Der Schlüssel zur Neubauwohnung hing oft weniger von der Dringlichkeit ab als vom ökonomischen Nutzen des Antragstellers.
Wer sich heute an das Wohnen in der DDR erinnert, spricht selten zuerst über Architektur oder Grundrisse, sondern über die Zeit davor. Die Geschichte des ostdeutschen Wohnungsbaus ist untrennbar mit der Erfahrung des Wartens verknüpft, mit der Hoffnung auf den Brief vom Wohnungsamt und der strategischen Positionierung im sozialen Gefüge, um diesen Prozess zu beschleunigen. Der Wohnraum war verfassungsrechtlich garantiert und extrem günstig, aber er war ein knappes Gut, das nicht allein nach sozialen Kriterien verteilt wurde. Hinter der offiziellen Darstellung einer gerechten Versorgung verbarg sich ein komplexes System, in dem ökonomische Notwendigkeiten und politische Loyalitäten oft schwerer wogen als die familiäre Dringlichkeit.
Der massive Ausbau der Plattenbausiedlungen, der in den 1970er Jahren unter Erich Honecker zum Herzstück der Sozialpolitik wurde, war eine Reaktion auf einen eklatanten Mangel. Die Altbauten der Vorkriegszeit waren vielerorts in einem desolaten Zustand, geprägt von Ofenheizung, Außen-WCs und feuchten Wänden. Die industrielle Bauweise versprach hier eine schnelle, skalierbare Abhilfe. Fernwärme und ein Innenbad galten als Zivilisationssprung, für den viele Bürger bereitwillig die Monotonie der Fassaden in Kauf nahmen. Doch das ambitionierte Ziel, die Wohnungsfrage bis 1990 als soziales Problem zu lösen, erzeugte einen immensen Druck auf die Verteilungsmechanismen. Die staatliche Wohnraumlenkung musste Mangel verwalten und tat dies nicht immer transparent.
Offiziell entschieden Dringlichkeitsstufen über die Zuteilung: Junge Ehen, kinderreiche Familien und Schichtarbeiter sollten bevorzugt werden. In der Realität jedoch griff eine zweite Logik, die sich aus dem Arbeitskräftemangel der DDR-Wirtschaft ergab. Große Kombinate und volkswirtschaftlich relevante Betriebe verfügten über eigene Wohnungskontingente. Diese wurden gezielt eingesetzt, um Fachkräfte zu binden oder anzuwerben. Wer in einem strukturbestimmenden Betrieb arbeitete oder bereit war, in ein Industriezentrum zu ziehen, konnte die reguläre Warteliste oft umgehen. Die Mitgliedschaft in einer Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) erforderte zwar finanzielle Anteile und oft auch manuelle Arbeitsstunden auf der Baustelle, bot aber im Gegenzug eine deutlich höhere Planungssicherheit als der rein kommunale Antragsweg.
Diese Praxis führte zu einer feinen, aber spürbaren sozialen Differenzierung. Während in den offiziellen Verlautbarungen die Gleichheit aller Bürger betont wurde, wusste die Bevölkerung sehr genau um die Bedeutung von Beziehungen und beruflicher Stellung. Ein Ingenieur in der Energiewirtschaft hatte bessere Karten als ein Angestellter in einem weniger priorisierten Sektor, selbst wenn dessen Wohnsituation objektiv prekärer war. Die Neubaugebiete in Berlin-Marzahn, Leipzig-Grünau oder Halle-Neustadt waren somit nicht nur Orte des Wohnens, sondern auch Spiegelbilder der ostdeutschen Leistungsgesellschaft. Wer hier einzog, hatte es im System zu etwas gebracht oder verfügte über die nötige Geduld und Anpassungsfähigkeit.
Parallel zum Aufstieg der Platte vollzog sich der stille Verfall der historischen Innenstädte. Da Baukapazitäten und Material fast ausschließlich in die Großsiedlungen flossen, blieben für den Erhalt der Altbausubstanz kaum Ressourcen. Dies führte zu einer paradoxen Situation: Während am Stadtrand moderne Trabantenstädte wuchsen, wurden die Zentren oft dem Verfall preisgegeben, was in den 1980er Jahren zunehmend auch politischen Unmut in der Bevölkerung weckte. Die Diskrepanz zwischen dem propagandistischen Anspruch der „Lösung der Wohnungsfrage“ und der realen Erfahrung von Verfall und Wartezeit untergrub schleichend das Vertrauen in die staatliche Leistungsfähigkeit.
Nach 1989 erlebten die Plattenbausiedlungen eine bemerkenswerte Transformation. Zunächst als Symbole einer gescheiterten Epoche totgesagt und von Leerstand bedroht, erwiesen sie sich als erstaunlich resilient. Umfangreiche Sanierungsprogramme und der Rückbau von Etagen passten die Bestände an neue Bedürfnisse an. Was einst aus Mangel an Alternativen bewohnt wurde, etablierte sich im vereinten Deutschland als pragmatische, bezahlbare Wohnform. Die soziale Durchmischung der Anfangsjahre hat sich zwar vielerorts aufgelöst, doch die bauliche Substanz hat überlebt. Die Geschichte dieser Häuser erzählt somit nicht nur von einer gescheiterten Utopie, sondern auch von der Fähigkeit der Bewohner und Planer, aus begrenzten Mitteln einen funktionierenden Alltag zu gestalten.


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