Ehrenbürger Ivan Ivanji in Weimar verstorben – Kondolenzbuch im Rathaus

Weimar. Am 9. Mai 2024 ist der serbische Schriftsteller, Diplomat, Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende sowie Ehrenbürger Weimars, Ivan Ivanji, im Alter von 95 Jahren in Weimar verstorben. „Der Tod Ivan Ivanjis macht mich unfassbar traurig. Mit ihm verliert Weimar eine außerordentliche Persönlichkeit, die mit unserer Stadt und dem Vermächtnis von Buchenwald tief verbunden war. Seine faszinierende Weisheit und Klugheit, aber auch sein wunderbarer Humor werden uns sehr fehlen“, betonte Oberbürgermeister Peter Kleine. „Unsere Gedanken sind bei seiner Familie. Wir werden Ivan Ivanji nicht vergessen.“ Der in Belgrad wohnende Ivan Ivanji hielt sich in Weimar als Gast zur Eröffnung des Museums Zwangsarbeit am 8. Mai auf.

Die Stadt Weimar bietet den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, sich am morgigen Sonnabend, 11.5., von 10 bis 14 Uhr sowie am Montag, 13.5., von 8 bis 18 Uhr im Rathaus-Festsaal in ein Kondolenzbuch einzutragen.

Ivan Ivanji war einer der bedeutendsten serbischen Schriftsteller, der durch seine Schriften und wichtigen Redebeiträge zu Gedenkveranstaltungen in Buchenwald, Weimar und Thüringen einen großen Beitrag leistete, der Erinnerung an das in Weimar Geschehene eine Zukunft zu geben.

Im Januar 2019 erhielt er den Thüringer Verdienstorden für sein jahrzehntelanges Engagement, die Verbrechen der Shoa aufzuarbeiten und die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Der Gedenkstätte Buchenwald und der Stadt Weimar war er als engagierter Zeitzeuge eng verbunden. Mehrfach sprach er anlässlich der Gedenkfeiern in Weimar und Thüringen. Der Weimarer Stadtrat erkannte ihm im April 2020 die Ehrenbürgerwürde zu.

Über das Leben von Ivan Ivanji:

Ivan Ivanji (geboren am 24. Januar 1929 in Zrenjanin (Banat; früher: Großbetschkerek oder Petrovgrad). Von Kriegsbeginn bis Anfang 1944 lebte er in Novi Sad bei einem Onkel, der mit einer Deutschen verheiratet war.

Ende April 1944 wurde er als Jude verhaftet und über Lager in Subotica und Baja am 27. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Von dort kam er im Juni 1944 nach Buchenwald, anschließend in das Außenkommando Magdeburg, im Oktober in das Außenkommando Niederorschel und am 18. Februar 1945 nach Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt.

Bevor Ivan Ivanji im September 1945 nach Jugoslawien zurückkehrte, hatte er in einem Sammellager erste nähere Kontakte zu Anhängern Titos. 1945-1948 besuchte er die Technische Oberschule in Novi Sad, anschließend war er Lehrer an der Technischen Oberschule in Belgrad. Er veröffentlichte Gedichte und war Sekretär im Schriftstellerverband Jugoslawiens, Redakteur in der Jugendzeitung „Omladina“ in Belgrad, 1956 Mitbegründer, dann Redakteur der Wochenzeitung „Mladost“. Ivan Ivanji trat für eine pluralistische und offene Kulturpolitik ein, kritisierte 1956 den sowjetischen Einmarsch in Ungarn. Seit den fünfziger Jahren arbeitete er als Dolmetscher für die jugoslawische Regierung und für Josip Broz Tito. 1969-1974 stellvertretender Generalintendant des „Nationaltheaters“, 1974-1978 Botschaftsrat für Kultur und Presse an der Jugoslawischen Botschaft in Bonn. 1975 nahm er als Dolmetscher an der KSZE-Gründungskonferenz in Helsinki teil. 1978-1981 „Selbständiger Berater“ im Außenministerium in Belgrad. 1979 Teilnahme an der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Havanna. 1982-1988 Generalsekretär des Schriftstellerverbandes Jugoslawiens.

Von Ivan Ivanji erschienen zahlreiche Romane, Erzählungen, Dramen und Aufsätze in serbischer und deutscher Sprache; er übersetzte Günther Grass, Bertolt Brecht, Max Frisch, Heinrich Böll u.a. ins Serbische. Ivan Ivanji lebte seit 1992 in Wien und Belgrad.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl