Unweit des DDR Museum steht das ehemalige Staatsratsgebäude, ein Symbol staatlicher Selbstinszenierung. In der neuen Reihe »Orte Ost« analysiert Historiker Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk diesen Bau. Die Folge verdeutlicht, dass Architektur hier weit mehr als eine Hülle war. Sie diente als gezieltes Herrschaftsinstrument. Die Reihe beleuchtet Schauplätze der DDR-Geschichte und verbindet historische Einordnung mit einer Spurensuche, die bis in die Gegenwart reicht.
Nach Wilhelm Piecks Tod schuf Walter Ulbricht den Staatsrat als kollektives Staatsoberhaupt. Der 1964 eröffnete Bau, der erste repräsentative Regierungsneubau Ost-Berlins, sollte den Schlossplatz politisch neu besetzen. Kowalczuk rekonstruiert diese Entstehung: Das Gebäude manifestierte den Anspruch der SED-Führung, im Zentrum der Hauptstadt eine eigenständige Identität und moderne Machtarchitektur zu verankern.
Die Fassade integriert bewusst das Portal IV des gesprengten Stadtschlosses. Diese Geschichtspolitik nutzte den angeblichen Ort von Liebknechts Republik-Ausrufung, um Tradition zu stiften. Das architektonische Zitat diente dazu, die DDR als Erbin revolutionärer Bewegungen zu legitimieren. Das preußische Erbe wurde so selektiv und funktional in das neue staatliche Selbstverständnis eingebaut.
Im Inneren prägen Walter Womackas monumentale Glasmalereien das Bild. Sie zeigen idealisierte Visionen des Zusammenlebens und spiegeln die Utopie der Aufbaujahre wider. Unabhängig von der Realität bot diese Kunst den dort Arbeitenden einen täglichen Resonanzraum. Die Ikonografie sollte den Glauben an die historische Richtigkeit des eingeschlagenen Weges visuell und ideologisch bestärken.
Unter Erich Honecker verlor das Haus ab 1971 seine politische Schlüsselfunktion. Es wandelte sich von der Schaltzentrale zur reinen Repräsentationskulisse für Staatsbesuche. Für die Bevölkerung blieb der Zugang zu diesem hermetisch abgeriegelten Bereich versperrt. Das Gebäude wurde als exklusiver Raum der Obrigkeit wahrgenommen, in dem Macht zwar inszeniert, aber kaum noch real ausgeübt wurde.
Nach einer Zwischennutzung als Bundeskanzleramt ist das Haus heute Sitz der European School of Management and Technology. Wo einst ein geschlossener Zirkel regierte, studieren Menschen aus aller Welt. »Orte Ost« lädt zu dieser Entdeckungsreise ein. Die Wandlung zur offenen Bildungsinstitution füllt die historische Hülle mit einem Geist des Austauschs, der optimistisch in die Zukunft wirkt.


Im Oktober 1989 übernahm Egon Krenz die Führung der SED und des Staates von Erich Honecker. Diese 46 Tage seiner Amtszeit markieren eine der dichtesten Phasen der deutschen Geschichte. Krenz, lange als Nachfolger aufgebaut, trat an, um eine Wende einzuleiten, doch die Dynamik der Straße hatte die politischen Strukturen bereits überholt. Seine Übernahme war weniger ein geplanter Neuanfang als der Versuch, ein erodierendes System zu stabilisieren, was in der historischen Rückschau als eine kaum lösbare Aufgabe erscheint.
Mit dem Sturm auf die Stasi-Zentrale im Januar 1990 zerfiel eine jahrzehntelange Machtstruktur fast über Nacht. Für rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter markierte dies den Verlust von Arbeitsplatz und sozialem Status. Die Auflösung der Institution, die die SED-Herrschaft gesichert hatte, hinterließ ein Vakuum. Viele der Dienenden fanden sich in einer Situation wieder, die eine völlige Neuorientierung erzwang und zahlreiche Biografien abrupt unterbrach.
Der Vollzug der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 bedeutete für die Streitkräfte der DDR eine historische Zäsur. Mit dem Beitritt zur Bundesrepublik endete die Existenz der Nationalen Volksarmee (NVA), deren Verbände und Material in die Bundeswehr übergingen. Dieser Vorgang war militärhistorisch ohne Vorbild, ging jedoch mit einem radikalen Personalabbau einher, der die Lebenswege vieler Soldaten abrupt veränderte.
Der Abzug der Westgruppe der Truppen (WGT) im Jahr 1994 markierte das Ende einer 49-jährigen Präsenz sowjetischer und später russischer Streitkräfte auf deutschem Boden. Es handelte sich um die größte Truppenverlegung zu Friedenszeiten in der Geschichte, bei der rund 340.000 Soldaten sowie deren Familienangehörige und zivile Angestellte nach Russland zurückkehrten. Dieses logistische Großprojekt war eine direkte Folge des Zwei-plus-Vier-Vertrags und symbolisierte geopolitisch das endgültige Ende des Kalten Krieges sowie die vollständige Souveränität des wiedervereinigten Deutschlands.
Markus Wolfs Biografie spiegelt exemplarisch die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts wider. Geboren 1923 als Sohn des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf, war seine Jugend maßgeblich durch das Exil in Moskau geprägt. Diese Jahre unter dem Einfluss des Stalinismus und die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs formten sein politisches Bewusstsein sowie seine Loyalität zur Sowjetunion und später zur DDR. Er gehörte einer Generation an, für die der Antifaschismus nicht nur staatliche Doktrin, sondern eine existenzielle Überlebensstrategie und identitätsstiftende Klammer war.
Wünsdorf, oft als „Klein-Moskau“ bezeichnet, bildet ein singuläres Phänomen der deutschen Zeitgeschichte. Als Sitz des Oberkommandos der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) war das Areal südlich von Berlin über Jahrzehnte eine hermetisch abgeriegelte Enklave. Für die umwohnende DDR-Bevölkerung blieb die Stadt, in der zu Hochzeiten bis zu 75.000 sowjetische Militärangehörige und Zivilisten lebten, ein weißer Fleck auf der Landkarte, dessen Betreten streng untersagt war. Diese Exterritorialität schuf eine bizarre Nachbarschaft aus räumlicher Nähe und absoluter gesellschaftlicher Distanz, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Region eingebrannt hat.
Zwischen 1958 und 1960 entstand in den Wäldern nördlich von Berlin ein Wohnkomplex, der als Symbol für die räumliche und mentale Distanz der Staatsführung in die Geschichte eingehen sollte. Die Waldsiedlung Wandlitz diente bis 1989 als exklusiver Wohnsitz für die Mitglieder und Kandidaten des SED-Politbüros. Abgesichert durch Mauern und Bewachung entstand hier ein Mikrokosmos, der von der alltäglichen Lebensrealität der DDR-Bevölkerung streng abgeschirmt war. Diese geografische Isolation korrespondierte mit einer zunehmenden politischen Kapselung der Entscheidungsträger.
Die Beelitz-Heilstätten südwestlich von Berlin repräsentieren ein bemerkenswertes Kapitel deutscher Sozial- und Architekturgeschichte. Ursprünglich um die Jahrhundertwende als Lungenheilanstalt für die rasant wachsende Reichshauptstadt errichtet, spiegeln die Gebäude den damaligen fortschrittlichen Geist der Gesundheitsfürsorge wider. Die Anlage war nicht nur medizinisch funktional, sondern durch ihre ästhetische Gestaltung und die Einbettung in die Waldlandschaft auch ein Ort der Genesung, was den hohen Stellenwert sozialer Infrastruktur in jener Zeit verdeutlicht.
Der Erfurter Musiker Clueso blickt im Gespräch mit seinem Kollegen MoTrip zurück auf seine Kindheit in der DDR und die Zeit nach der Wiedervereinigung. Er beschreibt diese Phase als eine Ära paradoxer Freiheiten. Während staatliche Strukturen zerfielen, entstanden für die Jugend in Erfurt unkontrollierte Freiräume in alten Fabriken, die den Nährboden für eine kreative Entfaltung bildeten, die im geordneten Alltag kaum möglich gewesen wäre.