In einem aktuellen Science-Slam-Vortrag stellt der Geograph Corvin Drößler eine Frage, die auf den ersten Blick kulinarisch wirkt, aber tief in die Struktur der deutschen Gesellschaft zielt: Was hat ein Jägerschnitzel mit Macht, Normen und der inneren Einheit zu tun? Auf der Bühne der von Julia Offe veranstalteten Reihe nutzt Drößler dieses anschauliche Beispiel, um ein komplexes Phänomen greifbar zu machen. Während im Westen das Jägerschnitzel selbstverständlich als unpaniertes Fleisch mit Pilzsoße definiert wird, ist es im Osten traditionell eine panierte Scheibe Jagdwurst mit Tomatensoße und Spirelli. Das Spannende daran ist nicht der geschmackliche Unterschied, sondern die Hierarchie, die entsteht, wenn gesamtdeutsche Normen gesetzt werden.
Ausgehend von seiner eigenen Biografie und seiner wissenschaftlichen Arbeit zeigt Drößler auf, dass westdeutsche Perspektiven auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung oft als der unmarkierte Standard gelten. Wer beispielsweise eine Suchmaschine oder eine künstliche Intelligenz nach einem Jägerschnitzel fragt, erhält meist die westdeutsche Variante als die „richtige“ Antwort. Die ostdeutsche Version wird – wenn überhaupt – als regionale Kuriosität oder Abweichung geführt. Drößler leitet daraus den Begriff der „Critical Westdeutschness“ ab. Dieser Ansatz zielt darauf, genau diese unsichtbaren Normen sichtbar zu machen und zu hinterfragen, warum westdeutsche Sozialisation oft als allgemein deutsch gesetzt wird, während ostdeutsche Erfahrungen als das „Andere“ markiert bleiben.
Der Vortrag verlässt jedoch schnell die Ebene der Anekdoten und wendet sich harten Fakten zu. Drößler führt Zahlen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft an, die eine deutliche Sprache sprechen. Obwohl rund 19 Prozent der deutschen Bevölkerung einen ostdeutschen Hintergrund haben, spiegelt sich dieser Anteil nicht in den Entscheidungspositionen wider. In den Vorständen der DAX-Konzerne, an der Spitze der Universitäten, in der Justiz oder bei der Bundeswehr liegen die Zahlen ostdeutscher Führungskräfte im niedrigen einstelligen Bereich oder tendieren, wie beim Militär, gegen Null.
Diese strukturelle Ungleichheit bezeichnet Drößler als „Repräsentationslücke“. Sie hat konkrete Auswirkungen auf das gesellschaftliche Miteinander und politische Entscheidungen. Wenn in Gremien, die über Ressourcen und Richtungsentscheidungen befinden, fast ausschließlich Menschen mit westdeutscher Sozialisation sitzen, fehlen wichtige Erfahrungswerte. Entscheidungen werden auf Basis einer spezifischen Lebensrealität getroffen, die jedoch für allgemeingültig gehalten wird. Dies führt zu einer strukturellen Deprivilegierung ostdeutscher Perspektiven, die sich nicht durch individuelle Leistung, sondern durch systemische Hürden und Netzwerkeffekte erklärt.
Im Zentrum des Science Slams steht dabei nicht der Vorwurf, sondern die Analyse. „Critical Westdeutschness“ wird als eine Perspektive des Hinterfragens vorgestellt. Es geht nicht um moralische Schuldzuweisungen an einzelne westdeutsche Personen, sondern um das Erkennen von Machtverhältnissen. Wer versteht, dass die eigene, westdeutsch geprägte Sichtweise eine privilegierte Position darstellt, kann sensibler für die Ausblendung anderer Erfahrungen werden. Drößler lädt sein Publikum dazu ein, diese Reflexion zu wagen und aktiv an Veränderungen mitzuwirken.
Die Botschaft des Vortrags ist am Ende versöhnlich, aber fordernd: Eine echte Einheit entsteht nicht durch die Anpassung des Ostens an den Westen, sondern durch Anerkennung und Dialog auf Augenhöhe. Solange Ostdeutschland primär als Defizitraum wahrgenommen wird, der sich an eine westdeutsche Norm anzupassen hat, bleibt die Spaltung bestehen. Das Jägerschnitzel dient hierbei als Symbol dafür, dass zwei Wahrheiten nebeneinander existieren können, ohne dass eine davon falsch sein muss.
Drößlers Beitrag im Rahmen des Science Slams verdeutlicht, dass Wissenschaftskommunikation mehr kann als nur Daten zu vermitteln. Sie kann alltägliche Beobachtungen nutzen, um tiefsitzende gesellschaftliche Strukturen offenzulegen. Die Auseinandersetzung mit „Critical Westdeutschness“ ist dabei ein notwendiger Schritt, um zu verstehen, warum sich viele Menschen im Osten auch heute noch oft unsichtbar fühlen – und wie man diesen Zustand ändern kann.


Der Grundlagenvertrag von 1972 markierte in der deutsch-deutschen Geschichte eine signifikante Zäsur, die weit über rein diplomatische Aspekte hinausging. Die Verhandlungen zwischen Egon Bahr und Michael Kohl mündeten in einen Briefwechsel, der westdeutschen Journalisten erstmals offiziell das Recht zur Berichterstattung aus der DDR einräumte. Egon Bahr kommentierte das Ergebnis damals mit einer nüchternen Prognose über zukünftig „schlechte Beziehungen“, was den bevorstehenden, mühsamen Prozess der Annäherung treffend beschrieb. Bahr nutzte dabei eine taktische Finesse, indem er das Bundesinnenministerium als unnachgiebigen Akteur darstellte, um diplomatische Spielräume zu wahren. Für die SED-Führung blieb dieser Schritt dennoch ein riskantes Wagnis, da er die bisherige Isolation durchbrach und einen Rahmen für dauerhafte, systemimmanente Reibungen schuf.
Die Frage, wie Jugendliche in den Jahrzehnten der deutschen Teilung aufwuchsen, führt oft zu verkürzten Bildern. Auf der einen Seite steht das Narrativ der grauen, reglementierten DDR, auf der anderen das der bunten, freien Bundesrepublik. Doch historische Realitäten sind selten schwarz-weiß, sondern bestehen aus vielfältigen Graustufen. Wer sich mit der Jugend in Ost und West beschäftigt, muss verstehen, dass der Alltag zwar durch vollkommen unterschiedliche politische Systeme geprägt war, die Wünsche und Sehnsüchte der jungen Menschen sich jedoch oft ähnelten. Beide Staaten, die Bundesrepublik und die DDR, bildeten den Rahmen, in dem eine Generation heranwuchs, die ihren Platz im Leben suchte.
Der Tod von Karl Marx am 14. März 1883 in London markiert das Ende einer Biografie, die das 20. Jahrhundert maßgeblich prägen sollte, sich in dem konkreten Moment jedoch in tiefer privater Abgeschiedenheit vollzog. Die Rekonstruktion dieser letzten 48 Stunden stützt sich vor allem auf die detaillierten Briefe und Aufzeichnungen seines engsten Weggefährten Friedrich Engels. Es zeigt sich das Bild eines Mannes, dessen körperliche Konstitution nach Jahrzehnten im Exil, geprägt von prekären Lebensverhältnissen und intensiver intellektueller Arbeit, weitgehend erschöpft war. In der Maitland Park Road Nummer 41 im Norden Londons verdichteten sich im Frühjahr 1883 medizinische, klimatische und persönliche Faktoren zu einem Prozess, der schließlich zum Tode führte.
Die technische Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik war über Jahrzehnte hinweg von einem Spannungsfeld zwischen industriellem Anspruch und den realen Bedingungen einer zentralgesteuerten Planwirtschaft geprägt. Während im westlichen Ausland die Konsumgüterproduktion zunehmend durch kürzere Innovationszyklen und eine beginnende Orientierung an modischen Trends bestimmt wurde, folgten viele Erzeugnisse aus Betrieben wie Robotron oder dem Kombinat Fortschritt einer anderen Logik. Die Konstruktion von Geräten wie der Küchenmaschine KM 3 oder der Schreibmaschine Erika war primär auf eine jahrzehntelange Nutzungsdauer ausgelegt, was heute oft als bewusste Strategie gegen geplante Obsoleszenz interpretiert wird, historisch jedoch auch aus der Notwendigkeit resultierte, knappe Ressourcen effizient zu bewirtschaften.
Für viele Menschen, die in der DDR gelebt haben, ist die Erinnerung an den Sommerurlaub an der Ostsee eng mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) verknüpft. Ein zweiwöchiger Aufenthalt mit Vollpension für oft nur 50 bis 100 Mark war für Millionen Werktätige gelebte Realität und keine Legende. Der FDGB unterhielt als größte Urlaubsorganisation des Landes über 1200 Ferienheime und garantierte jährlich über 600.000 Plätze, um Arbeitern und Angestellten bezahlbare Erholung zu ermöglichen. Betrachtet man die heutigen Preise für vergleichbare Urlaube an der deutschen Ostseeküste, die oft im vierstelligen Euro-Bereich pro Person liegen, entsteht eine massive Diskrepanz, die Fragen nach den ökonomischen Ursachen aufwirft.
Blickt man auf die Geschichte der ländlichen Räume in Ostdeutschland zurück, offenbart sich ein historischer Befund, der aus heutiger Perspektive fast unwirklich erscheint. In den 1970er und 1980er Jahren verfügten selbst kleine Dörfer mit wenigen hundert Einwohnern über eine infrastrukturelle Dichte, die weit über das hinausging, was in vergleichbaren westdeutschen Gemeinden üblich war. Kindergärten, Konsum-Verkaufsstellen, Bibliotheken und regelmäßig besetzte Landambulatorien gehörten zum Standard. Diese Strukturen waren jedoch kein Zufallsprodukt einer idyllischen Dorfgemeinschaft, sondern das Ergebnis einer rigiden staatlichen Planung, die das Ziel verfolgte, die Lebensverhältnisse von Stadt und Land anzugleichen und die Bevölkerung in der Fläche zu binden.


Die Gastronomie in der Deutschen Demokratischen Republik war weit mehr als die reine Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Sie fungierte als Spiegelbild der wirtschaftlichen Verhältnisse und der politischen Ambitionen des Staates. Zwischen der einfachen Kantinenversorgung und den repräsentativen Prestigebauten in den Bezirksstädten spannte sich ein weites Feld auf, das von Mangelwirtschaft ebenso geprägt war wie von individueller Improvisationskunst.
Drei Autorinnen und ein Soziologe haben die Stimmung zwischen Erzgebirge und Uckermark erkundet und zeichnen das Bild einer Gesellschaft im klimatischen Wandel.