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Polytechnik in der DDR: Zwischen Werkbank und Ideologie

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Ein Blick auf das Bildungssystem der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1967 zeigt ein Schulmodell, das sich grundlegend von dem in der Bundesrepublik Deutschland unterschied. Im Zentrum stand der polytechnische Unterricht, der darauf abzielte, Schüler nicht nur in die Ideenwelt der kommunistischen Ideologie, sondern auch in die Arbeitswelt der Technik einzuführen.

Der polytechnische Unterricht war ein zentraler Bestandteil des Lehrplans an den allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen. Für vier Jahre, von der siebten bis zur zehnten Klasse, war ein Tag pro Woche dafür reserviert. Dieser Unterricht fand zum überwiegenden Teil in Betrieben statt. Die Bedingungen dafür waren nicht immer ideal, aber einige Betriebe, wie ein Waschgerätewerk, verfügten sogar über eine eigene Schülerproduktionsabteilung. In sogenannten polytechnischen Kombinaten, wo alle Unterrichtspraktika zusammengefasst waren, wurde eine Vielfalt von Tätigkeiten ermöglicht, die einzelne Betriebe kaum bieten konnten.

Die Schüler lernten dabei praktische Fertigkeiten wie Bohren, Reiben, Gewindeschneiden mit der Handbohrmaschine sowie das Herstellen und Sichern von Nietverbindungen in der Vormontage und Endmontage. Schon im siebten Schuljahr sollten sie grundlegende Prinzipien der modernen Produktion kennenlernen und Techniken wie das Trennen und Fügen von Metall selbst durchführen. Ab dem neunten Schuljahr wurde der polytechnische Unterricht gleichzeitig zur beruflichen Grundausbildung. Das Ziel war, moderne Arbeitsmethoden zu erleben und die Bedeutung des Kollektivs zu unterstreichen, beispielsweise durch Tätigkeiten am Fließband. Im zehnten Schuljahr sollten die Schüler die Fertigkeiten und die sichere Beherrschung von drei Maschinen garantieren: der Bohrmaschine, der Drehmaschine und entweder der Bügel- oder der Fräsmaschine. Das Arbeiten an der Bohrmaschine wurde bereits im siebten Schuljahr gelernt.

Eine enge Verbindung von theoretischem und praktischem Unterricht wurde angestrebt. So konnten Schüler bei der Elektromontage ihre Kenntnisse aus dem Physik- und Elektrotechnikunterricht anwenden. In der Regel arbeiteten die Schüler über einen Zeitraum von zwölf bis dreizehn Wochen in einem Bereich. Dabei wurden sie nicht an jedem Arbeitsplatz eingesetzt, sondern sollten höchstens an vier Arbeitsplätzen arbeiten, die so ausgewählt waren, dass sie den Gesamtablauf überblicken konnten. Facharbeiter erteilten den praktischen, Meister den theoretischen Unterricht.

Ein weiteres Ziel des polytechnischen Unterrichts war es, den Schülern allgemeine Grundkenntnisse und nicht nur spezielles Fachwissen zu vermitteln. Im Grundlehrgang Landwirtschaft, der ebenfalls Teil des polytechnischen Unterrichts war, sollten die Schüler mit der Bedienung und Wartung moderner Landmaschinen vertraut gemacht werden. Bemerkenswert war, dass Jungen und Mädchen in diesem Ausbildungszweig völlig gleichmäßig herangezogen wurden. Eine Verordnung sah vor, dass alle Schüler dieses Zweiges die Fahrerlaubnis für Traktoren erwerben mussten.
Die schulische Berufsausbildung wurde auch genutzt, um die zentrale Arbeitskräfteplanung des Staates zu unterstützen. Insbesondere in Regionen mit starker Industrie, in denen Schwierigkeiten bei der Bewerbung von Schülern für die Landwirtschaft bestanden, sollte das polytechnische Zentrum für Landwirtschaft die Berufs Werbung fördern. Trotz dieser Bemühungen und der Notwendigkeit von Absolventen für die Landwirtschaft, blieb das Interesse an landwirtschaftlicher Tätigkeit bei den Schülern gering. Eine Umfrage unter Mädchen auf einem Versuchsfeld, wer später in die Landwirtschaft gehen wolle, ergab allgemeines Schweigen. Die Verantwortlichen sahen im polytechnischen Unterricht ein wichtiges Mittel zur Bewerbung für landwirtschaftliche Berufe, wenn er weiterhin qualitativ verbessert, lehrreich und interessant gestaltet würde, um überlieferte Vorstellungen von schwerer körperlicher Arbeit abzubauen und den Beruf als wissenschaftliche Arbeit darzustellen. Die Erfolge dieser Bemühungen waren jedoch bis 1967 noch nicht die größten.

Auch wenn traditionell weibliche Berufe weiterhin populärer waren, interessierten sich in der DDR relativ mehr Mädchen für technische Berufe als in Westdeutschland. Die Ausbildung wie die von Erika, die an technischen Geräten arbeitete, bereitete auf die völlige Gleichstellung von Mann und Frau im Berufsleben vor.

Strukturell unterschied sich das Schulwesen der DDR erheblich von dem der Bundesrepublik. In der DDR bestand eine zehnjährige Schulpflicht in der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule. Zum Abitur führte die zwölfjährige erweiterte Oberschule. In der Bundesrepublik gab es zumeist eine neunjährige Schulpflicht mit einer Aufteilung nach der vier- bis sechsjährigen Grundschule in Haupt-, Realschule und Gymnasium (13 Jahre bis zum Abitur). Schulgeld gab es in der DDR allgemein nicht, und Lernmittel waren kostenlos.

Die Lehrpläne waren ebenfalls sehr unterschiedlich. Vergleiche der Wochenstunden zeigten einen stärkeren Fokus auf mathematisch-naturwissenschaftliche und polytechnische Fächer in der DDR im Vergleich zu Niedersachsen. Auch der Russischunterricht nahm einen bedeutenden Platz ein.

Der Unterricht war zudem stark ideologisch geprägt. In Fächern wie Deutsch standen die Ideen der Klassiker des Marxismus im Vordergrund. Im Geschichtsunterricht war die ideologische Sprachregelung noch rigoroser; die Ursachen des Zweiten Weltkriegs wurden beispielsweise als erbitterter Kampf zwischen imperialistischen Mächtegruppen dargestellt, während die Politik der Sowjetunion als konsequent friedlich bezeichnet wurde.

Neben dem Schulalltag gab es für die Jugendlichen in der DDR sehr viel mehr organisierte außerschulische Beschäftigungen als in der Bundesrepublik. Sportclubs und Arbeitsgemeinschaften spielten eine außerordentliche Rolle. Sportförderung durch staatliche Jugendorganisationen wie die Jungen Pioniere und die FDJ diente nicht nur der Volksgesundheit, sondern erklärtermaßen auch der vormilitärischen Erziehung. Das Sportleistungsabzeichen trug die Inschrift „Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat“.
Eine andere Form der Heranbildung fand in Stationen junger Techniker und Naturforscher statt, wo Arbeitsgemeinschaften in Bereichen wie Maschinenbau, Hochfrequenztechnik oder Textilchemie angeboten wurden. Diese Einrichtungen wurden von der staatlichen Jugend organisiert und von Staat, Gemeinden und Betrieben finanziert.

Obwohl die offizielle Ideologie von einem einheitlichen Bildungssystem ausging, gab es auch Spezialschulen und -klassen für besonders begabte Schüler, beispielsweise für Mathematik, Technik, Musik oder Ballett wie die Palucca Ballettschule in Dresden. Diese Einrichtungen für eine „künstlerische Elite“ oder die „technische Elite von morgen“ bildeten streng genommen einen Fremdkörper im System, auch wenn das Pensum der Einheitsschulen dort ebenfalls absolviert werden musste.

Die staatlichen Jugendorganisationen, der „zweite Pfeiler im mitteldeutschen Erziehungsgebäude“, trugen ebenfalls zur politischen Formung bei. Ihre Parolen betonten Stolz auf hervorragende Leistungen, die Überlegenheit des sozialistischen Staates und „abgrundtiefen Hass gegen seine Feinde“.

Eine Untersuchung in der DDR ergab jedoch, dass der Einfluss der FDJ geringer war als der des Elternhauses. Auch das westdeutsche Fernsehen blieb nicht ohne Wirkung. Zufällige Gespräche mit Jugendlichen zeigten teils abweichende Interessen, wie beispielsweise an James Bond. Dies verdeutlicht, dass die Jugend der DDR, trotz aller staatlichen Bemühungen um Formung, vielfältiger war, als es offizielle Verlautbarungen suggerierten.

Kleine Fluchten im DDR-Alltag: Wie FKK, Camping und Kleingärten Freiräume schufen

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Das Leben in der DDR war für viele Menschen ein Spagat zwischen staatlicher Organisation und dem Bedürfnis nach persönlichen Freiräumen. Während offizielle Massenveranstaltungen, Pioniernachmittage und Brigadetreffen den Alltag prägten, suchten die Bürger ihre Nischen, in denen sie ein Gefühl von Normalität, Gemeinschaft und manchmal auch kleiner Freiheit fanden.

Die Familie bildete dabei oft einen zentralen Rückzugsraum. Hier, im Privaten, konnte offener geredet werden als im öffentlichen Leben. Viele Eltern brachten ihren Kindern bei, zwischen dem, was sie zu Hause sagten, und dem, was sie draußen äußerten, zu unterscheiden. Dieses „Refugium“ war ein wesentlicher Punkt des „Rückzugs ins Private“, an den sich heute noch viele gerne erinnern.

Die staatlichen Jugendorganisationen waren ein unverzichtbarer Bestandteil des Heranwachsens. Kaum ein Kind konnte dem Sozialismus entfliehen; der Eintritt in die Pionierorganisation war gleich in der ersten Klasse fällig. Später folgte mit 14 Jahren der Beitritt zur Freien Deutschen Jugend (FDJ). Während das Pionierleben für einige noch Spaß bedeutete, empfanden viele die FDJ als lästig, insbesondere die Verpflichtung zur Teilnahme an Demonstrationen in den blauen Hemden. Dennoch trat die Mehrheit automatisch ein, oft um berufliche oder akademische Möglichkeiten nicht zu gefährden. Die Jugendweihe mit 14 Jahren markierte die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen und war ein großes Ereignis, bei dem die Jugendlichen vor allem auf das Fest und das Geld für ein Moped oder Radio hofften. Die Kleiderfrage war dabei eine Herausforderung, da man möglichst nicht das tragen wollte, was andere trugen.

Urlaub und Freizeit waren im DDR-Alltag stark reglementiert und begehrt. Die Ostsee war das beliebteste Urlaubsziel. Hier gehörte die Freikörperkultur (FKK) für viele ganz selbstverständlich zum Urlaubsvergnügen. Ab 1978 gab es an der Ostseeküste über 50 km freigegebene FKK-Bereiche. Für einige war FKK ein Ausdruck von Freiheit und Freiheit von Zwängen, ein Ort, wo man sich auslassen konnte.

Neben staatlichen Unterkünften erfreute sich das Camping großer Beliebtheit und entwickelte sich zur Massenbewegung. Oft wurde mit dem Trabant, vollgepackt mit Zelt, Schlafsäcken und Konserven, früh morgens losgefahren, um einen guten Platz zu ergattern. Das „Schwarzcampen“ ohne Erlaubnis, das oft geduldet wurde, stellte für manche ein Stück Freiheit dar.

Der größte Reiseveranstalter war der staatliche FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund). Urlaubsplätze, besonders in begehrten Heimen an der Ostsee oder in der Sächsischen Schweiz, waren heiß begehrt und wurden oft nur durch Antrag im Betrieb oder über gesellschaftliches Engagement und Arbeitsauszeichnungen zugeteilt. Die Unterkünfte waren oft spartanisch, aber erschwinglich, da man einen einkommensorientierten Preis zahlte.

Auslandsreisen waren für die meisten DDR-Bürger ein Traum, der oft unerfüllt blieb. Wenn überhaupt, durfte man nur in sozialistische „Bruderländer“ wie Polen, Bulgarien oder Rumänien reisen. Solche Reisen waren teuer, und viele Urlauber fühlten sich im Ausland wie Gäste zweiter Klasse, da die D-Mark mehr zählte als die DDR-Mark.

Die Familienpolitik der SED-Regierung war darauf ausgerichtet, frühe Eheschließungen und Geburten zu fördern. Großzügige Ehekredite wurden gewährt, die bei der Geburt von Kindern „abgekindert“ werden konnten und nach dem dritten Kind nicht mehr zurückgezahlt werden mussten. Geheiratet wurde meist schlicht auf dem Standesamt. Bemerkenswert war das moderne Familienrecht, das es Frauen sehr leicht machte, sich scheiden zu lassen. Die DDR war sogar „Scheidungsweltmeister“.

Frauen waren in der DDR zu rund 90% berufstätig. Dies war oft auch ein ökonomischer Zwang, da ein Gehalt zum Leben nicht reichte. Das Ideal war die junge und werktätige Mutter. Der Staat unterstützte dies durch Kinderbeihilfen und die Möglichkeit eines bezahlten Babyjahres nach der Geburt. Für die Betreuung der Kinder gab es ein dichtes Netz von Kinderkrippen und Kindergärten, die als gut in der Betreuung galten. Allerdings nutzte der Staat diese Einrichtungen auch zur frühen politischen Instrumentalisierung der Kinder. Ferienlager waren ein weiterer fester Bestandteil der Kindheit, oft als schönste Zeit des Jahres empfunden, da man weg von der Familie mit vielen anderen Kindern Urlaub machen konnte.

Eine besondere „kleine Flucht“ aus dem engen Wohnraum im Plattenbau boten die heiß begehrten Kleingärten. Diese Gärten waren nicht nur ein Rückzugsort ohne staatliche Einmischung („politischer Schiene“), sondern hatten auch einen praktischen Nutzen beim Anbau von Obst und Gemüse, um das in der Kaufhalle oft knappe Angebot zu ergänzen.

Zusammenfassend war das Leben in der DDR ein komplexes Gefüge. Es gab Unrecht, Willkür, Zwang und eine ständige Bombardierung mit politischen und gesellschaftlichen Anforderungen. Doch für viele Menschen gab es auch die kleinen Nischen des Glücks, der Freude und eine glückliche Kindheit. Man arrangierte sich mit den Gegebenheiten, machte das Beste daraus und fand im privaten Raum, in Freundschaften und Familie, emotionale Geborgenheit und Vertrauen.

Zeitreise an die Ostsee: Ahlbeck 1978 auf Super-8-Film

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Ein Klick genügt, und schon beginnt die Reise in eine andere Zeit. Kein Hochglanz, keine Drohnenaufnahmen, keine perfekt inszenierten Posen. Stattdessen: Körnige Bilder in warmen Farben, das leise Flackern eines alten Films und eine Authentizität, die man heute nur noch selten findet. Der Super-8-Film „Ostseeurlaub Ahlbeck 1978“ von Klaus Lange ist mehr als nur ein altes Urlaubsvideo – es ist eine fünfminütige Zeitkapsel, die uns direkt an den Strand der DDR vor über 45 Jahren versetzt.

Man sieht sie sofort, die ikonischen Motive, die Ahlbeck auch heute noch prägen: die majestätische Seebrücke, die elegante Bäderarchitektur an der Promenade und die unzähligen Strandkörbe, die im Sand aufgereiht sind. Dazwischen entfaltet sich das pralle Leben der späten 70er Jahre. Kinder rennen mit bunten Plastikschaufeln zum Wasser, Familien genießen ihr Picknick im Sand, und die Bademode verrät unverkennbar ihre Epoche. Auf der Promenade parken Autos, die heute als Oldtimer gelten, und die Menschen flanieren in einer Gelassenheit, die ansteckend wirkt.

Doch der Film ist mehr als nur eine private Urlaubserinnerung. Er ist ein authentisches Zeitdokument. Für viele Bürger der DDR war der Urlaub an der Ostsee das erreichbare Paradies, ein Höhepunkt des Jahres, auf den lange hingefiebert wurde. Diese Aufnahmen fangen genau diese unbeschwerte Urlaubsfreude ein – ein Fenster in den Alltag und die Sehnsüchte einer Generation in einem Land, das es so nicht mehr gibt.

Die besondere Magie des Super-8-Formats trägt wesentlich zu dieser nostalgischen Stimmung bei. Jeder Meter Film war kostbar. Anders als bei der heutigen Flut an digitalen Handyvideos wurde damals bewusst entschieden, wann die Kamera läuft. Das Ergebnis sind konzentrierte Momente des Glücks, eingefangen mit dem charakteristischen Rattern des Projektors im Hinterkopf.

So ist dieser kurze Film nicht einfach nur ein Relikt aus der Vergangenheit. Er ist ein wertvolles Stück gelebter Geschichte, das uns daran erinnert, wie sich Orte verändern und wie universell die Freude an einem einfachen Tag am Meer doch ist. Ein Dank an alle, die solche Schätze digitalisieren und mit uns teilen.

Alte Pfeifen im kleinsten Museum der Welt in Rostock

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Im Rostocker Rathaus bietet sich derzeit eine besondere Gelegenheit für Geschichtsinteressierte. Das „Kleinste Museum der Welt“, auch bekannt als das Museum in der Box, präsentiert in seiner bereits 15. Ausstellung Jahrhunderte alte Pfeifen bzw. Mundstücke. Die Ausstellung wurde am 4. Juni 2025 im kleinen Kreise eröffnet.

Stolz präsentierten der Vorsitzende des Freundeskreises Archäologisches Landesmuseum, Roland Medling, und der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Carsten Schmolt die sehr seltenen Fundstücke. Es wird vermutet, dass diese Pfeifen vor mehreren hundert Jahren höchstwahrscheinlich für die Ausbildung von Hunden verwendet wurden.

Die ausgestellten Pfeifen unterscheiden sich in Material und Aussehen. Eine Pfeife ist relativ hell und besteht aus sehr hart gebranntem Siegburger Steinzeug aus dem Rheinland. Das andere Stück ist aus roter Irdenware gefertigt. Dieses Material ist gebrannter Ton mit einem hohen Eisenanteil, der sich beim Brennen rot verfärbt – vergleichbar mit Backstein, wie er in der Backsteingotik zu finden ist. Auf diesem Stück befindet sich zudem eine kleine Glasur und eine kleine Riffelung, um ein Abrutschen zu verhindern.

Das „Museum in der Box“ dient als Werbung für das Archäologische Landesmuseum MV, das einst im Rostocker Stadthafen errichtet werden soll. Obwohl es bedauerlicherweise die einzige Werbung dieser Art sei, leistet das kleine Museum bereits heute einen Beitrag zur Präsentation der faszinierenden Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns. Die ausgestellten Funde werden irgendwann auch im zukünftigen Landesmuseum zu sehen sein und stellen bereits jetzt Querschnitte durch die Geschichte des Bundeslandes dar. Die Funde, darunter auch solche aus dem Mittelalter und der Neuzeit, die bisher vielleicht weniger im Vordergrund standen, werden als Highlights betrachtet.

Das Fundament für die Ausstattung des Archäologischen Landesmuseums bilden die unerschöpflichen Depots der Landesdenkmalpflege. Doch während die historischen Schätze bereitliegen, verschiebt sich der Bau des Landesmuseums um Jahre. Ursprünglich ging die Landesregierung davon aus, dass bereits 2025 der Baubeginn gefeiert werden könnte oder zumindest mit der Aufschüttung für das Gelände begonnen würde. Nun blickt der Freundeskreis hoffnungsvoll auf das Jahr 2026 als endgültigen Baubeginn. Als ideales Datum für die Fertigstellung des Archäologischen Landesmuseums wird das Jahr 2031 genannt.

Bis dahin können Besucher die Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns im „Kleinsten Museum der Welt“ erleben. Die aktuelle Ausstellung mit den jahrhundertealten Pfeifenköpfen und ihrer Geschichte kann noch bis Dezember 2025 im Rostocker Rathaus besucht werden. In diesem Sinne: pfeifen Sie nicht drauf!.

Blaue Wimpel im Sommerwind: Junge Pioniere gestalten die Zukunft in Dresden

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Dresden. Ein junger Sommertag im August 1952 begrüßt die alte Stadt an der Elbe, dieses „Kleinod deutscher Kultur“. Trotz tiefer Wunden, die ihr einst von „amerikanischen Barbaren“ geschlagen wurden, erhebt sich die „schwer geprüfte“ Stadt neu. Mit Friedensfahnen geschmückt, ist sie bereit, liebe Gäste zu empfangen: Unsere Jungen Pioniere.

Am 19. August 1952 versammeln sich im Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden die jüngsten Bürger unserer Republik. Direkt aus den Ferien kommend, bringen sie den Salzgeruch der Ostsee und den Duft der Thüringer Wälder mit sich, ihre Augen leuchten von großen Erlebnissen. „Unsere Kinder sind Deutschlands lebendige Zukunft“, verkündet Ministerpräsident Otto Grotewohl und überbringt die Grüße der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und der Regierung. Die ganze Liebe der Partei, der Arbeiterklasse, des Staates und aller schaffenden Menschen gilt ihnen. Sie werden aufgerufen, dem Vorbild Ernst Thälmanns zu folgen, mutige und standhafte Patrioten zu werden und die Sache des Friedens noch fester in ihre jungen Hände zu nehmen.

Margot Haidt eröffnet im Auftrag des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend das Treffen der Jungen Pioniere für Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus. Schon vor Ferienende beraten die besten Pioniere, wie sie die Aufgaben des neuen Schuljahres meistern können, wobei die Verbesserung des Lernens im Vordergrund steht. Hervorgehoben wird das Beispiel eines Pioniers aus Pirna, der Freunden geholfen hat, die im Unterricht zurückgeblieben waren. Pioniere fühlen sich verpflichtet zu helfen.

Es ist schön, von ihren Erfolgen und Plänen zu hören und ihre Begeisterung für alles zu sehen, „was uns der lichten Zukunft näher bringt“. Schön sei auch ihre Liebe zu den „Wegbereitern dieser Zukunft“, wie solchen kühnen Helden der Arbeit wie Frieda Hoffmann, Walter Peters und Erich Wirth. Im Gegensatz zu einer „freudlosen, armseligen Jugend“, die frühere Generationen erlebt hätten, stehen den heutigen Pionieren „zur Entwicklung alle Tore offen“. Sie können sich nach ihren Fähigkeiten emporarbeiten. Der Dreher Erich Wirth, einer der „geachteten Bürger unserer Republik“, Held der Arbeit, Nationalpreisträger und Abgeordneter der Volkskammer, ist einer dieser großen Menschen, denen die Jungen Pioniere nacheifern.

Die Kinder erwidern den Besuch der Helden der Arbeit und sind zu Gast im volkseigenen Betrieb Sachsenberg bei Dresden. Auch dieses Werk gehöre den Kindern, wird betont. Unermüdlich schafft die Arbeiterklasse, schafft das ganze Volk, um unseren Kindern ein stolzes Erbe zu hinterlassen und ihr Leben reich zu machen. Unsere Pioniere verstehen das sehr gut und fühlen sich eng mit den werktätigen Menschen verbunden. Sie danken den Arbeitern für die frohen Ferien, die sie in diesem Jahr erleben durften.

Jeder möchte erzählen und von seinen Erlebnissen berichten. Peter Gold, ein Arbeiterkind aus Erfurt, verbrachte herrliche Tage auf Rügen am Strand der Ostsee. Dort wurden im Pionier-Ferienlager Modelle gebastelt, gespielt und gelernt. Erholung und nützliche Tätigkeit seien eins. Peter ist einer der tüchtigsten Modellbauer; sein Flugzeugmodell ist bald startfertig und besteht die Prüfung. Auch die Segelfliegergruppe der Freien Deutschen Jugend hilft den Kindern.

In den letzten Vormittagsstunden erholen sich die Kinder im sonnendurchfluteten Stift und werden von Ärzten und Schwestern umsorgt, die über ihre kostbare Gesundheit wachen. Doch die Pioniere danken den Werktätigen auch, indem sie helfen. Peter ist mit seiner Gruppe zum Neubauern Ahrensee gekommen, um erste Hilfe zu leisten. Ihr Auftrag: Ehren lesen. „Kein Korn ein der Ernte darf unserem Volk verloren gehen“. Im Wettbewerb um den blauen Wimpel der Arbeit sind Peter und seine Freunde die ersten. Der Bauer dankt den Kindern aus der Stadt für ihre Hilfe. Das war eines der schönsten Erlebnisse für Peter, von dem er voll Stolz Erich Wirth und den anderen erzählt.

Peters Ferienbericht hat Jürgen angeregt, seine Freunde in die Dresdner Ausstellung der jungen Schiffsmodellbauer zu führen. Begeistert sprechen sie über ihre Modelle. Ein Modell des Segelschulschiffes „Wilhelm Pieck“ wurde gebaut. Ein Besuch auf dem Originalschiff im Rostocker Hafen war ein großes Erlebnis. Kapitän Weitendorf und seine Offiziere empfingen die jungen Modellbauer gastfreundlich. Mit tausend Fragen bestürmten die Pioniere den Kapitän. Sie lernten, dass es eine harte Zeit braucht, um die Weltmeere zu befahren. Anker lichten ist eine der schwersten Arbeiten an Bord. Es machte Spaß, das Spiel ohne Anker zu bringen. Nach altem Brauch wurde ein Seemannslied gesungen, und die jungen Schiffskonstrukteure nahmen Maße vom Original für ihr Modell. Auf See lernten sie, dass ein Seefahrender ein „ganzer Kerl“ sein muss, unerschrocken und bereit, mit Wind und Wellen zu kämpfen. Der zweite Offizier führte sie in die Navigation ein. Farbige Fernen eröffnen sich den jungen Seefahrern, ihre Fantasie schweift hin zu unbekannten Gestaden, zu den weiten Meeren, über die sie einst die stolzen Schiffe des einigen, friedliebenden Deutschlands führen werden. Nach einem ganzen Tag auf See kehrte das Schiff spät in den Hafen zurück, und die Arbeitsgemeinschaft widmete sich begeistert dem Modellbau.

Nach den Berichten von der Küste begleiten wir die Freunde auf einen Ausflug in die Sächsische Schweiz. Klaus Erler erzählt von einer abenteuerlichen Klettertour. Während einer Wanderung dachte sich seine Klasse ein Geländespiel aus. In zwei Gruppen mussten sie nach Karte und Kompass eine versteckte Fahne finden, über unbekannte Kontrollpunkte. Es galt, Mut, Entschlossenheit und Ausdauer zu beweisen. Kameradschaftliche Hilfe sei die höchste Tugend eines Bergsteigers. Der Felsen wurde bezwungen. So erholen sich unsere Kinder und stärken Körper und Geist, um „wachsen zu standhaften und kühnen Kämpfern für die Heimat“.

Zurück in Dresden besucht die Gruppe die Ausstellung der Havel-Expedition Lothar Berlin im Zentralhaus der Jungen Pioniere. Wer an dieser naturwissenschaftlichen Expedition teilgenommen hat, führt seine Freunde durch die Ausstellung und berichtet von der Forschungsreise ins Quellgebiet der Havel. Das Hauptlager war im Kyritzer See. Nach Vorbereitungen und dem Überwinden von Hindernissen wie verschärftem Flusslauf, schlugen sie ihr Lager auf einer unbewohnten Insel auf. Die jungen Forscher waren auf sich selbst angewiesen. Die Expedition nahm ihre wissenschaftliche Arbeit auf, aufgeteilt in Botaniker und Zoologen. Sie machten interessante Entdeckungen, wie einen jungen Kuckuck, beobachteten Fischadler und Seeadler. Ein leidenschaftlicher Forschungsdrang entbrannte, der Drang, „den Gesetzen der Natur nachzuspüren“. Dieser Tag brachte reiche Beute an naturwissenschaftlichem Material für Schulen und Pionierhäuser.

Doch nicht nur die Natur wird erforscht; auch die Geschichte unseres Volkes ist Thema. Im Pionierlager Thomas Müntzer mitten im Kyffhäusergebirge schlossen sich junge Geschichtsforscher zusammen, um den Spuren Thomas Müntzers nachzugehen. Ihr Ziel war Mühlhausen, einst freie Reichsstadt. Sie besuchten die Marienkirche, von der Müntzer 1525 predigte, das Evangelium des Freiheitskampfes verkündend: „Alle Menschen sind frei. Niemand ist zum Herrschen geboten. Es gibt nur einen Herrn, die Gesamtheit, die Gemeinde. Sie ist Gesetz, Ankläger und Richter“. Das Rathaus war eine weitere Wirkungsstätte Müntzers. Mit geschichtskundigen Beratern, wie dem Stadtarchivar, notierten sie aufmerksam in ihren Notiztagebüchern. Hier tagte der Ewige Rat, die Volksregierung mit Thomas Müntzer als Präsident. Gegen die „großen Herren, die fürstlichen Blutsauger“, das „Verderber der deutschen Nation“, regierte das Volk zwei Monate lang in eigener Sache. Hier gewannen Müntzers Jahrhunderte weite Gedanken Macht. Es ist den Kindern, als übergebe ihnen der „große Sohn unseres Volkes sein Vermächtnis“. Im Archiv machten die jungen Historiker eine große Entdeckung: einen Brief von Thomas Müntzer. Darin fordert er die Bauern und Handwerker auf, unerschrocken im Kampf gegen ihre Unterdrücker und Ausbeuter zu sein. Sie versuchten, den Brief zu lesen. Müntzer warnt seine Anhänger vor Betrugsabsichten der Herren. Der Brief wurde am 29. April 1525 geschrieben, kurz vor der Schlacht bei Frankenhausen. Die Gruppe trifft sich mit Pionieren aus Frankenhausen und befragt einen Heimatforscher. Sie lernen die Stätten kennen, auf denen der Entscheidungskampf im Großen Deutschen Bauernkrieg stattfand. Auf dem Schlachtberg stand vor 427 Jahren ein deutsches Heer von 8000 bewaffneten Bauern und Bergleuten unter Thomas Müntzer. Ströme von Blut wurden für die Freiheit vergossen. Die „fürstlichen Mörder“ seien von der Geschichte gerichtet, doch die Gestalten Müntzers und seiner Getreuen leben im Herzen des Volkes. Sie mahnen, das Begonnene siegreich zu Ende zu führen, „als einzige Saat im einigen Lande zu herrschen“.

Wenn abends am Lagerfeuer die Erzählungen reihum gehen, sind die Stunden wie verzaubert. Ingrid erzählt die Geschichte vom roten Halstuch. Die letzten Tage in der Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“ sind angebrochen. In diesen Bildern erlebten polnische, griechische und deutsche Kinder gemeinsam ihre Ferienzeit. Sie kommen zu einem letzten Freundschaftstreffen zusammen. Fröhlich tanzen sie Volkstänze und Walzer. Abseits entwerfen Anja aus Katowice (Polen), Ingrid aus Erfurt (Deutschland) und Lambros (Griechenland) eine Grußbotschaft an das sowjetische Pionierlager Artek. Der Höhepunkt des Treffens ist das Verlesen des Briefes an die Pioniere von Artek. Ihre Worte sind in einer Sprache verfasst: der Sprache der Freundschaft zu den jüngsten Opfern des Kommunismus in ihrem mächtigen Heimatland, der Sprache der Liebe zu Stalin, dem besten Freund aller Kinder der Welt.

Bald naht die Stunde des Abschieds. Anja und Ingrid besuchen noch einmal ihre Lieblingsplätze. Sie haben Freundschaft geschlossen. Freundschaft fürs Leben. Die junge Polin besiegelt die Freundschaft mit dem roten Halstuch. Ingrid wird es in Ehren tragen und sich des Vertrauens der polnischen Pioniere würdig erweisen.

Die herrlichen Ferien, die unsere Republik ihren Kindern geschenkt hat, gehen zu Ende. Doch Aufgaben von großer Bedeutung stehen vor unseren jungen Pionieren. Auf dem Theaterplatz in Dresden spricht Hermann Matern von der SED zum Abschluss des Treffens. Er verkündet, dass der Organisation der Jungen Pioniere das Recht gegeben wird, den Namen eines der größten Deutschen zu tragen, der unermüdlich und beharrlich für den Sozialismus kämpfte, der von den Faschisten ermordete unvergessliche Führer der deutschen Arbeiterklasse: Ernst Thälmann. „Ernst Thälmann war sie aus dem Leben“. Aus dem Leben Thälmanns lernen sie, „stets ein treuer Helfer und Kampfgefährte der Arbeiterklasse und des arbeitenden Volkes zu sein“. Im Auftrag des Zentralkomitees der SED überreicht er der Organisation der Jungen Pioniere als Zeichen der Verleihung des Namens Ernst Thälmann dieses rote Banner.

Mit der roten Fahne in der Hand wollen die Jungen Pioniere zusammen mit allen Schaffenden unserer Republik, als Vorhut der Arbeiterklasse, zu den Höhen des Sozialismus streben. Hier stehen sie, die Thälmann-Pioniere, die kommenden Baumeister des glücklichen Deutschlands. Sie leisten unserem Volk einen heiligen Eid. Morgen werden die Ähren liegen und grünen.

Stehleitern sicher und standhaft – DDR Arbeitsschutzfilm der 80´iger Jahre

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Ein kurzer Griff zum vermeintlich unerreichbaren Regalbrett, die Glühbirne schnell ohne Leiter wechseln – die Verlockung der Bequemlichkeit lauert überall. Doch gerade bei Arbeiten in der Höhe, selbst in geringen Höhen, ist der schnelle Weg oft der gefährlichere. Ein alter Arbeitsschutzfilm aus den 80er Jahren mag zwar aus einer anderen Zeit stammen, doch seine Sicherheitsratschläge für den Umgang mit Stehleitern sind nach wie vor hochaktuell und lebenswichtig.

Dieser seltene Film mit dem Titel „Der Umgang mit Stehleitern in Büro und Betrieb“ wurde im Auftrag des FDGB der DDR (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) produziert von Werbefilm Berlin. Es handelte sich ursprünglich um eine 16mm Filmrolle mit einer Länge von 4:34 Minuten. Der Film wurde 1990 bei der Auflösung des FDGB erworben und kürzlich für dokumentarische Zwecke digitalisiert. Die darin enthaltenen Sicherheitshinweise bleiben jedoch über die Jahrzehnte relevant.

Die zentrale Botschaft ist klar: Statt auf Nummer sicher zu gehen, geben viele oft der Bequemlichkeit nach. Dabei wäre die Lösung so einfach: die Leiter holen. Besonders vielseitig einsetzbar sind Stehleitern mit einem oder zwei Steigschenkeln, die freistehend aufgestellt werden können.

Doch einfach nur eine Leiter zu haben, reicht nicht. Ihre Sicherheit hängt von mehreren Faktoren ab:

• Der richtige Aufbau: Das Stehleiterband muss fest mit beiden Holmen verbunden sein. Die Verbindungsbolzen verhindern das Auseinandertreiben der Steigschenkel. Das Auseinandergleiten der Stehleiter verhindert die Spreizsicherung – aber nur dann, wenn diese auch gespannt ist. Achten Sie darauf, dass die Sicherung korrekt positioniert und straff ist, nicht lose.

• Der Zustand des Materials: Bei Holzleitern ist der Zustand des Holzes entscheidend. Es darf an keiner Stelle Risse, Splitterungen oder Bruchstellen aufweisen. Ein wichtiger Rat: Streichen Sie Holzleitern niemals mit deckender Farbe, denn sie erschwert das rechtzeitige Erkennen eventuell auftretender Risse. Holz wird stattdessen mit Halböl haltbar gemacht. Leitern, deren Holme oder Schenkel gegeneinander verschiebbar sind, müssen aussortiert oder instand gesetzt werden.

• Der sichere Stand: Muss eine Leiter auf unebener Fläche oder lockerem Boden aufgestellt werden, ist die Standsicherheit durch Holzunterlagen zu gewährleisten.

• Die korrekte Nutzung: Auf keinen Fall darf eine Bockleiter, also eine Stehleiter, als Anstellleiter benutzt werden. Beim Besteigen einer so falsch aufgestellten Leiter belastet man den Holm, der nicht auf dem Boden steht, und die Leiter kippt um – eine große Gefahr.

• Persönliche Sicherheit: Eine unterschätzte Gefahr, besonders im Haushalt, ist ungeeignetes Schuhwerk, das keinen Halt gibt. Benutzen Sie deshalb nur festes Schuhwerk und säubern Sie es selbstverständlich von Fett, Farbe, Schnee und anderen glitschigen Stoffen. Dies gilt übrigens auch für die Stehleiter selbst – sie muss ebenfalls sauber und frei von rutschigen Stoffen sein.

• Während der Arbeit: Beim Auf- und Absteigen gehören beide Hände an die Leiter. Alle mitzuführenden Gegenstände sollten in einer Tasche oder einem Beutel verstaut oder vorher angehangen werden. Sicherheit ist auch dann gegeben, wenn sich der Körperschwerpunkt dicht an der Leiter befindet. Das bedeutet, man sollte die Leiter nicht zu hoch beschreiben bzw. nicht zu hoch greifen. Wenn die zu erreichende Stelle nicht in unmittelbarer Reichweite liegt, muss man absteigen und die Leiter umstellen.

Unfälle mit Leitern müssen nicht sein. Die Kernaussage des Films bleibt bestehen: Geben Sie niemals Ihrer Bequemlichkeit nach. Gehen Sie immer auf Nummer Sicher. Das heißt: An der richtigen Stelle die richtige Leiter benutzen und dabei die grundlegenden Sicherheitsregeln beachten.

Die vergessene Bahnstrecke über die Karniner Brücke

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Świnoujśće / Karnin. Ursprünglich war Usedom über die den Peenestrom querende Karniner Brücke erreichbar. Diese wurde 1945 von der SS gesprengt. Übrig blieb die Hubbrücke, die bis heute als stählernes Mahnmal im Fluss steht. Ein Wiederaufbau wurde durch die neue politische Nachkriegsordnung verhindert, denn Swinemünde wurde polnisch und die alten Verkehrsachsen zerschnitten. Wir waren auf der Strecke Ducherow–Świnoujście–Heringsdorf auf Spurensuche.

Bau und Aufstieg einer Regionalbahn
Die Ursprünge der Usedom-Bahn liegen im Knotenpunkt Ducherow an der Berlin–Stralsunder Eisenbahn. Schon früh wuchs der Bedarf an sommerlichen Strandgästen und Gütertransporten. Ab 1908 wurde die einst eingleisige Strecke zweigleisig ausgebaut und erreichte bald ihren Höhepunkt: Die 67 Kilometer führten über Rosenhagen und Karnin nach Usedom, Dargen, Ahlbeck und Heringsdorf. Ein technisches Kernstück war der Übergang über den Peenestrom bei Karnin, der bis 1933 mit einer drehbaren Konstruktion meisterhaft bewältigt wurde.

Technisches Meisterwerk: Die Hubbrücke von 1933
Im April 1933 ersetzte eine 360 Meter lange zweigleisige Hubbrücke die alte Drehbrücke. Mit zwei gigantischen Hubtürmen, die in wenigen Minuten Platz für durchfahrende Schiffe schufen, zählte die Karniner Hubbrücke zu den modernsten Bahnbrücken Europas. Für die Züge war sie eine Ader, die Usedom am Festland pulsieren ließ – wirtschaftlich, touristisch und kulturell.

Zerstörung und Brückenmahnmal
Im April 1945, kurz vor Kriegsende, sprengte die SS die festen Brückenteile der Hubbrücke, nachdem die Wehrmacht die beweglichen Segmente bereits hochgesetzt hatte, um Marineeinheiten die Flucht zur Ostsee zu ermöglichen. Seitdem thront das tonnenschwere Brückengestell als stählernes Mahnmal im Penestrom. Es erinnert an den Verlust ganzer Infrastrukturen und an den Einschnitt, den die deutsche Teilung an deutschen Verkehrsadern hinterließ.

Nachkriegsjahre: Verfall, Teilung und Rettung
Mit der neuen Grenze 1945 endete der Zugverkehr in Swinemünde, dem heutigen Świnoujście. Gleise, die einst bunte Urlauberzüge und Ostsee-Dampfbahnen getragen hatten, verwitterten. Bahnhofsgebäude zerfielen, bis 1990 ein engagierter Bürgerverein den Abriss der Karniner Brücke verhinderte. Seitdem steht sie unter Denkmalschutz und ist als Industriedenkmal Teil eines Wanderwegs geworden – ein stiller Zeuge an einer vergessenen Route.

Spurensuche heute: Bahnhöfe im Wandel

  • Karnin: Nur wenige Meter von der Hubbrücke thront das Empfangsgebäude in neuem Glanz. Freiwillige haben es denkmalgerecht saniert und kulturellen Veranstaltungen geöffnet.
  • Usedom: Das Bahnhofsareal präsentiert sich gepflegt, der Schriftzug am Dach spiegelt nostalgisches Flair. Heute dient das Gebäude als Touristeninformation und Fahrradverleih.
  • Dargen: Das ehemalige Stellwerk wurde zu einer Ferienwohnung umgebaut – wer hier logiert, schläft zwischen alten Signalhebeln.
  • Świnoujście: Das massive Backsteingebäude des einstigen Hauptbahnhofs dient heute als Lagerhalle. Die Gleisanlagen sind größtenteils zurückgebaut, nur wenige Schwellen deuten auf den einstigen Bahnverkehr hin.

Blick in die Zukunft: Reaktivierung in Sicht?
Inzwischen wird der Wiederaufbau der Verbindung über Ducherow–Świnoujście–Heringsdorf heftig diskutiert und immer wieder für machbar erklärt. Politik und Verkehrsbetriebe prüfen, ob eine moderne Fährverbindung über den Peenestrom mit integrierter Eisenbahntrasse realisierbar wäre – eine große Investition, die Usedom und Vorpommern eng vernetzen könnte. Eine Reaktivierung würde nicht nur touristische Potenziale heben, sondern auch historische Verkehrsachsen wiederbeleben.

Doch bis dahin bleibt die Karniner Hubbrücke ein stählernes Denkmal: Mahnung an Geschichte, Versprechen an künftige Generationen und Symbol für vergessene Verbindungen zwischen Ost und West.

Die waghalsige Privatisierung des Thermometerwerks Geraberg

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Die frühen 1990er Jahre in Ostdeutschland waren eine Zeit des radikalen Umbruchs. Nach der Wiedervereinigung stand die Wirtschaft der ehemaligen DDR vor dem Nichts. Märkte brachen weg, es gab keine Anreize für Unternehmen und die Situation war oft chaotisch. Es gab kein Telefon, keine Verbindungen von Ost nach West, kein Eigentümer, kein Geld, keine Umsätze – einfach alles war chaotisch. Massenentlassungen waren die Folge, da Einnahmen fehlten und der Staat nicht unbegrenzt subventionieren konnte.

Inmitten dieses Chaos sahen einige Menschen eine Chance. Einer von ihnen war Dr. Gerd Frank, der Anfang 1992 die Investmentbank verließ, um sich selbstständig zu machen. Er suchte nach unternehmerischer Tätigkeit im Osten, wo er „viel zu tun gab“. Frank bezeichnete sich selbstironisch als „Schrottspezialist“, der sich um Dinge kümmerte, die andere liegen ließen, weil er kein Geld für „solche“ Übernahmen hatte. Diese zurückgelassenen Möglichkeiten waren für ihn die „unternehmerischen Nuggets“.

Seine Suche führte ihn zufällig zum Thermometerwerk Geraberg. Auf einer Raststätte in Thüringen las er in der Zeitung „Freies Wort“ von einem Unternehmen, das einen Quecksilber-Ersatzstoff erfunden hatte. Neugierig geworden, recherchierte er in einer Treuhand-Datenbank und fand heraus, dass das Werk „gesperrt“ war. Dies geschah im Zuge eines politischen Moments, der sogenannten „Bankenmilliarde“, bei dem Banken angehalten wurden, in Firmen zu investieren. Trotzdem bewarb sich Frank mit einem Fax. Ein Jahr später, im August 1993, kam überraschend die Einladung zur Privatisierung in Berlin.

Die Übernahme war ein immenses Risiko. Frank beschrieb sie als „binäres Investment“ – entweder würde alles den Bach runtergehen oder es würde gut werden. Er übernahm das Werk mit 220 Mitarbeitern. Um einen Bankkredit zu erhalten, musste er all sein Erspartes verpfänden und hinterlegen. Die Treuhand gab zwar etwas dazu, aber „der Schinken dauer[te] nicht ewig“, es musste schnell Erfolg erzielt werden. Frank bürgte für 8 Millionen D-Mark und zusätzlich für die Löhne der Mitarbeiter auf Jahre – ein Betrag, den er im Normalfall nicht hätte bezahlen können. Solche Verpflichtungen einzugehen, wäre im normalen Leben niemals denkbar gewesen, da das Risiko, dass die Firma scheitert, real war.

