Der letzte Versuch: Wie aus der Staatspartei die SED-PDS wurde

Es ist ein kühles Wochenende im Dezember 1989 in Berlin, an dem sich das Schicksal der einst allmächtigen Staatspartei entscheiden soll. Die Atmosphäre im Tagungsgebäude ist geladen, eine Mischung aus Existenzangst und trotzigem Aufbruchswillen liegt in der Luft. Während auf den Straßen der DDR die Rufe nach Wiedervereinigung immer lauter werden, versammeln sich die Delegierten zu einem außerordentlichen Parteitag, der später als historischer Wendepunkt in die Geschichtsbücher eingehen wird. Es geht nicht mehr um den alleinigen Machtanspruch, sondern um das nackte politische Überleben in einem Land, das sich rasant verändert.

In einer geschlossenen Sitzung ringen die Anwesenden um ihre Identität. Der Name „SED“ ist für viele Bürger unwiderruflich verbrannt, verbunden mit Unrecht und Misswirtschaft. Doch eine komplette Aufgabe der eigenen Wurzeln wagen die Delegierten noch nicht. Mit großer Mehrheit entscheiden sie sich für einen Kompromiss, der den Übergang markieren soll: Die Partei wird „bis auf weiteres“ den Doppelnamen SED-PDS tragen. Es ist der Versuch, die alte Stammwählerschaft nicht zu verprellen und gleichzeitig ein Signal der Erneuerung an die kritische Öffentlichkeit zu senden.

Im Zentrum dieses Sturms steht Gregor Gysi. Der Rechtsanwalt, der nun als Parteivorsitzender die Geschicke lenkt, wählt in seinem Referat „Zu aktuellen Aufgaben der Partei“ Worte, die sich deutlich vom hölzernen Politik-Sprech der Honecker-Ära abheben. Er malt das Gespenst eines „politischen Vakuums“ an die Wand, das entstehen könnte, wenn sich die Linken zurückziehen. Gysi appelliert an den Kampfgeist der Genossen: Man müsse verhindern, dass „rechte Kräfte“ diesen Raum besetzen. Seine Rhetorik zielt darauf ab, die Reihen zu schließen und den demoralisierten Mitgliedern neuen Mut einzuhauchen.

Inhaltlich vollzieht die Partei eine Gratwanderung. Das neu verabschiedete vorläufige Statut definiert die SED-PDS weiterhin als „marxistische sozialistische Partei“, versucht aber gleichzeitig, sich von den Fehlern der Vergangenheit zu distanzieren. Man schwört dem „administrativ-bürokratischen Sozialismus“ ab und wirbt für einen „neuen menschlichen, demokratischen Sozialismus“. Es ist das Bekenntnis zu einer Utopie jenseits von stalinistischer Unterdrückung und kapitalistischer Profitwirtschaft, ein dritter Weg, der in der Theorie verlockend klingt, aber in der Realität des Winters 1989 auf harte Skepsis stößt.

Ein zentraler Punkt der neuen Strategie ist das unbedingte Festhalten an der Eigenstaatlichkeit der DDR. Die Delegierten verabschieden einen Appell, der die „soziale Sicherheit unserer Werktätigen“ eng mit der Existenz des Staates verknüpft. Die Botschaft ist klar: Wer die DDR aufgibt, gibt auch den sozialen Schutzschirm auf. Damit positioniert sich die SED-PDS als Anwalt derer, die im schnellen Wandel unter die Räder zu kommen fürchten. Stabilität und Frieden in Europa, so die Argumentation, hingen vom Fortbestand des zweiten deutschen Staates ab.

Trotz der massiven Proteste im Land gibt sich die Parteiführung keineswegs geschlagen oder bereit für die Oppositionsbank. „Wir sind nicht so schwach, wie manche glauben“, ruft Gysi den Delegierten zu. Die Partei signalisiert offen ihre Bereitschaft, weiterhin Regierungsverantwortung zu tragen. Man ist bereit für Koalitionen mit allen Kräften, die ebenfalls die Eigenstaatlichkeit der DDR bewahren wollen. Es ist eine Kampfansage für den beginnenden Wahlkampf, der zeigen soll, wie viel Rückhalt die gewendete Partei im Volk noch besitzt.

Der Parteitag endet am Sonntagnachmittag mit der Verabschiedung des Gysi-Referats als Arbeitsgrundlage. Einmütig werden Positionspapiere und Appelle beschlossen, die den Weg in die Zukunft weisen sollen. Was an diesem Wochenende in Berlin geschieht, ist der Versuch einer Operation am offenen Herzen: Die Umwandlung eines starren Machtapparats in eine wettbewerbsfähige Partei des demokratischen Sozialismus. Ob dieser Spagat gelingen kann, werden erst die kommenden Monate und die freien Wahlen im Frühjahr 1990 zeigen.

Staatliche Repression und ihre Folgen für zwei Ost-Biografien

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal entscheidet ein einziger Tag darüber, ob man Opfer oder Täter wird, wenn ein Staat beschließt, dass man nicht mehr dazugehört. Teaser: Nadja Klier war 15 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlor. Nicht freiwillig, sondern durch staatlichen Zwang. Als Tochter der Bürgerrechtlerin Freya Klier wurde sie 1988 über Nacht aus ihrem Leben in Ost-Berlin gerissen und in den Westen abgeschoben. Was politisch wie eine Lösung aussah, war für die Jugendliche ein traumatischer Bruch: keine Freunde mehr, keine vertraute Umgebung, nur Fremde. Zur gleichen Zeit saß Ingo Hasselbach in einem DDR-Gefängnis. Er war als „Rowdy“ verhaftet worden, weil er gegen sein linientreues Elternhaus rebellierte. Doch statt ihn zu brechen, formte ihn der Knast neu. In den Zellen traf er auf Alt-Nazis, die den jungen Mann radikalisierten. Der Hass auf den SED-Staat wurde zum Motor für eine neue, rechtsextreme Ideologie. Während Nadja im Westen versuchte, Boden unter den Füßen zu bekommen, bereitete sich Hasselbach darauf vor, im Machtvakuum der Wendezeit Neonazi-Strukturen aufzubauen. Es sind zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Ursprung haben. Sie erzählen von der Unbarmherzigkeit eines Systems, das keine Abweichung duldete, und von den langen Schatten, die diese Erziehungsmethoden bis heute werfen. Die Narben bleiben sichtbar, auch wenn die Mauern längst gefallen sind. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Dass Gefängnisse in der DDR oft als Brutstätten für Rechtsextremismus fungierten, widersprach der offiziellen Staatsdoktrin, war aber bittere Realität. Teaser: Die Biografien von Nadja Klier und Ingo Hasselbach stehen exemplarisch für das Versagen der DDR-Pädagogik und die Härte des staatlichen Zugriffes. Während Klier als Jugendliche 1988 zwangsausgesiedelt wurde, weil ihre Mutter Freya Klier Reformen forderte, durchlief Hasselbach eine Radikalisierung im Strafvollzug. Historisch interessant ist hierbei der Mechanismus der Haftanstalten. Hasselbach, ursprünglich wegen unpolitischer Delikte („Rowdy“) inhaftiert, kam dort in Kontakt mit NS-Kriegsverbrechern. Der staatlich verordnete Antifaschismus verhinderte eine offene Auseinandersetzung mit diesem Phänomen; stattdessen wuchs im Verborgenen eine Szene heran, die nach 1989 gewaltbereit das öffentliche Bild dominierte. Hasselbachs Weg vom Häftling zum Anführer der „Nationalen Alternative“ und sein späterer Ausstieg über EXIT-Deutschland zeichnen diese Entwicklung präzise nach. Es zeigt sich, wie staatliche Repression Dynamiken freisetzen kann, die später kaum noch kontrollierbar sind. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Eine Abschiebung ist kein Umzug, und ein Gefängnis ist keine Schule – beides sind Orte, an denen Biografien brechen. Teaser: Wir sprechen oft über die Wende als Moment der Befreiung. Für Nadja Klier war das Jahr 1988 bereits das Ende ihrer Kindheit, erzwungen durch die Ausbürgerung aus der DDR. Für Ingo Hasselbach waren die Wendejahre der Startschuss für organisierte Gewalt. Diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Radikalisierung wirft Fragen auf. Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass der Staat manche Kinder vertrieb und andere zu Extremisten erzog? Die Aufarbeitung dieser individuellen Brüche ist oft komplexer als die rein historische Betrachtung von Daten und Fakten. Die Spuren dieser Jahre verblassen nur langsam.