Der Aufruf der Widerstandskämpfer im Dezember 1989

Am Morgen des 21. Dezember 1989, nur wenige Tage vor dem ersten Weihnachtsfest nach dem Fall der Mauer, lesen die Abonnenten der Jungen Welt einen Appell, der inmitten der politischen Auflösung vor rechten Gefahren warnt und zur Rettung der DDR als antifaschistischer Staat aufruft.

In jenen turbulenten Wochen befindet sich die DDR in einem Schwebezustand. Die Grenzen sind offen, die Macht der SED ist gebrochen, und am Runden Tisch wird über die Zukunft verhandelt. Genau in diesem Moment meldet sich das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer zu Wort. Ihr Aufruf liest sich wie ein letzter Versuch, die Deutungshoheit über die Geschichte und die moralische Legitimation des Staates zurückzugewinnen, indem man an die Wurzeln der DDR erinnert.

Bemerkenswert offen spricht der Text ein Phänomen an, das in der offiziellen Lesart des Staates lange Zeit keinen Platz hatte. Es wird vor „neonazistischen Umtrieben“ gewarnt, die in Stadt und Land zunehmen würden. Für den Leser der damaligen Zeit muss dies wie ein Schock, aber auch wie eine Bestätigung der eigenen Beobachtungen gewirkt haben. Das Eingeständnis, dass der Faschismus eben nicht mit der Wurzel ausgerottet war, dient hier jedoch als Argument, die DDR als Schutzmacht zu erhalten.

Der Begriff des Antifaschismus wird in diesem Dokument zu einem „Programm der Hoffnung“ stilisiert. Während auf den Straßen die Rufe nach der D-Mark und der Wiedervereinigung immer lauter werden, versuchen die Verfasser, einen „Dritten Weg“ zu skizzieren. Sie appellieren an jene Bürger, die zwar Reformen wünschen, aber die Eigenständigkeit der DDR bewahren wollen. Es ist der Versuch, humanistische Grundwerte gegen den drohenden Ausverkauf und die politische Unsicherheit in Stellung zu bringen.

Aus heutiger Sicht wirkt dieser Aufruf wie ein Dokument des Scheiterns, aber auch der tragischen Fehleinschätzung der Stimmungslage. Die Ideale, die hier beschworen werden, hatten für die breite Masse ihre Bindekraft längst verloren. Die Hoffnung der Verfasser, durch eine Rückbesinnung auf den Gründungsmythos eine gesellschaftliche Kraft zu reaktivieren, sollte sich in den darauffolgenden Monaten und bei den Wahlen im März 1990 nicht erfüllen.

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