialen Zusammenhalt in den Vordergrund stellt. Ilko-Sascha Kowalczuk steht genau auf dieser Bruchlinie. Für die einen ist er der notwendige Aufklärer, der schmerzhafte Wahrheiten ausspricht und dessen Bücher über eine Geschichte handeln, über die „noch lange nicht alles gesagt ist“. Für die anderen ist er der Eindringling, der die wohlbehütete Erinnerung an ein „ganz normales Leben“ beschmutzt. Solange diese beiden Wahrnehmungen nicht koexistieren können, ohne sich gegenseitig die Legitimität abzusprechen, wird die „Mauer in den Köpfen“ weiterbestehen.