Jede Gesellschaft hat Orte, an denen sie ihre „Problemfälle“ sammelt. Orte, an die man nicht sehen will, die aber viel über den Zustand der jeweiligen Gesellschaft aussagen. In den 1980er Jahren standen zwei Orte symbolisch für das Scheitern von Erziehung und Integration in Ost und West: der Bahnhof Zoo in West-Berlin und der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau in der DDR. Der Vergleich dieser beiden „Höllen“ offenbart den fundamentalen Unterschied im Umgang mit abweichendem Verhalten in einer Demokratie mit sozialen Lücken und einer totalitären Erziehungsdiktatur.
Westen: Verwahrlosung und Drogenelend am Bahnhof Zoo Im Westen war das Schreckgespenst der Eltern die Heroinspritze. Ende der 70er Jahre schwappte eine Drogenwelle über die Bundesrepublik, die Tausende Jugendliche mitriss. Das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1978) über das Schicksal der Christiane F. schockierte die Republik und machte das Elend sichtbar. Der Bahnhof Zoo und der „Babystrich“ an der Kurfürstenstraße waren Orte der totalen Verwahrlosung. Jugendliche, die durch die Raster von Schule und Elternhaus gefallen waren, lebten hier auf der Straße, prostituierten sich für den nächsten Schuss und starben oft elend auf öffentlichen Toiletten.
Der Staat reagierte hilflos, teils mit repressiven Polizeieinsätzen, teils mit dem langsamen Aufbau von Drogenberatungsstellen und Methadonprogrammen. Das Entscheidende aber war: Dieses Elend war öffentlich. Es wurde in Talkshows diskutiert, in Magazinen abgebildet. Die Gesellschaft musste sich fragen lassen, warum im Wohlstand so viele Kinder abstürzten. Die Jugendlichen hatten die „Freiheit“ zur Selbstzerstörung, und das soziale Netz fing sie oft nicht auf. Es war ein Scheitern an der Freiheit und der Kälte der Städte.
Osten: Die planmäßige Brechung der Seele in Torgau In der DDR durfte es offiziell keine Drogenabhängigen oder Obdachlosen geben. Jugendliche, die sich nicht in das sozialistische Kollektiv einfügten – sei es durch Schulschwänzen, Punks-Sein, „Arbeitsscheu“ oder Fluchtversuche –, wurden nicht dem Elend der Straße überlassen, sondern der staatlichen Disziplinierungsmaschinerie zugeführt. Die Endstation dieses Systems war der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau. Wer hier landete, war oft erst 14 oder 16 Jahre alt. Torgau war kein Erziehungsheim, sondern ein Jugendgefängnis ohne richterliches Urteil. Die Einweisung erfolgte administrativ durch die Jugendhilfe.
Das Ziel war die „Umerziehung“ zur „sozialistischen Persönlichkeit“, was in der Praxis die Brechung des eigenen Willens bedeutete. Der Alltag in Torgau war geprägt von militärischem Drill, entwürdigenden Aufnahmeritualen, Sport bis zur physischen Erschöpfung und absoluten Schweigegebote. Bei kleinsten Vergehen drohte der „Dunkelarrest“. Jugendliche wurden isoliert, ihrer Individualität beraubt und psychisch systematisch zerstört. Zeitzeugen berichten von einer Atmosphäre der ständigen Angst und Gewalt, die viele ein Leben lang traumatisierte. Der perfide Unterschied zum Westen war die Unsichtbarkeit. Torgau tauchte in keinen Medien auf. Es war ein staatliches Geheimnis.
Nach außen hin war die DDR das Land der glücklichen FDJler; hinter den Mauern von Torgau herrschten Bedingungen, die an Umerziehungslager erinnerten. Während man im Westen am Bahnhof Zoo an der Freiheit scheitern konnte, wurde man im Osten bestraft, wenn man sie suchte. Torgau war die staatlich organisierte Gewalt gegen die eigene Jugend.


Die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik ist untrennbar mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verbunden. Gegründet im Jahr 1950, nur wenige Monate nach der Staatsgründung, diente das MfS nicht nur als Nachrichtendienst, sondern explizit als „Schild und Schwert“ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Diese Doppelfunktion definierte das Selbstverständnis des Apparats: Es ging um die Sicherung der politischen Macht durch die umfassende Kontrolle der eigenen Bevölkerung. Die strukturelle Ausrichtung orientierte sich dabei stark am sowjetischen Vorbild, wobei das MfS im Laufe der Jahrzehnte eine Dichte an Überwachung erreichte, die selbst den KGB in Bezug auf das Verhältnis von Agenten zur Einwohnerzahl übertraf.
In der kollektiven Erinnerung vieler Menschen, die in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen sind, spielt das olfaktorische Gedächtnis eine zentrale Rolle. Es existiert eine spezifische, schwer zu beschreibende Geruchsmischung, die untrennbar mit den Paketsendungen aus der Bundesrepublik verbunden ist. Diese Mischung aus Bohnenkaffee, westlichen Pflegeprodukten wie Seife oder Weichspüler und Schokolade bildete einen starken Kontrast zum sensorischen Alltag der DDR. Das sogenannte Westpaket war in den 1980er Jahren jedoch weit mehr als eine reine Versorgungslieferung; es fungierte als kulturelles Artefakt, das soziale Beziehungen definierte und den Empfängern ein Fenster in eine für sie oft unerreichbare Welt öffnete.
Die 1980er Jahre in Deutschland waren unter der oft zitierten bunten Pop-Oberfläche von intensiven gesellschaftlichen Spannungen geprägt. In beiden deutschen Staaten markierten Jugendkulturen Frontlinien, die jedoch fundamental unterschiedlich verliefen. Musik, Mode und Styling dienten in diesem Jahrzehnt nicht nur der individuellen Freizeitgestaltung, sondern waren Ausdruck tiefergehender gesellschaftlicher und politischer Konflikte.
In den 1980er Jahren bildete der VEB Sachsenring in Zwickau das Zentrum der ostdeutschen Automobilindustrie. Während die Wartezeiten auf einen neuen Trabant für die Bevölkerung auf über ein Jahrzehnt anstiegen, gelang es einem Mitarbeiter, diese Knappheit systematisch zu umgehen. Der Fall des Mechanikers Thomas B. dokumentiert eine der bemerkenswertesten Serien von Wirtschaftskriminalität in der DDR, die über acht Jahre lang unentdeckt blieb.
Die Deutsche Demokratische Republik definierte sich stark über ihre sozialpolitischen Errungenschaften, wobei die flächendeckende Kinderbetreuung als eines der zentralen Aushängeschilder galt. Sie ermöglichte Frauen eine bis dahin ungekannte Erwerbsbeteiligung und wirtschaftliche Unabhängigkeit, was zweifellos einen emanzipatorischen Fortschritt darstellte. Doch während die makroökonomischen und gesellschaftlichen Vorteile dieses Systems lange im Vordergrund standen, rücken aktuelle psychologische Forschungen zunehmend den Preis in den Fokus, den viele Kinder für diese frühe Verstaatlichung der Erziehung zahlen mussten. Studien wie die „TESTIMONY“-Untersuchung beleuchten heute die langfristigen psychischen Folgen eines Systems, das funktionale Abläufe oft über emotionale Bedürfnisse stellte.
Es gibt diese Erinnerung an die neunziger Jahre, an eine fast physikalische Gewissheit, die damals in den Fernsehnachrichten und Sonntagsreden mitschwang. Die Landkarte, so die Vorstellung, würde irgendwann nicht mehr verraten, wo früher die Grenze verlief. Man ging davon aus, dass sich Lebensverhältnisse, Löhne und Einstellungen wie Wasserpegel in verbundenen Gefäßen angleichen würden. Es war ein Versprechen auf Normalität, wobei „normal“ immer westdeutsch bedeutete.
Wenn ich in die Kommentarspalten meiner Beiträge in Facebook blicke, wobei es um das Erbe der DDR und die Wendezeit geht, betrete ich keinen Diskussionsraum. Ich betrete ein Schlachtfeld der Biografien. Da ist die Rede von „Raubzug“ auf der einen Seite und von „Rettung vor dem Staatsbankrott“ auf der anderen. Es ist, als würden zwei Menschen denselben Film sehen, aber während der eine ein befreiendes Drama erlebt, sieht der andere eine schmerzhafte Tragödie über den Verlust von Heimat und Würde.
In der historischen Betrachtung der friedlichen Revolution und des Übergangs in der DDR markiert der 15. Januar 1990 einen entscheidenden Moment. An diesem Tag drangen Tausende Bürger auf das Gelände der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg vor. Die Bilder der besetzten Normannenstraße gingen um die Welt und symbolisierten den endgültigen Machtverlust des Sicherheitsapparates. Weniger bekannt ist die interne Auseinandersetzung über die Verantwortung an jenem Tag, die in einem späteren Streitgespräch zwischen Heinz Engelhardt und Hans Modrow dokumentiert ist.
