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„JAMMER-OSSIS“? Was ist los in Ostdeutschland? Ein Film (nicht nur) für Wessis

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Seit über dreißig Jahren lebt Deutschland wieder vereint, doch die Wahrnehmung und das Bild des „Ostens“ bleiben komplex und vielschichtig. Auch nach drei Jahrzehnten des Wandels und der Anpassung fühlt sich ein Teil der Bevölkerung aus den östlichen Bundesländern weiterhin nicht vollständig in das vereinte Deutschland integriert. Dies wirft Fragen auf: Warum zeigen Umfragen immer wieder, dass Ostdeutsche oft als rebellisch und unzufrieden erscheinen? Warum wählen sie häufiger gegen die etablierten Parteien und ziehen rechtspopulistische Optionen vor? Die Autorin Andrea Ohms setzt sich intensiv mit diesen Fragen auseinander und sucht nach Antworten, die über einfache Klischees hinausgehen.

Die Dokumentation von Andrea Ohms bietet einen tiefen Einblick in die politische und gesellschaftliche Landschaft Ostdeutschlands. Sie beleuchtet die komplexen Gründe, warum Ostdeutsche Parteien wie die AfD unterstützen, die in den westlichen Teilen des Landes weniger Zuspruch finden. Diese Neigung wird oft als Ausdruck von Frustration interpretiert, doch Ohms will herausfinden, ob es sich dabei um eine oberflächliche Erklärung handelt oder ob tiefere Strukturen und historische Erfahrungen eine Rolle spielen.

Andrea Ohms trifft bedeutende Persönlichkeiten wie den ehemaligen Innenminister Thomas de Maizière und den CEO von Jenoptik, Stefan Traeger. Beide bieten wertvolle Perspektiven auf die Entwicklungen seit der Wiedervereinigung und die fortdauernden Herausforderungen, die den Osten Deutschlands prägen. Thomas de Maizière gibt Einblicke in die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die er während seiner Amtszeit miterlebt hat, und beleuchtet die Schwierigkeiten, mit denen Ostdeutschland konfrontiert ist. Stefan Traeger, als Vertreter der Wirtschaft, spricht über die wirtschaftliche Transformation und die anhaltenden Unterschiede zwischen Ost und West.

Die Dokumentation fragt auch nach den Ursachen für das oft als „Ost-Trotz“ bezeichnete Verhalten und dem Vorwurf des „Putinverstehens“. Sind diese Phänomene Ausdruck eines tief verwurzelten Unmuts oder lediglich klischeehafte Übertreibungen? Ohms geht der Frage nach, ob die Vorstellungen von einem „Jammer-Ossi“ oder einem „Putinversteher“ den tatsächlichen Herausforderungen gerecht werden oder ob sie lediglich eine vereinfachende Sichtweise darstellen.

Im Kern untersucht die Dokumentation, wie groß der Graben zwischen Ost- und Westdeutschland tatsächlich ist und welche Schritte notwendig sind, um diese Kluft zu überwinden. Andrea Ohms zeigt, dass die Realität weit komplexer ist als die oft dargestellten Klischees und bietet ein differenziertes Bild von Ostdeutschland – einer Region, die trotz der Wiedervereinigung weiterhin ihre eigene Identität und Zukunft gestaltet.

Seltene Private Aufnahmen aus der DDR der 80er Jahre

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Die 1980er Jahre in der DDR waren eine Zeit des politischen Wandels, sozialer Umbrüche und zunehmender Isolation des Landes. Seltene private Aufnahmen aus diesem Jahrzehnt bieten einen einzigartigen Einblick in das Alltagsleben und die Atmosphäre der damaligen Zeit, die oft von offiziellen Bildern und Berichten überdeckt wird.

Die private Kamera der 80er Jahre war nicht nur ein Werkzeug zur Dokumentation des persönlichen Lebens, sondern auch ein Fenster zur Realität des DDR-Alltags. Diese seltenen Aufnahmen zeigen, wie das Leben der Menschen jenseits der staatlichen Propaganda und der offiziellen Feierlichkeiten aussah. Die Bilder bieten eine authentische Darstellung des Lebens in einer Zeit, in der die DDR in vielen Bereichen stagnierte, aber gleichzeitig durch den Einfluss von Konsum und Kultur der westlichen Welt herausgefordert wurde.

Eine häufige Szene in den privaten Aufnahmen der 80er Jahre sind die Wohnungseinrichtungen, die oft den typischen DDR-Stil widerspiegeln. Möbelstücke aus der Zeit sind in den Bildern zu sehen, von den charakteristischen Möbelserien bis hin zu den typischen Tapetenmustern. Diese Details bieten einen wertvollen Einblick in die Alltagskultur und die ästhetischen Vorlieben der DDR-Bürger.

Das Leben in den Städten wird durch Szenen von belebten Straßen, öffentlichen Plätzen und typischen Wohnvierteln dokumentiert. Die seltenen Aufnahmen zeigen Menschen in ihrem täglichen Leben: bei der Arbeit, beim Einkaufen oder bei Freizeitaktivitäten. Oft sind die Bilder mit dem unverwechselbaren DDR-Flair durchzogen, sei es durch die Mode der Zeit, die Fahrzeuge auf den Straßen oder die Architektur der Gebäude. Die Aufnahmen sind auch Zeugnisse der wirtschaftlichen Herausforderungen jener Jahre – leerstehende Läden und Warteschlangen vor Geschäften sind immer wieder zu sehen.

Besonders aufschlussreich sind Aufnahmen von Familienfeiern und gesellschaftlichen Zusammenkünften. Diese Bilder geben Einblicke in den engen Zusammenhalt der Familien und die Art und Weise, wie private Feiern trotz der politischen Repressionen zu einem wichtigen Bestandteil des Lebens wurden. Die Feierlichkeiten, sei es zu Geburtstagen, Hochzeiten oder Feiertagen, zeigen die Kreativität der Menschen, ihre Fähigkeit, sich selbst in schwierigen Zeiten zu feiern und zu unterhalten.

Ein weiterer bedeutender Aspekt der Aufnahmen aus dieser Zeit sind die verschiedenen Veranstaltungen und Freizeitaktivitäten. Private Filme und Fotos zeigen die DDR-Sportler bei Wettkämpfen, das kulturelle Leben mit Konzerten und Theateraufführungen sowie die entspannte Atmosphäre bei Ausflügen in die Natur oder an die Ostsee. Diese Bilder vermitteln ein Gefühl für das kulturelle Leben und die Freizeitgestaltung der Menschen in einer Zeit, in der kulturelle und sportliche Aktivitäten oft eine wichtige Flucht vor den Einschränkungen des Alltags darstellten.

Die privaten Aufnahmen der 80er Jahre sind auch ein wichtiges Dokument des politischen Klimas der Zeit. Es gibt Bilder von Protesten und Demonstrationen, die immer wieder aufflammen, sowie Szenen von Menschen, die sich mit den alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens auseinandersetzen. Diese Bilder bieten eine ehrliche Darstellung der Stimmung in der Bevölkerung und der sozialen Spannungen, die unter der Oberfläche brodelten.

Abschließend bieten die seltenen privaten Aufnahmen der 80er Jahre in der DDR einen umfassenden und persönlichen Einblick in das Leben der Menschen während eines Jahrzehnts der politischen und sozialen Herausforderungen. Sie vermitteln ein Gefühl für den Alltag und die Kultur der Zeit, die oft durch offizielle Darstellungen und Berichterstattungen nicht vollständig erfasst werden konnten. Diese Bilder sind nicht nur ein wertvolles historisches Dokument, sondern auch ein bewegendes Zeugnis des menschlichen Lebens und der Widerstandsfähigkeit in schwierigen Zeiten.

Haus Schulenburg“: Sanierung und Kunst – Ein Blick auf das Meisterwerk in Gera

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Im Jahr 1997 begann die umfassende Sanierung der Villa „Haus Schulenburg“ in Gera, einem architektonischen Meisterwerk des berühmten belgischen Architekten Henry van de Velde. Die Villa, die als Gesamtkunstwerk gilt, reflektiert van de Veldes Vision für die harmonische Verbindung von Architektur, Kunst und Design. Der Restaurierungsprozess, der über Jahre hinweg das Ziel verfolgte, das ursprüngliche Erscheinungsbild und den Charakter des Gebäudes zu bewahren, stellt ein bemerkenswertes Kapitel in der Geschichte der Architektur- und Restaurierungskunst dar.

Die Sanierung der Villa „Haus Schulenburg“ war ein ambitioniertes Unterfangen, das nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch die Historie und das Erbe von Henry van de Velde in den Vordergrund stellte. Das Projekt, das unter der Leitung von Dr. Volker Kielstein durchgeführt wurde, zielte darauf ab, die Villa in ihrem historischen Glanz erstrahlen zu lassen und gleichzeitig moderne Anforderungen zu erfüllen. Dr. Kielstein, der als Bauherr maßgeblich an der Planung und Durchführung der Sanierung beteiligt war, setzte sich für eine authentische Wiederherstellung ein, die den ursprünglichen Entwurf und die künstlerische Vision van de Veldes respektierte.

Zur Jahrtausendwende war die Sanierung weit fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen. Der Dokumentarfilm von Dietmar Walther und Martin Groß bietet einen umfassenden Einblick in den Stand der Dinge zu dieser Zeit. Der Film dokumentiert sowohl den Fortschritt der Sanierungsarbeiten als auch die Visionen und Pläne des Bauherrn Dr. Kielstein. Besonders interessant ist die Gegenüberstellung von Originalfotos und dem damaligen Bauzustand des Gebäudes. Diese visuellen Vergleiche ermöglichen es den Zuschauern, die Veränderungen und Fortschritte in der Sanierung nachzuvollziehen und die Herausforderungen, die mit der Restaurierung eines solch bedeutenden Bauwerks verbunden sind, besser zu verstehen.

Ein bedeutender Teil der Sanierung war auch die Integration kultureller und künstlerischer Elemente. Im Jahr 1999 wurde im Nebengebäude der Villa eine Ausstellung von Piet Stockmans gezeigt. Diese Ausstellung, die in einem noch teilweise sanierten Teil des Komplexes stattfand, trug zur kulturellen Belebung des Projekts bei und stellte eine wichtige Verbindung zwischen der Architektur von van de Velde und zeitgenössischer Kunst her. Piet Stockmans, bekannt für seine außergewöhnlichen Keramiken, fügte dem Ambiente der Villa eine zusätzliche Dimension hinzu und unterstrich die Rolle des Gebäudes als lebendiges Kunstwerk.

Heute steht die Villa „Haus Schulenburg“ als eindrucksvolles Beispiel für die erfolgreiche Restaurierung eines architektonischen Meisterwerks. Die sorgfältige Sanierung hat nicht nur das Gebäude in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, sondern auch dessen kulturellen Wert für zukünftige Generationen bewahrt. Die Dokumentation von Walther und Groß sowie die Ausstellung von Piet Stockmans bieten wertvolle Einblicke in die Geschichte und Bedeutung dieses einzigartigen Bauwerks und unterstreichen die Bedeutung der Erhaltung und Pflege historischer Architektur.

Die Villa „Haus Schulenburg“ erhielt 2012 den Thüringer Denkmalschutzpreis, 2019 den  Deutschen Preis für Denkmalschutz und 2024 den Europäischen Kulturerbepreis Europa Nostra.

Das Leben der Studierenden im 16. Jahrhundert in Jena

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Wie lebte die Studierendenschaft im 16. Jahrhundert? Eine fesselnde Ausstellung in Jena geht dieser Frage auf den Grund und lädt zu einer Entdeckungsreise in die akademische Welt der Frühen Neuzeit ein. An drei unterschiedlichen Orten in Jena werden faszinierende Ausgrabungsfunde präsentiert, die wertvolle Einblicke in das Leben der Studierenden jener Zeit gewähren. Im Mittelpunkt steht das „Collegium Jenense“, die Wiege der Universität Jena und ein zentraler Ort für die akademische Entwicklung im 16. Jahrhundert.

Dr. Enrico Paust, Historiker an der Universität Jena und Leiter der Ausgrabungen im Rahmen des Projekts „Collegium Jenense“, führt durch die Ausstellung und gibt im begleitenden Video spannende Einblicke. Er erläutert, wie die Ausgrabungsfunde aus der Gründungszeit der Universität ein detailliertes Bild des Alltags der Studierenden vermitteln. Die Exponate umfassen eine breite Palette von Gegenständen, darunter alltägliche Utensilien, Lehrmaterialien und persönliche Gegenstände, die das Leben und Lernen der Studierenden dokumentieren.

Die Vorbereitung der Ausstellung stellte das Team vor eine Reihe von Herausforderungen. Die präzise Arbeit an den Ausgrabungen war entscheidend, um die Fundstücke korrekt in ihren historischen Kontext einordnen zu können. Dies erforderte nicht nur sorgfältige Dokumentation und Konservierung der Funde, sondern auch eine fundierte Interpretation der Ergebnisse. Dr. Paust und sein Team kombinierten historische Quellen und wissenschaftliche Methoden, um ein authentisches Bild des Lebens im Collegium Jenense zu rekonstruieren.

Besucher der Ausstellung können sich auf eine spannende Zeitreise freuen. Die Präsentation bietet umfassende Einblicke in das Leben, Lernen und die Organisation der Studierenden im 16. Jahrhundert. Neben der akademischen Dimension zeigt die Ausstellung auch die soziale und kulturelle Dimension des studentischen Lebens und lässt die Besucher die Herausforderungen und Möglichkeiten jener Zeit hautnah erleben. Die Ausstellung ist eine eindrucksvolle Gelegenheit, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen und ein tieferes Verständnis für das historische akademische Leben zu gewinnen.

IFA L60: Der vielseitige Kraftprotz der DDR von 1987 bis 1990

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Der IFA L60, abgekürzt für „Ludwigsfelde 60 Dezitonnen“, repräsentiert einen bedeutenden Schritt im Lkw-Bau des Industrieverbandes Fahrzeugbau der DDR. Zwischen 1987 und 1990 wurden insgesamt 20.289 Einheiten dieses Modells produziert, hauptsächlich aus dem VEB Automobilwerke Ludwigsfelde, während einige Sonderfahrzeuge auch in anderen Betrieben gefertigt wurden.

Der IFA L60 trat 1987 als „vorläufige Ergänzung“ des bewährten IFA W50 auf. Die Einführung des L60 war als erster Schritt vorgesehen, um den W50 mittelfristig zu ersetzen. Doch aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Umbrüche, die zur Wende führten, wurde die Produktion des L60 bereits im August 1990 nach nur drei Jahren Bauzeit eingestellt. Das hat dazu geführt, dass der IFA L60 im Vergleich zum W50 heute in Deutschland eher selten zu finden ist. Die geringe Stückzahl sowie die komplexere Technik und schwierigere Ersatzteilbeschaffung haben zur geringen Verbreitung beigetragen.

Bei der Entwicklung des IFA L60 wurden die aktuellen ECE-Regelungen und Trends im Nutzfahrzeugbau berücksichtigt. Der L60 sollte nicht nur den Anforderungen des Marktes gerecht werden, sondern auch durch Wirtschaftlichkeit und geringen Kraftstoffverbrauch überzeugen. Trotz äußerer Ähnlichkeiten zum W50 stellte der L60 eine umfassende Neuentwicklung dar. Die Ingenieure haben die Schwachstellen des W50 adressiert, insbesondere die begrenzte Nutzlast und Motorleistung. Der IFA L60 ist mit einem neu entwickelten Sechszylinder-Baukastenmotor ausgestattet, dessen Leistung im Vergleich zum W50 um etwa 43 % gesteigert wurde. Während der W50 über 92 kW verfügte, erreichte der L60 eine Leistung von 132 kW.

Neben der gesteigerten Motorleistung wurde auch die Nutzlast des L60 verbessert. Je nach Modell konnte die Nutzlast um rund eine Tonne erhöht werden. Das Leistungsgewicht des Gliederzugs, bestehend aus dem IFA L60 und einem 12-Tonnen-Anhänger, verbesserte sich auf 183,82 kg/kW. Der Kraftstoffverbrauch des L60 liegt im Bereich von 24 bis 26 Litern pro 100 Kilometer, was zwar höher ist als beim W50, jedoch bei den Allradmodellen um 15 % niedriger bezogen auf die transportierte Nutzlast.

Der IFA L60 bot vier mögliche Höchstgeschwindigkeiten: 72, 82, 92 und 105 km/h, die eine breite Palette von Einsätzen ermöglichten. Modelle mit Allradantrieb waren für eine Steigfähigkeit von bis zu 60 % bei unbeladenem Zustand ausgelegt, während hinterradgetriebene Modelle eine Steigfähigkeit von 35 % erreichten. Als Gliederzug konnte der L60 mindestens 18 % Steigfähigkeit bewältigen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der IFA L60 trotz seiner kurzen Produktionszeit als bedeutendes Fahrzeug der DDR-Geschichte gilt, das durch technische Verbesserungen und wirtschaftliche Vorteile im Vergleich zu seinem Vorgänger aufwartete.

Wilhelm Domke-Schulz: Wenn ich den Begriff WIEDERVEREINIGUNG schon höre!

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Wilhelm Domke-Schulz, geboren 1956, hat sich in der deutschen Film- und Medienlandschaft einen festen Namen gemacht. Er wuchs in einer Zeit auf, in der das Kino eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft spielte, und entwickelte früh eine Leidenschaft für die Dramaturgie des Films. Diese Leidenschaft führte ihn an die renommierte Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg, wo er Dramaturgie studierte. Diese Hochschule, die heute die Filmuniversität Babelsberg trägt, gilt als eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für den deutschen Filmnachwuchs. Hier legte Domke-Schulz den Grundstein für seine spätere Karriere als Dramaturg, Filmemacher und Produzent.

Nach seinem Studium begann er seine Karriere als freier Dramaturg und arbeitete für verschiedene Filmprojekte in Berlin, Potsdam und Leipzig. In dieser Zeit sammelte er umfassende Erfahrungen sowohl im Bereich des Spielfilms als auch des Dokumentarfilms. Domke-Schulz war von Anfang an fasziniert von der Kunst, Geschichten auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, sei es in fiktiven Erzählungen oder in der Darstellung realer historischer Ereignisse. Besonders im Dokumentarfilm fand er ein Medium, das es ihm ermöglichte, tief in historische und gesellschaftliche Themen einzutauchen.

1991, in den Umbruchjahren nach der Wiedervereinigung Deutschlands, entschied sich Domke-Schulz, einen neuen Weg einzuschlagen. Er gründete seine eigene Produktionsfirma, die unter dem Namen domke-schulz-film bekannt ist. Dieser Schritt in die Selbstständigkeit ermöglichte ihm, unabhängig zu arbeiten und seine kreativen Visionen eigenständig umzusetzen. Seitdem produzierte er über siebzig Filme, wobei er sich auf Reportagen, historische Dokumentationen und künstlerische Dokumentarfilme spezialisierte. Seine Werke zeichnen sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Geschichte, Gesellschaft und Kultur aus, und sie finden regelmäßig ihren Weg in das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Zu seinen bedeutendsten Werken zählt der Dokumentarfilm Life at a Standstill: A Middle East Diary aus dem Jahr 2003. Diese preisgekrönte Produktion, die in Chicago ausgezeichnet wurde, zeigt Domke-Schulz‘ tiefes Interesse an globalen politischen Themen und humanitären Fragestellungen. Der Film beleuchtet das Leben im Nahen Osten und setzt sich mit den politischen und sozialen Spannungen in der Region auseinander. Dabei gelingt es ihm, die komplizierten Verhältnisse aus einer menschlichen Perspektive zu zeigen und den Zuschauern einen Einblick in das alltägliche Leben der Menschen in einer von Konflikten geprägten Region zu geben.

Ein weiteres herausragendes Werk ist der Dokumentarfilm Krimreise aus dem Jahr 2018, der in St. Petersburg ausgezeichnet wurde. In diesem Film widmet sich Domke-Schulz der wechselhaften Geschichte der Krim und ihrer Bedeutung für die Menschen, die dort leben. Er zeigt, wie diese Region im Laufe der Jahrhunderte von verschiedenen politischen Mächten beeinflusst wurde und wie sich die Kultur und Identität der Krim-Bewohner im Laufe der Zeit entwickelt haben. Die filmische Reise über die Halbinsel verbindet eindrucksvoll historische Fakten mit persönlichen Schicksalen und erzählt die Geschichte der Krim auf eine Weise, die sowohl informativ als auch emotional berührend ist.

Neben seiner Tätigkeit als Filmemacher ist Wilhelm Domke-Schulz auch als Hochschuldozent für Medienwissenschaft tätig. In dieser Funktion gibt er seine langjährigen Erfahrungen an die nächste Generation von Filmemachern und Medienwissenschaftlern weiter. Seine Lehrtätigkeit ist geprägt von seiner Leidenschaft für das Medium Film und seinem tiefen Verständnis für die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung von Film und Fernsehen. Er vermittelt seinen Studierenden nicht nur technisches Wissen, sondern auch die Fähigkeit, Geschichten auf eine Weise zu erzählen, die das Publikum berührt und zum Nachdenken anregt.

Domke-Schulz’ filmisches Schaffen zeigt eine beeindruckende Bandbreite. Er bewegt sich gekonnt zwischen den verschiedenen Genres und Formaten des Films und versteht es, sowohl anspruchsvolle historische Dokumentationen als auch persönliche, künstlerische Projekte zu realisieren. Dabei bleibt er stets seinem Ziel treu, durch den Film Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen und dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, Geschichte und Gesellschaft aus neuen Perspektiven zu betrachten.

Seine Arbeiten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, darunter zahlreiche Reportagen und Geschichtsdokumentationen, haben ihm eine breite Zuschauerbasis verschafft. Diese Filme zeichnen sich durch eine präzise Recherche und eine anschauliche Darstellung historischer Ereignisse aus. Domke-Schulz ist es wichtig, die Zuschauer nicht nur zu informieren, sondern auch emotional zu involvieren. Seine Filme regen dazu an, sich intensiver mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Lehren, die aus historischen Ereignissen gezogen werden können, auf die Gegenwart anzuwenden.

Mit über 70 Produktionen in Eigenregie ist Wilhelm Domke-Schulz ein erfahrener und vielseitiger Filmemacher, der sowohl in der akademischen Welt als auch in der Filmbranche anerkannt ist. Seine Filme, insbesondere die preisgekrönten Werke Life at a Standstill und Krimreise, haben nicht nur in Deutschland, sondern auch international Anerkennung gefunden. Als Produzent, Regisseur und Hochschuldozent bleibt er eine treibende Kraft im deutschen Dokumentarfilm und eine inspirierende Figur für zukünftige Generationen von Filmemachern.

Harte Arbeit auf hoher See: Die Hochseefischerei der DDR im Jahr 1978

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Im Jahr 1978 befand sich die Hochseefischerei der DDR auf einem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Die Fischereiflotte der DDR, eine der leistungsfähigsten der sozialistischen Länder, spielte eine entscheidende Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung mit Fisch und Meeresfrüchten. Gleichzeitig war die Hochseefischerei ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und trug zur Devisenbeschaffung des Staates bei. Die DDR-Flotte war in nahezu allen Weltmeeren unterwegs, von der Nordsee bis zum Atlantik, von der Arktis bis zu den Küsten Afrikas und Südamerikas.

In den 1970er Jahren war Fisch ein unverzichtbarer Bestandteil der Lebensmittelversorgung der DDR. Neben der Binnenfischerei und dem Küstenfischfang stellte die Hochseefischerei die wichtigste Quelle für Fischprodukte dar. Besonders Kabeljau, Hering, Makrele und Rotbarsch waren beliebte Fische, die in den Haushalten der DDR auf den Tisch kamen. Die Hochseefischerei sicherte einen erheblichen Teil dieser Versorgung und war gleichzeitig ein Symbol für die Leistungsfähigkeit und den technischen Fortschritt der DDR. Die Fischereiflotte war modern ausgestattet. Schiffe wie die „Fritz Heckert“ oder die „Johannes R. Becher“ gehörten zu den Flaggschiffen der Flotte, die von Rostock und Saßnitz aus auf große Fangreisen aufbrachen. Die Flotte bestand aus Trawlern, Fabrikschiffen und Kühlfrachtern, die teilweise mehrere Monate auf See blieben und in den entlegensten Gebieten der Weltmeere operierten.

Die Arbeit an Bord der Fangflotte war hart, gefährlich und verlangte den Seeleuten viel ab. Die Besatzungen waren oft für Monate von ihren Familien getrennt und den extremen Wetterbedingungen sowie der rauen See ausgesetzt. Besonders in den nördlichen Fanggebieten, wie vor der Küste Grönlands oder in der Barentssee, konnten die klimatischen Verhältnisse brutal sein. Eis, Sturm und eiskalte Temperaturen machten das Einholen der Netze zu einer gefährlichen Aufgabe. Die Schichtarbeit an Bord war anstrengend und monoton. Die Seeleute arbeiteten in Zwölf-Stunden-Schichten, oft unter extremen Bedingungen. Während der Fangzeiten mussten große Netze ausgebracht, eingeholt und der Fang an Bord verarbeitet werden. Auf den Fabrikschiffen wurde der Fisch sofort nach dem Fang gesäubert, filetiert, verpackt und tiefgefroren. Diese harte Arbeit erforderte nicht nur körperliche Ausdauer, sondern auch technisches Geschick, um die komplexen Maschinen an Bord zu bedienen.

Trotz der extremen Bedingungen gab es unter den Seeleuten einen starken Zusammenhalt. Kameradschaft und Solidarität waren unverzichtbar, um die langen Zeiten auf See zu überstehen und die Herausforderungen des Alltags zu meistern. Viele Fischer waren stolz auf ihre Arbeit und betrachteten die Hochseefischerei als eine wichtige Aufgabe für die Versorgung der Bevölkerung. Gleichzeitig gab es aber auch immer wieder Berichte über Unzufriedenheit, vor allem aufgrund der langen Trennung von den Familien und der harten körperlichen Arbeit.

Die Hochseefischerei war nicht nur für die Nahrungsmittelversorgung der DDR von Bedeutung, sondern spielte auch eine wichtige Rolle im außenwirtschaftlichen Kontext. Ein großer Teil des gefangenen Fisches wurde exportiert, vor allem in die Sowjetunion, aber auch in andere sozialistische Staaten und den Westen. Fisch war ein begehrtes Exportgut, das der DDR Devisen einbrachte, die dringend für den Import von Rohstoffen und anderen Waren benötigt wurden. In den 1970er Jahren führte die DDR eine expansive Wirtschaftspolitik, die darauf abzielte, die Devisenreserven durch den Export von Waren und Dienstleistungen zu steigern. Die Hochseefischerei trug dazu bei, indem sie nicht nur Fischprodukte lieferte, sondern auch durch den Betrieb der Fischereiflotte selbst Einnahmen generierte. Neben den Fangreisen gab es auch Kooperationen mit anderen Ländern, bei denen die DDR-Fangflotte gegen Entgelt Fischereirechte in ausländischen Gewässern erhielt.

Allerdings standen die DDR-Fischereibetriebe unter zunehmendem Druck, effizienter zu arbeiten und die Fangquoten zu erfüllen. Der internationale Wettbewerb, insbesondere durch westliche Fischereinationen wie Norwegen, Island und Großbritannien, stellte eine Herausforderung dar. Zudem wurden in den 1970er Jahren zunehmend internationale Fischereiverträge abgeschlossen, die den Zugang zu bestimmten Fanggebieten reglementierten oder stark einschränkten. So führte die Einführung von 200-Meilen-Wirtschaftszonen durch viele Küstenstaaten dazu, dass die DDR-Fischereiflotte den Zugang zu traditionellen Fanggründen verlor.

Das Leben an Bord eines Hochseefischereischiffes der DDR in den 1970er Jahren war hart, aber strukturiert. Die Besatzung bestand in der Regel aus etwa 30 bis 50 Männern, je nach Größe des Schiffes. Der Tagesablauf war streng durchorganisiert, um die Arbeitseinsätze effizient zu gestalten. Die Männer arbeiteten oft in zwei Schichten: zwölf Stunden Arbeit, zwölf Stunden Ruhe. Während der Arbeitsschicht wurde der Fischfang durchgeführt, die Netze eingeholt und der Fang verarbeitet. In der Ruhephase konnten sich die Seeleute ausruhen, obwohl die engen Kabinen und die oft rauen Seeverhältnisse keine wirkliche Erholung boten.

Auf den modernen Fabrikschiffen gab es zumindest einige Annehmlichkeiten. Die Besatzungen hatten Zugang zu Fernsehgeräten, Büchern und Sportgeräten, um die langen Monate auf See erträglicher zu machen. Zudem wurde an Bord für das leibliche Wohl gesorgt, denn eine ausgewogene Ernährung war für die harte Arbeit an Deck unerlässlich. Doch die Härte der Arbeit und die extremen Bedingungen prägten den Alltag auf See.

Im Jahr 1978 befand sich die Hochseefischerei der DDR in einer Phase des Umbruchs. Die zunehmenden Einschränkungen durch internationale Fischereirechte und der steigende Kostendruck machten deutlich, dass das Modell der Hochseefischerei in seiner bisherigen Form an Grenzen stieß. In den folgenden Jahren sollte sich diese Entwicklung weiter verschärfen, was letztlich zur schrittweisen Reduzierung der DDR-Fischereiflotte führte.

Doch im Jahr 1978 blickten die Fischer noch optimistisch in die Zukunft. Neue Technologien, wie verbesserte Fangmethoden und modernisierte Schiffe, sollten helfen, den Herausforderungen der Fischereiindustrie zu begegnen. Zudem hofften viele, dass die internationalen Verhandlungen über Fischereirechte der DDR weiterhin Zugang zu den wichtigsten Fanggebieten sichern würden. Die Hochseefischerei der DDR war ein prägender Wirtschaftszweig, der nicht nur zur Versorgung der Bevölkerung beitrug, sondern auch ein Symbol für den technischen Fortschritt und die Leistungsfähigkeit des Landes war. Doch hinter der Fassade der modernen Flotte verbarg sich der harte und oft gefährliche Alltag der Fischer, die auf den Weltmeeren unterwegs waren, um den Bedarf an Fisch zu decken.

Die Erfahrungen von Wolfgang „Wolle“ Förster im DDR-Staatssicherheitsapparat

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Im Spätherbst der DDR erlebte Wolfgang „Wolle“ Förster eine Zeit tiefgreifender persönlicher und politischer Umwälzungen. Dieser Bericht beleuchtet die Erfahrungen und Herausforderungen, denen er gegenüberstand, und bietet einen Einblick in die Brutalität und Ungerechtigkeit des DDR-Überwachungsapparates.

Förster nutzte sein eigenes Geld, um Dinge zu finanzieren, die anderen Freude bereiten sollten. Als engagierter Videodiskotheker in der DDR war er oft damit beauftragt, Veranstaltungen zu dokumentieren und zu bereichern. Besonders erinnerte er sich an seine Arbeit beim Schloss Eckbert, dessen Renovierung und Eröffnung er mit seiner Kamera festhielt. Die Technik, die er benutzte, war in der DDR nicht erhältlich und musste illegal eingeführt werden, da Videotechnik in der DDR verboten war. Diese illegalen Aktivitäten standen im Kontrast zu seinem eigentlichen Ziel, Freude zu verbreiten und zur kulturellen Bereicherung beizutragen.

Nach einem halben Jahr harter Arbeit wurde Förster plötzlich verhaftet. Er wurde inhaftiert und unter Verbrechern eingesperrt, was für ihn unvorstellbar war, da er nur versuchte, durch den Einsatz von Videotechnik positive Impulse zu setzen. Seine Verhaftung war das Ergebnis des repressiven politischen Systems der DDR, das jegliche westliche Technologie streng kontrollierte und kriminalisierte.

Um die benötigte Technik zu beschaffen, hatte Förster einen ungarischen Diplomaten kontaktiert, der ihm half, Ostgeld gegen Westgeld zu tauschen und die Technik im Westen zu erwerben. Diese Technik wurde nicht nur für seine eigene Diskothek verwendet, sondern auch, um Freunden in ähnlicher Not zu helfen. Der finanzielle Vorteil war dabei gering, doch die politischen Repressalien waren enorm. Förster wurde der Zollhehlerei beschuldigt und zu drei Jahren Haft verurteilt.

Die Verhaftung und die folgenden Monate in Untersuchungshaft führten zu erheblichem emotionalem und psychologischem Stress. Die Vernehmungen bei der Staatssicherheit waren besonders belastend. Förster musste sich gegen die Vorwürfe verteidigen und wurde gezwungen, seine Vergehen zu gestehen. Das Gefühl der Demütigung und des Unrechts war überwältigend, insbesondere da er lediglich mit seinem eigenen Geld und Engagement arbeitete und keinen tatsächlichen Vorteil aus den illegalen Aktivitäten zog.

Die Verhaftung hatte auch gravierende Auswirkungen auf die Familie von Förster. Es wurde ihm mitgeteilt, dass sich seine Eltern von ihm distanziert hätten, was ihn zutiefst verletzte. Die Staatssicherheit nutzte diese Taktik, um zusätzlichen Druck auf ihn auszuüben. Es wurde behauptet, dass seine Eltern sich von ihm losgesagt hätten, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprach. Die Manipulation der Familie war eine weitere Methode, um Förster zu isolieren und zu brechen.

Die Verurteilung und die Monate in Untersuchungshaft waren für Förster und seine Familie besonders belastend. Seine Eltern hatten auf eine milde Entscheidung des Gerichts gehofft, doch die harte Realität traf sie mit voller Wucht. Die Verurteilung zu drei Jahren Haft und die Aussicht auf weitere Monate in Untersuchungshaft waren ein schwerer Schlag für die Familie. Der emotionale Stress und die Belastungen trugen möglicherweise zum frühen Tod seines Vaters bei, der an Magenkrebs starb. Förster empfand eine tiefe Traurigkeit und Wut darüber, dass sein Engagement letztlich zu solchem Leid geführt hatte.

Trotz der schweren Zeiten und der Belastungen hat sich Förster nie für sein Handeln geschämt. Er hatte stets nur versucht, anderen Freude zu bereiten und etwas Positives beizutragen. Die schwere Last der Verhaftung und der politische Druck führten jedoch zu einem tiefen Gefühl der persönlichen Verantwortung und des Versagens. Das Unverständnis darüber, warum er verfolgt wurde, während andere, die in größerem Stil handelten, ungeschoren blieben, blieb ein ständiger Begleiter.

Zusammenfassend zeigt der Bericht die brutale Realität und die tiefgreifenden persönlichen Auswirkungen der politischen Verfolgung in der DDR auf. Wolfgang „Wolle“ Förster war ein Beispiel für die vielen Menschen, die unter einem repressiven System litten, das jede Form von westlicher Technologie und individuellem Engagement mit härtesten Mitteln bestrafte.

PVC-Werk Schkopau: Der Kalte Krieg als Bauprojekt

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Die Baustelle des PVC-Werks im Buna-Komplex nahe Schkopau, errichtet zwischen 1976 und 1980, war eine der beeindruckendsten Industriebauprojekte der DDR und gleichzeitig die größte Investition des DDR-Außenhandels. Mit einem Kreditvolumen von 1,3 Milliarden D-Mark aus dem Westen war dieses Projekt ein Paradebeispiel für internationale Wirtschaftskooperation im Kalten Krieg.

Der Bau des modernsten PVC-Werks Europas wurde vollständig von der Uhde GmbH aus Dortmund, einer Tochtergesellschaft der Hoechst AG, realisiert. Uhde, ein Unternehmen der westdeutschen Industrie, übernahm die komplette Errichtung der Anlage und stellte sicher, dass sie schlüsselfertig übergeben wurde. Dieser Deal spiegelte ein innovatives Modell der wirtschaftlichen Zusammenarbeit wider: Die westdeutschen Firmen bauten die hochmoderne Anlage, während die DDR ihre Schulden durch zukünftige PVC-Lieferungen tilgen sollte. Dies ermöglichte es der DDR, ihre technologischen Rückstände aufzuholen und gleichzeitig der Westwirtschaft einen verlässlichen Abnehmer für den hochwertigen Kunststoff zu bieten.

Der Hintergrund dieses Projekts war die Notwendigkeit der DDR, ihre chemische Industrie zu modernisieren. Die ostdeutsche Chemieindustrie war technologisch und produktionstechnisch am Limit angekommen. Der steigende Bedarf an PVC, dem vielseitigen Rohstoff für Kunststoffprodukte, überforderte die bestehenden Kapazitäten. Durch die Errichtung des neuen Werks konnte die DDR die Nachfrage effizienter bedienen und gleichzeitig ihre Produktionskapazitäten erheblich erweitern.

Das PVC-Werk in Schkopau stellte nicht nur einen wirtschaftlichen Erfolg für die DDR dar, sondern auch ein bedeutendes Beispiel für die pragmatische und zielgerichtete Zusammenarbeit zwischen Ost und West. Die DDR konnte durch dieses Projekt ihre wirtschaftlichen Probleme lindern und sich gleichzeitig technologisch auf den neuesten Stand bringen. Im Gegenzug profitierte die Westwirtschaft von den zukünftigen PVC-Lieferungen, die einen wertvollen Beitrag zu ihrer Produktionskette leisteten.

Dieses große Bauvorhaben symbolisierte nicht nur den wirtschaftlichen Fortschritt in der DDR, sondern auch die Möglichkeiten und Herausforderungen des internationalen Handels während des Kalten Krieges. Es war ein deutliches Zeichen dafür, wie durch Kooperation und innovative Lösungen selbst in politisch angespannten Zeiten produktive Beziehungen zwischen den Blockkonkurrenten entstehen konnten.

Zwischen Gift und Hoffnung: Arbeitsalltag in der Karbidfabrik Schkopau

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Der Dokumentarfilm über die Karbidfabrik in Schkopau in der Auenlandschaft an der Saale beleuchtet eindrucksvoll die schwierigen Arbeitsbedingungen und die verheerenden ökologischen Folgen eines veralteten Produktionsverfahrens. Die Fabrik, in der Kalk und Kohle zu Karbid geschmolzen werden, stellt sowohl für die Arbeiter als auch für die Einwohner der Region eine enorme Belastung dar. Die Filmaufnahmen zeigen die harten Realitäten eines Betriebs, der nicht nur veraltete Technologien verwendet, sondern auch die Umwelt erheblich schädigt.

Zentrales Thema des Films ist die Umweltverschmutzung, die durch das Karbidverfahren entsteht. Die Abgase, Stäube und giftigen Abwässer der Fabrik haben die Saale und die Umgebung schwer belastet. Die Arbeiter, die unter diesen Bedingungen tätig sind, wissen um die gesundheitlichen Risiken, die mit ihrer Arbeit einhergehen. Das tägliche Ziel war es, abends gesund nach Hause zu kommen, eine Aufgabe, die angesichts der verheerenden Arbeitsbedingungen nicht leicht war.

Die Karbidproduktion erfordert extrem hohe Temperaturen, was nicht nur zu einer enormen körperlichen Belastung für die Arbeiter führt, sondern auch eine erhebliche Umweltverschmutzung verursacht. Der Film zeigt, wie giftige Ableitungen in die Saale fließen und die Lebensqualität in der Region gefährden. Besonders auffällig ist die Darstellung der maroden Kläranlage, die ihrer Aufgabe kaum noch gerecht wird. Durch die mangelhafte Reinigung der Abwässer gelangen schädliche Chemikalien und Giftstoffe direkt in die Natur und setzen den Fluss und die umliegende Landschaft unter enormen Druck.

Die Arbeiter in der Karbidfabrik sind sich dieser Missstände sehr bewusst, und im Film sprechen sie mit großer Offenheit über die Probleme, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Ihre Schilderungen geben einen tiefen Einblick in die Arbeitswelt in einem sozialistischen Staat, in dem die Devise von Walter Ulbrichts Chemieprogramm aus dem Jahr 1958 – „Chemie gibt Schönheit“ – immer noch in den Köpfen verankert ist, jedoch in der Realität kaum noch Bestand hat. Statt von Schönheit zu sprechen, kämpfen die Arbeiter gegen die Schwere und Trostlosigkeit ihrer Arbeit.

Ein zentrales Element des Films ist die Kritik an der mangelnden Investitionsbereitschaft. Die Fabrik arbeitet mit überholter Technik, und es fehlt an modernen Verfahren, um die Umweltbelastung zu reduzieren. Der Abteilungsleiter der Chemischen Werke Buna erklärt im Film, dass die marode Ausstattung nicht nur ein Problem der Arbeitssicherheit darstellt, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der Fabrik gefährdet. Es werden neue Technologien angesprochen, die für die Zukunft von entscheidender Bedeutung sind, doch bleibt unklar, wann und ob diese Technologien in Schkopau Einzug halten werden.

Besonders bemerkenswert ist die unbeschwerte Erzählweise der Arbeiter im Film. Trotz der harten Arbeitsbedingungen und der ernüchternden Perspektiven gelingt es ihnen, mit einer erstaunlichen Offenheit und Ehrlichkeit über ihre Situation zu sprechen. Diese Erzählweise steht im krassen Gegensatz zur Schwere der Arbeit, die durch die beeindruckende Kameraführung und den Schnitt des Films noch verstärkt wird. Die Aufnahmen aus der Fabrik, die den Alltag der Arbeiter dokumentieren, vermitteln ein Gefühl der Trostlosigkeit und des Stillstands. Dies steht in deutlichem Widerspruch zu den optimistischen Versprechungen des Chemieprogramms aus den 1950er Jahren.

Die Arbeiter äußern sich auch zu ihren Zukunftsaussichten und den notwendigen Veränderungen, die aus ihrer Sicht in der Fabrik umgesetzt werden müssten. Sie sprechen über den dringenden Bedarf an Investitionen und die Hoffnung auf neue Technologien, die nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessern, sondern auch die Umweltbelastung reduzieren könnten. Doch diese Hoffnung bleibt vage, und der Film vermittelt das Gefühl, dass die dringend erforderlichen Veränderungen noch lange auf sich warten lassen könnten.

Insgesamt zeichnet der Dokumentarfilm ein eindrucksvolles Bild von einer veralteten Industrie, die an den Rand ihrer Möglichkeiten gelangt ist. Die Schilderungen der Arbeiter und des Abteilungsleiters verdeutlichen die Dringlichkeit von Reformen und Investitionen. Die chemische Industrie, einst als Symbol für Fortschritt und Modernisierung im sozialistischen System gepriesen, steht nun vor der Herausforderung, sich an die modernen Anforderungen des Umweltschutzes und der Arbeitssicherheit anzupassen.

Durch die kritische Kommentierung und die schonungslose Darstellung der Missstände in der Karbidfabrik stellt der Film eine wichtige Dokumentation über den Zustand der DDR-Industrie in den letzten Jahren ihrer Existenz dar. Er zeigt auf eindrucksvolle Weise die Diskrepanz zwischen der offiziellen Staatspropaganda und der harten Realität der Arbeiter, die täglich mit den Folgen veralteter Technologien und umweltbelastender Produktionsmethoden konfrontiert sind.

Die Offenheit der Beteiligten und die klare Bildsprache des Films machen ihn zu einem wichtigen Zeitdokument, das nicht nur die Lebensrealität der Arbeiter in der Karbidfabrik Schkopau beleuchtet, sondern auch die größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme der DDR in den 1980er Jahren widerspiegelt. Es wird deutlich, dass das Chemieprogramm, einst als Motor des Fortschritts angepriesen, in vielen Bereichen gescheitert ist. Der Film hinterlässt den Zuschauer mit einem Gefühl der Dringlichkeit, dass etwas getan werden muss – für die Arbeiter, für die Umwelt und für die Zukunft.