Gedanken über die Aufmerksamkeit des Bösen

Gerne geben wir den sozialen Medien die Schuld am Zustand der Debatten. Ihren Algorithmen. Ihrer Logik der Erregung. Dem Geschäft mit unseren Gefühlen. Und ja, vieles daran stimmt. Das Negative funktioniert besser als das Positive. Wut schlägt Sachlichkeit. Empörung schlägt Ruhe. Neutralität wird abgestraft.

Die unbequeme Frage ist nur: Befeuern wir dieses System nicht selbst?

Wir klicken, teilen und kommentieren meist nicht nach dem Maß des Verstehens, sondern nach dem Maß der Erregung. Erst kommt das Gefühl, dann die Meinung. Das Nachdenken folgt oft gar nicht mehr. „Ich höre auf meinen Bauch“ klingt nach Sicherheit – ist aber häufig nur eine bequeme Abkürzung. Denn auch der Bauch ist gespeist aus Erfahrungen, Bildern und Prägungen.

Politische Akteure haben dieses Muster längst verstanden. Sie arbeiten weniger mit Argumenten als mit Reizen. Nicht Überzeugung zählt, sondern Affekt. Das verändert nicht sofort eine ganze Gesellschaft, aber es verschiebt den Ton, vertieft die Gräben und zerstört Vertrauen.

Dabei müsste Transparenz unser Maßstab sein: sehen, wer was sagt, warum er es sagt und wessen Interessen dahinterstehen. Doch Verstehen kostet Zeit. Und Zeit will kaum noch jemand investieren. Man will sehen, fühlen – und sofort eine Meinung haben. Genau dort beginnt das Problem.

Ich versuche für mich einen anderen Weg: weniger Wut, mehr Verstehen. Lesen, auch widersprüchliche Stimmen. Was ich veröffentliche, bleibt trotzdem meine Auswahl, meine Perspektive. Vollkommene Neutralität gibt es nicht. Wichtig ist nur, dass darüber gesprochen wird.

Gerade bei der DDR stehen heute unversöhnliche Erfahrungswelten nebeneinander. Sie werden sich nicht mehr vereinen lassen. Vielleicht besteht unsere Aufgabe darin, diese Widersprüche auszuhalten – ohne sie sofort zu bewerten.

Was wir brauchen, ist die Verbindung von Gefühl und Verstand. Nicht Bauch gegen Kopf, sondern beides gemeinsam. Vielleicht ist das auch eine Frage von Reife. Aus Erfahrung kann Weisheit entstehen – wenn wir sie zulassen. Eine Weisheit, die nicht siegen will, sondern verstehen.

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