Historische Werbespots zeigen, wie der Osten seine Fahrzeuge erklärte und die Mangelwirtschaft verwaltete.
Werbung in einer Planwirtschaft erscheint auf den ersten Blick als ein Paradoxon, denn wo der Markt reglementiert ist und Konsumenten Jahre auf ein Automobil warten müssen, bedarf es eigentlich keiner Kaufanreize. Betrachtet man jedoch die filmischen Hinterlassenschaften der DDR-Fahrzeugindustrie, offenbart sich eine gänzlich andere Funktion dieser Sendeformate. Die Clips, die Fahrzeuge wie den Robur, den Wartburg oder den allgegenwärtigen Trabant in Szene setzten, waren weniger Verkaufsförderung im westlichen Sinne als vielmehr eine Mischung aus technischer Aufklärung, stolzer Leistungsschau und Erziehung zur Werterhaltung. Es ging nicht primär darum, Bedürfnisse zu wecken, die ohnehin kaum befriedigt werden konnten, sondern darum, das Vorhandene als Errungenschaft zu bestätigen.
Ein bemerkenswertes Beispiel für diesen Ansatz liefert die Präsentation des Robur-Busses. Der Fokus liegt hier nicht auf emotionalen Reisewelten, sondern auf technischer Detailgenauigkeit. Die Vorverlegung des Motors um 440 Millimeter und die daraus resultierende Erhöhung der Sitzplatzkapazität werden als Sieg des Ingenieurskollektivs gefeiert. Diese Nüchternheit zieht sich durch viele Produktionen. Das Fahrzeug wird nicht als Statussymbol mystifiziert, sondern als Arbeitsgerät oder notwendiges Fortbewegungsmittel erklärt, dessen Gebrauchswert durch technische Innovation gesteigert wurde. Der Zuschauer sollte verstehen, warum die Neuerungen sinnvoll waren, was eine Form der Partizipation am industriellen Fortschritt suggerierte.
Besonders deutlich wird die spezifische DDR-Perspektive in den Sequenzen, die sich dem Trabant widmen. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Werbung und instruktivem Ratgeberfilm. Anstatt nur Fahrfreude zu vermitteln, erklärt der Sprecher detailliert, wie der Vergaser zu reinigen ist, wie der Keilriemen geprüft wird oder dass die Batterie im Sommer regelmäßig destilliertes Wasser benötigt. Diese Passage ist ein Zeitdokument der Mangelverwaltung. Da Werkstattkapazitäten knapp waren, wurde der Halter systematisch zum Selbsthelfer erzogen. Die Botschaft war unmissverständlich: Die Zuverlässigkeit des Wagens hängt von der Sorgfalt des Besitzers ab. Es ist ein Appell an die Eigenverantwortung, der in einer Konsumgesellschaft, die auf schnellen Ersatz setzt, kaum denkbar wäre.
Doch auch der Stolz auf den bescheidenen Luxus findet seinen Platz. Wenn der Wartburg 1000 als „Limousine de Luxe“ mit Stahlschiebedach angepriesen wird oder der Trabant 601 S de Luxe sein neues Vierspeichenlenkrad und die LED-Kraftstoffanzeige präsentiert, bedient das Fernsehen die Sehnsucht nach Weltniveau. Die Betonung liegt auf Ausstattungsmerkmalen, die im Westen längst Standard waren, im Osten jedoch als Modernisierungsschub gefeiert wurden. Die elektronische Anzeige des Kraftstoffvorrats wird dabei nicht als Spielerei, sondern als Beitrag zur Verkehrssicherheit deklariert, um das Liegenbleiben an Kreuzungen zu verhindern. Jedes Detail musste rational begründbar sein, um in der Ideologie des nützlichen Konsums Bestand zu haben.
Neben der Arbeit und der Technik spielt die Freizeitgestaltung eine zentrale Rolle in der visuellen Kommunikation. Der Wohnzeltanhänger „Campturist“ oder die Simson-Mopeds transportieren das Bild einer mobilen, urlaubenden Gesellschaft. Die Bilder suggerieren eine Unbeschwertheit, die im Kontrast zu den grauen Fassaden vieler Städte stand. Es wird ein Idealbild des sozialistischen Lebens gezeichnet, in dem Erholung und Mobilität jedem Bürger zustehen. Dass die Realität oft anders aussah, dass Ersatzteile fehlten und die Wartezeiten auf Neuwagen zermürbend waren, wird in diesen Hochglanzbildern ausgeblendet. Dennoch sind sie mehr als Propaganda; sie sind ein kulturelles Gedächtnis, das zeigt, wie die DDR sich selbst sehen wollte.
Die Analyse dieser historischen Aufnahmen erlaubt heute einen unverstellten Blick auf die Wertesysteme der damaligen Zeit. Das Auto war ein Gut von so hohem Wert, dass seine Pflege fast rituell zelebriert wurde. Die Werbung fungierte als Bindeglied zwischen der staatlichen Produktion und dem privaten Glück, auch wenn dieses Glück oft Jahre auf sich warten ließ. Es bleibt der Eindruck einer Gesellschaft, die versuchte, aus begrenzten Mitteln ein Maximum an technischer Würde zu ziehen.