Was als prestigeträchtiges Projekt geplant war, entwickelte sich auf einem veralteten Frachter zu einem ungeahnten Spiegelbild ostdeutscher Realitäten.
Im Sommer 1974 stach ein Schiff von Rostock aus in See, das eigentlich längst hätte ausgemustert werden sollen. Die „J.G. Fichte“, ein ehemaliger französischer Truppentransporter, war laut, rostig und klimatisch eine Herausforderung. Dennoch wurde dieser Frachter zum Schauplatz einer der nachhaltigsten Produktionen des DDR-Fernsehens. Die Serie „Zur See“ sollte den Alltag der Handelsmarine abbilden, doch die Umstände ihrer Entstehung erzählen eine ebenso dichte Geschichte über die DDR jener Jahre wie das Drehbuch selbst. Es war ein Zusammentreffen von kulturellem Auftrag, politischer Überwachung und der Sehnsucht nach einer Welt, die für die meisten Zuschauer unerreichbar blieb.
Die Wahl des Schiffes folgte dabei weniger ästhetischen als pragmatischen Gesichtspunkten. Ursprünglich hatten die Verantwortlichen geplant, ein modernes Schiff der „Deutschen Seereederei“ zu nutzen, um den technologischen Fortschritt des Sozialismus repräsentativ ins Bild zu setzen. Doch moderne Frachter boten schlichtweg keinen Platz für ein dreißigköpfiges Filmteam. So wich man auf den „Seelenverkäufer“ Fichte aus, auf dem Schauspieler und Crew in engen Kabinen zusammenrückten. Diese räumliche Enge erzwang eine soziale Durchmischung, die für die Authentizität der Serie entscheidend wurde. Die Distanz zwischen den „Filmfritzen“ und den echten Seeleuten wich bald einer pragmatischen Kameradschaft, die sich nicht zuletzt in gemeinsamen Abenden und dem improvisierten Mischgetränk „Krempel“ manifestierte.
Doch die scheinbare Freiheit auf dem Ozean blieb eine Illusion. Auch fernab der Landesgrenzen reiste der Staat mit. Die politische Kontrolle begann lange vor dem Ablegen. Jeder Beteiligte, vom Hauptdarsteller bis zum Beleuchter, musste eine kaderpolitische Überprüfung durchlaufen. Westverwandtschaft galt dabei paradoxerweise oft als Vorteil, da sie als Pfand gegen eine mögliche Republikflucht angesehen wurde. Die Route selbst war streng reglementiert. Das Anlaufen kapitalistischer Häfen war untersagt, selbst der Nord-Ostsee-Kanal auf der Rückreise tabu. Als ein Maschinenschaden das Schiff zwang, im dänischen Aalborg anzulegen, durfte die Crew nur unter strengen Auflagen und mit minimalen Devisen an Land gehen. Diese Episode verdeutlicht den ständigen Spagat zwischen dem Anspruch, Weltläufigkeit zu demonstrieren, und der Angst des Systems vor dem tatsächlichen Kontakt mit dem Westen.
Die Serie selbst bezog ihre Kraft aus einer Realitätsnähe, die im DDR-Fernsehen nicht immer selbstverständlich war. Viele Drehbücher basierten auf tatsächlichen Logbuch-Einträgen. Die berühmte Szene, in der der leitende Ingenieur bei schwerem Seegang einen Kolben repariert, bildete einen realen Vorfall ab. Diese handwerkliche Genauigkeit, verkörpert durch Schauspieler wie Günter Naumann oder Horst Drinda, verlieh der Produktion eine Glaubwürdigkeit, die beim Publikum auf Resonanz stieß. Man sah hier arbeitende Menschen, keine glamourösen Statisten. Es war diese Erdung, die den West-Berliner Produzenten Wolfgang Rademann später inspirierte, das Format zu adaptieren, wenngleich er für sein „Traumschiff“ den Arbeitsalltag fast vollständig durch Erholung und Luxus ersetzte.
Für die DDR-Bürger bot „Zur See“ eine Fluchtmöglichkeit im eigenen Wohnzimmer. In einer Gesellschaft, deren Bewegungsfreiheit an der Mauer endete, fungierte die Serie als Fenster zur Welt. Die Darstellung von Kuba oder südamerikanischen Märkten stillte ein Fernweh, das real nicht befriedigt werden konnte. Dass dabei Havanna teilweise in brandenburgischen Wäldern oder bulgarischen Studios nachgebaut wurde, tat der Wirkung keinen Abbruch. Die Illusion funktionierte, weil sie sich an realen Sehnsüchten nährte.
Rückblickend erscheint die Produktion auf der „J.G. Fichte“ als ein Mikrokosmos der DDR-Gesellschaft der 1970er Jahre. Man arrangierte sich mit den materiellen Unzulänglichkeiten, feierte Feste, um den Alltag erträglicher zu machen, und navigierte vorsichtig durch die politischen Vorgaben. Die Schauspieler, die für Wochen Teil der Besatzung wurden, spielten nicht nur Rollen, sie lebten eine Variante der ostdeutschen Realität unter verschärften Bedingungen. Der Erfolg der Serie lag vielleicht genau darin begründet, dass sie trotz aller Inszenierung einen Kern von Wahrheit bewahrte, den das Publikum instinktiv erkannte.