Urlaubsschein für die Dauerwelle: DDR-Alltag 1986

Ein Rückblick auf den September 1986: Das DDR-Magazin „Prisma“ deckt auf, warum Bewohner in der Altmark ganze Urlaubstage opfern müssen, um sich die Haare schneiden zu lassen – und wie Bürokratie und fehlender Wille das Leben auf dem Land erschweren.

Es ist September 1986. In Berlin (Ost) feiert man die Errungenschaften des Sozialismus, doch in der tiefen Provinz der Altmark haben die Bürger ganz andere Sorgen. Wer hier schick aussehen will, braucht vor allem zwei Dinge: Zeit und Mobilität.

In einer bemerkenswerten Ausgabe des kritischen DDR-Fernsehmagazins „Prisma“ wird ein Missstand dokumentiert, der heute kaum vorstellbar erscheint: Der „Urlaubstag für den Frisörtermin“. Der Beitrag ist ein Zeitzeugnis der Mangelwirtschaft im Dienstleistungssektor und zeigt den täglichen Kampf der Landbevölkerung gegen den Schwund an Lebensqualität.

Die Reise zur Dauerwelle
„Ich muss entweder nach Osterburg fahren oder nach Stendal“, klagt eine Einwohnerin aus Hindenburg im Bezirk Magdeburg in die Kamera. Hindenburg, ein 500-Seelen-Dorf, hatte einst zwei Friseursalons. Der letzte Meister schloss 1985 aus Altersgründen. Ein Nachfolger? Fehlanzeige.

Die Konsequenz für die Bewohner ist absurd: Wer zum Friseur will, muss in die Kreisstadt reisen. „Da müssen wir einen Tag Haushaltstag nehmen oder einen Tag frei“, bestätigen die Bürger. Der Haarschnitt wird zum bürokratischen Akt, für den der monatliche, bezahlte Hausarbeitstag (im DDR-Volksmund „Haushaltstag“) geopfert werden muss. Es ist ein Bild des schleichenden Verfalls der Infrastruktur: Von knapp der Hälfte aller relevanten Gemeinden im Kreis Osterburg berichtet „Prisma“, dass kein Friseur mehr vor Ort sei.

Die 500-Meter-Ausrede
Doch der Bericht bleibt nicht bei der bloßen Bestandsaufnahme stehen. Er entlarvt die oft grotesken Ausreden der verantwortlichen Funktionäre. Ein besonders drastisches Beispiel liefert der Ort Schwarzholz.

Dort hatten Bürger und lokale Betriebe in Eigeninitiative bereits zwei Jahre zuvor einen Raum fix und fertig zur Friseurstube ausgebaut. Er stand leer. Der Grund? Die zuständige Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) weigerte sich, Personal zu schicken.

Die Begründung des damaligen PGH-Vorsitzenden klingt wie Satire: Der Raum sei zu klein, und vor allem sei der Weg von der Bushaltestelle zum Salon – exakt 500 Meter – einer Friseuse „nicht zuzumuten“.

Dass es sich hierbei um reine Willkür handelte, beweist die Wendung im Beitrag: Nach einem Wechsel an der Spitze der PGH ist der Raum plötzlich groß genug und der Fußweg zumutbar. Mehr noch: Um den Stau abzuarbeiten, wird nun sogar zusätzlich Fußpflege angeboten. Es ist ein klassischer Moment des „Prisma“-Journalismus: Das System wird nicht in Gänze infrage gestellt, aber das Versagen einzelner „kleiner Könige“ vor Ort wird gnadenlos vorgeführt.

Es geht auch anders: Das Modell Wernigerode
Um nicht nur Frust zu verbreiten, präsentiert die Sendung – ganz im Sinne des konstruktiven sozialistischen Journalismus – ein Gegenbeispiel. Im Kreis Wernigerode funktioniert, woran Osterburg scheitert.

Hier arbeiten PGH, privates Handwerk und der Rat des Kreises Hand in Hand. Statt auf die Kunden zu warten, geht man zu ihnen. In Schmatzfeld etwa wurde eine Lösung gefunden, die heute als modernes „New Work“ durchgehen würde: Eine im Ort wohnende Friseurin arbeitet tageweise direkt im Dorf. Die PGH übernimmt sogar die Kosten für die Einrichtung der Außenstellen. Das Ergebnis: Nur vier Gemeinden im Kreis sind ohne Friseur.

Kampf gegen die Landflucht
Der Beitrag endet mit einer Erkenntnis, die auch Jahrzehnte später nichts an Aktualität eingebüßt hat. Es geht nicht nur um Eitelkeit oder eine frische Föhnfrisur. Es geht um die Demografie.

„Man muss ja sehen, dass man die Leute auf dem Lande behält, sonst ziehen sie ab in die Stadt“, resümiert ein Verantwortlicher in Schmatzfeld. Schon 1986 war klar: Wo es keine Dienstleistungen, keine Kindergärten und keine Infrastruktur gibt, da bleibt auch die Jugend nicht.

Der „Urlaubstag für den Frisör“ war somit mehr als nur eine logistische Unannehmlichkeit – er war ein Symptom für die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land in der späten DDR. Ein warnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn die Versorgungswirtschaft die Bedürfnisse der Menschen aus den Augen verliert.

Hintergrund zur Sendung: „Prisma – Innenpolitisches Magazin der DDR“ war bekannt dafür, den Alltagsproblemen der Bürger nachzugehen. Obwohl staatlich kontrolliert, bot die Sendung oft ein Ventil für den Unmut der Bevölkerung über Missstände in der Versorgung, Bürokratie und im Bauwesen.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl