Mit Blick auf das enttäuschende Wahlergebnis in Thüringen stand Lutz Liebscher, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag, am vergangenen Landespressekonferenz-Tag im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte. In seinem Gespräch mit Journalisten stellte er klar: Die Partei müsse ihre Fehler anerkennen, analysieren und vor allem das verlorene Vertrauen der Wähler wiedergewinnen.
Ein düsterer Rückblick auf den Wahlabend
Liebscher ließ kaum Zweifel daran, dass die jüngsten Wahlergebnisse – schlechter als 2017 – ein massiver Rückschlag für die SPD sind. Besonders in Regionen wie Jena, wo etablierte Kandidaten wie Holger Becker bisherige Erfolge vorzuweisen hatten, zeigte sich die Enttäuschung der Wähler deutlich. „Wir haben das Ergebnis zu akzeptieren, zu analysieren und daraus Schlüsse zu ziehen“, betonte der Fraktionsvorsitzende. Dabei wies er darauf hin, dass nicht einzelne Personalentscheidungen, sondern ein langanhaltender Vertrauensverlust in die Kompetenz der SPD maßgeblich zum Absturz beigetragen habe.
Die Frage der Verantwortlichkeit
Im Gespräch ging es auch um die interne Diskussion der Partei. Während Kritiker immer wieder den Thüringer Landesverband als Schuldigen an der schlechten Bilanz anführen, machte Liebscher unmissverständlich klar: „Die verlorene Bundestagswahl kann man dem Landesverband nicht allein in die Schuhe schieben.“ Vielmehr müsse sich die SPD als Ganzes ihrer Verantwortung stellen – von den politischen Konzepten bis hin zu strukturellen Herausforderungen, die in den vergangenen Jahren das Vertrauen der Bürger in ihre Lösungsfähigkeit unterminiert haben.
Perspektiven der Regierungsbildung und Koalitionsfragen
Ein weiterer Diskussionspunkt war die zukünftige Regierungsbildung in Berlin. Liebscher zeigte sich überzeugt, dass eine schwarz-rot geführte Bundesregierung der „offensichtliche Weg“ sei. Die SPD wolle dabei keinesfalls auf Kooperationen mit der AfD setzen – ein klarer Appell an ihre traditionellen Werte. Zugleich kritisierte er, dass es in der aktuellen Diskussion um Parteipersonen oftmals weniger um inhaltliche Qualität als um altbekannte Floskeln gehe.
Konkrete Forderungen im Thüringer Haushalt
Neben der Analyse der Wahlergebnisse rückte auch die Zukunftspolitik in den Fokus. Liebscher präsentierte fünf zentrale Punkte, die in den kommenden Haushaltstagen in Thüringen auf der Agenda stehen sollen:
- Demokratie und lokale Partnerschaften: Die SPD fordert eine verstetigte Finanzierung für regionale Demokratieprojekte und eine intensivere Kofinanzierung des Bundesprogramms „Demokratie leben“.
- Polizeiausbau: Geplant ist, die Zahl der Polizeianwärter von 300 auf 360 zu erhöhen und das Bildungszentrum in Meiningen zu modernisieren.
Gesundheitsversorgung: Mit einem Thüringer Transformationsfonds in Höhe von 100 Millionen Euro soll die Umstrukturierung von Krankenhäusern unterstützt werden – ein Konzept, das deutlich von früheren Rettungsschirm-Programmen abweicht. - Sprachförderung: Liebscher kritisierte den Wegfall von Fördermitteln für Sprachkindergärten und betonte die Notwendigkeit, die bisherigen Programme zu erhalten und auszubauen.
- Kommunale Infrastruktur: Die SPD fordert zudem einmalige 30 Millionen Euro, um die hohen Betriebskosten der 38 kommunalen Hallenbäder auszugleichen.Ein Aufruf zum Umdenken
Für Liebscher und seine Partei ist klar: Es gibt keinen einfachen, kurzfristigen Lösungsweg. Die Herausforderungen in Thüringen seien zu komplex, um sie allein durch personelle Wechsel oder punktuelle Maßnahmen zu beheben. Vielmehr bedarf es eines langfristigen Umdenkens und einer konsequenten Rückbesinnung auf die eigenen Kompetenzen, um das verloren geglaubte Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.
Mit seinem klaren Bekenntnis zur Eigenverantwortung der SPD in Thüringen fordert Liebscher nicht nur Kritik, sondern auch konstruktive Veränderungen. Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, ob diese ambitionierten Reformpläne tatsächlich in die Tat umgesetzt werden können – und ob sie das Blatt für die SPD in Thüringen künftig wenden.