Zwischen Pfeffi, Methbikes und Treuhand: Wie die Gen Z den Osten neu vermisst

Zwei westdeutsche YouTuber bereisen Ostdeutschland wie eine fremde „Map-Erweiterung“ in einem Videospiel. Was als satirischer „Fiebertraum“ beginnt, entwickelt sich zu einer der treffendsten Analysen der ostdeutschen Seele, die das Netz derzeit zu bieten hat.

Es riecht nach „Toter Oma“, nach Zweitaktgemisch und einer Prise Melancholie. Vor der Kamera stehen zwei junge Männer, die aussehen, als hätten sie sich auf dem Weg zu einem Start-up-Meeting in Berlin-Mitte verfahren. David und sein Co-Host vom YouTube-Kanal 2 Bored Guys sind im Osten. Oder, wie sie es nennen: in der „neuen Map-Erweiterung“.

Ihr Video trägt den Titel „Ostdeutschland ist so ein Fiebertraum“, und fast 30 Minuten lang sezieren sie eine Region, die für viele Westdeutsche ihrer Generation immer noch ein weißer Fleck auf der inneren Landkarte ist. Doch wer hier bloßes „Ossi-Bashing“ erwartet, wird enttäuscht. Das Video ist ein trojanisches Pferd: Es lockt mit Memes und liefert harte Soziologie.

Der Osten als „Open World Game“
Der Kunstgriff der beiden YouTuber ist brillant: Sie framen Ostdeutschland nicht als Problemzone, sondern als Level in einer Simulation. Da gibt es „NPCs“ (Nicht-Spieler-Charaktere), die unverständliche Dialekte sprechen, und „Spawnpoints“ in Plattenbausiedlungen. Diese Gamification erlaubt es den westdeutschen Protagonisten, naive Fragen zu stellen, ohne überheblich zu wirken. „Ab wann isst man Mittelschicht?“, fragen sie beim Anblick von Grützwurst und Soljanka. Es ist der Blick des fremden Touristen im eigenen Land.

Begleitet werden sie von Vincent, einem Content Creator aus dem Osten, der als „Local Guide“ fungiert. Er führt sie in die Welt der ostdeutschen Eckkneipen ein, wo „Pfeffi“ und „Goldkrone“ Grundnahrungsmittel sind, und erklärt Phänomene, die im Westen gänzlich unbekannt sind.

Das Phänomen der „Methbikes“
Eines dieser Phänomene ist das sogenannte „Methbike“. Dabei handelt es sich – entgegen dem Namen – nicht um Drogenkurier-Fahrzeuge, sondern um Fahrräder, die von Jugendlichen in Eigenregie zu technologischen Monstrositäten umgebaut werden: Neonlicht, riesige Musikboxen, Autobatterien am Gepäckträger.

Es sind Bilder wie diese, die den „Fiebertraum“-Charakter des Videos unterstreichen. Sie zeigen eine anarchische, kreative Jugendkultur, die aus dem Mangel an westdeutscher Hochglanz-Infrastruktur eine Tugend macht. Hier wird nicht konsumiert, hier wird geschraubt. Simson-Mopeds knattern durchs Bild, Statussymbole einer Generation, die Freiheit nicht am Bankkonto, sondern am Hubraum misst.

Wenn der Bass verstummt: Der Bruch zur Realität
Doch nach etwa 18 Minuten kippt die Stimmung. Der schnelle Schnittrhythmus verlangsamt sich. Die YouTuber legen den Gaming-Controller beiseite und wenden sich der Realität zu. Sie sprechen über Pegida, über Wahlergebnisse und die Frage: Warum ist der Osten so wütend?

Hier leistet das Video Bildungsarbeit, an der mancher Schulunterricht scheitert. Anstatt den moralischen Zeigefinger zu heben, blicken sie zurück. Sie thematisieren die Treuhandanstalt, die Deindustrialisierung der 90er Jahre und das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. „Die Grunderfahrung der Demokratie im Osten ist die der Entmächtigung“, fassen sie zusammen.

Es ist dieser Moment, der das Video von einem simplen Reisevlog abhebt. Die Erkenntnis sickert durch: Der „Fiebertraum“ ist oft gar nicht lustig. Er ist das Resultat eines kollektiven Traumas. Die Witze über Bananen und „Dunkeldeutschland“, die viele Westdeutsche noch immer machen, treffen auf eine Generation junger Ostdeutscher, die sich das nicht mehr gefallen lässt.

Eine neue Ost-Identität
Das Video dokumentiert einen Wandel. Junge Menschen in Leipzig, Chemnitz oder Magdeburg definieren sich heute wieder stolz als Ostdeutsche. Nicht aus Nostalgie für eine DDR, die sie nie erlebt haben, sondern aus Trotz gegen eine westdeutsche Deutungshoheit.

Am Ende ist der „Fiebertraum“ eine Liebeserklärung. 2 Bored Guys kommen zu einem Fazit, das versöhnlicher kaum sein könnte: Ostdeutschland ist wild, es ist anders, und es ist wunderschön. Ihr Appell an die westdeutsche Gen Z ist simpel: Fahrt hin. Trinkt ein Sternburg-Bier. Redet mit den Leuten.

Vielleicht ist der Osten tatsächlich eine Simulation – aber es ist eine, die das Update auf Version 2.0 dringend verdient hat, und zwar im Kopf der Spieler aus dem Westen.

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