Riesa im Umbruch: Eine persönliche Wende mit der Feder

Die Wendezeit in Riesa war eine „ganz wilde Zeit“, geprägt von Hoffnung, Unsicherheit und tiefgreifenden Veränderungen, die das Leben der Menschen grundlegend umkrempelten. Heike Berthold, die seit 1961 ununterbrochen in Riesa lebt, bietet einen intimen Einblick in diese Ära, die sie als Journalistin und Bürgerin miterlebte.

Vor dem Fall der Mauer hatte Heike Berthold bereits ein Journalismusstudium in Leipzig absolviert und ein Volontariat in Dresden gemacht. Doch ihre Parteizugehörigkeit zur NDPD verhinderte eine journalistische Anstellung bei etablierten Zeitungen oder Rundfunkstationen. Stattdessen landete sie 1985 bei der Wohnungsgesellschaft, wo sie als „rechte Hand vom Chef“ Reden schrieb und Eingaben bearbeitete – eine Tätigkeit, die sie als „bisschen paradox“ empfand, da der Chef ein Genosse war. Die Stimmung in der Bevölkerung war klar: Das kleine Land überhob sich aus Prinzip. Die Mieten waren zu gering, das Brot zu billig, während Wohnungen nicht saniert werden konnten und Brot letztendlich verfüttert wurde.

Der unerwartete Sprung in die Freiheit
Im Jahr 1988 hatte Heike Berthold „die Nase voll“ von den unerfüllten Versprechungen bezüglich der Wohnungssanierungen. Sie kontaktierte den Rundfunk und erfuhr von der Möglichkeit einer Schnell-Ausbildung für Journalisten im Haus der Presse, um sich selbstständig zu machen. Dies war eigentlich ein Unding, da freischaffende Journalisten in der DDR aussterben gelassen wurden. Rückblickend sieht sie die Zulassung als freischaffende Journalistin als eine „Andeutung der Wende“, auch wenn der Umbruch sie und die meisten anderen „ziemlich überrannt“ hat. „Wir wollten alle oder die meisten in den bessere[n] DDR“, erinnert sie sich.

Die Ereignisse überschlugen sich: Eine große Veranstaltung in der Kirche in Gröber am 30. Oktober 1989 markierte einen Wendepunkt, bei der man aus Angst vor Repressalien das Auto weit entfernt abstellte. Dann kam der 9. November 1989. Die Nachricht des Schal Golotkowski im Fernsehen, dass man „rüber“ konnte, war „ziemlich verblüffend“.

Vom „Schere im Kopf“ zur Meinungsfreiheit
Im Dezember 1989, noch im Schockzustand über die rasanten Veränderungen und die Unmöglichkeit zu planen, schloss sich Heike Berthold der Ortsgruppe des Journalistenverbandes an. Bereits im November 1990 erschien die erste Sonderausgabe des Riesaer Tageblatts. Anfangs fehlte das „Know-how“ über Honorare oder Rechte, doch die Stadt unterstützte das Vorhaben, und ein Wirtschaftsförderer aus Mannheim, Walter Hansen, half mit. Die Nachfrage war riesig, die Leute freuten sich über etwas Neues und die Zeitung begann mit viel Heimatgeschichte.

Der größte Unterschied zum Journalismus in DDR-Zeiten? Die „Schere im Kopf“ war weg. „Wir wussten schon wie weit wir gehen konnten Das war weg Das mussten wir auch erst lernen“, erklärt Berthold. Sie staunt noch heute über den Mut, den sie damals hatten, als sie die ersten Exemplare lesen: „wir haben wirklich auch beim Stadtrat was was haben wir geschimpft und die Leute kritisiert völlig unbefangen Man konnte drauf loschreiben“. Dies war eine neue, befreiende Erfahrung. Doch es kamen auch neue Herausforderungen hinzu: Man wusste nicht mehr, wo die Gefahr lauerte – sie konnte politisch sein oder Anzeigenkunden verärgern. Hinzu kam der wirtschaftliche Niedergang, der die Anzeigen Einnahmen, die anfangs auch aus dem Westen kamen, immer weiter schrumpfen ließ. Heute macht Heike Berthold das Amtsblatt der Stadt.

Riesa und das Stahlwerk: Ein Symbol des Wandels
Riesa war in dieser Zeit ein Brennpunkt, besonders durch das Stahlwerk. Mit 12.000 Beschäftigten hing „fast jede Familie“ in der Stadt mit dem Stahlwerk zusammen, was dessen Erhaltung so wichtig machte. Die Treuhand nutzte Riesa als Beispiel, indem sie Fördergelder für den Abriss und Neubau statt für die Erhaltung vergab – ein riskanter, aber funktionierender Ansatz. Journalistische Delegationen aus ganz Deutschland besuchten Riesa, und die Zerstörung des Alten und der Neubau, die parallel abliefen, waren für viele unfassbar real. Heike Berthold erlebte den letzten Abstich im Stahlwerk mit, bei dem „Tränen geflossen“ sind und Blumen in die Anlagen geworfen wurden – ein Zeichen des Abschieds von einem Betrieb, der ein ganzes soziales System umfasste, von der Bauabteilung bis zu Wohnungen. Prominente Politiker, darunter auch Angela Merkel, gaben sich in Riesa die Klinke in die Hand.