Um die Kredite bedienen zu können, arbeitete er Tag und Nacht. Die Abfindungen für Mitarbeiter mussten kalkuliert und bezahlt werden. Für rund ein Jahr gab es einen Zuschuss von der Treuhand von etwa 2 Millionen Euro. Eine weitere Herausforderung war der Umgang mit den Immobilien. Das Gelände und Gebäude in Geraberg waren der Treuhand zufolge Millionen wert (8-9 Millionen D-Mark). Frank brauchte aber das Gelände nicht, er brauchte Kapital. In einem ungewöhnlichen Tauschgeschäft gab er den Treuhandvertretern neun Millionen Wert (Grundstück) für drei Millionen, um das Geld sofort in den Bau einer neuen Fabrik zu investieren. Es stellte sich später heraus, dass das alte Gebäude verseucht war, was Franks ungewöhnliche Entscheidung im Nachhinein als glücklich erscheinen ließ.

Die anfängliche Zeit war eine Pionierphase. Die Mitarbeiter waren super und halfen enorm mit; niemand fragte nach 8-Stunden-Tagen, da sie sahen, dass auch Frank ständig präsent war. Trotzdem musste die Mitarbeiterzahl von 220 auf 80 reduziert werden, bevor sie allmählich wieder anstieg. Frank musste vertraglich garantieren, eine Mindestmitarbeiterzahl (z.B. 80 oder 100) für vier bis fünf Jahre zu halten und ein Investitionsvolumen (8 oder 5 Millionen) per Bürgschaft zu sichern. Er erreichte alle vertraglichen Ziele und musste keine Konventionalstrafen zahlen, was vielen anderen in dieser Zeit nicht gelang.

Die Beziehung zur Treuhand nach der Übernahme war nicht immer einfach. Neben dem Verkaufsteam gab es Revisionsteams, die versuchten, abgeschlossene Verträge zugunsten der Treuhand zu manipulieren. Zugesagte Gelder, etwa zur Deckung von Löhnen, wurden plötzlich von anderen Abteilungen verwaltet oder nicht ausgezahlt. Frank erlebte auch Drohungen und Druck, Mitarbeiter zu entlassen, was ihn ruinieren könnte, falls er die vereinbarten Mitarbeiterzahlen nicht halten konnte.

Das Unternehmen, ursprünglich „Thermometer Kombinat Erzmann 2“, wurde in Gerat Medical umbenannt. Der Fokus lag zunächst auf dem entwickelten Quecksilber-Ersatzstoff und der Herstellung von quecksilberfreien Fieberthermometern aus Glas. Obwohl zunächst viele dachten, das brauche niemand, wurde dies zur Rettung der Firma und zum „eigentlichen Turbo“. Frank holte sich sogar als Erster in Deutschland die Erlaubnis, das Greenpeace-Logo auf die Produkte zu drucken. Die Vermarktung im Westen war schwierig, also wandte er sich schnell dem Ausland zu und besuchte Messen in Dubai und Singapur.

Sukzessive stellte er alte Produkte wie technische Thermometer ein und konzentrierte sich auf Medizintechnik für Apotheken. Gegen den Widerstand der Mitarbeiter, die an Glas gewöhnt waren, führte er digitale Thermometer ein. Er baute die Marke Gerat Medical auf und erweiterte das Portfolio um andere Bereiche wie Vorhofflimmern-Diagnose und Lungenfunktionsmessung, um die Abhängigkeit von Glasthermometern zu verringern.

Intern gab es ebenfalls Konflikte und kulturelle Missverständnisse. Die meisten Unruheherde fand Frank in der alten Geschäftsführung, die selbst auf die Privatisierung gehofft hatte. Ein krasses Beispiel war der Geschäftsführer, der ohne Franks Wissen einen Leasingvertrag für eine Luxus-S-Klasse auf Firmenkosten abschließen wollte, während Frank jeden Cent sparte. Solche Vorfälle führten zu einem „Kultur-Clash hoch 3“. Nach weiteren „extremen Unregelmäßigkeiten“ entließ Frank den Geschäftsführer. Später verkaufte dieser das Firmenpatent an Chinesen, was rechtlich nicht zulässig war.

Trotz dieser Schwierigkeiten und der ständigen finanziellen Anspannung – Frank zog sieben Jahre lang kein Gehalt aus der Firma – blickt er positiv auf die Zeit zurück. Er vermisst diese Zeit nicht. Es war eine „tolle Zeit“, geprägt von Pioniergeist und der Zusammenarbeit mit vielen Menschen, die sich bemühten, etwas aufzubauen. Solche großen Transformationsprozesse, wie die Umgestaltung der DDR-Wirtschaft, erfordern Freiräume und eine Deregulierung, anstatt alles reglementieren zu wollen. Im Nachhinein gebe es immer „Besserwisser und Nörgler“, aber er habe nie das Gefühl gehabt, dass bei der Treuhand „Gangster“ oder „Schieber“ am Werk waren.

Heute ist Dr. Frank nicht mehr operativ tätig, sondern sitzt als Hauptaktionär im Aufsichtsrat der Firma, die es immer noch gibt. Die Erfahrung der Transformation und des Aufbaus aus dem Nichts bleibt für ihn eine wertvolle Lektion.

Spätere Entschuldung und Bestätigung der Treuhand-Kritik

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Die Zeit der Wende war eine Phase des Umbruchs und der Unsicherheit, besonders für Betriebe in der ehemaligen DDR. Mittendrin im Geschehen in Greifswald fand sich Walter Kienast, damals Mitglied der Betriebsleitung des heutigen Unternehmens Greifenfleisch, wieder. Sein Weg vom Betriebsleiter zum Treuhand-Geschäftsführer und schließlich zum Unternehmer war geprägt von Herausforderungen, persönlichen Opfern und einem unerschütterlichen Willen.

Bevor die Wende kam, steckte Greifenfleisch, damals noch ein DDR-Betrieb, mitten in Investitionsvorbereitungen. Rund zweieinhalb Millionen DDR-Mark waren bereits für Technologie ausgegeben worden. Ein benachbartes Grundstück, auf dem zuvor die GST war, wurde geräumt. In dieser Phase erlebte Walter Kienast, der jüngste in der 13-köpfigen Betriebsleitung, auch Konflikte mit der Kreisleitung der Partei. Deren Vorstellungen vereinten sich oft nicht mit seinem fachlichen Dasein. Er sollte Berichte schreiben, die nicht der Wahrheit entsprachen und Probleme leugneten. Kienast lehnte Gespräche mit derartigen Leuten ab und forderte fachliche Gesprächspartner. Rückblickend war er froh über die Wende.

Im März 1990 erhielt Kienast ein Schreiben vom Rat des Bezirkes, der im Auftrag der Treuhand handelte, mit der Aufforderung, einen vorläufigen Geschäftsführer zu benennen. Kienast und seine Frau hatten zu diesem Zeitpunkt entschieden, nach Rostock zurückzukehren. Er forderte die anderen Betriebsleitungsmitglieder auf, sich zu entscheiden, da auch sie ihre Arbeitsplätze behalten wollten. Obwohl es in dieser Phase Leute gab, die „große Klappe hatten“ und forderten, dass ehemalige Stasi-Mitarbeiter gehen sollten, wurde Kienast nach eigener Aussage nie direkt von Mitarbeitern angegriffen. Er erklärte, freiwillig auszusteigen.

Die Wende nahm eine unerwartete Wendung für Walter Kienast. Er versuchte zunächst, andere Betriebsmitglieder zu bewegen, sich zu melden, obwohl er selbst nicht davon überzeugt war. Bei einer Sitzung demonstrierte er, dass sie ab 17 Uhr führungslos wären, indem er seinen Platz am Kopfende verließ. Doch dann wurde er vermehrt von Mitarbeitern angesprochen, die besorgt waren, dass alles den Bach runtergehen würde, wenn er ginge. Seine Frau, eine Kindergärtnerin, hatte viele Eltern vom Schlachthof in ihrer Gruppe. An einem Samstagabend, nachdem sie auf dem Markt erneut von Mitarbeitern angesprochen wurden, sagte seine Frau zu ihm: „Du, so wie wir beide seelisch gestrickt sind, wenn du jetzt hier aus Kreiswald oder wir aus Kreiswald weggehen und du den Betrieb nicht weiterführst und er geht den Bach runter, dann werden wir beide unser Leben lang nicht richtig glücklich, weil wir immer Schuldgefühle mit uns tragen“. Diese Einsicht, die Kienast so vorher noch nicht gesehen hatte, war ausschlaggebend. Er beschloss, seinen Namen zu melden, wohlwissend, dass es keine leichte Zeit werden würde, da niemand wusste, was bevorstand.

Der Betrieb wurde zur GmbH i.A. (im Aufbau). Es brauchte einen Namen. Kienast suchte einen kurzen, knackigen Namen für das Marketing. Er wollte etwas für Greifswald tun. Inspiriert von lokalen Namen wie „Greifenhandel“ und „Greifengalerie“, entschied er sich für „Greifenfleisch“.

Die Anfangszeit war schwierig. Kienast setzte zunächst auf Vertrauen und belud Kühlfahrzeuge mit Produkten wie Bierschinken, Jagdwurst und Kochschinken. Ältere Kraftfahrer über 55 Jahre erhielten die Verantwortung für die Ladung und mussten nur Lieferscheine schreiben. Diese Fahrer berichteten jedoch von geringem Absatz in Greifswald und Umgebung. Die Kunden kauften nichts ab, weil sie sich erinnerten, wie Herr Kienast früher rationiert hatte und sie nicht genug Kochschinken, Filets oder Grillartikel bekamen. Sie wollten ihm zeigen, „wer der Herr im Staate ist“. Zudem dominierten nun bunt verpackte SB-Verpackungen aus dem Westen, und viele empfanden die westliche Wurst – zumindest am Anfang – als besser.

