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Rauchzeichen über Erfurt: Als Bürger die Stasi-Akten retteten

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Es riecht nach verbranntem Papier in diesen Tagen im Dezember 1989. Aus den Schornsteinen der Stasi-Dienststellen steigt Rauch auf, dunkler und dichter als sonst. Was viele ahnen, wird am Morgen des 4. Dezember zur Gewissheit: Die Staatssicherheit vernichtet ihr eigenes Gedächtnis. Es ist der Tag, an dem die Angst die Seiten wechselt und Bürger zu Archivaren der Revolution werden.

Das Signal aus dem Radio
Den entscheidenden Funken liefert ein ungewöhnliches Interview im „Berliner Rundfunk“. Ein Mann, der sich Frank L. nennt, bricht sein Schweigen. Er ist Mitarbeiter der Staatssicherheit und er bestätigt live im Radio, was auf den Straßen nur als Gerücht kursiert: „Es geht mir darum, dass Akten oder Unterlagen oder Papiere verbrannt werden, vernichtet werden, durch den Ofen gehen.“

Die Stasi, die sich erst Mitte November hastig das neue Etikett „Amt für Nationale Sicherheit“ (AfNS) aufgeklebt hat, versucht ihre Spuren zu verwischen. Während intern neue Richtlinien zur Überwachung der Bevölkerung ausgegeben werden (datiert auf den 2. Dezember), laufen in den Heizungskellern die Öfen heiß.

Zivilcourage gegen die „Verkollerung“
In Erfurt verstehen die Menschen das Radiosignal sofort: Wenn jetzt nicht gehandelt wird, sind die Beweise für Jahrzehnte der Unterdrückung für immer verloren.

Es sind die Frauen der Bürgerinitiative „Frauen für Veränderung“, die den ersten Schritt wagen. Sie rufen zur Besetzung der Erfurter Bezirksverwaltung auf. Was folgt, ist ein beispielloser Akt der Solidarität. Die städtischen Verkehrsbetriebe stellen sich quer – wortwörtlich. Mit einem Lkw blockieren sie die Zufahrt zum Gebäudekomplex in der Andreasstraße. Kein Fahrzeug soll mehr mit Akten das Gelände verlassen.

Zusammen mit herbeigerufenen Militärstaatsanwälten dringen die Bürgerrechtler in die Festung des Geheimdienstes ein. Sie finden sogenannte „Verkollerungsanlagen“ – Maschinen, konstruiert, um Papierberge in unleserliche Klumpen zu verwandeln. Doch die Bürger kommen rechtzeitig. Sie versiegeln die Türen. Sie retten die Akten.

Ein Flächenbrand der Freiheit
Die Nachricht aus Erfurt verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die sterbende DDR. „Der 4. Dezember war der Anfang vom Ende der Staatssicherheit“, wird die Bürgerrechtlerin Barbara Sengewald später sagen.

Die Erfurter Aktion löst eine Kettenreaktion aus, die selbst General Wolfgang Schwanitz, den neuen Stasi-Chef, überrollt. Noch am selben Tag fallen die Bastionen in Suhl, Leipzig und Rostock. Am 5. Dezember folgen die meisten anderen Bezirkshauptstädte.

Schwanitz‘ Versuch, die Wogen zu glätten, indem er die Vernichtung offiziell stoppt, aber „sensible Akten“ weiterhin vorenthalten will, scheitert am Misstrauen der Bevölkerung. Die Bürger übernehmen die Kontrolle.

Die Bilanz
Ende Dezember 1989 ist der mächtige Apparat faktisch handlungsunfähig. Sieben der 15 Bezirksverwaltungen haben ihre Arbeit komplett eingestellt, acht weitere funktionieren nur noch eingeschränkt.

Der 4. Dezember 1989 markiert damit einen historischen Wendepunkt: Es war der Tag, an dem die DDR-Bürger entschieden, dass ihre Geschichte nicht in den Öfen der Täter enden darf, sondern aufgearbeitet werden muss. Ein Erbe, das in den Kilometern geretteter Akten bis heute fortbesteht.

Eine Analyse der AfD-Wehrpflichtrede im Thüringer Landtag

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In einer Debatte, die eigentlich die sicherheitspolitische Zukunft Deutschlands und die Struktur der Bundeswehr behandeln sollte, nutzte die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag das Podium für eine Generalabrechnung mit dem politischen Establishment. Die Rede offenbart eine rhetorische Strategie, die geschickt drastische Schockbilder mit einer kulturkämpferischen Absage an den modernen deutschen Staat verknüpft und sich dabei weniger an parlamentarischen Gepflogenheiten als an der Mobilisierung der eigenen Basis orientiert.

Der Einstieg der Rede ist bemerkenswert aggressiv und emotionalisierend konzipiert. Anstatt über geopolitische Notwendigkeiten oder Personalstärken der Truppe zu sprechen, setzt der Redner auf eine explizite „Rhetorik des Schocks“. Mit detaillierten, fast voyeuristischen Schilderungen von Kriegsverletzungen – von abgerissenen Gliedmaßen bis hin zu verbrennenden Soldaten in Panzern – zielt der Abgeordnete direkt auf die emotionale Ebene der Zuhörer, insbesondere der Eltern und Großeltern. Diese drastische Visualisierung erfüllt eine klare Funktion: Sie dient dazu, jede rationale Diskussion über Verteidigungsfähigkeit im Keim zu ersticken. Wer in diesem Kontext Kriegstüchtigkeit fordert, so die Suggestion, fordert den qualvollen Tod der eigenen Kinder. Damit wird eine moralische Fallhöhe aufgebaut, die Befürworter der Wehrpflicht indirekt als gefühllose Zyniker darstellt, die bereit sind, die Jugend zu opfern.

Ein weiteres zentrales Element dieser populistischen Rhetorik ist die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen dem „Volk“ und einer vermeintlich korrupten Elite. Das etablierte Parteienspektrum wird pauschal als „Parteienkartell“ diffamiert, dem der Redner eine „Kriegslüsternheit“ vorwirft. Hierbei bedient er sich einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr im Kontext des Ukraine-Krieges, indem nicht der militärische Aggressor thematisiert wird, sondern die deutsche Politik, die durch ihre Unterstützung angeblich den Krieg erst fördere.

Besonders aufschlussreich ist die Begründung, warum die Jugend diesen Staat nicht verteidigen wolle. An dieser Stelle verlässt der Redner das Feld der Sicherheitspolitik vollends und eröffnet den Kulturkampf. Die Auflistung der Ablehnungsgründe liest sich wie ein Kompendium neurechter Kampfbegriffe: „Drag Queen Auftritte“ werden als Symbol für einen angeblichen moralischen Verfall und eine verfehlte Genderpolitik angeführt, während der Begriff „Schuldstolz“ die deutsche Erinnerungskultur angreift. Mit der Formulierung „fremd im eigenen Land“ wird zudem ein klarer Verweis auf ethnopluralistische Ideologien und die Ablehnung von Migration gemacht. Durch diese Aufzählung wird der Bundesrepublik in ihrer jetzigen Verfasstheit die Legitimität abgesprochen. Die radikale Botschaft lautet: Dieser Staat ist es in seiner aktuellen Form nicht wert, verteidigt zu werden.

Das Fazit der Rede enthält schließlich den strategischen Kern der AfD-Positionierung: die Konditionalisierung der Loyalität. Der Redner formuliert die Bedingung, dass Loyalität und Wehrbereitschaft nur einem „Staat für die Deutschen“ geschuldet seien. Dies markiert eine deutliche Abkehr vom Verfassungspatriotismus, der sich auf das Grundgesetz und demokratische Werte bezieht, hin zu einem völkisch definierten Patriotismus. Die Forderung, die Politik müsse zuerst ihre „Pflicht gegenüber dem eigenen Volk“ erfüllen, bevor sie Pflichten von der Jugend einfordern könne, impliziert, dass die aktuelle Regierung nicht im Sinne des Volkes handele und somit keinen Anspruch auf die Loyalität der Bürger habe.

Zusammenfassend ist die Rede weniger ein konstruktiver Beitrag zur Wehrpflichtdebatte als vielmehr eine fundamentalistische Ablehnung des aktuellen politischen Systems. Die AfD nutzt das sensible Thema „Krieg und Frieden“, um sich als einzige wahre „Friedenspartei“ zu inszenieren, während sie gleichzeitig die Institutionen des Staates delegitimiert. Durch die geschickte Verknüpfung von pazifistischen Tönen mit harter rechter Ideologie versucht die Partei, sowohl besorgte Bürger als auch ihr radikales Stammklientel gleichermaßen zu bedienen.

Zschäpes Kehrtwende in Dresden: Verrat am Netzwerk oder Kalkül?

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Beate Zschäpe, die Hauptverurteilte im Prozess gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), steht erneut im Fokus der Justiz. Doch anders als im Münchner Mammutprozess, wo ihr jahrelanges Schweigen dominierte, tritt die Rechtsterroristin nun als Zeugin vor dem Oberlandesgericht in Dresden auf. Vor Gericht steht Susann E., eine mutmaßliche NSU-Unterstützerin und Freundin Zschäpes, die dem Trio während der Zeit im Untergrund mehrfach geholfen haben soll.

Diese neue Rolle wirft eine zentrale Frage auf, die derzeit in Talk-Sendungen wie dem MDR AKTUELL Talk mit Reporter Sebastian Hesse diskutiert wird: Wendet sich Zschäpe tatsächlich von ihrem Netzwerk ab, oder handelt sie aus reinem Kalkül?

Die neue Rolle in Dresden: Analyse einer Zeugin
Die Tatsache, dass Zschäpe als Zeugin in einem Verfahren gegen eine ihrer mutmaßlich engsten Unterstützerinnen geladen war, markiert eine bemerkenswerte Wende in ihrem Verhalten (vgl. Talk-Thema 00:15).

Die Einordnungen des MDR-Reporters Sebastian Hesse beschreiben, wie Beate Zschäpe heute vor Gericht aufgetreten ist (vgl. Talk-Thema 01:17). War sie gefasst, distanziert oder gab sie sich geläutert? Ihre Körpersprache und ihr Tonfall sind in solchen Momenten entscheidend für die Bewertung ihrer Glaubwürdigkeit.

Die Kernaussagen von Beate Zschäpe konzentrieren sich darauf, wie sie ihr Leben im Untergrund schilderte und inwieweit sie die Rolle von Susann E. als Helferin beleuchtete (vgl. Talk-Thema 03:59). Diese Aussagen könnten für das Gericht in Dresden entscheidend sein, um die tatsächliche Struktur und Reichweite des NSU-Unterstützerkreises zu bewerten.

Kalkül und Konsequenzen
Die dringlichste und meistdiskutierte Frage bleibt jedoch die nach dem Motiv: Will Beate Zschäpe mit ihrer Aussage ihr eigenes Strafmaß mildern? (vgl. Talk-Thema 06:08). Eine mögliche Rolle eines Aussteigerprogramms wird in diesem Zusammenhang ebenso diskutiert wie die Frage, wie ernst ihre Distanzierung vom rechtsextremen Milieu ist.

Im Hauptprozess nutzte Zschäpe ihr späteres, verlesenes Statement zur juristischen Selbstverteidigung, indem sie versuchte, die Verantwortung für die Morde von sich zu weisen. Die jetzige Zeugenaussage gegen eine Freundin könnte dagegen auf den Versuch hindeuten, durch Kooperation einen Vorteil zu erzielen oder zumindest ihre öffentliche Wahrnehmung zu verändern.

Der Ausblick auf weitere Aussagetage (vgl. Talk-Thema 09:15) zeigt, dass die Rolle Zschäpes in der Aufklärung des NSU-Netzwerks noch nicht abgeschlossen ist und die Justiz in Dresden weiter auf ihre Einlassungen angewiesen ist.

Ein Blick zurück: Die NSU-Wurzeln in Jena
Die aktuellen Geschehnisse in Dresden können nicht ohne den historischen Kontext beleuchtet werden. Um die Entstehung des NSU zu verstehen, muss der Blick in die späten 1990er-Jahre nach Jena in Thüringen gerichtet werden. Die Stadt ist der Ursprungsort des Terrortrios – Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt – die in der Neonazi-Szene Jenas aufwuchsen und im Umfeld des „Thüringer Heimatschutzes“ ihre politische Heimat fanden.

Der Sprung aus Jena in den Untergrund im Jahr 1998 markierte die Geburtsstunde des NSU. Die Tatsache, dass sie über 13 Jahre lang unentdeckt Morde begehen konnten, wirft bis heute Fragen über das Versagen der Sicherheitsbehörden und die Verstrickung des Verfassungsschutzes auf.

Das unbeantwortete Erbe des NSU-Prozesses
Der NSU-Prozess in München endete zwar mit einer Verurteilung der Hauptakteure, ließ aber die zentrale Forderung der Opferfamilien – eine vollständige Aufklärung des Netzwerks hinter den Tätern – unbefriedigt.

Die aktuellen Zeugenaussagen in Dresden – selbst wenn sie taktisch motiviert sein sollten – sind ein erneutes Indiz dafür, dass das Unterstützerumfeld des NSU weitaus dichter und aktiver war, als Zschäpe im Hauptprozess zunächst zugab. Der Fall Susann E. und Zschäpes Rolle als Zeugin führen vor Augen, dass die juristische und politische Aufarbeitung der staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen, die dem Trio von Jena aus den Terror in Deutschland ermöglichten, noch immer andauert.

Schattenwelt im Idyll: Der Stasi-Bunker vom Waldschlößchen

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Ein Ausflugslokal, das von der Landkarte verschwand, und eine Bürgerbewegung, die Betonmauern zum Sprechen brachte: Die Geschichte der Ausweichführungsstelle der Staatssicherheit bei Schwerin ist ein Lehrstück über die Paranoia eines untergehenden Staates.

Schwerin. Der Name klingt nach Sonntagsausflug, nach Kaffee und Kuchen unter alten Bäumen: „Waldschlößchen“. Doch wer in den späten 80er Jahren vor den Toren Schwerins nach diesem Ort suchte, fand vor allem eines – Schweigen und Zäune. Was einst ein beliebtes Lokal war, hatte sich in ein hermetisch abgeriegeltes Sperrgebiet verwandelt. Erst die stürmischen Tage der Wendezeit im Winter 1989/90 lüfteten das Geheimnis, das tief unter dem Waldboden ruhte.

Eine Dokumentation der DFF-Reihe „Das Fenster“ aus dem Jahr 1991 hat diese Momente der Entdeckung festgehalten. Sie zeigt in einer Montage aus Realität und Propaganda, wie nah Idylle und Abgrund in der DDR beieinander lagen.

Das Geheimnis unter der Erde
Während oben die Vögel zwitscherten, bereitete man sich wenige Meter tiefer auf den Dritten Weltkrieg vor. Das Innere des Bunkers offenbart eine bizarre Welt: Gänge aus kaltem Beton, Überlebenstechnik, ein steriler Kommandoraum, Schlafsaal, Küche, Waschraum und komplexe Nachrichtentechnik.

Es ist eine funktionalisierte Unterwelt, die dennoch nicht ohne groteske Dekoration auskommt: An den tristen Wänden hängen Bilder siegreicher Sportlerinnen der DDR. Lächelnde Gesichter, die Dynamik und Erfolg ausstrahlen, blicken herab auf eine Szenerie, die für den Untergang gemacht ist.

Wunschbilder und Wirklichkeit
Diese Bilder im Bunker stehen im scharfen Kontrast zur Realität „draußen“, die der Film durch Archivaufnahmen gegenblendet: Szenen eines Propagandafilms zeigen Walter Ulbricht, der kurz nach dem Mauerbau Schwerin besucht. Man sieht den Wohnungsbau, Paraden, Feste – die sogenannten Szenen des Glücks, die Wunschbilder des Lebens über der Erde.

Doch unten, im Bauch des „Waldschlößchens“, herrschte eine andere Doktrin. „Das Leben war hart“, meint der Bunkerkommandant rückblickend über den Dienst im Verborgenen. Oberst Schulz, der Leiter für Mobilmachung, ergänzt im steifen Amtsdeutsch: „Wir erfüllten eine militärische Aufgabe.“ Die Diskrepanz zwischen dem propagierten sozialistischen Paradies oben und der militärischen Paranoia unten könnte kaum größer sein.

Gottvertrauen gegen Pistole
Die Öffnung dieses Bunkers war kein Verwaltungsakt, sondern eine psychologische Zerreißprobe. Pastor Radke, ein Vertreter der Bürgerbewegung, beschreibt den Moment der Enttarnung eindrücklich: Er hatte nur sein „Gottvertrauen“, während der Militärstaatsanwalt, den sie hinzuziehen mussten, noch seine Pistole bei sich trug.

Es war die Überwindung der Angst, die das System schließlich kollabieren ließ. Die Bürgerrechtler wussten um die Bewaffnung der Gegenseite, doch ihr Drängen war stärker als die Furcht. Als die Tore fielen, drehte sich das Verhältnis um: Angst hat jetzt der Bunkerkommandant. Der Mann, der als gelernter Maurer das „Waldschlößchen“ einst mit errichtete und dann befehligte, steht nun vor den Trümmern seiner Existenz. „Jetzt will ich Häuser bauen“, sagt er – weg vom Beton der Vernichtung, hin zum Wohnen.

Die Ästhetik der Macht
Besonders eindrücklich macht die Geschichte die Konfrontation der Täter und Opfer, und die Art, wie die „Tschekisten“ ihren Abgang inszenieren. Es gibt kaum Reue, eher eine Mischung aus Trotz und verletztem Berufsstolz.

Am Ende der Dokumentation sieht man die beiden Herren vom ehemaligen MfS durch den Wald gehen. Es ist ein fast friedliches Bild, wäre da nicht die Tonspur: Es erklingt ein Kampflied von Walter Stranka, gewidmet einem Jahrestag der Republik. Es ist die letzte „Ästhetik der Macht“, die hier verhallt. Der Bunker bleibt zurück als ein Mahnmal – ein technisches Relikt einer Sicherheitsdoktrin, die in ihrer totalen Abschottung den Kontakt zur Realität längst verloren hatte und am Ende nicht durch Raketen, sondern durch den Mut unbewaffneter Bürger besiegt wurde.

Tanz auf dem sinkenden Schiff: Wenn Clowns den Faust sezieren

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Ein wiederentdecktes Dokument aus dem Jahr 1991 zeigt Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching bei der Arbeit. Die Doku „Die Meisenwürger proben“ ist mehr als ein Werkstattbericht – sie ist ein Psychogramm der deutschen Wendezeit, eingefangen zwischen Goethe-Versen und Boxkampf-Parodien.

Es ist das Jahr 1991. Die DDR ist Geschichte, die „neuen Bundesländer“ sind Realität, und der Deutsche Fernsehfunk (DFF) sendet seine letzten Signale, bevor er abgewickelt wird. In dieser Zeit des kulturellen und politischen Vakuums entstand ein bemerkenswertes Stück Zeitgeschichte, das in der Reihe „Das Fenster“ ausgestrahlt wurde: Eine Dokumentation über die Proben des legendären Clowns-Duos Wenzel & Mensching (Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching).

Das Video, ein rauer, ungeschönter Blick in den Maschinenraum der Kunst, zeigt zwei Getriebene, die versuchen, in einer Welt, die ihren Sinn verloren zu haben scheint, neue Bedeutungen zu erzwingen.

Goethe im Schwitzkasten
Wer Wenzel und Mensching – oft in ihren Rollen als die Clowns „Weh“ und „Meh“ – kennt, weiß, dass ihre Arbeit nie bloße Unterhaltung war. Es war stets der Versuch, die deutsche Klassik vom Sockel zu holen, um zu sehen, ob sie darunter noch atmet. In der Dokumentation erleben wir eine quälend präzise Dekonstruktion von Goethes „Willkommen und Abschied“.

„Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde…“ – immer wieder bricht Wenzel ab, korrigiert, sucht nach dem richtigen Gestus der Verzweiflung. Es ist keine Rezitation, es ist ein körperlicher Kampf mit dem Text. Die Kamera fängt Momente ein, in denen die Hochkultur auf den nackten Boden der Tatsachen kracht. Wenn sie den Faust proben, dann nicht als Gelehrten-Drama, sondern als Dialog zweier gescheiterter Existenzen, vielleicht in einer Dusche, vielleicht im Jenseits. „Habe nun, ach! Philosophie…“ klingt hier nicht nach Erkenntnisdrang, sondern nach dem Kater nach einer durchzechten Nacht der Geschichte.

„Jetzt bleibt uns ja nicht mal mehr die Flucht“
Der vielleicht stärkste Moment der Dokumentation ist ein leiser. In einer kurzen Pause, zwischen den schweißtreibenden Szenen, fällt der Satz: „Jetzt bleibt uns ja nicht mal mehr die Flucht.“

In diesem Satz kondensiert das Lebensgefühl vieler Intellektueller der ehemaligen DDR kurz nach der Wende. Der Gegner, an dem man sich rieb, der Staat, der einen einsperrte, aber auch definierte, ist verschwunden. Was bleibt, ist eine grenzenlose Freiheit, die sich seltsam leer anfühlt. Die „Meisenwürger“, wie das Programm heißt, sind Vögel, die ihre eigene Art jagen – oder sind es die Künstler selbst, die sich gegenseitig zerfleischen, weil das Außen weggebrochen ist?

Der Boxkampf als Metapher
Gegen Ende des Films explodiert die aufgestaute Energie in einer furiosen Nummer: Die Nachstellung des legendären Boxkampfes zwischen Max Schmeling und Joe Louis. Mensching, der den Radiokommentar spricht, peitscht die Szenerie an, während Wenzel, der den geschlagenen Schmeling (oder ist es der „braune Bomber“ als Symbol für das geschlagene Deutschland?) mimt, taumelt.

Es ist eine Tour de Force, körperlich und stimmlich. Der Kampf im Ring wird zum Kampf ums Überleben in einer Arena, deren Regeln sich gerade grundlegend geändert haben. Das „linke Auge völlig zugeschwollen“, wie es im Kommentar heißt – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier auch der Blick auf die linke Utopie gemeint ist, der nun getrübt, wenn nicht gar blind geschlagen ist.

Ein Dokument der Übergangszeit
Die Kameraführung ist direkt, oft handgehalten, das Bild körnig. Es gibt keine Hochglanz-Ausleuchtung. Das passt perfekt zur Stimmung. Man sieht den Schweiß, die Erschöpfung in den Gesichtern von Wenzel und Mensching. Sie wirken wie zwei Handwerker, die wissen, dass ihr Haus abgerissen wird, und die dennoch beschließen, noch schnell den schönsten, traurigsten und wahnwitzigsten Kachelofen der Welt in das Wohnzimmer zu bauen.

Diese 30 Minuten sind mehr als eine Probe. Sie sind ein Abschiedsgesang. Oder wie es im Stück heißt: „Ein ruhiger Platz zum Tanzen.“ Wenzel und Mensching haben ihn gesucht, mitten im Orkan der Wiedervereinigung, und für kurze Zeit auf der Bühne gefunden.

Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching prägten mit ihren Programmen „Neues aus der DaDaeR“ und „Letztes aus der DaDaeR“ die politische Kleinkunst der späten DDR und der Wendejahre maßgeblich. Ihre Figuren Weh und Meh gelten als ostdeutsche Pendants zu Wladimir und Estragon aus Becketts „Warten auf Godot“.

Die Lautstärke der Stille: Wie Gerhard Schöne die DDR überlistete

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In der Geschichte des DDR-Widerstands dominieren oft die lauten Töne: die offenen Konfrontationen, die Ausbürgerungen, die Proteste. Doch abseits des Lärms gab es eine andere Frequenz des Widerstands. Gerhard Schöne, der populärste Liedermacher des Ostens, perfektionierte die Kunst der subtilen Subversion. Ein Porträt über einen Mann, der Fahrradketten ölte, um das System zu befriedigen, und Kinderlieder sang, um Erwachsenen die Wahrheit zu sagen.

Von unserem Kulturkorrespondenten
Es ist der 4. November 1989. Auf dem Berliner Alexanderplatz drängen sich eine halbe Million Menschen. Es ist der Tag, an dem die Angst die Seiten wechselt. Auf der Ladefläche eines LKW steht ein Mann mit Schnurrbart und einer akustischen Gitarre. Er sieht nicht aus wie ein Revolutionär, eher wie der freundliche Nachbar, der einem Sonntags die Brötchen mitbringt. Doch als Gerhard Schöne anstimmt, wird es still. Er singt „Mit dem Gesicht zum Volke“, ein Lied, das die hohlen Phrasen der SED-Führung aufgreift und sie wie einen Bumerang zurückwirft. In diesem Moment wird der „leise Rebell“ zur Stimme einer friedlichen Revolution.

Doch der Weg auf diese Bühne war kein Zufall. Er war das Ergebnis einer jahrzehntelangen Strategie – einer Gratwanderung zwischen Anpassung und Auflehnung, die Schöne wie kaum ein anderer beherrschte.

Die Bassow-Methode: Widerstand im Postamt
Um die Strategie Gerhard Schönes zu verstehen, muss man weit vor 1989 zurückblicken, in die grauen Amtsstuben der 1970er Jahre. Schöne hatte sich früh entschieden, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Er verweigerte den Dienst an der Waffe und wurde Bausoldat. Die Quittung des Staates folgte prompt: Der ersehnte Studienplatz für Schauspiel blieb ihm verwehrt. Um nicht als „asozial“ kriminalisiert zu werden, musste er arbeiten. Er wurde Briefträger.

Schon hier zeigte sich jenes Muster, das später seine Kunst prägen sollte: formaler Gehorsam bei inhaltlicher Verweigerung. Schöne weigerte sich standhaft, die Uniform der Post zu tragen – ein Affront in einem durchmilitarisierten Staat. Seine Kolleginnen fürchteten um den Status ihres „sozialistischen Kollektivs“ und die damit verbundenen Prämien.

Schönes Lösung war so absurd wie genial: Er trat der Gewerkschaft bei und berief sich auf die sogenannte „Bassow-Methode“. Diese sowjetische Arbeitsnorm verlangte im Kern lediglich die pflegliche Behandlung der Arbeitsmittel. Schöne interpretierte dies auf seine Weise: Er ölte penibel und regelmäßig die Kette seines Dienstfahrrades. Das System war zufrieden – die Norm war erfüllt, das Kollektiv gerettet, und Schöne musste keine Uniform tragen. Das Fahrradöl wurde zum Symbol seines Überlebensprinzips: Gib dem System das Minimum an Form, um dir das Maximum an Inhalt zu bewahren.

Das Trojanische Pferd im Kinderzimmer
Diese Taktik verfeinerte er in seiner künstlerischen Laufbahn. Während andere Liedermacher ins offene Messer der Zensur liefen, wählte Schöne den Umweg über das Kinderzimmer. „Jule wäscht sich nie“ oder der „Popel“ wurden Hits in den Kindergärten der Republik. Doch für Schöne war das Genre des Kinderliedes kein Rückzug ins Idyll, sondern ein strategischer Schutzraum.

Die Logik war bestechend pragmatisch: Wer eine offizielle Schallplatte bei „Amiga“ vorweisen konnte, galt als unbedenklich. Für ängstliche Kulturhausleiter in der Provinz war die bloße Existenz einer solchen Platte die offizielle Legitimation. „Da hat er schon ’ne Platte gemacht, da passiert nichts Schlimmes“, war der Gedankengang, der Schöne Türen öffnete, die anderen verschlossen blieben.

Einmal auf der Bühne, nutzte er diesen Vertrauensvorschuss für das, was er seine Prise „Pfeffer und Salz“ nannte. Seine Kinderprogramme waren nie reine Unterhaltung. Sie waren Trojanische Pferde. Mit Liedern wie „Mein Papa tom Falschgeld den Keller“ (eine kindliche Verballhornung von „Mein Papa trägt Falschgeld in den Keller“) säte er Zweifel an der heilen Welt der Erwachsenen und der Unfehlbarkeit von Autoritäten. Er brachte Kindern – und ihren Eltern – bei, dass die Welt ambivalent ist. In einer Diktatur, die nur Schwarz und Weiß kannte, war das Zeigen von Grautönen ein revolutionärer Akt.

Das Schweigen des Privilegierten
Vielleicht die größte Ambivalenz in Schönes Biografie ist seine Reisefreiheit. Als einer der wenigen kritischen Geister gehörte er zum „Reisekader“. Der Staat brauchte Devisen und kulturelle Aushängeschilder, und so durfte der Mann, der im Osten subtil Kritik übte, regelmäßig in den Westen fahren.

Es ist ein Privileg, das andere korrumpiert hätte. Schöne jedoch reagierte mit einer instinktiven moralischen Integrität: Er schwieg. Bei seinen Konzerten in der DDR verlor er kein Wort über seine Erlebnisse jenseits der Mauer. Er wusste, dass jede Anekdote aus Paris oder Hamburg wie ein Schlag ins Gesicht für jene gewesen wäre, die in der DDR eingemauert waren.

Dieses Schweigen war kein Verschweigen, sondern ein Akt der Solidarität. Es verhinderte, dass sich eine Kluft zwischen ihm und seinem Publikum auftat. Er blieb „einer von uns“, obwohl er die Freiheit hatte, zu gehen. Dass er immer wieder zurückkam, verlieh seiner Kritik erst das wirkliche Gewicht.

