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„Das alte Kunststück der Zersetzung“ – Eklat bei Stasi-Podium in Berlin-Mitte

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Berlin – Es sollte ein Heimspiel für die „Ehemaligen“ werden, doch es endete im offenen Schlagabtausch. In der Ladengalerie der Tageszeitung Junge Welt in der Torstraße 6 trafen am Abend des 23. August 2012 zwei Welten aufeinander, die unvereinbarer nicht sein könnten: Die bürgerliche DDR-Opposition und der Apparat, der sie einst bekämpfte.

Was als Vortrag eines ehemaligen Vernehmungsoffiziers der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen geplant war, kippte gegen 19:30 Uhr, als die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld das Wort ergriff.

Ein Abend unter „Kameraden“
Der Veranstaltungsort war mit Bedacht gewählt. Die Räume der Jungen Welt gelten als Rückzugsort für jene, die das Ende der DDR bis heute nicht verwunden haben. Das Publikum: überwiegend ältere Herren, Nicken bei den Ausführungen des Referenten, Herrn Kirstein. Sein Thema: Die Deutungshoheit über die Geschichte von Hohenschönhausen.

Seine These, vereinfacht: Die Gedenkstätte und die Opferverbände würden übertreiben, Fakten verdrehen, Legenden stricken.

Der Moment der Konfrontation
Doch in der anschließenden Fragerunde saß Vera Lengsfeld. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete und prominente DDR-Dissidentin war nicht gekommen, um zuzuhören, sondern um zu widerlegen.

Die Szenerie nahm schnell bizarre Züge an. Während der Ex-Offizier vorne versuchte, die kühle, bürokratische Autorität des Vernehmers aufrechtzuerhalten, konterte Lengsfeld aus dem Publikum heraus mit einer Schärfe, die Jahrzehnte der Unterdrückung widerspiegelte.

„Halten Sie doch einfach mal die Klappe“, herrschte der Referent sie an einem Punkt an – ein Tonfall, der im Saal beklemmende Erinnerungen an Verhörsituationen weckte.

Der Streit um die „Strahlenkanonen“
Zentraler Punkt des Streits war der Vorwurf der Desinformation. Kirstein hatte Lengsfeld unterstellt, sie würde behaupten, in Hohenschönhausen sei mit „Strahlenkanonen“ auf Häftlinge geschossen worden – eine Taktik, um Opfer als unglaubwürdig oder hysterisch darzustellen.

Lengsfeld wies dies empört zurück: „Herr Kirstein hat mit seinem netten Video den Beweis erbracht, dass ich das niemals gesagt habe, sondern das Gegenteil.“ Sie warf dem Referenten vor, gezielt Desinformation zu betreiben. „Er nennt scheinbare Fakten und verdreht sie im nächsten Satz“, so Lengsfeld. „Das ist das alte Kunststück der Stasi-Leute: Verdrehung, Zersetzung, Demagogie.“

Wasserzellen und Semantik
Besonders hitzig wurde die Debatte beim Thema Folter. Lengsfeld führte Wasserzellen und Dunkelhaft an – auch für Minderjährige in Torgau. Der Ex-Offizier versuchte, sich auf formale Zuständigkeiten zurückzuziehen: Er differenzierte penibel zwischen dem sowjetischen NKWD (dem Vorgänger) und dem MfS, um Lengsfeld Ungenauigkeiten nachzuweisen.

„Wenn Herr Kirstein heute daraus macht, ich hätte gesagt, die drei [Opfer] wären in Hohenschönhausen gewesen, ist das wieder eine Lüge“, stellte Lengsfeld klar. Sie habe sehr wohl zwischen den Lagern unterschieden. Es war ein Kampf um Details, bei dem es eigentlich um das Ganze ging: Die Anerkennung des Leids.

Fazit eines verstörenden Abends
Gegen Ende der Veranstaltung wirkte der Referent in der Defensive. Er versprach, das Videomaterial zu prüfen und eine Zusammenstellung der Widersprüche zu liefern. Doch der Versuch, die Geschichte der DDR-Haftanstalten umzuschreiben und zu verharmlosen, war an diesem Abend durch die physische Präsenz eines Opfers gestört worden.

Als das Publikum die Torstraße verließ, blieb der Eindruck einer tief gespaltenen Erinnerungskultur. Für die einen war es eine Störung, für die anderen ein notwendiger Akt des Widerstands gegen das Vergessen.

Kerstin Kuzia: „Bloß nicht nach Torgau“

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Es beginnt mit einer Fahrt ins Ungewisse. Kerstin Kuzia sitzt im Barkas B1000, isoliert von der Außenwelt. Der Gedanke, dass dies alles nur eine Inszenierung sei, hält sich hartnäckig. Eine bloße Abschreckung, glaubt sie, eine Runde um den Block, um dann wieder ins gewohnte Heim zurückzukehren. Die jugendliche Hoffnung klammert sich an die Vorstellung, dass es diesen Ort für sie real gar nicht geben kann.

Doch dann taucht das gelbe Ortsschild auf: Torgau. Ein unscheinbares Stück Blech an der Landstraße, das die Realität schlagartig verändert. In diesem Moment weicht die Hoffnung einer inneren Starre. Es ist nicht mehr nur eine Drohung, sondern physische Gegenwart. Bis heute löst dieser Name, dieses Schild, ein Gefühl der Beklemmung aus, das rationale Gedanken verdrängt und den Körper erstarren lässt.

Der Wagen passiert die Schleuse. Das metallische Quietschen der schweren Stahltore brennt sich tief in das akustische Gedächtnis ein. Es ist das Geräusch des endgültigen Einschlusses. Hohe Mauern, vergitterte Fenster, fernes Hundegebell. Drinnen herrscht eine andere Ordnung. Befehle ersetzen Gespräche. „Grundstellung“ heißt die erste Anweisung, eine Körperhaltung, die den Jugendlichen aus der Schule vertraut ist.

Über das Innere dieses Ortes wusste draußen kaum jemand etwas Konkretes. Wer entlassen wurde, schwieg. Eine unterschriebene Verpflichtung und die Angst vor der Rückholung versiegelten die Lippen der Jugendlichen bis zum 21. Lebensjahr. Torgau war ein Mythos der Angst, genährt durch das Verstummen derer, die zurückkehrten. Man sah die Veränderung in ihren Augen, doch Worte gab es dafür nicht.

Im Besucherraum stehend, fällt der Blick durch die Gitterstäbe nach draußen. Der Erzieher aus dem vorherigen Heim übergibt wortlos die Papiere und geht. Als der Transporter vom Hof rollt, verschwindet die letzte Verbindung zur vertrauten Welt. Es gibt keinen Abschied, keine Erklärung, keine Rechtfertigung. Nur das Gefühl, dass die eigene Biographie an diesem Punkt bricht und etwas Neues, Dunkles beginnt.

Was bleibt, ist die Stille nach dem Motorengeräusch. Die Schultern sacken nach unten, äußerlich in strammer Haltung, innerlich resigniert. Es ist der Moment der totalen Verfügbarkeit für ein System, das auf Brechung ausgelegt ist. Die Erinnerung an diese Ankunft ist keine Geschichte von Rebellion, sondern eine leise Chronik des Ausgeliefertseins, die auch Jahrzehnte später noch in den Betroffenen nachhallt.

Kampfzone Bordstein: Der schwierige Abschied von den DDR-Idolen

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Wer im Jahr 2025 durch Ostdeutschland fährt, begegnet ihnen noch immer allerorten: Ernst Thälmann, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Namen der Gründerväter und Märtyrer der DDR keineswegs aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Für Evelyn Zupke, die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, ist dieser Zustand ein anhaltendes Ärgernis. „35 Jahre nach der Wiedervereinigung sollte keine Straße mehr nach Lenin, Otto Grotewohl oder Wilhelm Pieck benannt sein“, fordert sie unmissverständlich. Eine Straßenbenennung sei die höchste Ehrung, die ein Gemeinwesen zu vergeben habe – und diese dürfe nicht jenen zuteilwerden, die für das Leid tausender Opfer stünden.

Doch der Appell aus Berlin verhallt in der Provinz oft ungehört oder provoziert gar Widerstand. Der Historiker Hubertus Knabe konstatiert nüchtern, dass die DDR über ihre Straßennamen in der ostdeutschen Provinz schlicht „weiterlebt“. Dabei geht es längst nicht mehr nur um ideologische Überzeugungen. Der Streit um die Straßenschilder ist zu einem Stellvertreterkrieg um ostdeutsche Identität, Deutungshoheit und ganz pragmatische Sorgen geworden.

Ein Blick nach Heidenau in Sachsen illustriert die ganze Widersprüchlichkeit der Debatte. Dort beantragte ausgerechnet die AfD-Fraktion die Umbenennung der Ernst-Thälmann-Straße – mit der Begründung, Thälmann sei ein „Gewaltherrscher“ und Wegbereiter des Stalinismus gewesen. Die Linke hingegen verteidigte den Namen vehement und verwies auf Thälmanns Rolle als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. In der Bevölkerung verfing jedoch ein ganz anderes Argument: die Kosten. Anwohner fürchteten die Gebühren für neue Ausweise und die Änderung von Fahrzeugpapieren, Gewerbetreibende sorgten sich um ihre Corporate Identity. Das Ergebnis: Trotz eines ursprünglichen Ratsbeschlusses zur Umbenennung wurde das Vorhaben durch Bürgerproteste und formale Hürden faktisch gestoppt.

Die juristische Lage ist dabei eigentlich eindeutig. Anwohner haben kein „Vetorecht“ gegen neue Adressen. Verwaltungsgerichte haben wiederholt bestätigt, dass die Unannehmlichkeiten einer Adressänderung zumutbar sind, wenn die Kommune entscheidet, dass ein Namensgeber nicht mehr ehrungswürdig ist; die Vergabe von Hausnummern und Straßennamen dient primär der Ordnung und nicht dem Interesse des Anwohners an Beständigkeit. Doch Politik ist mehr als Rechtsprechung. In vielen ostdeutschen Kommunen wird der Vorstoß zur Umbenennung als „Besserwisserei“ aus dem Westen oder als Tilgung der eigenen Lebensgeschichte empfunden. Dieser „Ost-Trotz“ schützt oft auch jene Namen, die historisch schwer belastet sind. Ein Rentner aus Sangerhausen brachte es auf den Punkt: „Das gehört dazu, wer weiß, wie sie die Straßen dann nennen“.

Zwischen der radikalen Tilgung und dem stillschweigenden Beibehalten suchen Städte wie Potsdam und Leipzig daher nach einem dritten Weg: der Kontextualisierung. Statt Schilder abzuschrauben, werden sie ergänzt. In Potsdam beschloss die Stadtverordnetenversammlung, umstrittene Straßennamen wie die „Walter-Klausch-Straße“ mit Zusatzschildern zu versehen, die historische Einordnungen bieten. Auch in Leipzig und Landau setzt man auf Erklärung statt Abriss, um die Diskussion zu befrieden und gleichzeitig aufzuklären.

Dieser Ansatz der „kommentierten Stadt“ könnte der Ausweg aus der Sackgasse sein. Er belässt den Anwohnern ihre Adresse, nimmt der Benennung aber ihren ehrenden Charakter und wandelt das Straßenschild in einen „Stolperstein im Kopf“ um. Denn eines zeigt die Debatte der Jahre 2024 und 2025 deutlich: Das bloße Ausradieren von Namen löscht die Geschichte nicht aus – es macht sie oft nur unsichtbar, ohne sie verarbeitet zu haben.

Zwischen Albtraum und Alltag: Die zweite Generation der DDR

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Der Vater träumt immer wieder denselben Albtraum. Er rennt eine Treppe am Bahnhof hoch, oben fährt die S-Bahn ein, hinter ihm dröhnende Schritte. Er kommt nicht vorwärts, schwebt über den Stufen, die Flucht misslingt. Dann das Aufwachen, schweißgebadet, Schreie in der Nacht. Das Kind im Nebenzimmer hört alles, liegt wach und spürt die pure Angst, die gar nicht die eigene ist, sich aber tief in das junge Bewusstsein eingräbt.

Jahre später erzählt eine Tochter von den Besuchen im Gefängnis Hoheneck. Eine Stunde Zeit, getrennt durch Tische. Die Mutter trägt graue Kleidung mit gelben Streifen, das Gesicht ist fahl und fremd. Man spricht über Schulnoten und das Wetter, weil über Haftbedingungen oder Politik nicht geredet werden darf. Blicke tauschen hastig das aus, was ungesagt bleiben muss, während die Aufseher jedes Wort protokollieren.

Tausende Familien in der DDR wurden durch politische Inhaftierung zerrissen. Kinder kamen in Heime oder zu Verwandten, oft ohne jede Erklärung. Diese „zweite Generation“ wuchs mit dem Trauma auf – sei es durch das direkte Miterleben der Verhaftung an Geburtstagen oder durch die diffuse Last des Schweigens, die sich wie ein unsichtbarer Nebel über den familiären Alltag legte und Normalität simulierte.

Selbst nach der Flucht in den Westen blieben viele dieser Familien fremd. Man baute Häuser am Ortsrand, fiel auf. Den Kindern wurde früh eingeimpft, bloß nicht negativ aufzufallen. Gute Noten waren kein Selbstzweck, sondern ein Schutzschild gegen die kritischen Blicke der Nachbarschaft. Man musste funktionieren, um die Eltern, die so viel gelitten hatten, nicht zusätzlich zu belasten oder zu enttäuschen.

Es entsteht ein stiller Pakt in den Wohnzimmern. Fragen verstummen, weil man spürt, dass Antworten Schmerz auslösen. Kinder werden zu inneren Richtern ihrer Eltern – schwankend zwischen Wut über die für Ideale riskierten Lebensentwürfe und Bewunderung für deren Mut. Ein innerer Konflikt, der oft erst Jahrzehnte später, im eigenen Erwachsenenleben, Worte findet und Raum greifen darf.

Vielleicht ist es diese Sprachlosigkeit, die am längsten nachhallt. Das Gefühl, dass die eigene Geschichte nirgendwo Platz hat, weil sie zu komplex für einfache Schubladen ist. Erst wenn das Schweigen bricht, beginnt das Verstehen – nicht als Anklage, sondern als vorsichtige Annäherung an Menschen, die Geschichte nicht nur erlebt, sondern erlitten haben und deren Schatten lang sind.

Der Riss von Jena: Wie ein Novemberabend 1976 das Schweigen brach

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Am 17. November 1976 kippt im Jenaer Klub der Intelligenz die Stimmung, als der Schriftsteller Jurek Becker während einer Lesung über die Ausbürgerung Wolf Biermanns spricht. Was als kultureller Abend beginnt, entwickelt sich durch spontane Solidaritätsbekundungen zu einer politischen Debatte, die der Veranstalter abrupt beendet.

Zigarettenrauch hängt schwer in der Luft, Teegläser klirren leise auf dem Tisch. In einer Jenaer Privatwohnung sitzen am Abend des 16. November 1976 zwei Dutzend junge Menschen zusammen. Der Fernseher läuft, die Tagesschau flimmert in Schwarz-Weiß. Ungläubige Blicke treffen sich, als die Nachricht von Wolf Biermanns Ausbürgerung den Raum füllt. Die Stille danach ist greifbar, körperlich spürbar und voller Fragen, die noch keine Richtung haben.

Einen Tag später im Klub der Intelligenz. Der Saal ist voll, viele junge Gesichter in Parkas und Pullovern. Jurek Becker sitzt auf dem Podium. Man erwartet Literatur, doch man bekommt Zeitgeschichte. Als Becker die Protestnote der Berliner Künstler erwähnt, wird das Unausgesprochene laut. Ein Raunen geht durch die Reihen, wird zu einer offenen Debatte. Der offizielle Veranstalter bricht nervös ab, das Saallicht geht an, die Gäste werden nach Hause geschickt.

In der evangelischen Jungen Gemeinde Stadtmitte gärt es weiter. Man schreibt den Offenen Brief der Künstler ab, sammelt Unterschriften, will die Entscheidung oben nicht hinnehmen. Doch der Staat hört mit. Ein Spitzel in den eigenen Reihen sorgt dafür, dass die Namen auf den Listen direkt bei der Staatssicherheit landen. Noch in der Nacht zum 19. November schlägt die Staatsmacht zu. Viele der Beteiligten werden verhaftet.

Doch die Stille, die erzwungen werden soll, tritt nicht ein. Stattdessen weitet sich der Kreis. Plötzlich solidarisieren sich Menschen, die bisher nichts mit der Szene zu tun hatten: Studenten, Schüler, Konfessionslose. Matthias Domaschk und andere sammeln Geld für Anwaltskosten. Solidarität wird zur praktischen Handlung, die Grenzen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen in der Stadt verschwimmen zusehends.

Der Blick geht auch über die Mauer. In West-Berlin bildet sich ein Schutzkomitee, initiiert als Reaktion auf die Verhaftungen. Prominente wie Max Frisch oder Heinrich Böll schauen nach Jena. Postkartenaktionen sorgen dafür, dass die Namen der Inhaftierten nicht im bürokratischen Dunkel der DDR-Justiz verschwinden. Die Isolation der Gefangenen wird durch diese externe Aufmerksamkeit zumindest symbolisch durchbrochen.

Der Versuch der Stasi, die Opposition durch Härte zu ersticken, bewirkt das Gegenteil. Die Repression erzeugt keine Ruhe, sondern eine neue Form der Entschlossenheit, die bis in die achtziger Jahre hineinreichen wird. In den Wohnzimmern und Gemeinderäumen von Jena bleibt das Gefühl zurück, dass Rückzug keine Option mehr ist. Ein Riss ist entstanden, der sich nicht mehr kitten lässt.

Die Pipeline der Widersprüche: Stalins Gas für Willy Brandts Westen

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Es ist eine Geschichte von Stahl, Schweiß und Schnaps bei minus 50 Grad. Während die Welt im Kalten Krieg den Atem anhielt, bauten tausende junge DDR-Bürger an einem Projekt, das die geopolitische Landkarte für immer verändern sollte: der „Druschba-Trasse“. Sie verlegten Rohre durch die lebensfeindlichen Weiten der Sowjetunion, getrieben von einer Mischung aus sozialistischer Propaganda, Abenteuerlust und dem pragmatischen Wunsch nach einem besseren Leben im Mangelstaat.

Für die DDR-Führung war es das „Zentrale Jugendobjekt“, ein Prestigeerfolg der Freundschaft zur Sowjetunion. Für die Arbeiter vor Ort, die „Trassniks“, war es der Ausbruch aus der Enge der Republik. Wer nicht in den Westen reisen durfte, suchte seine Freiheit eben im Osten. „Wer an Jack Londons Klondike River nicht darf, der nimmt gerne den Dnjepr“, erinnert sich ein Zeitzeuge. Es war der Wilde Westen für die, die auf der falschen Seite der Mauer geboren waren.

Doch die Freiheit hatte ihren Preis. Die Dokumentation des MDR zeigt ungeschönt, was es bedeutete, fern der Heimat zu funktionieren. Die Versorgung war paradox: Während in Dresden oder Leipzig die Regale oft leer blieben, wurden die Trassenbauer mit „West-Niveau“ verköstigt. Ananas, Mandarinen und vor allem Alkohol flossen in Strömen. Der Alkohol wurde zur Währung gegen die Einsamkeit und die brutale Kälte, in der selbst 40-prozentiger Wodka im Schnee gefror. „Wir waren alle Alkoholiker“, gesteht ein ehemaliger Arbeiter brutal ehrlich. Es war ein Leben im Exzess, in dem Depressionen und tödliche Unfälle oft totgeschwiegen wurden, um das Bild des heldenhaften Aufbaus nicht zu beschädigen.

Die Stasi war dabei stets ein unsichtbarer Polier. Unter dem Codenamen „Operation Jugendbanner“ überwachte das Ministerium für Staatssicherheit die Moral der Truppe. Wer politisch wackelte oder moralisch „ungefestigt“ schien, geriet ins Visier. Das Misstrauen war ein ständiger Begleiter im 4-Bett-Zimmer.

Historisch besonders pikant ist die wirtschaftliche Dimension: Die DDR bezahlte ihre Rohstoffrechnungen bei der Sowjetunion quasi mit Menschenmaterial und Infrastruktur. Gleichzeitig bauten diese ostdeutschen Hände die Energieversorgung für den Klassenfeind. 1985 erreichte das sowjetische Gas West-Berlin – ein „Loch in der Mauer“, Jahre bevor die echte Mauer fiel. Es war Willy Brandts „Wandel durch Handel“, betoniert und geschweißt von FDJlern, die von Jeans und Autos träumten.

Heute, Jahrzehnte später, blicken die ehemaligen Trassenbauer mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut zurück. Sie haben „Jahrhundertbauwerke“ hinterlassen, vergleichbar mit Pyramiden, wie einer sagt. Sie haben unter unmenschlichen Bedingungen funktioniert und dabei ihre eigene kleine Welt erschaffen, fernab der SED-Doktrin, aber doch gefangen in deren System. Die Röhren liegen noch immer. Das Gas fließt (oder floss). Und die Geschichten der Trassniks bleiben ein faszinierendes, oft übersehenes Kapitel ostdeutscher Identität – eine Geschichte von Maloche statt Mauerfall, von Solidarität im Schlamm und der Sehnsucht nach Welt, wo die Welt eigentlich zu Ende war.

Zwischen Paraden und Paranoia: Das geheime Leben der Frauen in der NVA

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Von der Propaganda gefeiert, im Dienst versteckt: Wie die NVA ihre Soldatinnen nutzte und gleichzeitig verleugnete.

Wenn die Nationale Volksarmee (NVA) am Tag der Republik ihre Paraden abhielt, war das Bild perfekt choreografiert. Tausende Männer in Steingrau marschierten im Stechschritt, Panzer rollten, Jets donnerten. Irgendwo dazwischen, als kleine, akkurate Farbtupfer: eine Gruppe Frauen. Lächelnd, adrett, meist Sanitäterinnen. Sie waren das Aushängeschild für die propagierte Gleichberechtigung im Sozialismus. Doch hinter den Kulissen, in den stickigen Funkbunkern, den fensterlosen Chiffrierräumen und den hektischen Stabsstellen, sah die Realität anders aus. Die DDR hatte eine weibliche Armee, aber sie tat alles, damit niemand ihre wahre Bedeutung erkannte.

Das Schweigen der Statistik
Offiziell gab es sie kaum. In den glänzenden Bildbänden der Armee tauchten Frauen meist nur beim Verbinden von Wunden oder am Mikroskop auf. Die Führung der DDR steckte in einem Dilemma: Man wollte der Welt beweisen, dass die Frau im Sozialismus dem Mann ebenbürtig sei, doch das militärische Traditionsverständnis blieb tief preußisch und männlich geprägt. Frauen an der Waffe? In Führungspositionen? Unerwünscht.
Stattdessen bildeten sie das unsichtbare Rückgrat der Armee. Sie saßen nächtelang an den Abhöranlagen der Luftverteidigung, erkannten feindliche Flugbewegungen oft vor den Offizieren und hielten die nervösen Kommunikationsnetze des Kalten Krieges am Laufen. Ihre Arbeit war hochgradig spezialisiert, psychisch zermürbend und absolut systemrelevant. Doch Anerkennung gab es dafür kaum. In den Dienstvorschriften und Beförderungslisten blieben sie oft „Hilfskräfte“, unabhängig von ihrer Kompetenz.

Unter den Augen der Firma
Wer in diese sensiblen Bereiche vordrang, zahlte einen hohen Preis: den Verlust der Privatsphäre. Die Verzahnung von NVA und Staatssicherheit war total. Frauen in sicherheitsrelevanten Positionen wurden durchleuchtet, ihre Familien überprüft, ihre Freundeskreise durchleuchtet. Der Druck war immens. Jedes Wort in der Kantine, jeder Brief in den Westen konnte das Ende der Laufbahn bedeuten.
Ehemalige Soldatinnen berichten von einer Atmosphäre des ständigen Misstrauens. Die Stasi war omnipräsent, oft in Gestalt der eigenen Kameradin. Wer „zuverlässig“ war, durfte dienen, aber nicht aufsteigen. Wer zweifelte, wurde ausgesondert. Diese psychische Dauerbelastung, gepaart mit dem Schichtdienst und der oft propagierten, aber real kaum unterstützten Vereinbarkeit von Familie und Dienst, trieb viele an ihre Grenzen. Die „sozialistische Mutti“, die gleichzeitig den Staat verteidigt, war ein Mythos, der auf dem Rücken der Frauen ausgetragen wurde.

Die geheime Reserve
Was die DDR-Führung der eigenen Bevölkerung verschwieg: Im Ernstfall hätten Frauen den Laden schmeißen müssen. Geheime Mobilmachungspläne, die erst nach 1989 ans Licht kamen, belegen, dass die Führung genau wusste, dass die Männer an der Front verheizt würden. Die Frauen waren fest eingeplant, um das Hinterland zu organisieren – von der kompletten medizinischen Versorgung bis hin zur Übernahme ziviler Logistik unter militärisches Kommando. Während man sie im Frieden klein hielt, waren sie im Kriegsszenario als unverzichtbare Masse einkalkuliert.

Der doppelte Bruch nach 1989
Mit dem Fall der Mauer endete für diese Frauen nicht nur ein Dienstverhältnis, sondern oft eine ganze Identität. Die Bundeswehr übernahm nur wenige, und wenn, dann selten zu vergleichbaren Konditionen. Was in der DDR als hochqualifizierte technische Ausbildung galt, wurde im Westen oft nicht anerkannt.
Viele Frauen fielen in ein tiefes Loch. Sie waren doppelt stigmatisiert: als „Dienende“ eines Unrechtsregimes und als Ostdeutsche mit „wertlosen“ Abschlüssen. Ihre Geschichte, geprägt von Pflichterfüllung, Überwachung und stiller Kompetenz, fand im gesamtdeutschen Narrativ keinen Platz. Sie blieben, was sie schon zu Dienstzeiten waren: unsichtbar.

Manfred Krug: Der Luxus des doppelten Lebens

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Vom Liebling des Ostens zum gesamtdeutschen Phänomen: Manfred Krugs Biografie ist mehr als eine Erfolgsgeschichte. Sie ist der Spiegel der deutschen Teilung, in dem materielle Sicherheit und persönliche Freiheit gegeneinander ausgespielt wurden.

Wer im Jahr 2026 auf das Leben von Manfred Krug zurückblickt, sieht nicht nur den Schauspieler oder den Jazzsänger mit der unverwechselbaren Narbe auf der Stirn. Man sieht eine Landkarte der deutschen Seele, zerrissen und wieder zusammengenäht. Das Video „Der Luxus des Lebens von Manfred Krug“ zeichnet das Bild eines Mannes, der in zwei völlig unterschiedlichen Systemen zum Star wurde – und dabei die Definition von Luxus für sich neu verhandeln musste.

Der goldene Käfig in Pankow
Die Geschichte beginnt in der DDR, einem Land, das seinen Bürgern Gleichheit versprach, aber Privilegien sehr gezielt verteilte. Krug war kein Durchschnittsbürger. Als DEFA-Star und Jazz-Ikone lebte er in einer großzügigen Villa in Berlin-Pankow, fernab der engen Plattenbauten. Er fuhr Autos, von denen andere nur träumten, und genoss Freiheiten, die im „Mangelstaat“ rar waren. Doch dieser Luxus war ein geliehener. Er basierte auf staatlich gedeckelten Gagen und dem stillschweigenden Einverständnis, die Grenzen des Sagbaren nicht zu überschreiten. Krug war der „Volksheld“, solange er spielte.

Der eigentliche Bruch in seiner Biografie – und hier liegt der Fokus der Analyse – war kein künstlerischer, sondern ein politischer. Mit seiner Unterschrift unter die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 riskierte er alles. In einem System, das Loyalität über Talent stellte, wurde der gefeierte Star über Nacht zur Unperson. Das Berufsverbot, das darauf folgte, entlarvte den sozialistischen Luxus als Illusion: Er war nichts wert ohne die Freiheit, die eigene Meinung zu sagen.

Der Preis der Freiheit
Der Wechsel in den Westen 1977 war für Krug mehr als ein Umzug von Ost- nach West-Berlin. Es war der Eintritt in eine Welt, in der Erfolg plötzlich messbar wurde – in harten D-Mark, in Einschaltquoten, in Werbeverträgen. Aus dem Bittsteller gegenüber Kulturfunktionären wurde ein Marktteilnehmer, der seinen Preis kannte. Serien wie „Auf Achse“ und „Liebling Kreuzberg“ machten ihn zum gesamtdeutschen Gesicht.

Doch die Analyse des Videomaterials legt nahe, dass der materielle Reichtum – die Oldtimer, die Immobilien in Charlottenburg – für Krug nie der eigentliche Antrieb waren. Der wahre Luxus, den er sich im Westen leisten konnte, war die Authentizität. Er musste sich nicht mehr verbiegen. Die knorrige, widerborstige Art, die ihn im Osten verdächtig gemacht hatte, wurde im Westen sein Markenzeichen.

Ein gesamtdeutsches Erbe
Was bleibt von Manfred Krug? Er verkörpert wie kaum ein anderer die Transformation Ostdeutschlands. Er nahm seine ostdeutsche Identität – die Skepsis gegenüber Autoritäten, die direkte Sprache, die Wärme – mit und integrierte sie erfolgreich in den Westen, ohne sich anzubiedern. Er war der Beweis, dass man den Osten verlassen kann, ohne seine Seele an den Westen zu verkaufen.

Sein Leben lehrt uns, dass der größte Luxus nicht in der Garage oder auf dem Konto liegt. Er liegt in der Möglichkeit, „Nein“ sagen zu dürfen, ohne seine Existenz zu verlieren. Manfred Krug hat diesen Luxus zweimal bezahlt: einmal mit seiner Karriere im Osten und einmal mit dem Mut zum Neuanfang im Westen. Dass er dabei er selbst blieb, ist sein größtes Vermächtnis.

„Du bist nichts Besseres“: Wie die Stasi eine Kinderärztin brechen wollte

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Verraten, inhaftiert, freigekauft: Die Kinderärztin Renate Werwigk-Schneider überlebte das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck und fand ihren Weg in die Freiheit. Ihre Geschichte ist eine Mahnung gegen das Vergessen.

Es war ein sonniger Sonntag, der 13. August 1961, als für die 22-jährige Medizinstudentin Renate Werwigk-Schneider die Welt zusammenbrach. Mitten in den Semesterferien in Teupitz erreichte sie die Nachricht: „Berlin ist zu.“ Was zunächst unvorstellbar klang, wurde an der Bernauer Straße zur brutalen Realität. Menschen sprangen aus Fenstern, Familien wurden zerrissen. Für die junge Frau stand fest: In diesem Staat, der seine Bürger einsperrt, wollte sie nicht leben. Doch der Weg in die Freiheit sollte durch die Hölle führen.

Renate Werwigk-Schneiders Biografie liest sich wie ein Thriller, der die Perfidie des DDR-Regimes in aller Härte offenlegt. Zweimal versuchte sie zu fliehen. Zweimal scheiterte sie. Der erste Versuch 1963 durch einen Tunnel in der Brunnenstraße endete, bevor er begann. Die Stasi hatte das Projekt unterwandert; ein Kurier war an eine Spitzelin geraten, die ihm Liebe vorgespielt hatte. Renate und ihr Vater wurden verhaftet.

Doch der Wille zur Freiheit war stärker als die Angst. 1967 wagte sie den zweiten Versuch – diesmal über Bulgarien in die Türkei. Mit einem gefälschten Pass und der Hilfe ihres Bruders, der bereits im Westen war, und dessen Freund Dieter Schneider, ihrem späteren Ehemann. Doch am Grenzübergang Kapitan Andreewo war es nicht der „schlecht gefälschte Stempel“, der sie verriet, wie sie jahrzehntelang glaubte. Es war die nackte Angst des bulgarischen Taxifahrers, dessen Zittern die Grenzer alarmierte.

Was folgte, war das dunkelste Kapitel ihres Lebens: Hoheneck. Die „Mörderburg“. In dem sächsischen Frauenzuchthaus wurde die Kinderärztin nicht wie eine politische Gefangene behandelt, sondern gezielt gedemütigt. Sie teilte sich eine Zelle mit verurteilten Kindsmörderinnen. „Du bist auch nichts Besseres als wir“, herrschten diese sie an – ein Satz, der sich einbrannte. Tagsüber Zwangsarbeit im Akkord an der Nähmaschine, nachts die Angst vor Übergriffen. Die Bettwäsche, die sie unter unmenschlichen Bedingungen nähte, landete später im Westen, im Katalog von Neckermann. Bis heute kann Renate Werwigk-Schneider das Summen einer Nähmaschine nicht ertragen; es löst körperliche Übelkeit aus.

Erst der Freikauf durch die Bundesrepublik im Jahr 1968, eingefädelt durch den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, brachte die Rettung. Renate Werwigk-Schneider baute sich in West-Berlin eine Existenz auf, wurde eine geschätzte Kinderärztin mit eigener Praxis. Doch die Spuren der Haft blieben. Die „Knastmacke“, wie sie es nennt, zwingt sie dazu, Türen auszuhängen oder unverschlossen zu lassen. Geschlossene Räume bedeuten Panik.

Ihre Geschichte ist aber auch die Tragödie ihrer Eltern. Der Vater, ein Arzt und Pfarrer, zögerte zu lange, wollte seine Patienten nicht im Stich lassen. Als sie Jahre später, längst im Rentenalter, doch noch flohen, war es zu spät für einen Neuanfang. Sie starben im Westen, zerfressen von Heimweh nach ihrem geliebten Teupitz.

Heute geht Renate Werwigk-Schneider in Schulen. Sie erzählt Jugendlichen, was es bedeutet, wenn Demokratie stirbt. Ihre schmerzhaften Erinnerungen hat sie unter dem Titel „Renate Werwigk-Schneider: Ein bisschen Diktatur gibt es nicht“ auch als Buch veröffentlicht. Ihr Credo darin ist so simpel wie eindringlich und heute aktueller denn je: Ein bisschen Diktatur gibt es nicht.

Honeckers heimlicher Milliardär: Die Akte Schalck-Golodkowski

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Hinter dem Eisernen Vorhang regierte offiziell die Ideologie des Sozialismus. Doch hinter den Kulissen hielt ein skrupelloses Netzwerk aus Kapitalismus, Korruption und Kriminalität den Staat am Leben. Eine Analyse basierend auf Norbert F. Pötzls Recherchen zu Alexander Schalck-Golodkowski.

Wer an die DDR denkt, hat oft graue Plattenbauten, Trabis und Paraden der NVA vor Augen. Ein Staat, der sich moralisch über den „Klassenfeind“ im Westen erhob und den Kapitalismus verdammte. Doch die historische Realität, wie sie Norbert F. Pötzl in seinem Buch „Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski“ aufdeckt, zeichnet ein Bild, das zynischer kaum sein könnte. Das wirtschaftliche Herz der DDR schlug nicht im Takt der Planwirtschaft, sondern im Rhythmus harter D-Mark, beschafft durch Methoden, die jedem Mafia-Film zur Ehre gereicht hätten.

Im Zentrum dieses Systems stand Alexander Schalck-Golodkowski. Offiziell nur ein Staatssekretär, war er in Wahrheit der mächtigste Wirtschaftsboss des Ostens. Sein Reich, der Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo), war ein Staat im Staate, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die Zahlungsfähigkeit der DDR zu sichern – koste es, was es wolle. Während die Bevölkerung für Bananen Schlange stand und auf Wartburgs sparte, jonglierte Schalck mit einem Imperium aus Tarnfirmen und Geheimkonten.

Die Doppelmoral war atemberaubend. Um den Sozialismus zu retten, wurde Schalck zum ultimativen Kapitalisten. Doch er war kein Unternehmer im herkömmlichen Sinne. Sein Geschäftsmodell basierte auf der Plünderung des eigenen Volkes und internationaler Kriminalität. Die KoKo handelte mit Waffen in Krisengebiete, verscherbelte das kulturelle Erbe enteigneter Bürger in den Westen und organisierte den wohl zynischsten Menschenhandel des 20. Jahrhunderts: den Freikauf politischer Häftlinge. Menschen wurden zur Ware, Freiheit zum Wirtschaftsgut.

Besonders brisant ist Pötzls Neubewertung des berühmten Milliardenkredits von 1983, eingefädelt mit Franz Josef Strauß. Lange als rein politische Stabilisierung gefeiert, entpuppt sich der Deal bei genauerem Hinsehen auch als gigantisches Konjunkturprogramm für westliche Banken und Konzerne. Die westdeutsche Elite, die den Kommunismus öffentlich bekämpfte, profitierte massiv von dessen künstlicher Lebensverlängerung. Es war eine Symbiose der Heuchelei: Der Westen kassierte, der Osten überlebte noch ein paar Jahre länger – auf Kosten der eigenen Bürger.

Als das System 1989 kollabierte, setzte sich der „Pate der DDR“ ab. Seine Flucht zum BND und das weitgehend straffreie Leben danach am Tegernsee bleiben ein ungelöster Polit-Thriller. Wo die Milliarden der KoKo wirklich blieben, ist bis heute eines der größten Rätsel der Nachwendezeit. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die DDR am Ende nicht an ihrer Ideologie scheiterte, sondern daran, dass sie längst zu dem geworden war, was sie zu bekämpfen vorgab: ein System, in dem nur das Geld zählte.

Quelle / Leseempfehlung: Die Inhalte dieses Artikels beziehen sich auf die Recherchen von Norbert F. Pötzl. Buch: „Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski: Vom Entstehen und Verschwinden der DDR-Milliarden“