Kienast suchte proaktiv den Kontakt zu Kaufhallendirektoren und Abteilungsleitern. Er erklärte ihnen, dass er früher nur der Verteiler war und der Verteilungsschlüssel feststand: Zuerst wurde das Kernkraftwerk (KKW, heute Siemens) versorgt, dann die Stadt und die Universität als die drei Hauptbetriebe. Was übrig blieb, ging an die Kaufhallen, und Reste an die Konsumbetriebe. Es gab auch feste Anordnungen für Lieferungen nach Rostock und an die Markthalle in Berlin. Seine Devise war von Anfang an Profitabilität. Zusammen mit einem erfahrenen kaufmännischen Leiter kalkulierten sie intensiv, manchmal bis Mitternacht. Sie setzten Preise fest, die marktfähig waren und gleichzeitig eine profitable Produktion ermöglichten. Im Gegensatz zu Wettbewerbern, die Preise blind unterboten, kalkulierte Greifenfleisch genau und machte tatsächlich vom ersten Monat an Gewinn.

Eine Altlast aus DDR-Zeiten war ein buchhalterischer Verlustvertrag von rund 2 Millionen. Dieser wurde sorgsam gehütet, da er es erlaubte, Gewinne steuerfrei mit den Schulden zu verrechnen. Die Treuhand erließ diese Schulden zunächst nicht. Die Gewinne wurden genutzt, um diesen Verlustvertrag abzuschreiben. Unabhängig davon machte das Unternehmen mit jedem verkauften Stück Wurst Gewinn. Dies ermöglichte es Greifenfleisch, die ersten benötigten Verpackungsmaschinen selbst zu kaufen. Kienast wollte diese Investitionen nicht über Treuhandgelder finanzieren, da er Probleme bei der späteren Privatisierung sah.

Die Zusammenarbeit mit der Treuhand war nicht einfach. Kienast durfte bestimmte Verträge, wie Mietverträge, nicht selbst unterzeichnen; sie benötigten eine Gegenzeichnung der Rechtsabteilung in Rostock. Diese Genehmigungen dauerten bis zu einem Vierteljahr, wodurch Geschäfte verloren gingen. Kienasts Lösung war die Einführung eines Aufsichtsrates, dessen Vorsitzender alle Kompetenzen der Treuhand erhielt, mit Ausnahme der Privatisierung. Dies machte den Betrieb ab Anfang 1990 überhaupt erst lebensfähig. Hätte jemand entdeckt, dass Kienasts eigene Vertragsunterschriften nichtig waren, hätten sie von heute auf morgen weggewiesen werden können. Durch den Aufsichtsratsvorsitzenden konnten Verträge schnell, teils telefonisch, genehmigt werden.

Mitten in dieser Phase des Aufbaus gab es auch Rückschläge von außen. Jemand aus einer anderen Wurstfabrik soll beauftragt haben, Zigarettenkippen in Fleischkisten zu werfen und ein Streichholz in Wurst zu drücken. Dies wurde fotografiert, und Greifenfleisch wurde daraufhin als Lieferant abgelistet. Kienast musste sich rechtfertigen und wies darauf hin, dass dies technisch bei ihnen kaum möglich sei, es sei denn, es war eine geplante Sabotage. Die „Beweise“ sprachen jedoch gegen ihn. Etwa acht Wochen später meldete sich jedoch die Person, die die Fotos gemacht hatte, vom schlechten Gewissen geplagt, und gestand, dass nicht Greifenfleisch verantwortlich war, sondern er von jemand anderem dazu veranlasst wurde. Dies klärte die Situation, und Greifenfleisch durfte wieder liefern. Kienasts Devise blieb: „Lass doch die Kunden entscheiden“. Gab es anfangs noch acht Wurstproduzenten in Greifswald, ist Greifenfleisch heute der einzige. Der Erfolg liege in Geschmack, Qualität und Produkten, die andere nicht wollen oder können. Sie kombinieren moderne Maschinen mit Handwerksarbeit.

Der Prozess der Privatisierung selbst war chaotisch. Kienast erlebte, wie sein Betrieb verkauft wurde, ohne dass die zuständigen Treuhand-Mitarbeiter die notwendigen Unterlagen wie Konzepte dabeihatten oder den Betrieb kannten. Auf die Frage nach der gesetzlich vorgeschriebenen Kommission aus Vertretern von Gewerkschaften, Neuem Forum, Parteien, IHK etc., die bei der Vergabe hätte dabei sein müssen, erhielt er die Antwort, dass dies in keiner Kommission verhandelt worden sei. Daraufhin verlor Kienast die Fassung. Der Privatisierungsdirektor erklärte ihm, dass es „erledigt“ sei und „keiner mehr kauft, keiner mehr bietet“. Kienast wies darauf hin, dass niemand kaufen könne, der sich gar nicht beworben habe. Dies wurde abgetan mit der Bemerkung, das sei nicht seine Sache und er habe sowieso kein Geld. Kienast verteidigte seine Fähigkeit, den Betrieb zu führen, indem er auf die erfolgreiche Sanierung des DDR-Betriebs und den aktuellen guten Kontostand verwies.

Nach dieser fragwürdigen Vergabe begann das „Gezähre“ um Greifenfleisch erneut. Kienast schrieb einen Brief an Frau Breuel. Er wählte den Weg über den Ministerpräsidenten, da bekannt war, dass viele Briefe an Frau Breuel abgefangen wurden. Frau Breuel setzte sich ein und sprach in Rostock Klartext, was später vom Leiter der Treuhand bestätigt wurde. Dies führte zu einem sechsten Ansprechpartner von den Privatisierern. Nach anfänglichen Streitigkeiten lud Kienast ihn nach Greifswald ein, um sich Betrieb und Ergebnisse anzusehen. Nachdem der Mann Kienasts Führungsfähigkeit infrage stellte, drohte Kienast, die Unterlagen ein letztes Mal nach Berlin schicken zu lassen, damit die Privatisierung von dort erfolgte. Daraufhin wurde der Mann um seinen Job bange und schlug in Greifswald eine schnelle Lösung vor: Kienast sollte sein Konzept erneut einreichen, und die Treuhand würde es europaweit mit der kürzesten Frist (sechs Wochen) ausschreiben. Er versprach, dass kein Angebot ohne Konzept angenommen würde.

Ende November, nach vierstündiger Prüfung der materiellen Grundwerte, wurde ein Kaufpreis von 2,5 Millionen Euro festgelegt. Kienast hielt diesen für viel zu hoch. Die Dresdner Bank war jedoch bereit, dies zu finanzieren, sogar mehr Geld zu geben, als eigentlich benötigt wurde. Die Kredite waren staatlich verbürgt. Obwohl der Preis zu hoch war, wurde unterschrieben. Neben dem Kaufpreis von 2,5 Millionen Euro wurden dem Betrieb auch noch 1 Million Euro Altkredite aus DDR-Zeiten auferlegt (von ursprünglich 3,5 Millionen wurden 2,5 Millionen erlassen).
Erst Jahre später, als Investitionen getätigt und die Wurstfabrik aufgebaut waren, wurde Kienast bewusst, dass der hohe Kaufpreis das Problem war, nicht die mangelnde Marktfähigkeit des Unternehmens. Dies wurde durch Wirtschaftsprüfer untersucht und bestätigt. Daraufhin gab es in den Jahren 2002 oder 2003 eine Teilentschuldung. Erst seitdem fühlte sich Walter Kienast richtig als Unternehmer, zuvor war er „nur der Knecht der Bank“. Diese Entlastung ermöglichte es ihm, auch mehr für die Mitarbeiter zu tun.

Walter Kienast blickt auf diese Zeit zurück und reflektiert, wie manches besser hätte laufen können. Er kritisiert, dass die Außenstellen der Treuhand oft allein gelassen wurden. Er geht davon aus, dass sehr viele Schmiergelder flossen. Ein Privatisierungspartner sei nach eigener Aussage entlassen worden, weil er sein Schmiergeld mit dem Falschen geteilt habe. Es hätten Kontrollmechanismen eingesetzt werden müssen. Trotz des hohen Erwartungsdrucks hätten mehr Betriebe überleben können, wenn genauer hingesehen und befähigte Leute eingesetzt worden wären. Viele seien „Glücksritter“ gewesen, die sich eine „goldene Nase“ verdienten und wohl auch bei Zuschlägen die Hand aufhielten.

Trotz der Schwierigkeiten ist Walter Kienast sehr stolz auf die Firma, das Erreichte und seine Familie. Seine Frau und Tochter haben über die Jahre auf viel Freizeit verzichtet. Er gibt offen zu, dass er diesen schweren Weg nicht gegangen wäre, wenn er vorher gewusst hätte, wie hart es werden würde, aber eine starke Frau im Rücken machte es möglich. Er ist stolz auf das Erreichte und mit sich im Reinen. Die Fabrik läuft unter seinen Nachfolgern auf dem von ihm aufgebauten Niveau weiter. Der Umsatz ist heute sogar besser als zu der Zeit, als er ging. Die Geschichte von Greifenfleisch ist ein Beispiel für die turbulenten Jahre der Wende, die Herausforderungen der Privatisierung und den Durchhaltewillen eines Unternehmers und seiner Familie.

Reprivatisierung mit Weitblick: Wie Strickchic Apolda einen Neustart wagte

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Apolda. Die Stadt Apolda in Thüringen blickt auf eine lange Tradition in der Textilindustrie zurück. Einer, der dieses Erbe fortführt und zugleich neue Wege beschreitet, ist Gerald Rosner, Geschäftsführer der Strickchic GmbH. Sein Weg in die Strickerei war jedoch alles andere als vorgezeichnet. Aufgewachsen in einem Haushalt, in dem Stricken das Leben bestimmte, wollte er als Kind eigentlich genau das Gegenteil tun. Sein eigentliches Interesse galt der Elektronik.

Unerwarteter Start in die Textilbranche
Das Bildungssystem der DDR machte Rosner jedoch einen Strich durch die Rechnung. Für die Erweiterte Oberschule reichten seine Noten in Sprachen nicht aus, trotz guter Leistungen in Mathe, Physik und Chemie. Da er studieren wollte, blieb nach der 10. Klasse nur der Weg über einen Beruf mit Abitur. Die wenigen Stellen in der Elektronik waren für Absolventen mit dreijährigem Armeedienst reserviert – keine Option für ihn. So entschied er sich, wenn auch zähneknirschend, für die Ausbildung zum Stricker mit Abitur. Rückblickend betrachtet er dies heute als das Beste, was ihm passieren konnte, auch wenn er damals wenig begeistert war.

Die Ausbildung absolvierte er in Mühlhausen, wo sich viele der Lehrlinge trafen, die eigentlich andere Berufe anstrebten. Erstaunlicherweise zeigte sich die Berufsschule flexibel und ermöglichte den meisten das Studium ihrer Wahl. Gerald Rosner konnte so doch noch seinen ursprünglichen Interessen folgen und studierte Technische Kybernetik in Chemnitz, der damaligen Karl-Marx-Stadt. Seine Erfahrung im Stricken und sein Studium führten ihn schlussendlich zur Entwicklung und Konstruktion elektronisch gesteuerter Strickmaschinen.

Wendezeit und Neuanfang
Die Zeit der Wende erlebte Rosner hautnah. Die Ankündigung zur Grenzöffnung sah er live im Fernsehen, realisierte die Tragweite aber zunächst nicht. Schnell reifte der Wunsch, wieder etwas Eigenes aufzubauen. Kontakte zur Strickerei Lucia in Lüneburg, gegründet von einem 1950er-Jahren-Auswanderer aus Apolda, bestanden bereits. Im März 1990 kam der Führungsstab von Lucia nach Apolda, um Möglichkeiten zu diskutieren.

Nachdem der von der Partei eingesetzte Chef des VEB OberTrikoten Apolda ging, wurde Rosners Vater vom Kombinatsdirektor als Betriebsdirektor eingesetzt – mit dem klaren Auftrag zur Privatisierung. Dies verschaffte der Familie eine gute Ausgangsposition, da sie intern nicht gegen eine andere staatliche Leitung kämpfen mussten. Am 1. August 1990, kurz nach der Währungsunion, begann Gerald Rosner als Technischer Leiter im Treuhandbetrieb. Zuvor hatte er Gelegenheit, sich bei der Firma Stoll in Reutlingen, einem der größten Strickmaschinenproduzenten weltweit, mit westlicher Technologie vertraut zu machen.

Markteroberung im Osten und Westen
Nach der Währungsunion entstanden überall neue Boutiquen. Anfangs herrschte Skepsis gegenüber Produkten aus Apolda, doch die Qualität der Textilien setzte sich schnell durch. Strickchic konnte sich rasch etablieren, zunächst vor allem im Osten Deutschlands.

Die Treuhand bemerkte Anfang 1992 die verbliebenen Strickereien in Apolda und beauftragte Unternehmensberater mit der Prüfung der Sanierungsfähigkeit. Für fünf Betriebe stand nur eine Woche zur Verfügung – effektiv ein Tag pro Betrieb. Das Ergebnis war, dass alle bis auf einen als nicht sanierungsfähig eingestuft wurden. Dies führte zu großem Aufruhr und Demonstrationen in Apolda und Erfurt. Um Druck aus dem Kessel zu nehmen, suchte die Treuhand nach Betrieben, bei denen die Privatisierung am einfachsten verlaufen könnte. Strickchic hatte das Glück, dass die Familienerben greifbar und privatisierungswillig waren, auch wenn ein Onkel, der in den Westen ausgewandert war, nicht beteiligt sein wollte.

Der Weg zur Reprivatisierung
Innerhalb von sechs Wochen verhandelten sie direkt mit dem Finanzvorstand der Treuhand Erfurt über einen Reprivatisierungsvertrag. Sie erstellten ein Unternehmenskonzept, das von der Treuhand akzeptiert wurde. Am 2. Dezember 1992 wurde der Vertrag im Beisein des damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und Medienvertretern unterzeichnet. Dies ermöglichte der Treuhand, zu zeigen, dass sie sich um die Fortführung der Textilindustrie in Apolda kümmerte. Rosner ist überzeugt, dass man in dieser Zeit die neuen Bundesländer als „Spielwiese“ hätte nutzen und vieles hätte ausprobieren können. Für ihn steht die Wichtigkeit, fähige Menschen in Positionen zu setzen und ihnen Eigenverantwortung zu geben, im Vordergrund.

Unterstützung erhielten sie von Lucia Lüneburg. Lucia gab keine Aufträge, da sie nicht zur verlängerten Werkbank werden sollten, sondern halfen mit der Qualifizierung des Personals und boten volle Transparenz an. Im Osten fanden sie schnell Handelsvertreter, da viele Arbeit suchten. In den Jahren 1992 bis 1995 verzeichnete Strickchic zweistellige Zuwachsraten.

Der Durchbruch im Westen
Ein entscheidender Wendepunkt war das Jahr 1996. Die Fachzeitschrift Marktintern, die Händler nach ihren Lieferanten befragte, nahm Strickchic in ihre Umfrage auf. Während westdeutsche Händler sie kaum kannten, gaben ostdeutsche Händler Bestbewertungen. Überraschenderweise gewann Strickchic auf Anhieb die Umfrage. Dies erregte große Aufmerksamkeit. Bei den Düsseldorfer Modemessen, auf denen sie seit 1992 präsent waren, änderte sich die Situation schlagartig. Statt vor großen, gut besuchten Ständen zu stehen, kamen nun die Händler zum kleinen Stand von Strickchic, um die Gewinner kennenzulernen. Von 1996 bis 2000 etablierten sie sich stark im Westen und erreichten einen Umsatzanteil von 50 Prozent in Ost und West.

Anpassung und Innovation
Das Auslaufen des Welthandelsabkommens für Textilien im Jahr 2002 führte zu einem Anstieg der Importe und dem Aufkommen großer Handelsketten. Als Gegenbewegung suchten kleine Designer nach regionalen Produktionsmöglichkeiten. Strickchic begann, für Designer Kollektionen zu entwickeln und zu produzieren – ein Geschäftsfeld, das bis heute wichtig ist. Ab 2004 stiegen sie in die Entwicklung heizbarer Kleidung ein, beginnend mit Versuchen mit leitfähigem Garn.

Blick auf die Gegenwart und Zukunft
Im Vergleich zur Aufbruchsstimmung von 1990, als die Menschen trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten auf Besserung hofften, sieht Gerald Rosner heute eine andere Stimmung. Obwohl es der Mehrheit wirtschaftlich gut gehe, lebe man mit der Befürchtung, dass es schlechter wird, was zu einer gewissen Lethargie führe. Er beobachtet, wie Wohlstand „verfrühstückt“ werde und dies nicht auf Dauer gutgehen könne.

Notwendige Veränderungen erforderten Leidensdruck. Diesen gab es 1989 und Rosner empfand ihn 2007 persönlich. Die Politik habe in den letzten Jahren Leidensdruck durch Geldzahlungen abgemildert, doch Rosner ist sicher, dass er kommen wird und Reformen erzwingen muss. Für sein Unternehmen bedeutet dies, Geld und Technologie zusammenzuhalten, um auch schwierigere Zeiten zu überstehen.

Gerald Rosner schätzt sich glücklich, in beiden deutschen Systemen gelebt zu haben. Diese Erfahrung, insbesondere das körperliche Erleben der DDR im Gegensatz zum Hören in der Tagesschau, verschaffe Menschen seiner Generation in den neuen Bundesländern einen erheblichen Bildungsvorteil. Er blickt mit einem sehr angenehmen Gefühl zurück und positiv in die Zukunft, auch wenn er weitere negative Entwicklungen in Deutschland erwartet. Entscheidend sei jedoch, was der Einzelne daraus mache. Neben aller Planung und Arbeit gehörte für ihn auch das notwendige Quäntchen Glück dazu.