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Das andere Wir: Warum Solidarität im Osten weniger Wettbewerb bedeutet

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Das politische Verhalten in Ostdeutschland gibt vielen Rätsel auf. Oft wird es als Ruf nach dem starken Staat missverstanden. Dabei liegt die Wurzel tiefer: In einer Sozialisation, die Kooperation über Konkurrenz stellte und Sicherheit über Freiheit.

Wer die politischen Debatten in Ostdeutschland verfolgt, stößt oft auf ein Missverständnis. Der Wunsch nach mehr staatlicher Fürsorge und Regulierung wird im westlichen Diskurs schnell als Unselbstständigkeit oder gar als autoritäre Sehnsucht gedeutet. Diese Lesart greift jedoch zu kurz, weil sie die tieferliegende kulturelle Prägung ignoriert. Der Begriff der Solidarität hat im Osten eine andere historische Färbung als im Westen der Republik.

In der Bundesrepublik war und ist das Leistungsprinzip die dominante Erzählung: Wer sich anstrengt, kommt voran; Wettbewerb belebt das Geschäft und sichert den Wohlstand. Solidarität ist hier oft ein Akt der freiwilligen Nächstenliebe oder ein staatliches Sicherungsnetz für die, die durch das Raster fallen. In der DDR hingegen war Solidarität – zumindest in der Theorie und oft auch im gelebten Alltag der Kollektive – das Strukturprinzip der Gesellschaft. Der Einzelne sollte sich nicht gegen andere durchsetzen, sondern sich in die Gemeinschaft einfügen.

Diese Erfahrung wirkt nach. Viele Ostdeutsche empfinden den radikalen Individualismus und den ständigen Wettbewerb der Marktwirtschaft als kalt und entsolidarisierend. Erfolg wird hier oft skeptischer betrachtet, wenn er auf Kosten anderer erzielt wurde. Das Ideal ist eher eine Gesellschaft, in der die Unterschiede nicht zu groß werden und in der eine gewisse Grundsicherheit für alle garantiert ist. Die Forderung an die Politik ist daher oft die nach Herstellung von Gleichheit und Gerechtigkeit, weniger die nach individueller Entfaltungsmöglichkeit.

Dazu kommt die Erfahrung der Nachwendezeit. Der Systemwechsel wurde von vielen nicht als Befreiung der Leistungsträger erlebt, sondern als brutaler Verdrängungswettbewerb, bei dem ostdeutsche Lebensleistungen entwertet wurden. Wenn heute Solidarität eingefordert wird, schwingt oft der Wunsch mit, diese Kränkung zu heilen und wieder Teil eines funktionierenden Ganzen zu sein. Der Staat wird hierbei in der Pflicht gesehen, weil er historisch immer die Instanz war, die – im Guten wie im Schlechten – die Rahmenbedingungen setzte.

Diese Haltung führt zu Konflikten in einer politischen Landschaft, die stark auf Eigenverantwortung setzt. Ostdeutsche Wähler reagieren sensibel, wenn sie das Gefühl haben, dass soziale Risiken privatisiert werden. Das Pochen auf staatliche Eingriffe, sei es bei Energiepreisen oder Renten, ist kein Ausdruck von Faulheit, sondern von einem anderen Gerechtigkeitsempfinden. Man erwartet, dass „die da oben“ für „die da unten“ sorgen – ein paternalistisches, aber auch fürsorgliches Staatsbild.

Um den Osten politisch zu erreichen, muss man dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft und Sicherheit ernst nehmen, ohne es als antidemokratisch abzutun. Die Sehnsucht nach einem „Wir“, das nicht durch Ellenbogenmentalität zerfällt, ist legitim. Sie ist der Versuch, eine soziale Wärme, die in der Mangelgesellschaft paradoxerweise oft stärker spürbar war, in die heutige Zeit zu retten. Es ist die Suche nach einer Moderne, die niemanden zurücklässt.

Die Philosophie des Hans Eckardt Wenzel, dem Vermesser des Randgebiets

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Hans Eckardt Wenzel ist Liedermacher, Dichter, Komponist – und einer der scharfsinnigsten Philosophen der deutschen Gegenwart. Warum der Mann, der sich konsequent weigert, in der Mitte zu stehen, vielleicht der Einzige ist, der uns unsere Zeit noch erklären kann.

Es gibt Künstler, die suchen das Rampenlicht, weil sie dort gesehen werden wollen. Und es gibt Künstler wie Hans Eckardt Wenzel, die das Licht meiden, um selbst besser sehen zu können. Wenzel, dieser knurrige, hochgebildete, mit allen Wassern der Poesie und des Schnapses gewaschene Barde, hat sich seinen Platz gesucht. Er ist nicht in Berlin-Mitte, nicht in den Talkshows der Republik, nicht im Zentrum des gefälligen Diskurses. Er steht am Rand.

Das ist keine Klage über mangelnde Aufmerksamkeit. Es ist eine strategische Entscheidung. „Wenn man im Zentrum ist der Welt, sieht man nichts“, hat Wenzel einmal gesagt, mit jener Mischung aus preußischer Schärfe und melancholischer Weltläufigkeit, die ihn auszeichnet. Die Mitte ist für ihn der blinde Fleck des Zeitgeistes, ein Ort der Selbstbestätigung und der intellektuellen Windstille. Wer verstehen will, was mit diesem Land, mit dieser Welt passiert, der muss an die Peripherie gehen. Denn nur vom Rand aus kann man in das Zentrum hineinblicken.

Wenzel ist, im besten und ursprünglichsten Sinne des Wortes, ein „Volkskünstler“. Wer ihn heute auf der Bühne erlebt – oft mit Akkordeon, manchmal mit wütender Zärtlichkeit am Klavier –, der sieht keinen Popstar, der geliebt werden will. Man sieht einen Arbeiter. Einen, der eine Funktion erfüllt, so wie der Bäcker oder der Tischler.

Seine Auffassung von Kunst ist archaisch. Er knüpft an die Tradition jener an, die der Stamm sich hielt, um die Dunkelheit zu vertreiben. „Der hat Faxen gemacht und hat gesungen, damit der Abend nicht langweilig ist oder nicht traurig“, sagt Wenzel über den Ur-Künstler. Doch Vorsicht: Wenzels Trost ist billig nicht zu haben. Er ist kein „Mutmacher“ im Sinne der seichten Unterhaltungsindustrie, die die Risse in der Fassade mit Zuckerguss zukleistert.

Sein Trost ist dialektisch. In alter marxistischer Tradition – und Wenzel ist einer der wenigen, der die Werkzeuge dieser Denkschule noch virtuos zu nutzen weiß, ohne sich ideologisch zu mauern – will er die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Wie? Indem er sie zuspitzt. Wenzels Kunst harmonisiert nicht. Sie macht die Widersprüche sichtbar, ja, sie macht sie im Lied oft „schlimmer“, absurder, greller. Es ist die Methode des Hofnarren: Nur durch die Eskalation der Absurdität entsteht der Druck, der zur Veränderung führt. Oder zumindest zur Erkenntnis.

Dabei treibt ihn eine fast physische Aversion gegen den Zustand der deutschen Seele. Wenzel diagnostiziert sein Heimatland als einen Ort des „unglaublichen Missmuts“. Ein reiches Land, zerfressen von Neid, unfähig zur Freude, erstarrt in der Verwaltung des Besitzstandes. Während im Mittelmeer Menschen ertrinken, debattiert der Bundestag wochenlang über die PKW-Maut – für Wenzel ist das kein politischer Fehler, sondern der Beweis für den „ganzen Irrsinn“ einer Gesellschaft, die den moralischen Kompass verloren hat.

Dass er 1988, kurz vor dem Mauerfall, nicht im Westen blieb, als er die Möglichkeit dazu hatte, erklärt sich aus genau dieser Haltung. Er wollte nicht von einer Provinz in die „andere Provinz“, wollte nicht Teil eines Systems werden, das den Egoismus zur Staatsräson erhebt. Er blieb, wo es weh tat, und er bleibt dort bis heute.

Sein Haus im Norden, irgendwo in der Weite Mecklenburgs oder Brandenburgs, ist ihm dabei Anker und Festung zugleich. Wenzel glaubt an die prägende Kraft der Landschaft. Die Küstenvölker, so seine Theorie, besitzen Ironie. Wer mit Ebbe und Flut lebt, lernt, dass nichts bleibt. Man klammert nicht. Ganz anders die Bergvölker – oder die Bewohner der politischen Zentren –, bei denen sich nie etwas ändert und die deshalb alles todernst nehmen. Wenzels Humor, diese subversive, oft schwarze Komik, ist ein Kind der Küste.

Doch der Rückzug an den Rand bedeutet keine Isolation. Im Gegenteil: Wenzels Werk ist durchweht von den Winden aus Kuba, Nicaragua, aus der weiten Welt. Er reist nicht als Tourist, er reist als Schwamm. Er saugt Rhythmen auf, Mentalitäten, Überlebensstrategien.

Er verachtet die Selbstgenügsamkeit der deutschen Kulturindustrie, die sich oft für den Nabel der Welt hält und doch nur amerikanische Vorbilder schlecht imitiert. Wenzel sucht das Fremde, um das Eigene zu überprüfen. Ohne dieses „zusätzliche Bezugssystem“, ohne den Blick von außen, wäre er, wie er selbst schonungslos zugibt, längst ein „missmutiger, böser, vergreister Arsch“. Die Arbeit, das Reisen, das Dichten ist seine Form der geistigen Hygiene. Es ist Notwehr gegen das Verblöden.

Wer Wenzel nur als den zornigen Kritiker sieht, den Mann mit der rauen Stimme, der gegen Krieg und Dummheit anschreit, der überhört das Wichtigste. Das Fundament seiner Philosophie ist nicht der Hass, sondern eine tief enttäuschte, aber unverwüstliche Liebe.

„Alle Lieder sind bei mir Liebeslieder, letzten Endes“, lautet sein Credo. Das mag paradox klingen bei einem Mann, der so scharf urteilen kann. Aber es ist der Schlüssel zu seinem Werk. Seine Wut auf die Verhältnisse speist sich aus dem Schmerz darüber, dass der Mensch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Er besingt die „nicht vorhandene Parallelität von Freude und Trauer“, diesen Riss, der durch jedes menschliche Herz geht.

Hans Eckardt Wenzel steht am Rand, ja. Aber er steht dort nicht mit dem Rücken zur Gesellschaft, sondern mit dem Gesicht zu ihr. Er beobachtet uns. Er schreibt alles auf. Er denunziert niemanden, aber er verschont auch niemanden. Er ist der Chronist, den wir nicht bestellt haben, den wir aber dringend brauchen.

In einem seiner Gedichte heißt es: „halte dich von den Siegern fern / halte dich am Rand“. Es ist ein guter Rat. Denn dort, wo Wenzel steht, ist die Luft klarer. Und die Musik ist besser.

Revolution im Stundenplan: Der freie Samstag kommt im März

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Es ist ein Paukenschlag für Schüler, Eltern und Lehrer in der DDR: Das Ministerium für Bildung hat offiziell das Ende der Sechs-Tage-Schulwoche verkündet. Einem aktuellen Beschluss des Ministerrates zufolge bleiben die Schulen ab dem 5. März 1990 an Samstagen geschlossen. Die Entscheidung markiert eine der weitreichendsten Änderungen im DDR-Bildungssystem seit Jahrzehnten und ist eine direkte Reaktion auf die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten Wochen.

Nach den Winterferien können Schüler in der ganzen Republik aufatmen: Der Wecker wird am Samstagmorgen nicht mehr klingeln. Wie das Ministerium für Bildung unter Berufung auf den Beschluss vom 23. November 1989 mitteilt, wird der unterrichtsfreie Sonnabend ab dem zweiten Schulhalbjahr eingeführt. Damit erfüllt die Führung eine langjährige Forderung vieler Eltern, die durch die Doppelbelastung von Arbeit und sechs Tagen Schule kaum Zeit für das Familienleben fanden.

„Mut zur Lücke“ im Lehrplan
Die gewonnene Freizeit hat jedoch einen organisatorischen Preis. Da ein kompletter Unterrichtstag wegfällt, müssen die Lehrpläne kurzfristig angepasst werden. Das Ministerium kündigte an, dass dies mit „Kürzungen in der Stundentafel“ und „Streichungen von Unterrichtsstoffen“ verbunden sein werde.

Pädagogen und Eltern warten nun gespannt auf Mitte Dezember: Dann sollen konkrete Vorschläge auf den Tisch kommen, welche Fächer gekürzt und welche Stoffgebiete gestrichen werden. Klar ist bereits, dass diese Regelung flächendeckend gilt – von den Erweiterten Oberschulen (EOS) über Sonderschulen bis hin zu den Schulen in den zweisprachigen Gebieten der Bezirke Dresden und Cottbus.

Ferien bleiben unberührt – Planungssicherheit für Eltern
Trotz der radikalen Umstellung des Wochenrhythmus beweist das Ministerium Pragmatismus bei der Urlaubsplanung. Die Sorge vieler Familien, dass mit der neuen Schulwoche auch die Ferienzeiten verschoben würden, wurde zerstreut.

Es wird ausdrücklich daran festgehalten, die für das Schuljahr 1989/90 festgelegte Ferienregelung nicht zu verändern. Die Begründung ist bürgernah: Man wolle den Eltern die Möglichkeit geben, bereits gebuchte Urlaubsreisen wie geplant anzutreten. Dies dürfte besonders für Familien, die Plätze in den begehrten FDGB-Ferienheimen oder auf Campingplätzen ergattert haben, eine Erleichterung sein.

Der Weg zur Normalität
Die Einführung des freien Samstags im März ist nur der erste Schritt. Das Ziel ist die Etablierung einer durchgängigen 5-Tage-Unterrichtswoche ab dem neuen Schuljahr am 1. September 1990, inklusive einer dann variablen Ferienregelung.

Bis dahin bleibt es bei Einzelfallentscheidungen: Wer sein Kind an einzelnen Tagen vom Unterricht freistellen lassen möchte, muss dies weiterhin beim Klassenleiter oder Direktor beantragen. Doch die Richtung ist klar: Die starren Strukturen des DDR-Schulwesens weichen auf – und das Wochenende gehört bald wieder der Familie.

Die Kunst der Improvisation: Ostdeutsche Resilienz als unterschätzte Ressource

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Jahrelang galt die ostdeutsche Biografie als Defizitgeschichte. Dabei übersieht man eine Kernkompetenz, die das Leben in der DDR hervorbrachte: Die Fähigkeit, aus Mangel Lösungen zu schaffen. Diese Improvisationskunst ist heute aktueller denn je.

Wenn über ostdeutsche Identität gesprochen wird, fallen oft Begriffe wie „gebrochene Biografien“ oder „Transformationsschmerz“. Der Fokus liegt meist auf dem, was verloren ging oder was nach der Wende mühsam erlernt werden musste. Seltener wird gefragt, welche spezifischen Stärken die Sozialisation in der DDR hervorgebracht hat. Eine der markantesten Eigenschaften ist die Fähigkeit zur Improvisation – eine Kompetenz, die aus der Notwendigkeit geboren wurde, den Alltag trotz widriger Umstände am Laufen zu halten.

In einer Gesellschaft, in der Plan und Realität oft weit auseinanderklafften, war Kreativität überlebenswichtig. Ob im Betrieb, wo Maschinen trotz fehlender Ersatzteile laufen mussten, oder im Privaten, wo man aus wenigen Zutaten ein Festessen zauberte: Der Standardspruch „Haben wir nicht“ wurde selten als Endpunkt akzeptiert, sondern als Herausforderung. Man lernte, Dinge zweckzuentfremden, zu reparieren und Lösungen jenseits der offiziellen Wege zu finden.

Diese Haltung erzeugte eine spezifische Form der Resilienz. Ostdeutsche sind es gewohnt, dass Systeme nicht perfekt funktionieren und dass man sich auf die eigene Handlungsfähigkeit verlassen muss. Während in westlichen Gesellschaften oft der Anspruch auf reibungslose Dienstleistung dominiert, ist die Schwelle zur Frustration im Osten historisch bedingt oft höher. Man wartet nicht darauf, dass jemand das Problem löst, man „macht erst mal“.

Auch der Umgang mit Brüchen gehört zu dieser Erfahrung. Die Generation der heute über 50-Jährigen hat den kompletten Zusammenbruch ihres vertrauten Lebensumfeldes erlebt und musste sich neu erfinden. Diese Erfahrung von Diskontinuität ist schmerzhaft, aber sie schult auch den Umgang mit Krisen. Die Angst vor Veränderung ist oft gepaart mit dem Wissen: „Wir haben schon ganz andere Dinge überstanden.“

Interessanterweise wird diese Kompetenz im modernen Arbeitsmarkt oft übersehen. In einer Welt, die zunehmend von Unsicherheit und komplexen Problemlagen geprägt ist, wäre der pragmatische „Machen-Modus“ eigentlich Gold wert. Stattdessen werden ostdeutsche Biografien oft an formalen Karrierekriterien gemessen, die westdeutsch geprägt sind. Die Fähigkeit, „aus Scheiße Bonbons zu machen“, wie es der Volksmund derb aber treffend formuliert, taucht in keinem Lebenslauf auf.

Es lohnt sich, diesen Aspekt der ostdeutschen Mentalität neu zu bewerten – nicht als nostalgische Anekdote, sondern als kulturelle Ressource. In Zeiten von Lieferkettenproblemen und notwendiger gesellschaftlicher Transformation könnte die ostdeutsche Erfahrung, dass Mangel nicht das Ende, sondern der Anfang von Kreativität ist, eine überraschend moderne Relevanz entfalten. Es ist die Geschichte eines Trotzes, der produktiv werden kann.

Die Lautstärke der Stille: Wie Gerhard Schöne die DDR überlistete

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In der Geschichte des DDR-Widerstands dominieren oft die lauten Töne: die offenen Konfrontationen, die Ausbürgerungen, die Proteste. Doch abseits des Lärms gab es eine andere Frequenz des Widerstands. Gerhard Schöne, der populärste Liedermacher des Ostens, perfektionierte die Kunst der subtilen Subversion. Ein Porträt über einen Mann, der Fahrradketten ölte, um das System zu befriedigen, und Kinderlieder sang, um Erwachsenen die Wahrheit zu sagen.

Von unserem Kulturkorrespondenten
Es ist der 4. November 1989. Auf dem Berliner Alexanderplatz drängen sich eine halbe Million Menschen. Es ist der Tag, an dem die Angst die Seiten wechselt. Auf der Ladefläche eines LKW steht ein Mann mit Schnurrbart und einer akustischen Gitarre. Er sieht nicht aus wie ein Revolutionär, eher wie der freundliche Nachbar, der einem Sonntags die Brötchen mitbringt. Doch als Gerhard Schöne anstimmt, wird es still. Er singt „Mit dem Gesicht zum Volke“, ein Lied, das die hohlen Phrasen der SED-Führung aufgreift und sie wie einen Bumerang zurückwirft. In diesem Moment wird der „leise Rebell“ zur Stimme einer friedlichen Revolution.

Doch der Weg auf diese Bühne war kein Zufall. Er war das Ergebnis einer jahrzehntelangen Strategie – einer Gratwanderung zwischen Anpassung und Auflehnung, die Schöne wie kaum ein anderer beherrschte.

Die Bassow-Methode: Widerstand im Postamt
Um die Strategie Gerhard Schönes zu verstehen, muss man weit vor 1989 zurückblicken, in die grauen Amtsstuben der 1970er Jahre. Schöne hatte sich früh entschieden, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Er verweigerte den Dienst an der Waffe und wurde Bausoldat. Die Quittung des Staates folgte prompt: Der ersehnte Studienplatz für Schauspiel blieb ihm verwehrt. Um nicht als „asozial“ kriminalisiert zu werden, musste er arbeiten. Er wurde Briefträger.

Schon hier zeigte sich jenes Muster, das später seine Kunst prägen sollte: formaler Gehorsam bei inhaltlicher Verweigerung. Schöne weigerte sich standhaft, die Uniform der Post zu tragen – ein Affront in einem durchmilitarisierten Staat. Seine Kolleginnen fürchteten um den Status ihres „sozialistischen Kollektivs“ und die damit verbundenen Prämien.

Schönes Lösung war so absurd wie genial: Er trat der Gewerkschaft bei und berief sich auf die sogenannte „Bassow-Methode“. Diese sowjetische Arbeitsnorm verlangte im Kern lediglich die pflegliche Behandlung der Arbeitsmittel. Schöne interpretierte dies auf seine Weise: Er ölte penibel und regelmäßig die Kette seines Dienstfahrrades. Das System war zufrieden – die Norm war erfüllt, das Kollektiv gerettet, und Schöne musste keine Uniform tragen. Das Fahrradöl wurde zum Symbol seines Überlebensprinzips: Gib dem System das Minimum an Form, um dir das Maximum an Inhalt zu bewahren.

Das Trojanische Pferd im Kinderzimmer
Diese Taktik verfeinerte er in seiner künstlerischen Laufbahn. Während andere Liedermacher ins offene Messer der Zensur liefen, wählte Schöne den Umweg über das Kinderzimmer. „Jule wäscht sich nie“ oder der „Popel“ wurden Hits in den Kindergärten der Republik. Doch für Schöne war das Genre des Kinderliedes kein Rückzug ins Idyll, sondern ein strategischer Schutzraum.

Die Logik war bestechend pragmatisch: Wer eine offizielle Schallplatte bei „Amiga“ vorweisen konnte, galt als unbedenklich. Für ängstliche Kulturhausleiter in der Provinz war die bloße Existenz einer solchen Platte die offizielle Legitimation. „Da hat er schon ’ne Platte gemacht, da passiert nichts Schlimmes“, war der Gedankengang, der Schöne Türen öffnete, die anderen verschlossen blieben.

Einmal auf der Bühne, nutzte er diesen Vertrauensvorschuss für das, was er seine Prise „Pfeffer und Salz“ nannte. Seine Kinderprogramme waren nie reine Unterhaltung. Sie waren Trojanische Pferde. Mit Liedern wie „Mein Papa tom Falschgeld den Keller“ (eine kindliche Verballhornung von „Mein Papa trägt Falschgeld in den Keller“) säte er Zweifel an der heilen Welt der Erwachsenen und der Unfehlbarkeit von Autoritäten. Er brachte Kindern – und ihren Eltern – bei, dass die Welt ambivalent ist. In einer Diktatur, die nur Schwarz und Weiß kannte, war das Zeigen von Grautönen ein revolutionärer Akt.

Das Schweigen des Privilegierten
Vielleicht die größte Ambivalenz in Schönes Biografie ist seine Reisefreiheit. Als einer der wenigen kritischen Geister gehörte er zum „Reisekader“. Der Staat brauchte Devisen und kulturelle Aushängeschilder, und so durfte der Mann, der im Osten subtil Kritik übte, regelmäßig in den Westen fahren.

Es ist ein Privileg, das andere korrumpiert hätte. Schöne jedoch reagierte mit einer instinktiven moralischen Integrität: Er schwieg. Bei seinen Konzerten in der DDR verlor er kein Wort über seine Erlebnisse jenseits der Mauer. Er wusste, dass jede Anekdote aus Paris oder Hamburg wie ein Schlag ins Gesicht für jene gewesen wäre, die in der DDR eingemauert waren.

Dieses Schweigen war kein Verschweigen, sondern ein Akt der Solidarität. Es verhinderte, dass sich eine Kluft zwischen ihm und seinem Publikum auftat. Er blieb „einer von uns“, obwohl er die Freiheit hatte, zu gehen. Dass er immer wieder zurückkam, verlieh seiner Kritik erst das wirkliche Gewicht.

Wenn man heute auf Gerhard Schönes Wirken zurückblickt, erscheint er als Meister des „Möglichen im Unmöglichen“. Er hat nicht die Mauer eingerissen, das haben andere getan. Aber er hat den Mörtel porös gemacht, Lied für Lied, Konzert für Konzert. Seine Geschichte lehrt uns, dass Widerstand nicht immer laut sein muss. Manchmal reicht es, eine Fahrradkette zu ölen, um die Maschinerie einer Diktatur für die eigenen Zwecke zu nutzen – und am Ende auf dem Alexanderplatz zu stehen und das richtige Lied zur richtigen Zeit zu singen.

Warum Wenzel im Westen nur den Osten mit mehr Farbe sieht

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Wenn in Deutschland über die „Wende“ gesprochen wird, folgt das Drehbuch meist einer klaren Dramaturgie: Hier das graue Unrechtsregime, dort das leuchtende Ziel der Träume, und dazwischen der dankbare Ostdeutsche, der endlich in der Freiheit angekommen ist. Und dann gibt es Hans-Eckardt Wenzel.

Wenzel stört. Er stört die Feierlichkeiten der Einheit, er stört die Nostalgiker der DDR, und am meisten stört er jene, die glauben, wir hätten heute den Gipfel der gesellschaftlichen Evolution erreicht. Wer dem Dichter und Sänger zuhört, wenn er über das „Davor“ und das „Danach“ spricht, der merkt schnell: Hier verweigert sich einer der Rolle des historischen Gewinners ebenso stur wie der des Verlierers.

Fragt man Wenzel nach der DDR, bekommt man keine Schwarz-Weiß-Malerei. Er verklärt die Diktatur nicht – er hat ihre Zensur und ihre Enge am eigenen Leib gespürt. Doch er weigert sich, seine Biografie als reines Opfer-Narrativ zu entsorgen. Für ihn war das Leben im Osten ein „tragikomisches Indianerspiel“. Ein Land, in dem vieles improvisiert, absurd und lückenhaft war, was aber paradoxerweise Nischen für eine Intensität des Lebens schuf, die er heute vermisst.

Sein Vorwurf an die Nachwendezeit ist nicht, dass die Mauer fiel, sondern dass mit dem politischen Bankrott auch „soziale Kostbarkeiten“ entwertet wurden. Dass Lebensläufe über Nacht zu Altpapier erklärt wurden. Wenzel trauert nicht dem Staat nach, sondern dem solidarischen Miteinander, das oft aus der Not geboren war und im kalten Wind der Marktwirtschaft erfroren ist.

Doch richtig bissig wird Wenzel erst, wenn er den Blick auf den Westen richtet – oder das, was heute „Gesamtdeutschland“ ist. Schon 1988, als ihm die Ausreise in die Bundesrepublik angeboten wurde, lehnte er ab. Nicht aus Treue zur SED, sondern aus einer verblüffenden Weitsicht: Er wollte nicht in die „andere Provinz“.

Für Wenzel war der Westen nie das Paradies, sondern im Grunde „das Gleiche wie die DDR, nur reicher“. Ein Satz, der im westdeutschen Feuilleton Schnappatmung auslöst, aber den Kern seiner Philosophie trifft. Er sah drüben wie hüben Systeme, die den Menschen kleinhalten. Nur die Methoden waren anders: „Was im Osten die Stasi war, ist im Westen das Finanzamt“, sagte er einmal.

Das ist keine moralische Gleichsetzung von Unrecht, sondern eine Analyse der Disziplinierung. Dort regierte die Angst vor dem Knast, hier regiert die Angst vor dem sozialen Abstieg. Ideologie wurde durch Konsum ersetzt, Parolen durch Werbeslogans.

Und heute? Ist Wenzel, der alte Rebell, nun zufrieden? Keineswegs. Er blickt auf unsere Gegenwart und diagnostiziert eine „stalinistische Humorlosigkeit“. Er, der im Osten gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen und zu sprechen, wittert heute wieder den stickigen Geruch des Konformismus.

Er sieht eine Gesellschaft, die sich in Moralismus verrennt, in der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird und in der die großen Utopien durch das Verwalten des Status quo ersetzt wurden. Die „Narrenfreiheit“, die er sich einst erkämpfte, sieht er heute nicht durch staatliche Zensur, sondern durch gesellschaftlichen Druck bedroht.

Wenzel lehrt uns eine unbequeme Wahrheit: Der Systemwechsel allein befreit den Kopf nicht. Er hat seine Position am Rand nicht aufgegeben, nur weil sich die Kulissen verschoben haben. Er ist nicht vom Osten in den Westen gewandert, sondern er ist stehengeblieben, während sich der Boden unter ihm drehte.

Das macht ihn so wertvoll. In einer Zeit, in der wir uns gerne einreden, unser heutiges System sei alternativlos, braucht es einen wie ihn. Einen, der uns daran erinnert, dass wir vielleicht nur in eine reichere, buntere Provinz gezogen sind – und dass die wahre Freiheit immer noch Arbeit ist. Jeden verdammten Tag.

Vollkomfort in Beton: Warum die Platte für viele ein Aufstieg war

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Der Plattenbau gilt heute oft als Symbol für Tristesse und städtebauliches Scheitern. Doch in der DDR war der Einzug in eine „WBS 70“ für Millionen Menschen der Inbegriff von modernem Wohnkomfort und privater Freiheit – ein Aspekt, der in der Rückschau oft fehlt.

In der heutigen Debatte über ostdeutsche Städtebaugeschichte dominiert oft das Bild der grauen, monotonen Plattenbausiedlungen. Begriffe wie „Arbeiterschließfach“ oder „Betonwüste“ prägen den Diskurs. Dabei wird übersehen, dass diese Sichtweise eine nachträgliche Zuschreibung ist, die das Lebensgefühl der damaligen Bewohner kaum widerspiegelt. Für die Mehrheit der DDR-Bevölkerung war die Zuweisung einer Neubauwohnung kein Abstieg, sondern ein ersehnter sozialer Aufstieg und ein gewaltiger Gewinn an Lebensqualität.

Um dies zu verstehen, muss man sich den Zustand der Altbausubstanz in den 1970er und 80er Jahren vor Augen führen. Viele Gründerzeitviertel waren dem Verfall preisgegeben; Außenklos, feuchte Wände und das mühsame Schleppen von Kohle für die Ofenheizung bestimmten den Alltag. Vor diesem Hintergrund erschien die Plattenwohnung mit Fernwärme, warmem Wasser aus der Wand und einem Innenbad wie purer Luxus. Der Begriff „Vollkomfort“ war kein Euphemismus der Propaganda, sondern real erlebte Erleichterung des täglichen Lebens.

Die Architektur der Platte hatte zudem eine soziale Komponente. In den neuen Siedlungen mischten sich oft verschiedene Schichten – der Arbeiter wohnte neben dem Ingenieur oder der Lehrerin. Zwar gab es auch hier Hierarchien bei der Wohnungsvergabe, doch die räumliche Nähe förderte eine gewisse soziale Durchmischung. Die standardisierten Grundrisse schufen zudem vergleichbare Lebensbedingungen, was das Gefühl einer egalitären Gesellschaft zumindest im Wohnbereich verstärkte. Der Neid auf die Villa des Nachbarn spielte kaum eine Rolle, da die Unterschiede minimal waren.

Auch das Bedürfnis nach Privatsphäre wurde hier paradoxerweise besser bedient als in den engen Hofstrukturen der Altbauten. Die Anonymität des Hochhauses bot einen Rückzugsraum, den man in der dörflichen Enge oder den hellhörigen Altbauten so nicht kannte. Die „WBS 70“-Wohnungstür war eine effektive Grenze zur Außenwelt, hinter der man sich im privaten Kreis einrichtete. Die heute oft kritisierte Uniformität der Fassaden wurde im Inneren durch individuelle Gestaltung kompensiert.

Natürlich hatte die Plattenbauweise massive Mängel. Die Hellhörigkeit der Wände, die oft fehlende Infrastruktur im Umfeld und die städtebauliche Monotonie waren reale Probleme. Doch in der Erinnerung vieler Ostdeutscher überwiegt der Stolz auf die erste eigene, moderne Wohnung. Es war der Ort, an dem Familien gegründet wurden und an dem man sich sicher fühlte.

Die radikale Abwertung der Plattenbaugebiete nach 1990 wurde daher von vielen als Abwertung ihrer eigenen Biografie empfunden. Wenn das eigene Zuhause plötzlich als „sozialer Brennpunkt“ geframt wird, erzeugt das Abwehrhaltungen. Eine differenzierte Betrachtung muss anerkennen, dass Beton für die einen Hässlichkeit, für die anderen aber Heimat und Fortschritt bedeutete. Die Platte ist damit mehr als Architektur; sie ist ein steinernes Zeugnis ostdeutscher Sozialgeschichte.

Forderungskatalog Schwedter Bausoldaten zum Zivildienst

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Die Situation spielt im Spätherbst 1989, in einer Phase, in der gesellschaftliche Gruppen in der DDR zunehmend offen politische und strukturelle Reformen formulieren. Ein Arbeitskreis Schwedter Bausoldaten übergibt dem ADN ein Papier mit „Vierzehn Forderungen zum Zivildienst“, das die Erfahrungen und Grundhaltungen jener jungen Männer spiegelt, die den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigerten und in der Armee als Bausoldaten dienten. In nüchterner, aber entschlossener Sprache wird der Zivildienst als „persönliches und gesellschaftliches Friedenszeugnis“ beschrieben – ein Begriff, der den moralischen Kern des Anliegens hervorhebt.

Hauptthema ist die Forderung nach einem echten zivilen Ersatzdienst, der nicht dem Verteidigungsministerium untersteht und völlig frei von militärischen oder paramilitärischen Elementen ist. Die Entscheidung zwischen Wehrdienst und Zivildienst soll ausschließlich dem Gewissen des Einzelnen folgen. Der Text betont die Selbstbestimmung des Wehrpflichtigen und die klare Abgrenzung vom militärischen Bereich – inklusive des Verzichts auf jeglichen Eid.

Die vorgeschlagenen Einsatzgebiete zeichnen ein atmosphärisches Bild dessen, was diese Generation als gesellschaftlich sinnvoll erachtete: Altenpflege, Behindertenhilfe, Jugendfürsorge, Umweltschutz, Gedenkstättenarbeit, kommunale Aufgaben. Es sind Tätigkeiten, die Nähe zum Alltag und zu sozialen Problemlagen aufweisen – fernab der Kasernenwirklichkeit der DDR.

Die Forderungen bewegen sich zugleich innerhalb der bekannten organisatorischen Logik der DDR: Der Dienst soll nach dem Arbeitsgesetzbuch strukturiert sein, allerdings mit Ausnahmen bei Kündigungsrecht und Entlohnung. Die finanzielle Gleichstellung mit Wehrpflichtigen zeigt den Versuch, den Dienst nicht als „Strafe“ oder Benachteiligung auszugestalten.

Atmosphärisch wirken die Sätze wie ein nüchterner, ruhig formulierter Schritt in Richtung einer friedensorientierten Bürgergesellschaft: sachlich, gewissensbezogen, ohne Pathos, aber bestimmt. Dass die Forderung nach einem 24-monatigen einmaligen Dienst klar festgelegt wird, verleiht dem Papier eine Struktur, die an amtliche Dokumentensprache erinnert und zugleich den Wunsch nach Verlässlichkeit ausdrückt. Insgesamt entsteht der Eindruck eines stillen Reformimpulses von innen heraus – getragen von jungen Männern, die aus ihrem militärischen Alltag heraus nach neuen, zivilen Wegen suchten.

Der Kampf um Deutungshoheit: Wie der Runde Tisch im November 1989 entstand

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Ende November 1989, nur zwei Wochen nach dem Fall der Mauer, beginnt in der DDR ein politischer Aushandlungsprozess, der später als „Runder Tisch“ zum Markenzeichen des friedlichen Übergangs wird. Doch der Weg dorthin ist weniger harmonisch, als spätere Erinnerungen vermuten lassen. Zwischen Kirchen, Bürgerbewegungen und der alten Staatspartei entbrennt ein subtler Kampf um die Deutungshoheit: Wer hat die Initiative ergriffen – und wer bestimmt die Regeln dieses neuen politischen Raums?

Zunächst setzen die evangelischen Bischöfe Gottfried Forck und Werner Leich ein Signal. Sie begrüßen öffentlich den Vorschlag der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ und regen an, alle gesellschaftlichen Kräfte rasch an einen Tisch zu bringen. Das Dietrich-Bonhoeffer-Haus wird als neutraler Ort genannt – ein bewusster Schritt, der an die friedenspolitische Oppositionsarbeit der 1980er Jahre anknüpft. Die Kirchen wollen moderieren, nicht dominieren. Auch die katholische Bischofskonferenz stimmt zu. Die Atmosphäre: vorsichtige Öffnung, zugleich Wachsamkeit gegenüber parteipolitischer Einflussnahme.

Kurz darauf meldet sich das Politbüro. Es schlägt seinerseits einen Runden Tisch vor – mitsamt Themen: Wahlgesetz, freie Wahlen, Verfassungsreform. Offiziell klingt das nach Reformbereitschaft. Für die Bürgerbewegungen jedoch entsteht der Eindruck einer politischen Umdeutung. Die SED wirkt plötzlich wie Initiator des Prozesses, obwohl der Impuls aus der Opposition kam.

Genau dagegen richtet sich die Erklärung von Konrad Weiß, Sprecher von „Demokratie Jetzt“. Er widerspricht der ADN-Meldung scharf und fordert eine wahrheitsgemäße Darstellung. Die Opposition – bisher ohne feste Strukturen, ohne Zugang zu Rundfunk und Fernsehen – ringt um gleichberechtigte Sichtbarkeit. Medienpräsenz wird zur Voraussetzung politischer Mitbestimmung.

So markieren die Tage zwischen dem 21. und 28. November 1989 nicht nur den Beginn des Runden Tisches, sondern auch den Beginn eines offenen Kampfes um Öffentlichkeit. Es ist der Moment, in dem die DDR eine neue politische Kultur erprobt – tastend, widersprüchlich, aber entschlossen.

„Ihr müsst das sehen“ – Ein Vater zeigt seinen Kindern das Lager

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Im Frühjahr 1945 kollabierte im Thüringer Umland die nationalsozialistische Ordnung. In diesem Machtvakuum wurde ein Bauer aus Liebstedt von der US-Armee zum Bürgermeister ernannt und mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betraut: Er sollte Milch für die Überlebenden des befreiten Lagers Buchenwald liefern. Dass er seinen elfjährigen Sohn auf diese Fahrten mitnahm, ist ein seltenes Zeugnis dafür, wie die Konfrontation mit der deutschen Schuld im ländlichen Raum konkret aussah.

Der April 1945 markiert in der ostdeutschen Regionalgeschichte eine Zäsur, die oft von den großen politischen Narrativen überdeckt wird. In den Dörfern rund um Weimar, in Sichtweite des Ettersbergs, bedeutete die Ankunft der 3. US-Armee nicht nur das militärische Ende des Krieges, sondern den Zusammenbruch einer sorgsam gepflegten Fassade. Jahrelang war das Konzentrationslager Buchenwald ein offenes Geheimnis gewesen – ein Ort, dessen Existenz man kannte, dessen Realität man aber aus dem dörflichen Alltag verdrängte.

Für den damals elfjährigen Zeitzeugen aus Liebstedt bestand dieses Wissen aus Fragmenten. Man sah die SS-Posten an den Waldrändern, man ahnte das Grauen, doch sprach man nicht darüber. Diese Mauer des Schweigens bekam erst Risse, als die SS kurz vor der Befreiung Tausende Häftlinge auf Todesmärsche schickte. Plötzlich lagen entkräftete Gestalten nachts an den Straßenrändern der Dörfer. Der Terror, der zuvor im Wald isoliert war, diffundierte in den öffentlichen Raum der Dorfgemeinschaft.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 11. April 1945 veränderten sich die lokalen Hierarchien radikal. Die Besatzer suchten pragmatisch nach unbelasteten Verwaltern. Die Wahl fiel in Liebstedt auf den Vater des Zeitzeugen, einen Landwirt, der sich dem Regime durch kleine, aber signifikante Verweigerungen – wie dem Verzicht auf den „Volksempfänger“ – entzogen hatte. Als neuer, von den Amerikanern eingesetzter Bürgermeister stand er vor einer doppelten Herausforderung: Er musste die durchziehenden Flüchtlingsströme bewältigen und gleichzeitig den Befehlen der Besatzer folgen, die logistische Hilfe für das befreite Lager einforderten.

Die Amerikaner organisierten die Versorgung der Häftlinge, deren körperlicher Zustand katastrophal war. Milch sollte als „Schluckmilch“ dienen, um die Mägen der Verhungerten, die an feste Nahrung nicht mehr gewöhnt waren, vorsichtig wieder zu aktivieren. Der Vater organisierte Traktor und Hänger für den Transport. Doch anstatt diese Fahrten allein zu erledigen, traf er eine Entscheidung, die für die damalige Zeit und den ländlichen Kontext ungewöhnlich war: Er nahm seine Kinder mit.

Es war eine drastische pädagogische Maßnahme, die dem Duktus der amerikanischen „Re-Education“ vorausgriff, aber aus einer persönlichen moralischen Haltung entsprang. Der Vater wollte, dass die nächste Generation sieht, was geschehen war. Die Kinder fuhren auf dem Anhänger, bewacht von GIs mit entsicherten Gewehren, direkt in das Lager. Sie sahen das Krematorium, die Leichenberge und die lebenden Skelette.

Der Zeitzeuge beschreibt Szenen von kaum fassbarer Tragik, die sich in das Gedächtnis des Elfjährigen einbrannten. Er sah, wie ein Häftling, getrieben von unstillbarem Hunger, den Rest einer Milchkanne austrank – und erfuhr am nächsten Tag, dass dieser Mann an den Folgen der plötzlichen Nahrungsaufnahme gestorben war. Diese physiologische Unmittelbarkeit des Sterbens machte das abstrakte Verbrechen konkret. Auch die Begegnung mit verstümmelten Häftlingen, etwa einem Kind mit schwersten Gesichtsverletzungen durch einen Kapo, gehörte zu diesen Eindrücken.

In vielen ostdeutschen Familien wurde über die NS-Zeit nach 1945 geschwiegen oder man flüchtete sich in die kollektive Erzählung des Antifaschismus, die den Staat DDR legitimierte, aber die individuelle Verstrickung oft ausblendete. Im Haus des Zeitzeugen hingegen wurde gesprochen. Der Vater thematisierte das Erlebte offen. Als die Mutter im Herbst 1945 starb, wurden die Gänge zum Friedhof für die Kinder auch zu Momenten, in denen sie die Bilder aus Buchenwald verarbeiteten.

Diese Mikrogeschichte aus dem Raum Weimar ist historisch wertvoll, weil sie eine Grauzone beleuchtet. Sie zeigt einen Vater, der kein politischer Widerstandskämpfer im klassischen Sinne war, sondern ein Mann, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hatte und diese Verantwortung an seine Kinder weitergab. Während die offizielle DDR-Gedenkkultur später Figuren wie das „Buchenwald-Kind“ Stefan Jerzy Zweig in den Mittelpunkt stellte, blieben solche stillen, privaten Konfrontationen mit der Schuld oft unerzählt. Sie sind jedoch essenziell, um die gesellschaftliche Atmosphäre im Osten Deutschlands unmittelbar nach dem Krieg zu verstehen.