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Stasi und Bürgerproteste 1989: Der Wendepunkt der DDR-Geschichte

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1999 begann das Jahr auch für die Stasi mit mehrseitigen Planvorgaben: Politischer Untergrund und die Ausreisebewegung in der DDR sollten noch stärker zersetzt werden als bislang. „Jegliche Überraschung ausschließen“ hieß die Devise. Doch die Zeit war voller Überraschungen, besonders für die Stasi. Das Klima in der DDR war mutiger geworden. Nicht nur die Anzahl der Graffitis, die von der Stasi registriert wurden, zeugte von diesem Wandel. Es war das fünfte Jahr nach Michail Gorbatschows Amtsantritt in der Sowjetunion, dessen Politik von Perestroika und Glasnost das starr regierende Politbüro der DDR hartnäckig ignorierte. Nach dem Motto: „Wenn der Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, gibt es keinen Grund, ihm nachzueifern.“ Die Nostalgie nach dem Status quo blieb ein Tabu, und schlimmer noch: Schon das Werben für Gorbatschow konnte zur Inhaftierung führen, wie eine Fotoserie der Fotografin Karin Kriegel vom 1. Mai 1989 eindrucksvoll dokumentiert.

In dieser angespannten Lage äußerten sich besorgte Stimmen aus der Staatsführung, die darauf hinwiesen, dass die Situation gefährlich sei. Doch der Mut der Bürger wuchs. Ein Vergleich mit den eigenen Schwierigkeiten schien nicht mehr möglich. „Die, die vom Leben ausgehenden Impulse der Gesellschaft aufgreifen und dementsprechend ihre Politik gestalten, dürften keine Angst vor Schwierigkeiten haben“, erklärte ein SED-Funktionär. Aber die Staatsmacht reagierte anders. Die Volkspolizei ließ ab Anfang 1989 gezielt trainieren, wie man Demonstranten in den Griff bekommt. Der Einsatz von Schutzschild und Helm sowie Zweikampf-Techniken wurden wichtig. Das Ziel war klar: Proteste sollten im Keim erstickt werden. Zahlreiche zivile Kräfte wurden vor Ort mobilisiert, um sicherzustellen, dass Demonstranten keine Öffentlichkeit erhielten, wie etwa am Rande der Leipziger Messe.

Trotz dieser massiven Repression wuchs der Bürgermut. Die regierende SED verzeichnete in ihren Lageberichten einen starken Mitgliederverlust. So wurden im Rapport der Kreisleitung allein Anfang Oktober 1989 59 Austritte dokumentiert – ein beispielloser Vorgang. Offen drohten Bürger ihrem maroden Staat mit einer Vielzahl von Protesten. Bis zum Mai 1989 registrierten staatliche Stellen 220.000 Eingaben von DDR-Bürgern. Die Hälfte davon drohte, an den bevorstehenden Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 nicht teilzunehmen, wenn sich ihr Alltag nicht verbessere. Für die SED, die alleinherrschende Partei, kam es noch härter: Bei der Kommunalwahl kontrollierten erstmals junge, kritische Wähler die Auszählung der Stimmen. Schnell stellte sich heraus, dass es Wahlfälschungen im großen Stil gegeben hatte. Zahlreiche DDR-Bürger schrieben Anzeigen an die Generalstaatsanwaltschaft, die jedoch auf Weisung der Stasi nicht bearbeitet wurden. Proteste wurden vom autoritären Staat als Diskreditierung der Wahlen gewertet, und die SED griff durch.

Jeden 7. eines Monats verabredeten sich Bürger zu Protesten. So auch am 7. September 1989 auf dem Alexanderplatz, wo Demonstranten verhaftet wurden. Diese Bilder wurden von einem Kamera-Team eingefangen, und ein Passant hielt sie fälschlicherweise für das Westfernsehen. Der Mut der Bürger wurde sichtbar, als sie ihre Stimme erhoben und Freiheit forderten. Auch im ersten Quartal 1989 registrierte die SED fast 89.000 Ausreiseanträge, von denen nur rund 6.000 bearbeitet wurden. Die Bürokratie war mit dieser Bewegung völlig überfordert. Der Druck auf die DDR nahm zu, als Ungarn im Mai 1989 seine Westgrenze nach Österreich öffnete. Mehr als 33.000 DDR-Touristen nutzten zwischen Juni und Oktober 1989 diese Möglichkeit zur Flucht. Eine ähnlich hohe Anzahl flüchtete in die diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik, vor allem in Prag, wo Ende September mehr als 8.000 Flüchtlinge aus der DDR auf das Gelände der Botschaft gelangten.

Eine Woche vor dem 40. Geburtstag der DDR wurden die Flüchtlinge schließlich unter Druck von Moskau und Bonn dazu gebracht, mit der Bahn auszureisen. Doch die DDR wollte, dass diese Flüchtlinge von Prag nach Hof erneut durch die DDR reisen, was das Geschehen in den folgenden Tagen beeinflusste. „Wir wollen raus, wir wollen raus, wir wollen raus!“, riefen die Menschen am Dresdner Hauptbahnhof, wo es Anfang Oktober zur Eskalation kam. Weitere Ausreisewillige besetzten den Bahnhof, und Polizei sowie Armee gingen gewaltsam gegen die Protestierenden vor. Doch auch diese Maßnahmen konnten den Frust nicht unterdrücken.

Die Szenen in Dresden sprachen sich schnell herum, und landesweit wurde eine Eskalation befürchtet. Die SED heizte die Stimmung weiter an und meldete demonstrativ, an der Seite Chinas zu stehen, dessen Staatsmacht im Juni die Demokratiebewegung in Peking mit Panzern niedergewalzt hatte. Mehrere tausend Menschen starben damals, und nun wurde die Gegenwart als besonders aggressives antisozialistisches Auftreten des imperialistischen Klassengegners dargestellt. Die SED warnte davor, dass die Protestierenden in der Gegenwart konterrevolutionäre Elemente seien.

Trotz alledem hielt der Bürgermut in Dresden an. Der Polizeifunk offenbart, wie überfordert die Staatsmacht war, die versuchte, die „negativen Kräfte“ in den Griff zu bekommen. „Ich muss die zwei Kompanien aber erst aus dem Sicherungsbereich rausziehen und aufsitzen lassen“, hieß es im Funkverkehr. Das Vertrauen der Bürger in die staatliche Macht schwand, als sie merkten, dass die Polizei nicht bereit war, den Dialog zu suchen. An diesem Abend des 8. Oktobers gingen Kirchenvertreter auf die Polizei zu und baten um Deeskalation. Ein zufällig ausgewählter Kreis von 20 Demonstranten wurde von der Polizei akzeptiert, und man war erleichtert, dass die Menschen nicht mehr mit Gewalt, sondern mit dem Wunsch nach einem Dialog auf die Straße gingen.

Diese Gespräche zeigten, dass die Polizisten auch ein gewisses Unbehagen gegenüber den gewaltsamen Maßnahmen empfanden, die sie gegen ihre Mitbürger ergreifen mussten. Der Eindruck, dass die Menschen, die auf die Straße gingen, etwas ganz anderes wollten, wurde immer stärker: Sie forderten nicht unbedingt den „besseren Westen“, sondern einfach eine Veränderung ihrer Lebenssituation.

Am 6. und 7. Oktober 1989, dem 40. Geburtstag der DDR, kam es zu Protesten, die die Stasi und die SED in Alarmbereitschaft versetzten. Der Fackelzug der FDJ zeigte, dass viele aus der FDJ nicht nur Gorbatschow umjubeln wollten, sondern auch ihren Unmut über die herrschenden Verhältnisse kundtun wollten. Die Proteste nahmen zu, als sich auf dem Alexanderplatz eine spontane Demonstration entwickelte. „Raus! Raus! Freiheit! Freiheit!“ riefen die Menschen, doch der Demozug wurde brutal aufgelöst.

Die Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg wurde zu einem Zufluchtsort für viele Demonstranten, die dort Verletzte versorgten und Informationen austauschten. Ein rumänisches Filmteam dokumentierte die Ereignisse, aber das Material wurde später von der Stasi konfisziert. Auch die Parolen, die vor der Kirche skandiert wurden, durften nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Am 7. Oktober, während in Plauen bis zu 20.000 Menschen demonstrierten, wurde der Protest mit massivem Polizeieinsatz beantwortet. Hubschrauber umkreisten die Menge, und Löschfahrzeuge wurden als Wasserwerfer eingesetzt. Diese Taktiken entfachten jedoch nur noch mehr Widerstand. Die Freiwillige Feuerwehr von Plauen protestierte gegen diesen politischen Missbrauch und erklärte, dass sie sich diesen nicht mehr gefallen lassen würden. Auch in Karl-Marx-Stadt, wo eine Lesung oppositioneller Texte stattfinden sollte, gingen 700 Menschen auf die Straße.

Die Angst in der SED und der Stasi wuchs, als sie merkten, dass die Protestbewegung sich ausbreitete und andere Städte ansteckte. Leipzig wurde in den Oktobertagen für Journalisten gesperrt, während die Montagsdemonstrationen, die seit September regelmäßig stattfanden, immer mehr Menschen anzogen. Am 9. Oktober 1989 zogen 70.000 Menschen friedlich durch Leipzig, ohne dass die Polizei sie aufhalten konnte. Die Bilder des Protests gelangten ins Westfernsehen und weckten auch in anderen Städten den Mut zur Protest.

Die Protestbewegung war nicht mehr aufzuhalten, und die Bürger forderten lautstark Reformen und Veränderungen. Der Abend des 9. Oktober stellte einen Wendepunkt in der Geschichte der DDR dar. Es war der Anfang vom Ende des autoritären Regimes, das sich in den folgenden Wochen und Monaten selbst zerlegte. Die Ereignisse von 1989 führten schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Überwindung des starren, repressiven Systems der DDR.

Die Stasi, die einst als unüberwindliche Macht galt, war am Ende nicht mehr in der Lage, die Veränderungen aufzuhalten. Die Stimmen der Bürger wurden zu laut, um ignoriert zu werden, und die Wende in der DDR hatte begonnen.

Die Erfurter Altstadt vor und nach der Wende

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Ende der 1980er-Jahre war Erfurt, wie viele andere ostdeutsche Städte, stark vom Niedergang der DDR gezeichnet. Der historische Kern der Bezirksstadt, eine der bedeutendsten Städte Thüringens, stand kurz davor, dem Abriss zum Opfer zu fallen. Die maroden Gebäude spiegelten offenkundig die katastrophale Lage der Staatsfinanzen der DDR wider. Die Stadt war in einem erbärmlichen Zustand, der die Verzweiflung der letzten Jahre der DDR verdeutlichte.

Doch der Fall der Mauer brachte nicht nur politische Wende, sondern auch einen umfassenden Wandel für Erfurt. Dieter Demme, ein Fotograf, der seit 1967 in Erfurt lebt, hat diese dramatische Transformation dokumentiert. Seine Aufnahmen zeigen die teils desolaten Zustände der Altstadt und der Neubauten jener Zeit, die von fehlender Heizung bis zu anderen gravierenden Mängeln geprägt waren.

Mit dem Ende des DDR-Regimes begann eine Ära des Umbruchs und der Erneuerung. Bereits im Frühjahr 1990 flossen 4 Millionen D-Mark in die Sanierung der Altstadt, deren Gebäude zu drei Vierteln in einem äußerst schlechten Zustand waren. In den folgenden Jahren kamen weitere 100 Millionen D-Mark hinzu, um die einst graue Bezirksstadt in eine farbenfrohe Landeshauptstadt zu verwandeln.

Die erneuerte Altstadt von Erfurt ist heute ein Beispiel für gelungene Stadtentwicklung und bewahrt einen Großteil ihres historischen Charme. Dies verdankt die Stadt nicht nur den finanziellen Investitionen, sondern auch dem entschlossenen Einsatz ihrer Bürger. Unter dem mutigen Protest von Erfurtern bildeten die Bürger eine Menschenkette um die Altstadt, um deren Abriss zu verhindern und die historischen Gebäude zu bewahren. Dieser bürgerliche Widerstand war ein entscheidender Faktor für den Erhalt der Altstadt und trug dazu bei, dass Erfurt heute zu den schönsten Städten in den neuen Bundesländern gehört.

Dr. Martina Moritz, Direktorin des Museums für Thüringer Volkskunde in Erfurt, betont, wie wichtig es war, dass die Wende kam. Ihre Ausstellung, die Dieter Demmes Fotos aus der Zeit des Umbruchs zeigt, verdeutlicht die dramatischen Veränderungen und die Bedeutung des bürgerlichen Engagements.

Doch die Wende brachte nicht nur positive Veränderungen. Die 1990er-Jahre waren auch von Verlusten und Herausforderungen geprägt. Viele große Industrieanlagen, die einst den Stolz der DDR bildeten, wurden in der neuen Ära nicht erhalten. Dies führte zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Kriminalitätsrate in der Stadt. Die wirtschaftliche Lage war angespannt und viele Menschen mussten mit den Konsequenzen des Umbruchs kämpfen.

Heute, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, hat sich Erfurt jedoch wieder erholt. Die Arbeitslosigkeit ist gesenkt, die Einwohnerzahl steigt, und die Stadt zieht jährlich über 11 Millionen Touristen an. Diese Besucher flanieren durch die Straßen und genießen die wiederhergestellte Schönheit Erfurts, die sowohl die Geschichte als auch die moderne Erneuerung widerspiegelt.

Erfurt hat aus den turbulenten Zeiten des Sozialismus und der Wende gelernt und sich erfolgreich neu erfunden. Die Stadt ist ein lebendiges Beispiel für den Wandel von einer heruntergekommenen Bezirksstadt zu einer blühenden Landeshauptstadt. Der Untergang des Sozialismus hat Erfurt nicht nur Herausforderungen, sondern auch eine Chance gegeben, sich neu zu erfinden und in neuem Glanz zu erstrahlen.

Bericht über die Montagsdemo am 7. Oktober 2024 in Greifswald

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Am 7. Oktober 2024 fand in Greifswald eine Montagsdemo statt, die unter dem Motto der Friedlichkeit und des Protests gegen die aktuelle politische Situation stand. Die Veranstaltung wurde von einem Sprecher eröffnet, der die Teilnehmer daran erinnerte, dass der 7. Oktober historisch gesehen der Geburtstag der DDR war. Obwohl dieses Datum mit einer bestimmten Vergangenheit verbunden ist, lag der Fokus der Versammlung auf aktuellen Themen, insbesondere auf der Rolle der Medien und der politischen Landschaft in Deutschland.

Zu Beginn der Versammlung betonte der Redner die Bedeutung des Friedens und die Notwendigkeit, die Demo friedlich zu gestalten. Es wurden klare Regeln aufgestellt: kein Alkohol, keine Waffen und keine Gewalt. Diese Auflagen sollten sicherstellen, dass die Veranstaltung in einem ruhigen und respektvollen Rahmen stattfand.

Ein zentrales Thema der Demo war die Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien. Der Redner warf diesen Institutionen vor, ihre Aufgabe, die Bevölkerung zu informieren, nicht wahrzunehmen. Stattdessen würden sie oft als „Leisetreter“, „Verschleierer“ und „Lügner“ wahrgenommen. Anhand eines Beispiels vom 31. Januar 2024 wurde eine Bürgerschaftssitzung in den Fokus gerückt, bei der es zu einem Vorfall mit einem Abgeordneten kam. Der Redner kritisierte die Berichterstattung des NDR, die seiner Meinung nach die Ereignisse verzerrte und die Realität nicht korrekt abbildete.

Die Problematik der Berichterstattung wurde auch im Kontext eines Brandes in einer Windenergieanlage in Hinrichshagen angesprochen. Der Redner erklärte, dass gefährliche Schadstoffe freigesetzt wurden, was in den lokalen Medien jedoch verharmlost dargestellt wurde. Er sprach zudem über die negative Berichterstattung während der Erkältungswelle, die Ängste in der Bevölkerung schürte. Diese Beispiele wurden als Teil einer größeren Agenda gesehen, bei der die Medien eine unverantwortliche Rolle spielen.

Ein weiterer Punkt der Kritik war die politische Landschaft in Deutschland, insbesondere das Verhalten der etablierten Parteien und der Umgang mit Wählerstimmen. Der Redner äußerte, dass Parteien von den Medien als rechtsextrem dargestellt würden, wenn sie nicht der allgemeinen politischen Richtung folgten. Die Reaktion auf abweichende Wählerentscheidungen sei häufig die Anwendung von Druckmitteln und die Ignorierung der Stimmen der Bürger.

In einem weiteren Teil seiner Rede wandte sich der Redner dem Thema der Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung zu. Er kritisierte, dass die Möglichkeiten zur Mitbestimmung stark eingeschränkt seien und dass die Wahlen lediglich eine Illusion von Demokratie erzeugen würden. Dies wurde als „Scheindemokratie“ bezeichnet, in der die Bürger nur alle paar Jahre ihre Stimmen abgeben dürften, ohne echten Einfluss auf die politischen Entscheidungen zu haben.

Eine positive Wendung sollte dennoch erwähnt werden: Der Rücktritt des Sozialdemokraten Kevin Kühnert wurde als Chance für einen Neuanfang in der SPD angesehen. Es wurde die Hoffnung geäußert, dass ein würdiger Nachfolger gefunden wird, der die Partei zu einem Wahlsieg führen könnte.

Die Montagsdemo bot somit nicht nur einen Raum für Protest, sondern auch für den Austausch von Ideen und Meinungen über die gegenwärtige politische Situation in Deutschland. Es wurde deutlich, dass viele Bürger ein starkes Bedürfnis nach Veränderungen und einer gerechteren politischen Vertretung haben. Die Versammlung endete mit Musik und dem Versprechen, dass die Themen, die angesprochen wurden, weiterhin im Fokus bleiben werden. Die Teilnehmer waren sich einig, dass es wichtig ist, den Dialog aufrechtzuerhalten und aktiv für ihre Überzeugungen einzutreten.

Die Montagsdemo in Greifswald stellte somit eine Plattform dar, auf der die Bürger ihre Stimme erheben und ihre Sorgen und Hoffnungen teilen konnten, was in der gegenwärtigen politischen Lage von großer Bedeutung ist.

Jutta Müller: Die Meistermacherin aus Chemnitz

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In der schillernden Welt des Eiskunstlaufs erstrahlt der Name Katharina Witt wie ein leuchtender Stern. Doch hinter ihrem strahlenden Erfolg steht eine Meistermacherin, die die Eiskunstlaufgeschichte der DDR geprägt hat: Jutta Müller. Die Chemnitzerin, die in den letzten Jahrzehnten sowohl Erfolge als auch Herausforderungen in der neuen Zeit erlebt hat, war lange Zeit die treibende Kraft hinter Witts bemerkenswerter Karriere. In einem Interview gewährt Müller Einblicke in ihre außergewöhnliche Reise, die vom sozialen Experiment der DDR bis in die gegenwärtige kapitalistische Realität reicht.

Jutta Müller, bekannt für ihren scharfen Verstand und ihre unerschütterliche Hingabe, hat den Eiskunstlauf in der DDR nicht nur gelehrt, sondern ihn auch zum Leben erweckt. „Ich bin in dieser DDR aufgewachsen und habe immer versucht, ein neues Deutschland aufzubauen“, erklärt sie. Ihre Reise begann mit dem Eiskunstlaufen, das sie mit tänzerischen Elementen des Balletts kombinierte, um eine neue Ästhetik zu schaffen. Der Aufstieg ihrer Schützlinge war für sie auch ein Weg, den Sozialismus zu feiern, den sie als erfolgreiches System ansah.

Die Höhen und Tiefen des Eiskunstlaufs spiegeln die politischen und sozialen Umwälzungen wider, die die DDR durchlebte. Jutta Müller war bekannt für ihre Pelze und Juwelen, die sie in der privilegierten Position einer Reisekader-Trainerin erwarb. Aber trotz ihrer Erfolge wusste sie, dass ihre Stellung von den Medaillen ihrer Schützlinge abhing. „Solange sie Medaillen holten, war meine Stellung sicher“, sagt sie rückblickend. Ihre erste Weltmeisterschaft als Trainerin gewann sie 1969 mit ihrer Tochter Gabi Seifert, und seitdem war der Erfolg ein ständiger Begleiter.

Der Fall der Mauer brachte neue Herausforderungen mit sich. Das DDR-System, in dem Müller gewachsen war, zerbrach, und die Art und Weise, wie Sport betrieben wurde, änderte sich grundlegend. Jutta Müller musste sich in der neuen Welt zurechtfinden, und viele ihrer ehemaligen Praktiken wurden als Relikte einer vergangenen Zeit angesehen. „Das athletische Aufbautraining für den Nachwuchs wurde abgeschafft, aber das ist so notwendig“, erklärt sie. Es zeigt sich, dass der Wandel nicht nur einen Neuanfang, sondern auch den Verlust bewährter Methoden mit sich brachte.

Doch trotz der Schwierigkeiten blieben die Prinzipien von Müller stark. Sie wollte, dass das Eiskunstlaufen in Deutschland nicht nur überlebt, sondern floriert. „Ich fühle mich nicht wie eine Rentnerin“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, dem Eiskunstlauf noch etwas geben zu können.“ Ihre Leidenschaft und Hingabe zu ihrem Sport sind ungebrochen. Das alte System mag weg sein, doch die Werte und die Disziplin, die sie vermittelt hat, sind es nicht.

Jutta Müller und Katharina Witt sind in der heutigen Zeit ein Symbol für den erfolgreichen Übergang von der DDR zur neuen Realität. Ihre Geschichte zeigt, dass mit Engagement und einem starken Willen selbst unter den schwierigsten Bedingungen Erfolge erzielt werden können. „Nichts ist unmöglich, wenn man es nur will“, bringt Müller es auf den Punkt.

Müllers Rolle als Trainerin geht über den Sport hinaus. Sie hat nicht nur Athleten zu Olympiasiegern gemacht, sondern auch die Entwicklung von Talenten gefördert, die den Eiskunstlauf in Deutschland und darüber hinaus geprägt haben. Trotz der Herausforderungen, die mit dem Wandel von einem sozialistischen zu einem kapitalistischen System verbunden sind, bleibt ihr Engagement für den Sport unerschütterlich.

Der Weg von Jutta Müller und Katharina Witt ist ein inspirierendes Beispiel für die Stärke und Resilienz, die notwendig sind, um in der heutigen Zeit erfolgreich zu sein. Ihre Geschichte ist nicht nur die einer Trainerin und ihrer Schülerin, sondern auch eine von Wandel, Herausforderung und der ewigen Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Sport. Jutta Müller zeigt, dass es nie zu spät ist, sich für die eigenen Überzeugungen einzusetzen und für den Eiskunstlauf, der ihr Leben geprägt hat, weiter zu kämpfen.

Aktuelle Umfragen zum Wohlstand: Gerecht oder ungerecht?

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Die Analyse des INSA Meinungsbildes vom 4. Oktober 2024 bietet einen aufschlussreichen Überblick über die aktuelle politische Stimmung in Deutschland sowie über die Wahrnehmung von Wohlstand und Lebensängsten in der Bevölkerung. Die Ergebnisse der Umfrage werden im Folgenden näher betrachtet.

Politische Stimmung und Sonntagsfrage
Die Sonntagsfrage zeigt, dass das BSW (Bündnis Sarah Wagenknecht) einen signifikanten Verlust von 1,5 Prozentpunkten erleidet und auf 8% fällt. Dies könnte auf eine wachsende Unzufriedenheit der Wähler mit der Partei hindeuten. Im Gegensatz dazu kann die AfD (Alternative für Deutschland) einen Anstieg von einem Prozentpunkt verzeichnen und erreicht nun 20%. Diese Entwicklungen lassen auf eine Zunahme der Unterstützung für rechtspopulistische Positionen schließen, während die etablierten Parteien unter Druck stehen.

Die Analyse der möglichen Regierungskoalitionen zeigt, dass eine schwarz-rote Regierung aus CDU, CSU und SPD mit einer Gesamtstärke von 47,5% eine parlamentarische Mehrheit bilden könnte. Zusätzlich werden zwei weitere Bündnisse in Betracht gezogen, die jedoch politisch als unwahrscheinlich angesehen werden: ein Bündnis von CDU, CSU, Grünen und BSW, das auf 50% käme, und ein Bündnis von CDU, CSU und AfD, das sogar 51,5% erreichen könnte. Diese Zahlen werfen Fragen zur Stabilität der politischen Landschaft und zur Akzeptanz solcher Koalitionen auf, die ideologisch unterschiedliche Positionen vertreten.

Wahrnehmung des Wohlstands in Deutschland
Ein zentraler Punkt der Umfrage ist die Einschätzung der Verteilung des Wohlstands in Deutschland. Ein Viertel der Befragten sieht den Wohlstand als gerecht verteilt, während zwei Drittel der Meinung sind, dass er ungerecht verteilt ist. Diese Wahrnehmung variiert stark nach Altersgruppen: Bei den unter 30-Jährigen empfinden 41% die Verteilung als gerecht, während 48% dies ablehnen. Mit steigendem Alter wächst das Gefühl der Ungerechtigkeit; bei den über 60-Jährigen sind über 75% der Ansicht, dass der Wohlstand ungerecht verteilt ist. Dies deutet darauf hin, dass ältere Generationen möglicherweise ein stärkeres Bewusstsein für soziale Ungleichheiten haben.

Die Parteizugehörigkeit beeinflusst ebenfalls die Wahrnehmung der Wohlstandsverteilung. Die Wähler von SPD und Union sind am zufriedensten; jeweils ein Drittel von ihnen denkt, dass der Wohlstand gerecht verteilt ist. Dagegen sind die Wähler des BSW am unzufriedensten, wobei 88% von ihnen die Verteilung als ungerecht empfinden. Diese Diskrepanz zeigt, dass die politischen Parteien unterschiedliche Wählergruppen ansprechen und deren Anliegen möglicherweise nicht im Einklang stehen.

Politische Maßnahmen zur gerechten Verteilung des Wohlstands
Ein weiterer bedeutender Aspekt der Umfrage betrifft den Wunsch nach mehr politischen Maßnahmen zur gerechten Verteilung des Wohlstands. 42% der Befragten wünschen sich „deutlich mehr“ Maßnahmen, während 44% angeben, dass sie „etwas mehr“ wünschen. Insgesamt zeigen 86% der Befragten den Wunsch nach einer gerechteren Verteilung des Wohlstands an. Diese Forderung ist parteiübergreifend, wobei alle Wählergruppen mehrheitlich der Meinung sind, dass zusätzliche Maßnahmen erforderlich sind. Am stärksten ausgeprägt ist dieser Wunsch unter den Wählern des BSW. Diese Erkenntnisse deuten auf einen breiten Konsens in der Bevölkerung hin, dass Ungleichheiten angegangen werden müssen.

Angst vor einem sinnlosen Leben
Abschließend wird in der Analyse die Angst vor einem sinnlosen Leben thematisiert. Ein Drittel der Befragten gibt an, große Angst in diesem Bereich zu haben, während 59% geringe oder keine Angst äußern. Besonders auffällig ist, dass die Angst vor einem sinnlosen Leben bei den unter 30-Jährigen am größten ist: Jeder Zweite hat Angst, während unter den über 70-Jährigen weniger als jeder Fünfte diese Angst teilt. Auch die religiöse Bindung spielt eine Rolle; Gläubige haben tendenziell häufiger Angst vor einem sinnlosen Leben als konfessionslose Menschen. Zudem haben Menschen, die sich politisch links oder rechts der Mitte verorten, häufiger Angst als jene, die sich in der Mitte verorten. Diese Ergebnisse verdeutlichen die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Sorgen innerhalb der Gesellschaft.

Fazit
Insgesamt zeigt die Analyse des InsA Meinungsbildes ein differenziertes Bild der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage in Deutschland. Während einige Parteien unter Druck stehen, gibt es einen breiten Wunsch nach politischen Maßnahmen zur Verbesserung der Wohlstandsverteilung. Die Angst vor einem sinnlosen Leben ist ein bedeutendes Thema, insbesondere unter jüngeren Befragten. Diese Umfrage bietet einen wertvollen Anlass zur Diskussion über die Herausforderungen, mit denen die Gesellschaft konfrontiert ist, und zur Reflexion über mögliche Lösungsansätze.

Spaziergang und Montagsdemo in Zittau – 35 Jahre nach dem Mauerfall

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Der Beitrag ist ein Bericht über eine Veranstaltung, die sich mit der deutschen Wiedervereinigung, der Geschichte der DDR und aktuellen politischen Entwicklungen befasst. Die Veranstaltung fand auf dem Zittauer Rathausplatz statt und bot ein vielfältiges Programm, das von musikalischen Darbietungen bis hin zu Reden und Diskussionen reichte.

Die Eröffnung erfolgte durch Andreas Prescher vom BürgerBündnis Grüner Ring, der die Bedeutung lebendiger Demokratie betonte und sich bei den Technikern für die Organisation der Veranstaltung bedankte. Es folgten Reden von verschiedenen Akteuren, darunter Professor Peter Dierich und Harry Fröhlich. Ein zentrales Thema der Veranstaltung war die Erinnerung an den 7. Oktober, den ehemaligen Nationalfeiertag der DDR. Prescher und Dierich betonten, wie die Menschen 1989 den Mut fanden, auf die Straße zu gehen und sich gegen die autoritäre Staatsführung der DDR zu erheben. Die friedliche Revolution, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führte, wurde als ein historisches und würdiges Ereignis hervorgehoben.

In diesem Zusammenhang kritisierte Dierich den fehlenden Fortschritt beim Bau des zentralen Denkmals zur deutschen Einheit in Berlin. Trotz des Bundestagsbeschlusses aus dem Jahr 2007 verzögerte sich der Bau immer wieder, unter anderem wegen Problemen mit der Umsiedlung von Fledermäusen. Diese Anekdote diente dazu, die Bürokratie und die schleppende Umsetzung politischer Projekte in Deutschland zu kritisieren. Dierich verwies darauf, dass die Inschrift „Wir sind das Volk“ auf dem geplanten Denkmal heute teilweise kritisch betrachtet werde, da der Slogan in der Vergangenheit auch bei PEGIDA-Demonstrationen verwendet wurde. Dennoch verteidigte er das Recht der Bürger, diesen Slogan zu nutzen, und erinnerte daran, dass viele der Demonstranten bereits 1989 „Wir sind das Volk“ gerufen hatten.

Ein weiteres zentrales Thema war die politische Situation in den neuen Bundesländern, insbesondere in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Dierich zog Parallelen zur DDR-Zeit und stellte fest, dass es weiterhin eine zentrale politische Einflussnahme gebe. In diesem Zusammenhang wurden die Verhandlungen zwischen Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, und Sahra Wagenknecht, die als mögliche Partnerin für eine neue politische Bewegung gilt, thematisiert. Diese Entwicklungen sorgten für Diskussionen, da sie den Einfluss linker politischer Kräfte in den ostdeutschen Bundesländern verdeutlichten.

Die Veranstaltung wurde von einem Video begleitet, das die Bedeutung der deutschen Fahne in Schwarz-Rot-Gold thematisierte. Diese Fahne, so wurde betont, stehe für den Widerstand gegen autoritäre Systeme und für die Freiheit. In der Vergangenheit sei sie bei verschiedenen Revolutionen in Deutschland, insbesondere 1848, verwendet worden. Heute gelte sie als Symbol der friedlichen Revolution von 1989 und solle in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden.

Neben den politischen Reden gab es auch eine musikalische Einlage von „Der Biker“, der mit seinem Lied „Ich bin wieder zuhaus“ die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen kritisierte. Er sprach von einer zunehmenden Ignoranz und einem Verrat an den Idealen der friedlichen Revolution, die in den letzten Jahren durch politische Entscheidungen untergraben worden seien.

Harry Fröhlich, ein weiterer Redner, präsentierte eine Presseschau, in der er die Rolle der Medien in der heutigen Demokratie hinterfragte. Er kritisierte insbesondere die ARD und warf ihr vor, eine „Lügenpresse“ zu sein, die gezielt bestimmte politische Narrative verbreite und kritische Stimmen unterdrücke. In diesem Zusammenhang wurde die Nominierung der ARD-Sendung „Die 100“ für den Deutschen Fernsehpreis kritisiert, da die Sendung angeblich manipuliert worden sei, um bestimmte politische Ansichten zu fördern.

Auch das Thema Künstliche Intelligenz (KI) in Schulen wurde angesprochen. Ein Positionspapier des Bildungsverbandes plädierte für den verstärkten Einsatz von KI, um Lehrkräfte zu entlasten und den Bildungserfolg zu verbessern. Allerdings wurde auch darauf hingewiesen, dass der Einsatz von KI zu weiteren Unterrichtsausfällen führen könnte, da Lehrkräfte zunächst selbst geschult werden müssten.

Ein weiterer wichtiger Punkt der Veranstaltung war die Diskussion über die Migrations- und Klimapolitik. Die Redner betonten, dass beide Politikfelder mittelfristig entscheidend für die Zukunft Deutschlands seien. Die Migrationspolitik zerstöre die Gesellschaft, während die Klimapolitik die Wirtschaft zerstöre, so die Kritik. Beide Bereiche bedürften einer grundlegenden Neuausrichtung, um die Zukunft des Landes zu sichern.

Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine Vorstellung des Magazins „Aufgewacht“, das von Jochen Stappenbeck präsentiert wurde. Die neue Ausgabe enthielt Interviews mit prominenten Persönlichkeiten wie Sahra Wagenknecht und Christina Diel, einer mutigen Buchhändlerin aus Dresden. Auch kulturelle Themen, wie das Kamenzer Forstfest, wurden thematisiert, um einen Einblick in die Traditionen der Region zu geben.

Die Veranstaltung endete mit einem gemeinsamen Singen des Oberlausitzliedes, das von Peter Pachl angeleitet wurde. Pachl bedankte sich bei den Teilnehmern und betonte die Wichtigkeit von Zusammenhalt und Tradition in der heutigen Zeit.

Das Erbe der DDR: Die Blechbüchse und ihre Bedeutung für Leipzig

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Die „Blechbüchse“ in Leipzig gehört zu den besonderen Wahrzeichen der Stadt, die eine bewegte und einzigartige Geschichte aufweist. Ihr markantes Erscheinungsbild und ihre Bedeutung für die Stadt und ihre Bewohner machten sie zu einem Symbol, das weit über die Region hinaus bekannt ist.

Die Geschichte der „Blechbüchse“ beginnt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als in Leipzig ein siebenstöckiges Warenhaus entstand. Damals war es eines der größten und modernsten Kaufhäuser der Stadt und zog zahlreiche Menschen an. Die prächtige Architektur spiegelte den Aufschwung und die Bedeutung Leipzigs als Handelszentrum wider. Das Warenhaus war nicht nur ein Ort des Konsums, sondern auch ein Treffpunkt für die städtische Gesellschaft.

Doch diese Glanzzeit endete abrupt im Jahr 1943. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Leipzig von einem schweren Bombenangriff heimgesucht, der große Teile der Stadt zerstörte. Auch das prächtige Warenhaus wurde schwer beschädigt und musste seine Türen schließen. Die einst so lebhafte Einkaufsstätte verfiel in den folgenden Jahren und blieb eine Ruine – ein stummer Zeuge der Zerstörungen des Krieges und des Niedergangs, der viele deutsche Städte traf.

Erst 1965, gut zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Gebäudes. In der DDR, die sich mitten im Wiederaufbau befand, wurde das alte Warenhaus wiederentdeckt. Die Regierung der DDR wollte hier ein Symbol des sozialistischen Fortschritts und des Wohlstands schaffen. Das Ziel war es, ein modernes Konsumzentrum für die Bevölkerung zu errichten. Die Planungen für den Umbau begannen, und dabei erhielt das Gebäude eine vollkommen neue Gestaltung.

Das alte, kriegszerstörte Warenhaus wurde von Grund auf renoviert und bekam 1968 seine markante Aluminiumfassade, die ihm seinen Spitznamen „Blechbüchse“ einbrachte. Diese futuristisch anmutende Verkleidung war typisch für die moderne Architektur der DDR und sollte Fortschritt und Modernität symbolisieren. Aluminium war zu jener Zeit ein Material, das als innovativ und modern galt, und die glänzende Fassade sollte das neue Warenhaus im Zentrum der Stadt hervorheben. Der Name „Blechbüchse“ entstand schnell und wurde sowohl liebevoll als auch spöttisch von den Leipziger Bürgern verwendet. In den Köpfen der Menschen blieb der Name haften, und er ist bis heute mit dem Gebäude untrennbar verbunden.

Die Eröffnung des „Konsument“-Warenhauses, wie das neue Kaufhaus offiziell hieß, fand am 21. August 1968 statt – just an dem Tag, als sowjetische Truppen in Prag einmarschierten und den „Prager Frühling“ brutal niederschlugen. Dieses historische Datum verlieh der Eröffnung des größten Warenhauses der DDR eine besondere Brisanz. Während in Leipzig die Konsumenten das neue Warenhaus mit seinem umfassenden Angebot erkundeten, erlebte die Tschechoslowakei eine der dunkelsten Stunden ihrer Geschichte. Die Eröffnung des Kaufhauses und der Einmarsch der Truppen standen symbolisch für die zwei Gesichter des Ostblocks: auf der einen Seite der Versuch, durch Konsum und Architektur Modernität und Wohlstand zu vermitteln, auf der anderen Seite die harte Realität eines totalitären Regimes, das durch militärische Gewalt seine Macht sicherte.

Das „Konsument“-Warenhaus selbst war ein Symbol für den Aufstieg der DDR und ihre Bemühungen, der Bevölkerung ein modernes Leben zu ermöglichen. Es bot ein breites Sortiment an Konsumgütern, von Kleidung über Haushaltswaren bis hin zu Lebensmitteln, und war lange Zeit ein wichtiger Anlaufpunkt für die Leipziger und Besucher der Stadt. Die „Blechbüchse“ wurde zu einem sozialen Treffpunkt und prägte das städtische Leben.

Nach der Wende 1989 veränderte sich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Landschaft in Leipzig radikal. Viele DDR-Institutionen verschwanden, und auch die „Blechbüchse“ musste sich den neuen Bedingungen anpassen. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde das Warenhaus zunächst weiter betrieben, doch im Laufe der Jahre verlor es an Bedeutung. 2006 wurde das Gebäude schließlich geschlossen und in den Folgejahren umfassend saniert und umgebaut.

Die „Blechbüchse“ blieb jedoch erhalten und wurde in das moderne Einkaufszentrum „Höfe am Brühl“ integriert. Dabei wurde die berühmte Aluminiumfassade rekonstruiert und in das neue Gebäudeensemble eingebunden. Heute erinnert die „Blechbüchse“ nicht nur an die Geschichte des Konsums in der DDR, sondern auch an die tiefen historischen Einschnitte, die Leipzig und ganz Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. Sie steht als Symbol für den Wandel und die Erneuerung, die Leipzig seit dem Zweiten Weltkrieg mehrfach durchlaufen hat, und bleibt ein markantes Wahrzeichen der Stadt.

Ein Konzert für die Ewigkeit: Springsteen und der Beginn der Revolution in der DDR

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Am 19. Juli 1988 ereignete sich in Ost-Berlin ein Ereignis, das die Menschen in der DDR nachhaltig prägte und ein Symbol der Hoffnung in den letzten Jahren der DDR wurde: Das Konzert von Bruce Springsteen. Die Rocklegende aus den USA trat vor mehr als 160.000 Menschen auf der Radrennbahn Weißensee auf und sorgte mit seiner Musik für eine Aufbruchsstimmung, die viele als ein Vorzeichen der kommenden Revolution deuteten. Dieses Konzert, das in der DDR eher als ungewöhnlich galt, war nicht nur ein musikalisches Highlight, sondern auch politisch aufgeladen und steht bis heute für den Wunsch nach Freiheit und Veränderung.

Das Konzert von Springsteen in Ost-Berlin war Teil seiner „Tunnel of Love“-Tour und wurde von der DDR-Führung erstaunlicherweise genehmigt. Die Veranstalter, die FDJ (Freie Deutsche Jugend), versuchten, das Konzert als Teil ihrer Jugendpropaganda zu nutzen, um das Image des sozialistischen Staates zu verbessern und die Jugend auf eine positive Weise zu beeinflussen. Doch die Wirkung des Konzerts übertraf alle Erwartungen und ging weit über das hinaus, was die Staatsführung sich erhofft hatte.

Die Atmosphäre auf dem Konzertgelände war elektrisierend. Tausende DDR-Bürger strömten zur Radrennbahn, um den „Boss“ live zu erleben – viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben bei einem Konzert dieser Größenordnung. Bruce Springsteen war in der DDR bereits durch Schallplatten und westliche Radiosender bekannt, doch ein Konzert eines so bekannten Rockstars aus dem Westen war ein außergewöhnliches Ereignis. Die Spannung im Publikum war greifbar, und als Springsteen schließlich auf die Bühne trat, brach eine Welle der Begeisterung über die Menge herein.

Springsteen spielte über drei Stunden und performte seine größten Hits wie „Born in the USA“, „Dancing in the Dark“ und „Badlands“. Besonders „Born in the USA“ war ein Song, der mit seiner kraftvollen Botschaft eine ganz besondere Bedeutung in der DDR bekam. Obwohl der Song oft als patriotische Hymne missverstanden wurde, handelt er tatsächlich von den Schwierigkeiten der amerikanischen Arbeiterklasse und der Desillusionierung mit dem amerikanischen Traum. In der DDR wurde er jedoch von vielen als Protest gegen Unterdrückung und als Ausdruck der Sehnsucht nach Freiheit verstanden.

Ein zentraler Moment des Abends war die Rede, die Bruce Springsteen während des Konzerts hielt. Springsteen, der sich der politischen Situation in der DDR durchaus bewusst war, wandte sich auf Deutsch an das Publikum und sprach von einer Welt ohne Grenzen. Er sagte: „Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin kein Kommunist, aber ich bin gekommen, um Rock ’n‘ Roll für euch zu spielen. Ich hoffe, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“ Diese Worte trafen tief ins Herz vieler DDR-Bürger, die sich nach mehr Freiheit und Veränderung sehnten. Springsteens Aussage wurde von vielen als eine subtile Kritik an der Teilung Deutschlands und der politischen Repression in der DDR verstanden.

Die DDR-Führung, die das Konzert ursprünglich als Propagandaerfolg für den Sozialismus gedacht hatte, unterschätzte jedoch die Wirkung dieser Worte und der Musik auf die Zuhörer. Springsteens Auftritt wurde zu einem Symbol der Hoffnung und des Widerstandes. Die Menschen, die an diesem Abend auf der Radrennbahn Weißensee standen, fühlten sich in ihrem Wunsch nach Veränderung und Freiheit bestärkt. Für viele war dies ein Wendepunkt, der ihnen zeigte, dass eine andere Zukunft möglich war.

Auch die Tage nach dem Konzert waren von einem Gefühl des Aufbruchs geprägt. Die Rockmusik, die normalerweise als westliches Kulturprodukt kritisch beäugt wurde, hatte an diesem Abend die Menschen in der DDR vereint und eine Brücke zwischen Ost und West geschlagen. Es war eine Zeit, in der die Menschen in der DDR zunehmend das Gefühl hatten, dass der alte, starr gewordene Staat nicht mehr lange bestehen würde. Der Auftritt von Bruce Springsteen wurde daher oft als eine der kulturellen und emotionalen Initialzündungen für die friedliche Revolution im Jahr 1989 gesehen.

Bruce Springsteens Konzert am 19. Juli 1988 in Ost-Berlin war also weit mehr als nur ein Musikereignis. Es war ein Moment der Hoffnung, des Widerstands und der Einheit, der die Menschen in der DDR tief bewegte. Viele von ihnen erinnern sich bis heute an diesen besonderen Abend, an dem ein amerikanischer Rockmusiker ihnen für ein paar Stunden das Gefühl von Freiheit und Zusammenhalt gab. Der 19. Juli 1988 bleibt ein Meilenstein in der Geschichte der DDR und symbolisiert die Macht der Musik, Menschen zu vereinen und für Veränderungen zu inspirieren.

Das politische System der DDR: Ein Überblick

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In diesem Video erklären wir euch kurz und knapp das politische System der DDR. Ohne große Vorrede geht’s los. Die DDR verstand sich als „demokratischer Zentralismus“ und sozialistischer Staat. Das bedeutet, dass die Macht in den Händen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der SED, lag. Entscheidungen waren also zentralisiert. Eine Stelle entschied, und das führte dazu, dass die staatlichen Gewalten – die gesetzgebende Gewalt (Legislative), die Regierungsgewalt (Exekutive) und die richterliche Gewalt (Judikative) – nicht wie zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland getrennt waren. Statt einer Gewaltenteilung gab es eine Gewalteneinheit. Alle Gewalten waren den von der SED vorgegebenen Zielen verpflichtet.

Die Partei und die Staatsverwaltung waren nach dem Prinzip des sogenannten demokratischen Zentralismus aufgebaut, was bedeutete, dass alles, was in der Gesellschaft und im Staat passierte, zentral gelenkt wurde. Die zentrale Regierung agierte im Sinne des angeblichen Volkswillens. In der Theorie klingt das vielleicht gut, wenn man an der Uni in einem Seminar sitzt oder seine Weltanschauung auf Papier bringt, aber in der Realität funktionierte das nicht wirklich.

An der Spitze der Verwaltung des Staates stand die Regierung mit den Ministerien und der Planungscommission. Im Sozialismus der DDR legte die Regierung einen Plan fest, der einen Zeitraum von fünf Jahren abdeckte und als Fünfjahresplan bezeichnet wurde. In diesem Plan wurde festgelegt, mit welchen Mitteln und in welcher Menge produziert werden sollte, was wie viel kostet und wer wie viel davon abbekommt. Tatsächlich waren diese Gremien aber nur ausführende Organe der SED, angewiesen und kontrolliert von den entsprechenden Abteilungen der Partei.

Die DDR war in 14 Bezirke gegliedert, dazu kam Ostberlin, das in der DDR ebenfalls die Funktion eines Bezirks ausübte. Die Bundesländer, die es heute wieder gibt, wurden zur Zeit der DDR abgeschafft. Nach den Bezirken kamen die Kreise und dann die einzelnen Gemeinden, die jeweils übergeordnete Einheiten an untergeordnete Einheiten anknüpften. So funktionierte die Verwaltung der DDR.

In der legislative Struktur stand der Staatspräsident bzw. ab 1960 der Staatsrat an der Spitze. Im Staatsrat saß ein Vorsitzender – formal ein wichtiger Posten, aber in Wirklichkeit hatte der Chef der SED das Sagen. Walter Ulbricht und Erich Honecker machten es sich dann auch leicht und besetzten beide Posten. Neben dem Vorsitzenden gab es etwa 20 bis 30 Mitglieder, eine Zahl, die sich im Laufe der Zeit änderte. Das Gremium war das kollektive Staatsoberhaupt der DDR. Ab 1960 gab es also keinen Präsidenten mehr, der als Staatsoberhaupt fungierte, sondern den Staatsrat, der dies als Ganzes tat.

Der Staatsrat konnte Erlass erlassen, die wie Gesetze wirkten, er ratifizierte Verträge mit anderen Staaten, schrieb die Wahlen zu den Parlamenten aus und verlieh Orden. Spätestens ab 1974 war der Staatsrat dann nur noch ein repräsentatives Gremium. Gewählt wurde der Staatsrat vom Parlament, der sogenannten Volkskammer. Dieses Parlament war formal das höchste Staatsorgan. In der Volkskammer saßen fünf Parteien: Neben der SED waren das die vier sogenannten Blockparteien – die Ost-CDU, die Liberal-Demokratische Partei (LDPD), die Demokratische Bauernpartei (DBD) und die Nationaldemokratische Partei (NDPD). Diese vier Parteien waren jedoch nicht wirklich eigenständig, denn sie waren zusammen mit der SED in einer Liste verbunden. Die übrigen Sitze im Parlament verteilten sich auf Vertreter der Massenorganisationen, zu denen die Gewerkschaft, die Jugendorganisation FDJ und der Frauenbund gehörten. Diese drei Gruppen – die SED, die Blockparteien und die Massenorganisationen – traten mit der Einheitsliste der Nationalen Front zur Wahl an.

In der DDR entscheidet die SED, was passiert. Auch die SED ist natürlich nach dem demokratischen Zentralismus organisiert. An der Spitze steht das Politbüro, das politische Büro, das ursprünglich aus zehn und später über 20 Mitgliedern und sogenannten Kandidaten bestand, die aber kein Stimmrecht hatten. Interessanterweise war das Politbüro fast ausschließlich männlich. Nur eine Handvoll Frauen schaffte es, in 40 Jahren DDR Kandidatin des Politbüros zu werden, und zum Vollmitglied wurde keine einzige. Eine Kandidatin war Margarete Müller, die von 1963 bis zum Ende der DDR in der Warteposition festhing. Die Mitglieder des Politbüros waren vor allem Chefs der SED-Abteilungen, die den Ministerien übergeordnet waren, oder Vorsitzende von Massenorganisationen.

Der Chef des Politbüros war der Generalsekretär, der als der mächtigste Mann in der DDR galt. Er und das Politbüro bestimmten, was die Regierung, die Verwaltung, letztlich das Parlament und die Gerichte zu tun hatten. Der Generalsekretär war auch Chef des Sekretariats des Zentralkomitees. Das Zentralkomitee, auch ZK genannt, war das höchste Gremium der SED zwischen den Parteitagen. Am Ende der DDR hatte es etwa 200 Mitglieder und Kandidaten, die vom Parteitag gewählt wurden. Diese Mitglieder wurden wieder vom Sekretariat der Partei und dem Politbüro vorgeschlagen.

Die höchsten Ebenen – also das Politbüro – gaben die Richtung vor, und wer davon abwich, war ein Verräter und wurde verfolgt. Deshalb wählte der Parteitag so, wie es ihm gesagt wurde, und deshalb stimmte das Parlament, die Volkskammer, so ab, wie von oben angeordnet. Für die DDR galt, was für alle Diktaturen gilt: Sie erhielt ihre Macht mit brutaler Gewalt. Die Sozialistische Einheitspartei, bzw. das Politbüro des Zentralkomitees der Partei, das aus scheinbar demokratischen parteiinternen Wahlen hervorgeht, ist in Wirklichkeit eine Gruppe von Diktatoren rund um den Generalsekretär.

Die DDR war kein Rechtsstaat. In einem Rechtsstaat können Bürger vor Gericht gehen, wenn die Regierung ihnen etwas anordnet oder das Parlament ein Gesetz erlässt, das ihre Rechte verletzt. Diese Möglichkeit, gegen den Staat zu klagen, gab es in der DDR nicht. Die Justiz war nicht unabhängig von der Politik. Wer überhaupt werden durfte, das bestimmte die Partei. Die Gerichte hatten in der DDR nicht die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Recht und Gesetz galten; sie waren eher dazu da, die Bürger im Sinne des Sozialismus zu erziehen und anzuleiten.

Wer es in der DDR zu etwas bringen wollte, musste Mitglied in der Partei sein. In ihrer Höchstphase hatte die SED etwa 2,3 Millionen Mitglieder, während die anderen Blockparteien nochmals etwa 500.000 Mitglieder hatten. Dann kamen die Massenorganisationen dazu. Die Jugendorganisation FDJ, die Freie Deutsche Jugend, erreichte neun von zehn Jugendlichen.

Staat und Gesellschaft in der DDR waren so aufgebaut, dass die Massen – also die Bürgerinnen und Bürger – kollektiv gelenkt und kontrolliert werden konnten. Dieser Staatsaufbau würde sofort in sich zusammenbrechen, wenn die Menschen frei nach ihrem Willen entscheiden könnten. Das zeigt sich dann auch 1989. Um den Staat zu stabilisieren, brauchte das Regime Machtinstrumente wie die Polizei und vor allem die Staatssicherheit.

Das war zwar alles etwas technisch, aber es ist wichtig zu verstehen, wie solche Systeme wie die DDR funktionierten. Die DDR nennt sich demokratisch, ist aber in Wirklichkeit das komplette Gegenteil davon. Das zeigt sich am 17. Juni 1953, als mehr als eine Million Menschen für mehr Freiheiten auf die Straße gehen.

Ein Leben im Schatten der Mauer: Erinnerungen eines NVA-Offiziers

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Am 13. August 1961, einem Tag, der die Geschichte Deutschlands und Europas nachhaltig prägen sollte, war Karl-Heinz Kries gerade einmal 22 Jahre alt. In seiner Funktion als Unteroffizier der Nationalen Volksarmee (NVA) sicherte er den Bau der Berliner Mauer ab, die als Symbol für die Teilung Deutschlands und den Kalten Krieg gelten sollte. Fast drei Jahrzehnte später, am 9. November 1989, fiel die Mauer, und die Deutschen begannen, sich auf den Weg zur Wiedervereinigung zu machen. In einem Interview reflektiert Kries über seine Erfahrungen während dieser turbulenten Zeit, die nicht nur sein persönliches Leben, sondern auch die geopolitischen Verhältnisse in der Welt entscheidend beeinflusste.

Die Berliner Mauer: Ein Symbol der Teilung
Für Karl-Heinz Kries war der Bau der Mauer im Jahr 1961 ein einschneidendes Erlebnis. Er beschreibt, dass der Bau nicht nur eine physische Barriere zwischen Ost- und Westberlin schuf, sondern auch eine psychologische Kluft, die Familien und Freunde trennte. Kries sah die Mauer damals als notwendiges Übel, um die Menschen in der DDR vor dem Einfluss des Westens zu schützen. Doch als er Jahre später auf den Fall der Mauer zurückblickt, erkennt er die Tragik, die in dieser Teilung lag. „Na froh nicht“, sagt er auf die Frage, ob er glücklich sei, dass die Mauer gefallen ist. „Ich dachte, die DDR könnte weiterexistieren unter anderen Vorzeichen, offener und demokratischer. Doch das ist nicht passiert.“

Das Ende der DDR und der NVA
Die Wendezeit war für Kries und seine Kameraden eine Zeit voller Unsicherheit und Fragen. Als die Mauer fiel, hatte er bereits eine lange Karriere in der NVA hinter sich und war im letzten Dienstjahr Oberst. Viele seiner ehemaligen Kollegen und er selbst hofften, dass ihre Truppe übernommen werden würde. Ein vielversprechender Politiker der SPD, Egon Bahr, hatte sogar angedeutet, dass eine Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften der DDR und der Bundeswehr möglich wäre. Doch die Realität sah anders aus. „Wir hatten die entsprechenden Uniformen, doch nach wenigen Wochen wurde alles abgeblasen, und die Wiedervereinigung kam.“

Die Auflösung der NVA traf Kries und seine Kameraden hart. „Was wird nun aus uns?“, war die drängende Frage, die sich viele stellten. Die Ungewissheit über die eigene Zukunft war erdrückend. Für viele war es nicht nur der Verlust eines Jobs, sondern auch der Verlust eines Lebensstils, der ihnen vertraut war.

Der Übergang in die Zivilgesellschaft
Mit 50 Jahren hatte Karl-Heinz Kries jedoch den Vorteil, dass er in den Ruhestand versetzt wurde und eine finanzielle Absicherung erhielt. In den 1980er Jahren war in Wien beschlossen worden, dass die NVA und die Bundeswehr auf eine bestimmte Stärke reduziert werden sollten. Dies bedeutete für Kries, dass er durch die Bundeswehr weiterhin finanziell versorgt wurde, während er darüber nachdachte, wie es weitergehen sollte. Um nicht nur auf die Unterstützung angewiesen zu sein, entschloss er sich, eine neue berufliche Herausforderung im Werttransport in Westberlin anzunehmen.

Die Anstellung war für ihn nicht einfach, denn viele alteingesessene Westberliner waren skeptisch gegenüber einem ehemaligen NVA-Offizier. „Das hat uns ade noch gefehlt!“, hörte Kries von seinen neuen Kollegen, die sich über die militärische Disziplin, die er einbrachte, beschwerten. Doch trotz der anfänglichen Widerstände konnte Kries sich behaupten und seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Er wurde zum Leiter der Werttransporte befördert und organisierte die Abläufe militärisch effizient.

Reflexion über den Kalten Krieg und den Frieden
Im Gespräch über die Folgen des Kalten Krieges äußert Kries eine differenzierte Sichtweise. Er erklärt, dass der Kalte Krieg im Wesentlichen ein Gleichgewicht zwischen zwei gleich starken Gruppen geschaffen habe, das dazu beigetragen habe, einen großen Konflikt zu verhindern. „Wenn der Warschauer Vertrag die NATO angegriffen hätte, wäre die Welt untergegangen, und umgekehrt genau das Gleiche.“ Diese gegenseitige Abschreckung sei ein Schutz gewesen. Doch nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung der Sowjetunion entblätterten sich viele neue Konflikte, die nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden konnten. „Es gab dann so viele Gruppierungen, die sich gebildet haben, und viele regionale Kriege, die wir jetzt sehen, sind die Folge dieser Entwicklung.“

Kries sieht die existierenden Konflikte in der Welt heute als direkte Folge der Machtvakuums, die nach dem Kalten Krieg entstanden sind. Er erinnert sich an die Vorhersagen, die vor 10 Jahren gemacht wurden, dass es viele kleine Kriege geben würde, und stellt fest, dass dies tatsächlich eingetreten ist. Die Herausforderungen, vor denen die Welt heute steht, seien komplex und erforderten eine neue Form der Zusammenarbeit und des Verständnisses zwischen den Nationen.

Ein Wunsch für die Zukunft
Am Ende des Interviews wird Kries gefragt, ob er einen Wunsch für die Zukunft habe. Seine Antwort ist klar und zeigt seine Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft. „Ich wünsche mir, dass man sich besser versteht, aufeinander eingeht und die Sorgen des anderen betrachtet.“ In einer Welt, die immer noch von Konflikten und Unsicherheiten geprägt ist, ist es für ihn wichtig, dass die Gesellschaft Wege findet, um mit den Herausforderungen umzugehen, die sich aus der Vergangenheit ergeben haben.

Kris warnt vor den Gefahren der Spaltung und des Extremismus und betont die Notwendigkeit, eine gemeinsame Grundlage zu finden. „Wir müssen gesellschaftliche Voraussetzungen schaffen, um große Probleme wie Arbeitslosigkeit und chaotische Bedingungen zu bekämpfen.“

Fazit
Karl-Heinz Kries’ Erfahrungen während der Wendezeit und seine Reflexionen über den Kalten Krieg zeigen, wie wichtig es ist, aus der Geschichte zu lernen. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands waren nicht nur persönliche Wendepunkte für ihn, sondern auch bedeutende Ereignisse, die die geopolitische Landschaft veränderten. In einer Zeit, in der die Welt immer noch mit den Nachwirkungen dieser Veränderungen konfrontiert ist, sind Kris’ Wünsche für ein besseres Verständnis und eine gemeinsame Zukunft wichtiger denn je.