Warum fühlen sich die Menschen in Ostdeutschland eigentlich abgehängt?

Ist die AfD ein Phänomen des „Ostens“ oder ist der „Osten“ eher eine Erfindung des „Westens“? Darüber diskutieren die Gäste im Video bei Markus Lanz. Sie versuchen einen Überblick darüber zu geben, warum die Menschen im Osten des Landes eine andere Wahrnehmung ihres Lebens nach der Wiedervereinigung haben, als die alten Bundesländer. Und ist der „Osten“ im internationalen Vergleich mit Italien, den USA und England ein Sonderfall, wenn es um das Aufstreben populärer Kräfte geht? Oder ist es eher der „Westen“, der nicht ganz zu den aktuellen, internationalen Entwicklungen passt?

Die aktuellen Herausforderungen im Osten Deutschlands sind tief in der Geschichte verwurzelt und spiegeln sich in den sozioökonomischen Ungleichheiten wider, die seit der Wiedervereinigung bestehen. Der Osten hat auf seine Weise erheblich für die Verbrechen des Dritten Reichs bezahlt, und die Unterschiede zum Westen sind nach wie vor spürbar. Während der Westen erst ab 1990 begann, sich intensiver mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, war der Osten bereits seit 1933 betroffen. Die Wiedervereinigung brachte immense Veränderungen und Herausforderungen, die den Osten besonders hart trafen. Viele Menschen mussten ihre Berufe und Lebensumstände völlig neu gestalten, was zu weitreichender sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit führte.

Der Westen, der in der Vergangenheit von der DDR profitiert hat, ist ökonomisch besser aufgestellt. Die Eigentumsverhältnisse zeigen eine klare Dominanz westdeutscher Investoren im Osten, was zu erheblichen Ungleichgewichten führt. In Städten wie Leipzig gehören 90% des Wohnungsbestands Westdeutschen, und ähnliche Verhältnisse finden sich auch in anderen ostdeutschen Städten. Diese ungleiche Verteilung von Vermögen und Eigentum verstärkt das Gefühl der Benachteiligung und trägt zur Entfremdung bei.

Im internationalen Vergleich ist der Osten weniger singulär als oft dargestellt. Die sozialen und politischen Spannungen, die wir im Osten beobachten, sind vergleichbar mit denen in anderen Ländern, wo Populismus und gesellschaftliche Polarisierung zunehmen. Die AFD im Osten ist ein Ausdruck dieser breiteren internationalen Tendenzen und spiegelt die Unzufriedenheit mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage wider.

Besonders auffällig ist, wie die sozialpolitischen Reformen der letzten Jahrzehnte, insbesondere die Hartz-Gesetze, den Osten härter getroffen haben als den Westen. Diese neoliberalen Maßnahmen haben die soziale Kluft weiter vergrößert und zu einem Gefühl der Ungerechtigkeit beigetragen. Der Osten hat auch unter dem schnellen und oft ungleichen Transformationsprozess gelitten, der viele Menschen in unsichere Arbeitsverhältnisse stürzte.

Die ökonomischen und sozialen Ungleichheiten sind auch durch den Zustand der Infrastruktur und des Sozialstaats in der heutigen Zeit verschärft worden. Der aktuelle Zustand zeigt, dass die Wiedervereinigung nicht alle Probleme gelöst hat und dass es notwendig ist, den Osten mit mehr Respekt und Verständnis zu behandeln, um die bestehenden Ungleichheiten abzubauen und eine gerechtere Gesellschaft zu fördern.

Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf