Bernburg an der Saale: Zwischen Residenzglanz und lebendiger Gegenwart

Bernburg. Am Ufer der Saale, eingerahmt vom Harzvorland und üppigen Auen, präsentiert sich Bernburg als eine Stadt, in der tausend Jahre Geschichte handfest in der Gegenwart nachhallen. Ehemalige Residenz der Askanier, geprägt von romanischen Burganlagen und Renaissancefassaden, hat sich die Stadt einen überraschend lebendigen Pulsschlag bewahrt.

Ein Wahrzeichen, das Krone trägt
Schon von weitem kündigt sich Schloss Bernburg auf seinem Sandsteinfelsen an. Die „Krone Anhalts“, wie es die Einheimischen nennen, blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: 961 erstmals als Civitas Brandenburg erwähnt, in der Folge in Brand gelegt und im 12. Jahrhundert durch Albrecht den Bären neu errichtet. Einzigartig ist der 44 Meter hohe Eulenspiegelturm, der mittelalterliche Gauklerfigur Till Eulenspiegel gewidmet – eine Attraktion, die nicht nur Kinderaugen leuchten lässt. Hinter historischen Mauern entfaltet das Schlossmuseum Sammlungen von der Ur- und Frühgeschichte bis hin zu Porzellanen der Anhalt-Dynastie.

Renaissance trifft Moderne
Im 16. Jahrhundert formte Fürst Wolfgang von Anhalt-Köthen das Schloss zu einem der herausragenden Renaissancebauten Mitteldeutschlands. Die prachtvolle Schaufassade, geschmückt mit allegorischen Figuren der Tugenden, zeugt noch heute von dieser Epoche. „Unsere Aufgabe ist, das historische Erbe zu bewahren und zugleich Räume für zeitgenössische Kunst und Kultur zu schaffen“, erklärt Dr. Simone Krause, Leiterin der Schlossverwaltung. Neben dem Christiansbau im Stil der Neorenaissance lädt seit 2013 die Kunsthalle zu wechselnden Ausstellungen ein.

Kulturelles Rückgrat im Stadtzentrum
Unweit des Schlosses liegt das Residenztheater, 1827 von Herzog Alexius auf historische Aktien gestützt errichtet. Modernste Bühnentechnik trifft hier auf klassizistisches Ambiente – namhafte Künstler wie Armin Müller-Stahl oder Hannelore Elsner begeisterten das Publikum bereits auf dieser Bühne. Im Foyer wechseln Ausstellungen heimischer und internationaler Künstler und bieten dem Publikum auch in den Pausen inspirierende Einblicke.

Stadtbild und sakrale Kostbarkeiten
Bernburgs Rathaus aus dem Neo-Renaissance-Jahr 1895 lockt mit einer bunten Blumenuhr, die stündlich ein Lied erklingen lässt, und einer astronomischen Kunstuhr des Turmuhrmachers Ignaz Fuchs. Sakrale Architektur reicht von der bereits 1228 erwähnten Marienkirche, in der erstmals das evangelische Abendmahl gefeiert wurde, bis zur Schlosskirche St. Egidien mit ihrer Fürstengruft. „Die Mischung aus romanischen Wurzeln und barocker Üppigkeit macht unseren Kirchenraum einzigartig“, so Pfarrer Matthias Vogel.

Lebendiges Miteinander von Mensch und Tier
Zwei stattliche Braunbären im Schlossgraben – Symbole der Stadt – erinnern an eine seit 1858 gepflegte Bärenhaltung. Der benachbarte Tiergarten im Krumpholz – vormals Fasanerie, heute 10 Hektar großer Zoo – vereint Geparden, Pinguine und eine moderne Bären-Wolf-Wohngemeinschaft. Die parkähnlichen Anlagen und die nostalgische Parkeisenbahn laden Familien zum Verweilen ein.

Feste, Freizeit und Genuss
Ob historisches Erntefest mit Schafschur und Treckerparade, rosengeschwängertes Stadt- und Rosenfest oder der „Hele Christmarkt“, Bernburg lebt seine Festtraditionen ganzjährig. Im August erinnert der Weinmarkt an die frühmittelalterliche Rebe „Blauer Bernburger“ – eine regionale Rarität. Rad- und Wanderwege durch die Saaleauen sowie Kanutouren auf dem Fluss bieten Erholungssuchenden ebenso wie das Erlebnisbad Saaleperle.

Bernburg versteht sich nicht nur als Museum unter freiem Himmel, sondern als pulsierende Stadt im Grünen. Mit behutsamen Sanierungen historischer Bausubstanz, innovativen Kulturformaten und familienfreundlichen Angeboten hat sich die Saalestadt als Ausflugsziel und Wohnort gleichermaßen attraktiv positioniert. Bürgermeisterin Katrin Neumann zieht Bilanz: „Unser Ziel ist, das authentische Bernburg-Gefühl zu bewahren – historische Tiefe und moderne Lebensqualität zu verbinden.“ Gäste sind stets willkommen, diesen Spagat selbst zu erleben.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl