Berlin – Es sollte ein Heimspiel für die „Ehemaligen“ werden, doch es endete im offenen Schlagabtausch. In der Ladengalerie der Tageszeitung Junge Welt in der Torstraße 6 trafen am Abend des 23. August 2012 zwei Welten aufeinander, die unvereinbarer nicht sein könnten: Die bürgerliche DDR-Opposition und der Apparat, der sie einst bekämpfte.
Was als Vortrag eines ehemaligen Vernehmungsoffiziers der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen geplant war, kippte gegen 19:30 Uhr, als die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld das Wort ergriff.
Ein Abend unter „Kameraden“
Der Veranstaltungsort war mit Bedacht gewählt. Die Räume der Jungen Welt gelten als Rückzugsort für jene, die das Ende der DDR bis heute nicht verwunden haben. Das Publikum: überwiegend ältere Herren, Nicken bei den Ausführungen des Referenten, Herrn Kirstein. Sein Thema: Die Deutungshoheit über die Geschichte von Hohenschönhausen.
Seine These, vereinfacht: Die Gedenkstätte und die Opferverbände würden übertreiben, Fakten verdrehen, Legenden stricken.
Der Moment der Konfrontation
Doch in der anschließenden Fragerunde saß Vera Lengsfeld. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete und prominente DDR-Dissidentin war nicht gekommen, um zuzuhören, sondern um zu widerlegen.
Die Szenerie nahm schnell bizarre Züge an. Während der Ex-Offizier vorne versuchte, die kühle, bürokratische Autorität des Vernehmers aufrechtzuerhalten, konterte Lengsfeld aus dem Publikum heraus mit einer Schärfe, die Jahrzehnte der Unterdrückung widerspiegelte.
„Halten Sie doch einfach mal die Klappe“, herrschte der Referent sie an einem Punkt an – ein Tonfall, der im Saal beklemmende Erinnerungen an Verhörsituationen weckte.
Der Streit um die „Strahlenkanonen“
Zentraler Punkt des Streits war der Vorwurf der Desinformation. Kirstein hatte Lengsfeld unterstellt, sie würde behaupten, in Hohenschönhausen sei mit „Strahlenkanonen“ auf Häftlinge geschossen worden – eine Taktik, um Opfer als unglaubwürdig oder hysterisch darzustellen.
Lengsfeld wies dies empört zurück: „Herr Kirstein hat mit seinem netten Video den Beweis erbracht, dass ich das niemals gesagt habe, sondern das Gegenteil.“ Sie warf dem Referenten vor, gezielt Desinformation zu betreiben. „Er nennt scheinbare Fakten und verdreht sie im nächsten Satz“, so Lengsfeld. „Das ist das alte Kunststück der Stasi-Leute: Verdrehung, Zersetzung, Demagogie.“
Wasserzellen und Semantik
Besonders hitzig wurde die Debatte beim Thema Folter. Lengsfeld führte Wasserzellen und Dunkelhaft an – auch für Minderjährige in Torgau. Der Ex-Offizier versuchte, sich auf formale Zuständigkeiten zurückzuziehen: Er differenzierte penibel zwischen dem sowjetischen NKWD (dem Vorgänger) und dem MfS, um Lengsfeld Ungenauigkeiten nachzuweisen.
„Wenn Herr Kirstein heute daraus macht, ich hätte gesagt, die drei [Opfer] wären in Hohenschönhausen gewesen, ist das wieder eine Lüge“, stellte Lengsfeld klar. Sie habe sehr wohl zwischen den Lagern unterschieden. Es war ein Kampf um Details, bei dem es eigentlich um das Ganze ging: Die Anerkennung des Leids.
Fazit eines verstörenden Abends
Gegen Ende der Veranstaltung wirkte der Referent in der Defensive. Er versprach, das Videomaterial zu prüfen und eine Zusammenstellung der Widersprüche zu liefern. Doch der Versuch, die Geschichte der DDR-Haftanstalten umzuschreiben und zu verharmlosen, war an diesem Abend durch die physische Präsenz eines Opfers gestört worden.
Als das Publikum die Torstraße verließ, blieb der Eindruck einer tief gespaltenen Erinnerungskultur. Für die einen war es eine Störung, für die anderen ein notwendiger Akt des Widerstands gegen das Vergessen.


Es beginnt mit einer Fahrt ins Ungewisse. Kerstin Kuzia sitzt im Barkas B1000, isoliert von der Außenwelt. Der Gedanke, dass dies alles nur eine Inszenierung sei, hält sich hartnäckig. Eine bloße Abschreckung, glaubt sie, eine Runde um den Block, um dann wieder ins gewohnte Heim zurückzukehren. Die jugendliche Hoffnung klammert sich an die Vorstellung, dass es diesen Ort für sie real gar nicht geben kann.
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