Erkenntnisse für die Zukunft
Aus dieser turbulenten Zeit zieht Heike Berthold wichtige Lehren: Man sollte nie alles als gegeben hinnehmen, denn „es kann sich alles von heute auf morgen ändern“. Die Wende, die so friedlich ablief, zeigte, dass sich das Leben unerwartet wandeln kann. Anfängliche Skepsis gegenüber westlichen Unternehmensberatern wich der Erkenntnis, dass „die auch alle bloß mit Wasser [kochten]“. Die Möglichkeit zur Reisefreiheit, für die viele gekämpft hatten, wurde nicht immer genutzt, weil „die Arbeit wichtiger die Familie wichtiger Es kam immer irgendwas dazwischen“. Eine zentrale Erkenntnis für sie ist: „Was wir können machen wir gleich Also nichts hinausschieben“.

Die Wende in Riesa, so wie Heike Berthold sie erlebte, war ein Prozess des Loslassens von alten Sicherheiten und des Ergreifens neuer Chancen, oft ohne zu wissen, was kommen würde. Es war eine Zeit, in der das Selbstbewusstsein wuchs und die Erkenntnis reifte, dass man die Möglichkeiten, die das Leben bietet, stets nutzen sollte.

Das Sicherheitsgefühl in der DDR als soziale und biografische Erfahrung

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL: Hook: Sicherheit ist für viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kein abstrakter Begriff aus der Kriminalstatistik, sondern eine Erinnerung an ein Lebensgefühl der Vorhersehbarkeit. Teaser: Wer heute zuhört, wenn Ostdeutsche über ihre Vergangenheit sprechen, stößt oft auf eine Diskrepanz zwischen der historischen Realität einer Diktatur und dem persönlichen Erleben eines geschützten Alltags. Diese Wahrnehmung basiert stark auf der Erfahrung einer fast lückenlosen sozialen Absicherung. Der Arbeitsplatz war garantiert, die Miete festgeschrieben, und der Lebensweg verlief oft in geregelten Bahnen, die kaum individuelle Risiken bargen. Diese staatlich garantierte Statik nahm dem Alltag eine existenzielle Schärfe, die erst mit den Umbrüchen der Nachwendezeit in das Leben vieler Menschen trat. Hinzu kam ein öffentlicher Raum, der durch eine hohe soziale Kontrolle und geringe Mobilität geprägt war. Man blieb oft über Jahrzehnte im gleichen Wohnviertel, kannte das Umfeld und bewegte sich in einer homogenen Gesellschaft, in der Fremdheit die absolute Ausnahme bildete. Die staatliche Ordnungsmacht sorgte zudem rigoros dafür, dass Konflikte selten sichtbar im Straßenbild ausgetragen wurden. In der Rückschau verschmelzen diese Faktoren – die soziale Planbarkeit, die vertraute Umgebung und die sichtbare Ruhe – zu einem Sicherheitsbegriff, der sich fundamental von heutigen Definitionen unterscheidet. Er beschreibt weniger den Schutz vor Verbrechen als vielmehr die Abwesenheit von unvorhersehbaren Veränderungen. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Wenn Ostdeutsche sagen, früher sei es sicherer gewesen, vergleichen sie die Gegenwart oft nicht mit dem politischen System der DDR, sondern mit einer spezifischen Form der sozialen Stabilität. Teaser: Die Analyse dieses Gefühls zeigt, dass Sicherheit in diesem Kontext vor allem als Planbarkeit des eigenen Lebens verstanden wird. In der DDR waren Erwerbsbiografien und Wohnsituationen langfristig gesichert, was eine mentale Entlastung von existenziellem Wettbewerb bedeutete. Der abrupte Wegfall dieser Strukturen nach 1990 und die Erfahrung massiver Unsicherheit prägen den rückblickenden Vergleich bis heute. Verstärkt wird dies durch den Kontrast zwischen der damaligen medialen Filterung, die Konflikte ausblendete, und der heutigen Informationsdichte, die Risiken permanent sichtbar macht. Sicherheit erscheint in dieser Lesart als ein Zustand, in dem die Komplexität der Welt noch überschaubar war. QUELLE Basis: Video-Analyse „Warum viele Ostdeutsche sagen: ‚In der DDR war es sicherer‘“