Egon Krenz: Die 50 Tage, die die DDR unwiderruflich veränderten

Ost-Berlin, Herbst 1989. Die DDR steht am Abgrund, Hunderttausende Bürger begehren auf und fliehen gen Westen. In dieser tiefgreifenden Krise tritt ein Mann ins Rampenlicht, dessen Name für 50 entscheidende Tage untrennbar mit dem Schicksal des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates verbunden sein wird: Egon Krenz. Er wollte den Kommunismus retten und die DDR erhalten, doch am Ende stand er vor den Trümmern eines Systems, das er zu bewahren suchte. Seine Amtszeit endete mit dem Fall der Berliner Mauer und dem unwiderruflichen Zerfall der SED.

Palastrevolution und ein schwieriger Start
Am 18. Oktober 1989 vollzieht sich in der Zentrale der Staatspartei SED eine Palastrevolution. Ministerpräsident Willi Stoph fordert in einer Politbürositzung den Rücktritt des langjährigen Generalsekretärs Erich Honecker. Auch enge Weggefährten wie Stasi-Chef Erich Mielke und Wirtschaftslenker Günter Mittag lassen Honecker fallen. Honecker nimmt seine Absetzung „sehr sachlich“ an, warnt jedoch prophetisch: „Mit meiner Absetzung löst ihr kein Problem. Ihr schafft euch neue. Heute werde ich abgesetzt, morgen seid ihr es.“.

Egon Krenz, der Jüngste im Kreis und zuvor engster Vertrauter Honeckers, wird auserkoren, das Ruder herumzureißen. Seine Prämisse: „Du musst aufpassen, dass du die DDR erhältst und du musst aufpassen, dass es keine Gewalt gibt.“. Doch der Start ist holprig. Seine Wahl durch das Zentralkomitee, bei der Honecker ihn selbst als Nachfolger benennt, wirkt wie die Einsetzung eines „Kronprinzen“ und spielt dem Volk eine negative Rolle zu.

Krenz verpasst es in seiner ersten Fernsehansprache an die Bürger, sich glaubwürdig von der alten Garde loszusagen und eine echte Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Er verliest dieselbe Rede wie vor den Parteikadern, mit der Anrede „Liebe Genossinnen und Genossen“, was bei den Bürgern der DDR, die nicht der Partei angehörten, Empörung auslöst. Viele Menschen, darunter Kabarettisten, erwarteten einen „wirklich neuen Mann“, doch Krenz‘ Auftreten verstärkt den Eindruck, dass „alles beim Alten bleiben soll“.

Zwischen allen Stühlen: Krenz‘ Dilemma
Die Herausforderungen für Krenz sind immens. Die DDR steht vor dem Staatsbankrott, die Wirtschaft kann ihren Bürgern kein konkurrenzfähiges Angebot bieten, und die Massenflucht der Bevölkerung hält an. Krenz fordert einen „ungeschminkten Bericht der ökonomischen Lage“ und erhält alarmierende Zahlen: Die Auslandsverschuldung ist eine „Existenzfrage der DDR“.

Seine Hoffnungen ruhen auf Moskau. Krenz sieht sich selbst als „Gorbatschow der DDR“ und hofft auf Unterstützung vom „großen Bruder“. Bei seinem Besuch in Moskau bittet er Gorbatschow um Hilfe, doch dieser erwidert klipp und klar, „sie können nicht mehr machen, als sie schon machen“. Gorbatschow versichert Krenz zwar, die deutsche Frage stehe nicht auf der Tagesordnung und das Volk der DDR sei das Liebste nach den Völkern der Sowjetunion, doch die finanzielle Unterstützung bleibt aus. Krenz‘ Überzeugung, es werde keine deutsche Einheit geben, bezeichnet seine eigene Frau später als „Illusion“.

Grenz‘ Position zwischen den Stühlen wird auch in den Beziehungen zur Bundesrepublik deutlich. Bundeskanzler Kohl und seine Regierung begegnen Krenz mit Skepsis, da er als „Apparatschik“ alle alten Entscheidungen mitgetragen hatte. Zwar sucht Kohl das Gespräch, spielt aber auf Zeit und bietet keine sofortigen „großen Geschenke“ an.

Der Fall der Mauer: Ein unbeabsichtigtes Vermächtnis
Ein neues Reisegesetz soll die Massenflucht stoppen und den Bürgern mehr Freiheit geben. Doch der Entwurf enttäuscht die Erwartungen auf ganzer Linie: Reisezeiten sind begrenzt, Genehmigungen notwendig, und Devisen fehlen. Die Empörung im Volk ist groß. Um dem Druck nachzugeben, beschließt das Politbüro eine Regierungsverordnung, die diesen Entwurf korrigieren soll.

Am Abend des 9. November 1989 soll Günter Schabowski diese Verordnung auf einer Pressekonferenz vorstellen. Ein Missverständnis wird zur Weltsensation. Schabowski ist nicht bewusst, dass die Verordnung erst am nächsten Morgen gelten soll, und verkündet auf Nachfrage: „Das tritt nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“. Diese Worte führen noch am selben Abend zum Sturm auf die Grenzübergänge nach West-Berlin. Die Berliner Mauer fällt, „ohne einen Schuss“.

Krenz hatte diese „Nacht der Nächte“ nicht gewollt. Doch dass sie gewaltlos blieb, ist auch sein Verdienst. Er erkannte die Gefahr eines Blutvergießens: „auch nur ein Toter in dieser Situation. Das hätte uns jeden Weg zur Reformierung der DDR versperrt.“.

Der unvermeidliche Untergang
Nach dem Fall der Mauer ist Krenz‘ Autorität endgültig geschwunden. Das Volk fordert nicht nur eine andere DDR, sondern auch die Wiedervereinigung. Die SED-Basis fordert einen Sonderparteitag zur Abrechnung, doch Krenz will nur eine kleinere Parteikonferenz. Der neue Ministerpräsident Hans Modrow drängt auf Eigenständigkeit und bietet der Bundesrepublik eine Vertragsgemeinschaft an, die bis zur Konföderation reichen soll – ein Vorschlag, der Krenz zu weit geht.

Krenz versucht, mit „Basisnähe“ zu punkten, verlässt Wandlitz und zieht nach Berlin-Pankow, doch diese neue Offenheit nimmt ihm kaum jemand ab. Am 1. Dezember streicht die Volkskammer den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung. Krenz, körperlich erschöpft und von tiefen Augenrändern gezeichnet, ist „verbrannt“ und hat keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung oder gar in seiner eigenen Partei.

Die SED-Basis fordert seinen sofortigen Rücktritt. Im Zentralkomitee, das ihn nur sechs Wochen zuvor einstimmig gewählt hatte, entlädt sich ein „Unwetter“. Am 6. Dezember 1989 tritt das ZK geschlossen zurück und wirft zuvor Honecker aus der Partei. Krenz selbst, nur noch Parteichef auf Abruf, überbringt Honecker die Nachricht vom Parteiausschluss persönlich – es ist ihre letzte Begegnung.

Zwei Tage später tritt Krenz auch als Vorsitzender des Staatsrats und des Nationalen Verteidigungsrats der DDR zurück. Er hofft noch immer, dass sein Rücktritt „den Kräften den Weg bereiten kann, die für die Weiterexistenz der DDR sind“. Doch seine Genossen werfen auch ihn kurz darauf aus der Partei.

Nach 50 Tagen an der Macht steht Egon Krenz politisch wie persönlich vor dem Nichts. Sein Fazit über den Herbst 1989: „der Sozialismus in der DDR ist … verloren worden. Aber ohne, dass er blutbefleckt ist.“ Dass kein Schuss gefallen ist, bleibt sein Verdienst.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl

Wahlkampf 1990: Die Transformation der PDS in der DDR-Krise

A) PROFIL AP: Hook: Der Wahlkampf im Frühjahr 1990 war für die einstige Staatspartei kein Ringen um Mehrheiten, sondern ein Kampf um die bloße politische Existenz in einem Land, das sich rasant veränderte. Teaser: Wer die Bilder aus dem März 1990 betrachtet, sieht eine politische Landschaft voller Widersprüche. Auf der einen Seite standen die vollen Säle bei den Veranstaltungen der PDS, in denen Gregor Gysi als Hoffnungsträger gefeiert wurde. Er verkörperte für viele die Chance, eine ostdeutsche Identität in die neue Zeit zu retten, ohne die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Auf der anderen Seite herrschte auf den Straßen und in den Betrieben eine Atmosphäre der Abrechnung. Die Wut auf die vierzigjährige Herrschaft der SED entlud sich in zerrissenen Wahlplakaten und lautstarken Protesten. In Städten wie Karl-Marx-Stadt, wo die Bürger bereits die Rückbenennung in Chemnitz forderten, war der Bruch mit der alten Ordnung am deutlichsten spürbar. Die PDS versuchte in diesen Wochen, den massiven Mitgliederschwund und den Verlust des Apparates durch eine neue Offenheit zu kompensieren. Es war der Versuch, in einem Klima des Misstrauens Fuß zu fassen, indem man sich als Anwalt derer positionierte, die vor der schnellen Einheit zurückschreckten. Die Risse, die in diesen Wochen sichtbar wurden, gingen quer durch die Gesellschaft und prägten die politische Kultur noch lange über den Wahltag hinaus. B) SEITE AP: Hook: Mit dem Verlust von fast zwei Millionen Mitgliedern innerhalb weniger Monate stand die PDS vor der Volkskammerwahl 1990 vor einer organisatorischen und inhaltlichen Zäsur. Teaser: Der Weg von der allmächtigen SED zur PDS im Frühjahr 1990 war geprägt von einem radikalen Strukturwandel. Der einst riesige Parteiapparat war auf einen Bruchteil seiner Größe geschrumpft, und die verbliebenen Kader mussten sich in einem völlig neuen politischen Wettbewerb behaupten. Der Fokus lag darauf, sich von den stalinistischen Traditionen zu lösen und mit Gregor Gysi ein unverbrauchtes Gesicht zu präsentieren. Doch die Strategie der Erneuerung stieß an harte Grenzen. Während ein Teil der Wählerschaft in der PDS einen Garanten für Stabilität und soziale Sicherheit sah, lehnte die Mehrheit der Bevölkerung die Partei als bloße Fortsetzung der SED ab. Der Wahlkampf zeigte deutlich, wie tief das Misstrauen saß, besonders in den Industriezentren des Südens. Es blieb eine Zeit des Übergangs, in der alte Gewissheiten nicht mehr galten. C) SEITE JP: Hook: Die erste freie Wahl 1990 zwang die PDS dazu, sich ohne den Schutz des Staates dem Votum der Bürger zu stellen. Teaser: Im März 1990 wurde sichtbar, wie stark die DDR-Gesellschaft polarisiert war. Für die PDS bedeutete der Wahlkampf einen Spagat: Sie musste die eigene Vergangenheit als SED bewältigen und gleichzeitig als neue politische Kraft werben. Der massive Rückgang der Mitgliederzahlen und die offene Ablehnung auf den Straßen zeigten, dass die Glaubwürdigkeit der Erneuerung von vielen bezweifelt wurde. Dennoch gelang es der Partei, jene Menschen zu binden, die den schnellen Wandel mit Sorge betrachteten. Die Auseinandersetzung um die Zukunft der DDR fand in diesen Wochen ihren vorläufigen Höhepunkt.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl

Privatisierung am Fichtelberg: Ein Neuanfang zwischen DDR-Erbe und Marktwirtschaft

A) PROFIL AP: Hook: Wenn Biografien und Geografie untrennbar verwachsen sind, erzählt ein Berg mehr als nur seine eigene Geschichte. Teaser: Am Fichtelberg verdichten sich die ostdeutschen Transformationserfahrungen wie unter einem Brennglas. Hier treffen die Lebenslinien von Menschen aufeinander, die den Systemwechsel nicht nur überstanden, sondern aktiv gestaltet haben. Da ist der ehemalige DHfK-Absolvent, der mit visionären Ideen an der Bürokratie der Nachwendezeit zerbrach und sich dennoch neu erfand. Da ist der Olympiasieger, der den Sprung vom Podest in die Niederungen der Kommunalpolitik wagte und heute als pragmatischer Hotelier auf Realismus setzt. Und da ist der IT-Millionär, der mit einer Mischung aus Heimatverbundenheit und ökonomischer Irrationalität das Erbe des Berges retten will. Der Verkauf der Liftanlagen und des Fichtelberghauses ist dabei mehr als eine bloße Transaktion von Immobilien und Stahl. Er ist der vorläufige Höhepunkt einer jahrzehntelangen Entwicklung, die von Stagnation, Investitionsstau und dem Ringen um eine neue Identität geprägt war. Während in den Alpen oder im benachbarten Tschechien modernisiert wurde, drehte sich Oberwiesenthal lange um sich selbst. Die nun erfolgten Investitionen brechen diese Starre auf, werfen aber gleichzeitig Fragen nach der Hoheit über den öffentlichen Raum auf. Der Fichtelberg steht exemplarisch für die Herausforderung vieler ostdeutscher Regionen, Tradition und Moderne zu versöhnen, ohne die eigene DNA aufzugeben. Die Protagonisten am Berg handeln dabei nicht im luftleeren Raum, sondern vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Klimarealität, die den klassischen Wintersport zunehmend in Frage stellt. Die Zukunft des höchsten Gipfels Ostdeutschlands hängt nun davon ab, ob privates Engagement leisten kann, woran öffentliche Strukturen scheiterten. B) SEITE AP: Hook: Die Privatisierung kommunaler Wahrzeichen ist im Osten selten eine reine Verwaltungsentscheidung, sondern meist eine Frage der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Teaser: Der Verkauf der touristischen Kerninfrastruktur am Fichtelberg an einen privaten Investor beendet eine lange Phase der Unsicherheit in Oberwiesenthal. Über Jahre hinweg litt das einstige Vorzeige-Skigebiet der DDR unter einem massiven Investitionsstau, der im Wettbewerb mit dem benachbarten Keilberg oder dem thüringischen Oberhof immer deutlicher zutage trat. Die Kommune, finanziell nicht in der Lage, die notwendigen Modernisierungen zu stemmen, gibt nun das Zepter an den IT-Unternehmer Rainer Gläß ab. Dieser Vorgang illustriert die strukturellen Defizite im ländlichen Raum Ostdeutschlands. Wo öffentliche Haushalte an ihre Grenzen stoßen, wird privates Kapital zur Voraussetzung für Entwicklung. Die Pläne des neuen Eigentümers zielen auf eine umfassende Modernisierung und eine Ausrichtung auf den Ganzjahrestourismus ab, eine Strategie, die angesichts des Klimawandels alternativlos erscheint. Der Fichtelberg wandelt sich damit von einem staatlich geprägten Symbol zu einem privatwirtschaftlich geführten Destination. Die Entwicklung wird zeigen, inwieweit regionale Interessen und unternehmerische Logik hierbei in Einklang zu bringen sind. C) SEITE JP: Hook: Investitionsstau und kommunale Finanznot haben am Fichtelberg Fakten geschaffen, die die Eigentumsverhältnisse grundlegend neu ordnen. Teaser: Mit der Übernahme der Schwebebahn, der Lifte und des Fichtelberghauses durch einen sächsischen IT-Unternehmer beginnt in Oberwiesenthal eine neue Zeitrechnung. Der Schritt war notwendig geworden, da die öffentliche Hand den Erhalt und die Modernisierung der Anlagen nicht mehr gewährleisten konnte. Der Fichtelberg, lange Zeit durch politische Grabenkämpfe und Stillstand geprägt, soll durch das private Engagement wieder konkurrenzfähig werden. Die Herausforderungen liegen dabei nicht nur in der Sanierung der Technik, sondern vor allem in der strategischen Neuausrichtung. Der klassische Wintertourismus verliert an Planungssicherheit, was Investitionen in Sommerangebote und Mountainbike-Infrastruktur unumgänglich macht. Die Privatisierung ist somit auch eine Wette auf die Anpassungsfähigkeit einer ganzen Region an veränderte klimatische und ökonomische Rahmenbedingungen.