Wenn man heute auf Gerhard Schönes Wirken zurückblickt, erscheint er als Meister des „Möglichen im Unmöglichen“. Er hat nicht die Mauer eingerissen, das haben andere getan. Aber er hat den Mörtel porös gemacht, Lied für Lied, Konzert für Konzert. Seine Geschichte lehrt uns, dass Widerstand nicht immer laut sein muss. Manchmal reicht es, eine Fahrradkette zu ölen, um die Maschinerie einer Diktatur für die eigenen Zwecke zu nutzen – und am Ende auf dem Alexanderplatz zu stehen und das richtige Lied zur richtigen Zeit zu singen.

Abenteuer im Wilden Osten: Als DDR-Arbeiter die größte Pipeline der Welt bauten

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Der Bau der „Druschba“-Erdgastrasse in den 1970er und 1980er Jahren gilt als eines der größten Infrastrukturprojekte des Ostblocks, an dem Tausende DDR-Bürger in der Sowjetunion beteiligt waren. Das Projekt war nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch geopolitisch von hoher Relevanz. Das als „Freundschafts-Trasse“ bekannte Bauwerk entstand vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und basierte auf einer komplexen wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Ost und West. Während die DDR-Propaganda das Projekt primär als ideologisches Gemeinschaftswerk darstellte, waren die realen Hintergründe von pragmatischen ökonomischen Interessen geprägt.

Die Grundlage für den Bau bildete das sogenannte „Erdgas-Röhren-Geschäft“. Dieses Abkommen sah einen trilateralen Austausch vor, bei dem die Bundesrepublik Deutschland und andere westliche Staaten Großrohre und Kredite lieferten, die Sowjetunion die Erdgasreserven zur Verfügung stellte und die DDR sich mit Arbeitskräften sowie technischer Ausrüstung am Bau der Infrastruktur beteiligte. Für die DDR-Führung war diese Beteiligung wirtschaftlich notwendig, da die heimische Braunkohle den steigenden Energiebedarf der Industrie nicht mehr decken konnte und das Land somit auf sowjetische Erdgaslieferungen angewiesen war. Die Bereitstellung von Arbeitskräften diente dabei als Gegenleistung für die Rohstoffimporte.

Die Rekrutierung der Arbeitskräfte erfolgte offiziell über die Freie Deutsche Jugend (FDJ) im Rahmen eines „Zentralen Jugendobjekts“, wobei die Motivation der meist jungen Arbeiter häufig weniger auf ideologischer Überzeugung als auf materiellen Anreizen basierte. Die Arbeit an der Trasse war körperlich fordernd, mit Schichten von oft zehn bis zwölf Stunden bei extremen klimatischen Bedingungen, die von Temperaturen bis minus 30 Grad im Winter bis zu großer Hitze im Sommer reichten. Im Gegenzug bot der Staat Vergünstigungen, die in der DDR sonst schwer erreichbar waren. Dazu zählten eine überdurchschnittliche Entlohnung weit über dem DDR-Durchschnitt sowie der Zugang zu sogenannten „Genex“-Waren und Rubel-Konten. Ein besonders begehrtes Privileg war der „Auto-Gutschein“: Wer sich für drei Jahre verpflichtete, erhielt bei Rückkehr das Recht auf den sofortigen Kauf eines PKW, was angesichts der regulären Wartezeiten von über einem Jahrzehnt einen erheblichen Vorteil darstellte.

Vor Ort zeigte sich oft eine Diskrepanz zwischen dem propagierten Bild einer technologisch führenden DDR und den tatsächlichen Gegebenheiten. Die Infrastruktur in den abgelegenen Gebieten der Ukraine und Russlands war oft rudimentär und viele Dörfer waren nicht elektrifiziert. Auch beim Bau selbst stieß die Technik des Ostblocks an ihre Grenzen. In schwierigem Gelände kamen daher regelmäßig Baumaschinen aus dem Westen zum Einsatz, darunter Planierraupen des japanischen Herstellers Komatsu oder Transporter der westdeutschen Firma FAUN. In der offiziellen Berichterstattung der DDR wurde der Einsatz dieser westlichen Technologie in der Regel ausgeblendet.

Für die eingesetzten Arbeiter bedeutete der Aufenthalt in der Sowjetunion eine Zeit der Isolation, aber auch des kulturellen Austauschs. Die Unterbringung erfolgte meist in Wohnwagenlagern fernab der Heimat. Anfängliche Vorbehalte der lokalen Bevölkerung, die oft noch durch Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg geprägt waren, wichen im Laufe der Zeit meist pragmatischen Arbeitsbeziehungen und persönlichem Austausch. Bis heute ist die Trasse ein zentraler Bestandteil der europäischen Energieinfrastruktur. Für die beteiligten Arbeiter blieb der Bau ein prägender Lebensabschnitt, der durch die spezifische Mischung aus harter Arbeit, materiellen Privilegien und der Erfahrung des Lebens im Ausland gekennzeichnet war.

Hinter der bürgerlichen Fassade: Ein Sittenbild der AfD-Basis

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Eine journalistische Einordnung des Videos „AfD Sommerfest – Das große FINALE!“ von Marcant

Wenn politische Parteien zu Sommerfesten laden, inszenieren sie sich gerne als harmlos, volksnah und familienfreundlich. Bratwurst statt Parteiprogramm, Hüpfburg statt Hetze. Doch die aktuelle Video-Reportage des YouTubers Marcant (in Zusammenarbeit mit dem Kanal Klare Kante) kratzt nicht nur an dieser Oberfläche – sie reißt sie mit einer Mischung aus investigativer Konfrontation und satirischem Rollenspiel ein. Was dabei zum Vorschein kommt, ist ein beunruhigendes Psychogramm einer Parteibasis zwischen Autoritätshörigkeit und offener Radikalität.

Der „Hauptmann von Köpenick“-Effekt
Der wohl entlarvendste Moment des rund 35-minütigen Beitrags ist nicht etwa eine aggressive Pöbelei, sondern eine beklemmende Stille der Folgsamkeit. Der Protagonist Eikut (vom Kanal Klare Kante) infiltriert das Fest nicht lautstark, sondern subtil: Er trägt Anzug, Krawatte und gibt sich als fiktiver AfD-Funktionär oder zumindest als Mann mit Einfluss aus.

Was folgt, ist ein soziologisches Lehrstück, das an Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ erinnert. Ordner und Teilnehmer hinterfragen Eikuts Anweisungen nicht. Als er befiehlt, den YouTuber Marcant (seinen eigentlichen Kollegen) des Platzes zu verweisen, führen die Ordner dies aus – ohne Rechtsgrundlage, nur auf Zuruf einer vermeintlichen Autorität.

Diese Szenen offenbaren einen tief sitzenden Untertanengeist innerhalb der Anhängerschaft. Der Wunsch nach einer „starken Hand“ und die Bereitschaft, sich Hierarchien bedingungslos unterzuordnen, werden hier nicht abstrakt diskutiert, sondern live dokumentiert. Es zeigt, dass das demokratische Prinzip des kritischen Hinterfragens an der Basis teils einem blinden Gehorsam gewichen ist, solange der Befehlshaber im „richtigen“ habituellen Gewand erscheint.

Die Normalisierung des Extremen
Inhaltlich bestätigt das Video Einschätzungen der Verfassungsschutzämter: Die Brandmauer zum Rechtsextremismus existiert auf solchen Veranstaltungen oft nicht einmal mehr als Gartenzaun.

Die Kamera fängt Teilnehmer ein, die Kleidung mit SS-Symbolik-Anspielungen oder der Reichskriegsflagge tragen. Dass diese Symbole erst entfernt (bzw. umgedreht) werden, als der als Funktionär getarnte YouTuber dies aus „PR-Gründen“ anmahnt, spricht Bände. Die Motivation der Ordner ist nicht die ethische oder politische Ablehnung verfassungsfeindlicher Symbolik, sondern lediglich die Sorge vor schlechter Presse („Wenn das MDR kommt…“).

Die im Video dokumentierten Aussagen – von der Leugnung des menschengemachten Klimawandels bis hin zu geschichtsrevisionistischen Andeutungen über die NS-Zeit – zeigen, dass sich in der Echokammer solcher Feste ein Weltbild verfestigt hat, das für rationale Argumente kaum noch zugänglich ist.

YouTuber als die neuen Investigativ-Reporter?
Journalistisch betrachtet ist das Format von Marcant ein Hybrid. Es ist kein distanzierter Nachrichtejournalismus öffentlich-rechtlicher Prägung. Es ist subjektiv, konfrontativ und teilweise manipulativ (im Falle der verdeckten Recherche). Doch gerade diese Methode erweist sich als effektiv, um Zugang zu Milieus zu erhalten, die gegenüber klassischen Medien längst dichtgemacht haben.

Während klassische TV-Teams oft von vornherein als „Lügenpresse“ ausgegrenzt werden, gelingt es hier durch die Rollenspiele, die soziale Maske der Teilnehmer fallen zu lassen. Das Video liefert unverstellte Einblicke in die Gruppendynamik, die bei einem reinen Interview-Format verborgen geblieben wären.

Ein Warnsignal
Das Video „AfD Sommerfest“ ist mehr als nur Unterhaltung für eine politische YouTube-Bubble. Es ist ein Dokument der Entfremdung. Es zeigt eine Parteibasis, die sich in einer parallelen Realität eingerichtet hat, in der Fakten flexibel sind, Autorität über Argumenten steht und Gewaltbereitschaft (wie im Rempler gegen den Kameramann zu sehen) latent unter der Oberfläche brodelt.

Für die politische Beobachtung in Deutschland ist dieses Material wertvoll. Es entlarvt die Strategie der AfD, sich als bürgerliche Rechtsstaatspartei zu geben, als Farce, sobald die Kameras (vermeintlich) aus sind oder die eigenen Reihen unter sich bleiben. Wer wissen will, was „Gefahr für die Demokratie“ im mikrosozialen Kontext bedeutet, findet in diesem Video anschauliches Anschauungsmaterial.

Forderungskatalog Schwedter Bausoldaten zum Zivildienst, November 1989

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Die Situation spielt im Spätherbst 1989, in einer Phase, in der gesellschaftliche Gruppen in der DDR zunehmend offen politische und strukturelle Reformen formulieren. Ein Arbeitskreis Schwedter Bausoldaten übergibt dem ADN ein Papier mit „Vierzehn Forderungen zum Zivildienst“, das die Erfahrungen und Grundhaltungen jener jungen Männer spiegelt, die den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigerten und in der Armee als Bausoldaten dienten. In nüchterner, aber entschlossener Sprache wird der Zivildienst als „persönliches und gesellschaftliches Friedenszeugnis“ beschrieben – ein Begriff, der den moralischen Kern des Anliegens hervorhebt.

Hauptthema ist die Forderung nach einem echten zivilen Ersatzdienst, der nicht dem Verteidigungsministerium untersteht und völlig frei von militärischen oder paramilitärischen Elementen ist. Die Entscheidung zwischen Wehrdienst und Zivildienst soll ausschließlich dem Gewissen des Einzelnen folgen. Der Text betont die Selbstbestimmung des Wehrpflichtigen und die klare Abgrenzung vom militärischen Bereich – inklusive des Verzichts auf jeglichen Eid.

Die vorgeschlagenen Einsatzgebiete zeichnen ein atmosphärisches Bild dessen, was diese Generation als gesellschaftlich sinnvoll erachtete: Altenpflege, Behindertenhilfe, Jugendfürsorge, Umweltschutz, Gedenkstättenarbeit, kommunale Aufgaben. Es sind Tätigkeiten, die Nähe zum Alltag und zu sozialen Problemlagen aufweisen – fernab der Kasernenwirklichkeit der DDR.

Die Forderungen bewegen sich zugleich innerhalb der bekannten organisatorischen Logik der DDR: Der Dienst soll nach dem Arbeitsgesetzbuch strukturiert sein, allerdings mit Ausnahmen bei Kündigungsrecht und Entlohnung. Die finanzielle Gleichstellung mit Wehrpflichtigen zeigt den Versuch, den Dienst nicht als „Strafe“ oder Benachteiligung auszugestalten.

Atmosphärisch wirken die Sätze wie ein nüchterner, ruhig formulierter Schritt in Richtung einer friedensorientierten Bürgergesellschaft: sachlich, gewissensbezogen, ohne Pathos, aber bestimmt. Dass die Forderung nach einem 24-monatigen einmaligen Dienst klar festgelegt wird, verleiht dem Papier eine Struktur, die an amtliche Dokumentensprache erinnert und zugleich den Wunsch nach Verlässlichkeit ausdrückt. Insgesamt entsteht der Eindruck eines stillen Reformimpulses von innen heraus – getragen von jungen Männern, die aus ihrem militärischen Alltag heraus nach neuen, zivilen Wegen suchten.

Das blaue Band von Jena: Eine Investition auf Zeit

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Ein Rückblick auf den August 2010, als das Ernst-Abbe-Sportfeld „Hertha-Blau“ wurde – und eine Analyse, was von dieser Ära heute noch bleibt.

Jena. Wer heute im neuen Ernst-Abbe-Sportfeld, der modernen Ad hoc Arena, auf der Tribüne sitzt, blickt direkt auf das Spielfeld. Die Fans sind nah dran, der Atem der Spieler ist fast spürbar. Doch wer die Augen schließt und das Jahr 2010 heraufbeschwört, sieht ein ganz anderes Bild: Ein leuchtendes, tiefes Blau, das den Rasen weitläufig umrahmt. Es war der August 2010, als Jena sich ein Stück Berliner Olympiastadion ins Paradies holte – eine Maßnahme, die damals als Notwendigkeit galt und aus heutiger Sicht wie der letzte große Atemzug einer vergangenen Sport-Epoche wirkt.

Der heiße August 2010: Ein technischer Kraftakt
Die Bilder aus dem Sommer 2010 erzählen von Schweiß, Präzision und dem bangen Blick zum Himmel. Die alte Laufbahn, 17 Jahre alt und vom Frost der Thüringer Winter zerfressen, war zur Gefahr für die Leichtathleten geworden. Die Lösung: Ein radikaler Schnitt.

Für rund 500.000 Euro ließ die Stadt Jena nicht nur die Oberfläche sanieren, sondern griff tief in die Substanz ein. „Wir mussten bis zu 40 Zentimeter tief den gesamten Unterbau rausnehmen“, berichteten die Bauverantwortlichen damals. 550 Tonnen Asphalt wurden verbaut, mit einem akribischen Gefälle von 0,8 Prozent, damit das Wasser, das in der alten Nordkurve oft stand wie in einem See, endlich abfließen konnte.

Das Ergebnis war spektakulär: Ein Regupol-Belag in „Hertha-Blau“, identisch mit der Bahn, auf der Usain Bolt in Berlin Weltrekorde lief. Es war ein Statement für den Mehrsparten-Sport. Trotz Regenunterbrechungen und dem Zwang, den Spielplan des FC Carl Zeiss Jena zu respektieren, wurde die Bahn im Herbst fertiggestellt.

Analyse: Die Prophezeiung und die Realität
Betrachtet man die Interviews von damals mit dem Wissen von heute (2025), fällt ein Satz besonders auf. Angesprochen auf den damals schon diskutierten Umbau in ein reines Fußballstadion, hieß es 2010 realistisch: „Das ist erstmal wieder in weite Ferne gerückt. In den nächsten vier bis fünf Jahren wird da ohnehin nichts passieren.“

Diese Einschätzung sollte sich als fast schon prophetisch, wenn auch konservativ, erweisen. Aus der heutigen Perspektive lässt sich die Investition von 2010 in drei Punkten analysieren:

1. Die Langlebigkeit des Provisoriums
Die damals prognostizierten „vier bis fünf Jahre“ wurden am Ende zu einem ganzen Jahrzehnt. Erst Ende 2020 begannen die Abrissarbeiten der Nordkurve für den echten Stadionneubau. Die 500.000 Euro teure blaue Bahn war also keine Verschwendung, sondern eine zwingend notwendige Lebensversicherung für den Sportbetrieb in den 2010er Jahren. Sie erkaufte der Stadt die Zeit, die nötig war, um die komplizierte Finanzierung und Planung des heutigen Neubaus überhaupt erst auf die Beine zu stellen.

2. Der Abschied vom Mehrzweck-Gedanken
Der Bau der blauen Bahn war das letzte große Bekenntnis zum klassischen Stadionmodell in der Oberaue. Heute hat sich das Paradigma gewandelt. Der Fußball verlangt nach Nähe, nach Hexenkesseln ohne Laufbahn, um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu sein. Die Leichtathletik, einst gleichberechtigter Partner im weiten Rund, hat ihre Heimat auf den Nebenplätzen und in spezialisierten Anlagen gefunden. Die blaue Bahn von 2010 steht symbolisch für die letzte Ära, in der Fußball und Leichtathletik sich denselben Hauptplatz teilten.

3. Was bleibt?
Vom „Hertha-Blau“ ist im Innenraum der neuen Arena nichts mehr zu sehen. Es wurde begraben unter den neuen Tribünen und dem herangerückten Spielfeld. Doch die bauliche Sorgfalt von 2010 – die Korrektur des Untergrunds und die Entwässerung – dürfte den Tiefbauern des aktuellen Stadions zumindest keine bösen Überraschungen mehr bereitet haben.

Die Sanierung im August 2010 war kein Fehler im Angesicht des späteren Abrisses, sondern eine pragmatische Brücke in die Zukunft. Sie ermöglichte den Jenaer Sportlern über zehn Jahre hinweg wettkampftaugliche Bedingungen, während im Hintergrund die Pläne für das neue Gesicht des Ernst-Abbe-Sportfelds reiften. Das Blau ist verschwunden, aber es bleibt ein wichtiger Teil der Stadion-Chronik – als die Farbe einer Übergangszeit, bevor das „Paradies“ endgültig zur reinen Fußball-Hölle wurde.