Der 7. Oktober 1989 in Plauen – Tausende erzwingen den Dialog

Plauen nimmt in der Chronik der Friedlichen Revolution einen besonderen Platz ein. Hier, weitab vom Augenmerk der westlichen Medien und fernab der Parteizentralen der SED, gelang es den Menschen zum ersten Mal, die Staatsmacht in die Defensive zu drängen. Der Herbst 1989 in Plauen hatte eine lange und teilweise sehr leidvolle Vorgeschichte. Der Mut, der sich am 7. Oktober zeigte, war das Ergebnis eines langen Prozesses, der nicht vom Himmel fiel.

Bereits im Frühjahr 1989 wollten einige den Wahlbetrug nicht mehr hinnehmen. Die Diskrepanz zwischen dem offensichtlichen Unmut und den offiziellen 98,9 % Zustimmung bei der Wahl ließ viele spüren: „es stimmt irgendwas nicht, es kann so in dem Land nicht weitergehen, es muss sich irgendwas verändern“. Für viele war klar, sie wollten eigentlich hier bleiben, aber die Verhältnisse sollten sich ändern. Wer es nicht mehr aushielt und das Land verließ, trug auf seine Weise ebenfalls zum Wandel bei. Auch Plauener fuhren mit den Flüchtlingszügen aus Prag über DDR-Gebiet.

Die Spannung staute sich an, und viele erwarteten, dass eventuell zum 40. Republikgeburtstag am 7. Oktober ein Zeitpunkt gekommen wäre, an dem etwas geschehen könnte. Überall bildeten sich Gruppierungen, die Stimmung stand auf Umbruch und Veränderung. Appelle wurden verfasst und verteilt. Jemand schrieb in der ersten Nacht über 120 bis 130 Aufrufe. Die Botschaft war so kraftvoll, dass sie überall dort, wo sie gelesen wurde, etwas in Gang gesetzt hätte. Wer die Zettel schrieb, wusste niemand, aber fast jeder hat sie gelesen.

Am 7. Oktober 1989 kulminierte die angestaute Wut und der wachsende Mut am Plauener Tunnel. Die staatlichen Sicherheitskräfte waren zwar auf Störungen der Feierlichkeiten vorbereitet, rechneten aber nur mit etwa 400 Teilnehmern. Doch es kamen Tausende – über 10.000 Menschen schlossen sich im Laufe des Tages dem Demonstrationszug an. Diese Menge war für die Staatsmacht schlichtweg zu groß, sie hatten nicht genug entgegenzusetzen. Die Stimmung war angeheizt und drohte zu kippen. Die Macht griff zu gewaltsamen Mitteln gegen die Demonstranten.

In dieser kritischen Phase filmte Detlev Braun „die Bilder seines Lebens“. Es gab auch einen Vermittlungsanlauf von Superintendent Thomas Küttler. Schließlich versprach der Oberbürgermeister, in der kommenden Woche mit den Demonstranten zu verhandeln.

Für Plauen ist der 7. Oktober ein historisches Datum. Was an diesem Tag geschah, war bis dato unvorstellbar. Die Staatsmacht wich einen Schritt zurück. Plauen ist damit die erste Stadt, in der die Demonstrationen der Staatsmacht einen „Dialog, und damit die Anerkennung ihrer Legitimation abringen können“.

Nach 40 Jahren DDR-Regime hatten die Menschen in Plauen an diesem Tag endlich den Mut gefasst und so den Wandel eingeleitet. Die willkürlichen Verhaftungen am Abend des 7. Oktober stellten nur noch ein letztes Aufbäumen der DDR-Führung dar. „40 Jahre sind genug“, dieser Satz wurde in Plauen Realität. Die Tatsache, dass ausgerechnet in Plauen am 40. Jahrestag der DDR „ihr das Ende eingeleitet“ wurde, erfüllt manche mit Bedeutung. Die Ereignisse von 1989 aus Plauener Sicht sind eine einmalige Dokumentation. Angst steckt an, aber Mut steckt ebenfalls an.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl