Mit Volldampf unter Fahrdraht: Elektrifizierung erreicht Rügen

Mukran, 1989. Nachdem die Deutsche Reichsbahn in den vergangenen Jahrzehnten mit Diesel- und Dampflokomotiven die Ostseeinsel Rügen erschlossen hatte, rollt seit heute erstmals eine Elektro-Lok unter dem neuen Fahrdraht in den Hafen Mukran ein. Mit der Inbetriebnahme der 67 Kilometer langen Strecke von Stralsund über Saßnitz und Binz bis nach Mukran ist nun die gesamte Hauptverbindung von Bad Schandau in Sachsen bis in den äußersten Nordosten der DDR elektrifiziert.

Festakt am Bahnsteig
Am Vormittag begrüßten der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, Ernst Thimm, und weitere Repräsentanten der Staatspartei den Lokführer und die Mannschaft der E-Lok mit Fahnen und einem herzlichen Applaus. In seiner Rede lobte Herbert Keddi, stellvertretender Minister für Verkehrswesen und stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, vor allem die termingerechte Realisierung: „Bislang hat noch kein Inbetriebnahmetermin des Staatsplanes Investitionen in der Streckenelektrifizierung das vorgegebene Datum verfehlt.“

Wirtschaftlicher Nutzen für Häfen und Tourismus
Die Stärke des Projekts liegt nicht nur in der pünktlichen Fertigstellung, sondern vor allem in seinem volkswirtschaftlichen Effekt: Die Häfen Mukran und Saßnitz, die gemeinsam über eine jährliche Umschlagsmenge von rund 8,5 Millionen Tonnen verfügen, profitieren von schnelleren und umweltfreundlicheren Transportkapazitäten. Gleichzeitig verbessert sich die Anbindung der beliebten Ostsee-Badeorte Binz und Göhren, was gerade in der bevorstehenden Sommersaison einen merklichen Zuwachs touristischer Verkehrsströme erwarten lässt.

Jugend und Ideologie als Antrieb
Ein zentrales Element des Ausbaus ist das „Zentrale Jugendobjekt“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Mehr als 60 Prozent der Arbeiten – von der Herstellung der Fahrleitungsmasten im Lokomotivbau bis hin zum täglichen Montagebetrieb – wurden durch FDJ-Mitglieder erbracht. Keddi hob hervor, dass diese „fleißigen Mitkämpfer“ nicht nur technische, sondern auch ideologische Voraussetzungen für die Fortschritte geschaffen hätten.

Blick voraus: 2 000 Kilometer „unter Draht“
Schon heute richten die Verantwortlichen den Blick auf das nächste Etappenziel: Bis Ende September, pünktlich zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR, soll der 2 000. Kilometer Schienenstrecke elektrifiziert sein. Besonders Cottbus, als weiterer starker Knotenpunkt, wird dann angeschlossen und die ostdeutsche Hauptstadtregion noch effizienter in das sozialistische Verkehrssystem integriert.

Mit diesem großen Schritt unterstreicht die DDR ihre Anstrengungen, modernste Verkehrstechnik mit staatsplanerischer Präzision zu verbinden – ein Projekt, das wirtschaftliche, technische und ideologische Dimensionen miteinander verknüpft und die mobilitäts­politische Bedeutung der Eisenbahn als Rückgrat des Überseehandels und des massenhaften Personentransports einmal mehr bestätigt.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl