Der lange Schatten der Treuhand: Warum der Kampf um das „Theater Ost“ mehr ist als ein Mietstreit

Monate nach einem Gespräch mit Katrin Schülein ist die Lage rund um das Theater Ost im Kern unverändert. Die juristischen Fronten sind nicht endgültig geklärt, die strukturelle Unsicherheit bleibt bestehen, die kulturelle Arbeit steht weiterhin unter Vorbehalt. Kein Eklat, kein Durchbruch – nur Schweben. Doch dieser Stillstand ist keineswegs neutral. Er spricht eine eigene, sehr deutsche Sprache.

Denn in Ostdeutschland bedeutet ausbleibende Veränderung selten Stabilität. Sie bedeutet: Man hat verstanden, was das Problem ist – und dennoch beschlossen, es nicht wirklich zu lösen.

Der Konflikt in Adlershof wurde von Anfang an größer erzählt als eine Auseinandersetzung zwischen Mieter und Eigentümer. Zu Recht. Schülein hat früh ausgesprochen, was viele denken, aber selten so klar formulieren: Dass sich hier alte Muster wiederholen. Kündigung, Entkernung, Ignoranz gegenüber gewachsenen Strukturen – das alles weckt Erinnerungen an die frühen 1990er Jahre, an jene Zeit, in der das ostdeutsche Eigentum verschwand und mit ihm ganze Biografien.

Die Bezugnahme auf die Treuhandanstalt war kein rhetorischer Trick, sondern eine Erfahrungserzählung. Und sie wirkt bis heute nach. Nicht, weil man im Osten nicht loslassen könne, sondern weil die Geschichte nie wirklich verhandelt wurde. Die gesellschaftliche Botschaft lautete damals wie heute: Ihr dürft euch einbringen – aber bitte ohne Macht, ohne Kapital, ohne Entscheidungshoheit.

Dass sich an der Situation des Theaters nichts Grundlegendes geändert hat, bestätigt diese Wahrnehmung. Aufmerksamkeit ersetzt keine strukturelle Korrektur. Anteilnahme ersetzt keine ökonomische Absicherung. Und wohlmeinende Kulturpolitik ersetzt kein Eigentum.

Gleichzeitig liegt im Umgang des Theaters mit dieser Lage eine bemerkenswerte Verschiebung. Das Ausharren ist nicht passiv. Es ist bewusst. Die Aneignung des Begriffs „Ost“ ist kein nostalgischer Rückzug, sondern eine Kampfansage an die westdeutsche Norm, nach der Wert vor allem dort entsteht, wo Kapital fließt. Hier wird nicht um Anerkennung gebeten – sie wird eingefordert.

Dass diese Haltung ausgerechnet aus der Erfahrung von Mangel, Bruch und Abwertung entsteht, ist kein Zufall. Der Osten hat gelernt, unter Vorbehalt zu leben. Vielleicht sogar zu gut. Die Resilienz, die heute bewundert wird, ist das Resultat jahrzehntelanger Anpassungsleistung. Aber sie darf nicht zur Ausrede werden, strukturelle Ungleichheit weiter zu verwalten.

Der Fall Theater Ost zeigt deshalb vor allem eines: Die sogenannte „innere Einheit“ scheitert nicht an fehlendem guten Willen, sondern an der ungleichen Verteilung von Macht. Solange ostdeutsche Kulturorte ihre Existenz permanent rechtfertigen müssen, während andere über sie entscheiden, bleibt Einheit eine Behauptung.

Vielleicht ist es genau diese unveränderte Lage, die uns etwas lehrt. Dass Zuhören allein nicht reicht. Dass Verständnis ohne Konsequenzen folgenlos bleibt. Und dass Stillstand manchmal ehrlicher ist als jede wohlformulierte Sonntagsrede.

Denn wer nichts verändert, hat sich entschieden – nur eben gegen Veränderung.

Der Einsatz sowjetischer Schneefräsen im DDR-Winterdienst 1978/79

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL: Hook: Der plötzliche Temperatursturz am 28. Dezember 1978 veränderte den Alltag in der DDR innerhalb weniger Stunden grundlegend. Teaser: Wenn über den Katastrophenwinter gesprochen wird, stehen oft die Bilder der eingeschneiten Dörfer und der isolierten Insel Rügen im Vordergrund. Doch die Wiederherstellung der Infrastruktur war ein logistischer Kraftakt, der weitgehend von einer spezifischen Maschine abhing. Die sowjetische Schneefräse auf Basis des ZIL-LKWs war kein komfortables Arbeitsgerät. Mit einem Motor, der 150 PS leistete und eng mit militärischen Aggregaten verwandt war, fraß sie sich durch Schneewände, die bis zu drei Meter hoch waren. Für die Männer, die diese Maschinen bedienten, bedeutete der Einsatz im Norden der Republik eine extreme physische Belastung. Fahrer wie Heinz Mittelbach aus dem Erzgebirge wurden quer durch das Land beordert, um die Verkehrswege an der Küste freizulegen. In Schichten von bis zu 14 Stunden arbeiteten sie sich Meter für Meter voran. Dabei entwickelten sie eigene Fahrtechniken, um die massiven Verwehungen überhaupt bewältigen zu können. Es war ein Kampf gegen die Elemente, geführt mit einer Technik, die auf reine Robustheit ausgelegt war und keine Fehler verzieh. Die damaligen Strukturen ermöglichten eine schnelle, zentrale Umverteilung von Ressourcen von Süd nach Nord, doch die Naturgewalten zeigten auch die Grenzen dieses Systems auf. Die ZIL-Fräsen blieben noch lange nach diesem Winter ein vertrautes Bild auf den Straßen und sind teilweise bis in die jüngste Vergangenheit im Einsatz geblieben. Ihre Geschichte erzählt viel über den Umgang mit Ressourcen und die Prioritätensetzung in der DDR-Infrastrukturplanung. Es bleibt das Bild einer Landschaft, die langsam ihre Konturen zurückgewinnt. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Die gesetzlichen Grundlagen für den Winterdienst in der DDR unterschieden sich signifikant von den heutigen Regelungen. Teaser: Während heute oft von der Räumung nach „besten Kräften“ die Rede ist, existierte in der DDR eine Winterordnung, die den staatlichen Organen enge zeitliche Vorgaben setzte. Theoretisch bestand der Anspruch, dass Hauptverkehrswege innerhalb von zwei Stunden nach Schneefallbeginn beräumt sein mussten. Dies entsprach einem Rechtsanspruch des Bürgers gegenüber dem Staat, der eine hohe Erwartungshaltung an die Verfügbarkeit der Infrastruktur knüpfte. Im Katastrophenwinter 1978/79 traf dieser Anspruch auf eine Wetterlage, die jede Planung obsolet machte. Der Einsatz der schweren sowjetischen ZIL-Fräsen, die bis zu 1000 Tonnen Schnee pro Stunde bewegen konnten, war die materielle Antwort auf diese Herausforderung. Die Langlebigkeit dieser Technik, die teilweise über 40 Jahre im Dienst blieb, ist dabei ein technikhistorisches Detail, das die Pragmatik des ostdeutschen Winterdienstes unterstreicht. Die Straßen waren irgendwann wieder frei.