Wie ein Ort des Gedenkens innerhalb weniger Monate vom staatlichen Altar zur Projektionsfläche des radikalen Umbruchs wurde.
Im Jahr 1989 war der Treptower Park in Ost-Berlin mehr als nur eine Grünfläche; er war eine politische Bühne, auf der sich das Drama des DDR-Untergangs in symbolisch verdichteter Form abspielte. Das dortige Sowjetische Ehrenmal, die größte Anlage ihrer Art außerhalb der Sowjetunion, stand wie ein Fels in der Brandung einer sich rasant verändernden Zeit. Wer heute durch die imposanten Granitbögen schreitet, ahnt oft nicht, wie sehr dieser Ort im Schicksalsjahr 1989 als Seismograph für die Erschütterungen der politischen Macht diente. Die Anlage, 1949 eingeweiht, verkörperte den Gründungsmythos der DDR und die unantastbare Bindung an die Sowjetunion, doch im Laufe weniger Monate wandelte sich ihre Bedeutung radikal – von der erstarrten Kulisse staatlicher Rituale hin zu einem umkämpften Raum der Desorientierung.
Der Mai 1989 markierte noch den scheinbaren Stillstand. Unmittelbar nach den Kommunalwahlen am 7. Mai, die durch offensichtliche Fälschungen den Unmut in der Bevölkerung und erste Proteste in den evangelischen Kirchen hervorgerufen hatten, fand am 8. und 9. Mai das traditionelle Gedenken statt. Die DDR-Führung unter Erich Honecker und Willi Stoph zelebrierte hier, flankiert von sowjetischen Generälen, die unverbrüchliche Waffenbrüderschaft. Es war ein Ritual der alten Schule: Kränze, Blasmusik und die Beschwörung des Antifaschismus als Staatsdoktrin. Während sich in der Gesellschaft bereits der Riss vertiefte, diente das Ehrenmal als Ort der Selbstvergewisserung einer Machtelite, die den Bezug zur Realität verlor. Die Diskrepanz zwischen den in Stein gemeißelten Stalin-Zitaten, die von der demokratischen Kraft des Volkes sprachen, und der Praxis der Wahlfälschung konnte kaum größer sein.
Im Herbst desselben Jahres verschoben sich die Koordinaten dramatisch. Der Besuch von Michail Gorbatschow am 6. Oktober 1989, dem Vorabend des 40. Jahrestages der DDR, brachte eine neue Dynamik in den Treptower Park. Als der sowjetische Reformer am Fuß des riesigen Bronzesoldaten einen Kranz niederlegte, war dies mehr als Protokoll. Für viele DDR-Bürger verkörperte Gorbatschow die Hoffnung auf Wandel, während die eigene Führung, die ihn begleitete, für Stagnation stand. Die Szenerie war paradox: Der Vertreter der Hegemonialmacht wurde als Befreier herbeigesehnt, nicht durch Panzer, sondern durch Glasnost und Perestroika, während das steinerne Monument des „Befreiers“ im Hintergrund schweigend auf eine Epoche blickte, die gerade zu Ende ging. Gorbatschows Anwesenheit entzog der SED faktisch die Rückendeckung, die das Ehrenmal jahrzehntelang symbolisiert hatte.
Nach dem Mauerfall im November entlud sich die aufgestaute Spannung Ende Dezember in einem aggressiven Tabubruch. In der Nacht zum 28. Dezember 1989 wurde das Ehrenmal, das jahrzehntelang als unantastbares Heiligtum galt, massiv beschmiert. Unbekannte hinterließen Parolen wie „Besatzer raus“ und „Sprengt das letzte Völkergefängnis, sprengt die UdSSR“ auf den Sarkophagen und dem Sockel. Dieser Vandalismus war ein Schock und zugleich ein Ventil für jahrelang unterdrückte Ressentiments gegen die sowjetische Präsenz. Interessant ist hierbei die politische Reaktion: Die in PDS umbenannte SED nutzte die Schmierereien sofort, um vor einem drohenden „Neofaschismus“ zu warnen und mobilisierte für den 3. Januar 1990 zu einer Großdemonstration am Ehrenmal. In der chaotischen Übergangszeit wurde das Denkmal so zum Instrument im Kampf um die politische Deutungshoheit, während Bürgerrechtler und Teile der Bevölkerung skeptisch blieben und hinter der Tat teils sogar eine Inszenierung der Staatssicherheit vermuteten, um die eigene Existenzberechtigung zu beweisen. Das Jahr 1989 endete am Ehrenmal nicht mit stiller Einkehr, sondern mit einem grellen Schlaglicht auf die Zerrissenheit des Landes.